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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-12 · 28 (12.7.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
28 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 478 Vr. Bloch's Woä^nMML. Nr. 28 Sarah hatte Jahrelang diesen Auftritt gefürchtet, nun war er da und hatte sie ganz unvorbereitet getroffen. „Mit welchem Rechte fragen Sie?" „Mit dem Rechte des Vaters!* „Dieses Recht haben Sie verwirkt." „Das werden wir sehen! Ich werde es mir unter allen Umständen zu verschaffen wissen." „Das steht Ihnen frei." „Und die Welt und Ihr Gatte, was werden diese dazu sagen?" „Das Urtheil und Gerede der Welt dringt nicht herein in meine glückliche Abgeschiedenheit. Und mein Gatte? Halten Sie mich wirklich für so ehrlos, daß ich meinen braven, rechtschaffenen Gatten geheiratet hätte, ohne ihm vorher ein offenes und volles Bekenntniß meiner Verirrung abgelegt zu haben? Mit solcher Falschheit im Herzen und dieser Lüge auf den Lrppen wäre ich nie und nimmer unter den Trauhimmel getreten. Nein, so erbärmlich bin ich nicht! Wir Jüdinnen sind furchtbar aufrichtig und längst nicht so klug, wie eine Baroneffe Silvia, welche im Schwanenkleide der Unschuld und mit dem jungfräulichen Myrthenkranze geschmückt mit einem altadeligen Bräutigam vor den Traualtar trat, nachdem sie kurz zuvor einige süße Wochen in einem Landhause nahe Triest zur Abwechslung mit einem bei der eleganten Damenwelt in Mode stehenden Sänger zugebracht hatte. Der Kaufmann Isidor Braun will anders behandelt werden, als der elegante Cavalier Herr von Seidnersberg." „Ich ließ Sie ausreden", entgegnete Polansky, „und die Fülle Ihres sarkastischen Witzes über mein Haupt ergießen. Jetzt wiederhole ich meine Frage: Lebt unser Kind?" „Ich weiß es nicht", antwortete Sarah etwas kleinlaut. „Wie, Sie haben es vermocht, Ihr Kind einer Anstalt zu übergeben, wie es diejenigen armen Mädchen zu thun gezwungen sind, die kein Dach über ihrem Haupte haben, wo sie das unschuldige Geschöpf verbergen können? So herzlos konnten Sie sein, Sie, die reiche Sarah Koreff?" Aus der strengen Anklägerin wurde mit einemmale die Beschuldigte, die sich nun zu vertheidigen halte. Sie hatten die Rollen getauscht. „Das habe ich nicht gethan. Ich habe das Kind treuen, zuverlässigen Leuten anvertraut, welche den Knaben bis zu der Zeit bei sich behalten sollten, bis es mir gestattet sein würde, ihn zu mir zu nehmen und allein zu erziehen. Das Kind aber ist mitsammt diesen Leuten spurlos verschwunden und trotz meiner und meines edlen Gatten Nachforschungen verschollen geblieben. „Wie aber konnte dies geschehen?" frug Polansky. „Das fragen Sie Ihre jetzigen Glaubensgenossen, welche nächtlicher Weise über die unglückliche Familie hergefallen und sie in Sturm und Wetter vertrieben haben ins Leben, worin sie vermuthlich umgekommen." „Ich gebe noch nicht alle Hoffnung auf deren Wiederfinden auf. Sagen Sie mir den Namen des Kindes und den seiner Pfleger, ich will die Welt durchziehen, um sie zu finden." „Das erfahren Sie niemals! Dies ist die Rache einer Verführten, Betrogenen." Hingeriffen von seinen überströmenden Gefühlen stürzte Polansky zu den Füßen Sarah's nieder. „Erbarmen Sarah!" flehte er mit aufgehobenen Fänden. „Stehen Sie auf, Herr! Diese Pose verfängt bei mir nicht mehr. Damtt konnten Sie einst ein unerfahrenes in der Einsamkett ausgewachsenes Mädchen ködern, welches in Ihnen die Verkörperung seines Ideals erblickte und Ihren verführerischen Worten getraut hat, in der Meinung, es sei ein Glaubensgenosse von chm. Heute, steht vor Ihnen ein ernstes Weib, hören Sie, ein ehrliches Judenweib, welches Ihren einstigen Verführer mit derjenigen Verachtung begegnet, welche einen Abtrünnigen zukömmt. Während dieser Worte Sarah's hatte sich Polansky langsam erhoben und rüstete sich zum Weggehen, ohne auch nur den Versuch zu machen, eine Sinnesänderung bei dem verbitterten Weibe hervorzurufen. Als Polansky, ohne einen Gruß, ja einen Blick ihr zuzuwenden, sich entfern: hatte, verließ das arme Weib alle bisher beobachtete Kaltblütigkett. Laut schluchzend warf sich Sarah auf den Divc.n umher, das Gesicht in den Händen verbergend. „Gott!" stöhnte sie in ihrem Schmerze auf, vielleicht hätte ich ihm gegenüber nicht so starr sein sollen; er, der die-Welt rastlos durchzieht, hätte vielleicht doch eine Spur von dem Verschollenen gefurcken. Aber ich habe mir in einer unglückseligen Stunde bei dem Leben meines Vaters und dem Andenken meiner Mutter zugeschworen, daß der Gewissenlose niemals den Namen und Aufenthalt des Kindes erfahren soll. O, wenn ich Letzteren jetzt selber wüßte! Mein süßer David, wo weilst du jetzt? Werde ich dich jemals an mein treues Mutterberz drücken? Wenn mein guter Mann hier wäre, der würde mir rathen, an seinem treuen Herzen habe ich immer noch Trost und Beruhigung gefunden, wenn mich die Verzweiflung zu übermannen drohte." — — — — — Braun's Reise war diesmal nicht in Geschäftsangelegenheiten gewesen, sondern er war wieder einer Spur gefolgt, welche nach dem verschollenen Kinde führte. Jedoch er kam bald unverrichteter Dinge zurück. Die Leute, die er ausfindig gemacht hatte, stammten aus einem anderen Theile des Landes und waren laut ihrer Papiere mit den Gesuchten nicht identisch. Braun mußte nach seiner Heimkunft seine ganze Sorgfalt daran wenden, um die unglückliche Mutter, welche sich wieder frischer Hoffnung auf das Wiederfinden des schmerzlich beweinten Kindes hingegeben, nachdem sie ichon fast jede aufgegeben hatte, vor Verzweiflung zu schützen. — — — — — — — Polansky war noch am selben Tage, wo er die Unterredung mit Sarah hatte, fortgereist, und hatte mit seiner aus verschiedensten Elementen, nicht immer der lautersten Art, zusammengewürfelten Gesellschaft seine Concerttour angetreten. Die Musiker hatten Glück. Wo sie auftraten, gab es volle Häuser, was nicht zum mindesten dem Director Polansky zuzuschreiben war. Polansky war seit seinem letzten Besuche im Koreff'schen Hause etwas geworoen, was er niemals zuvor gewesen: „Em guter Rechner!" Er hatte einsehen gelernt, daß Geld eine Macht sei; viel Gelb eine große, wenig Geld eine kleine doch nicht zu verachtende Macht. Halle er diese nicht zu erringen vermocht, indem er der Ehegemal der )cf)örien Sarah, der Erde des reichen Koreff geworden, so wollte er wenigstens das Gold, das in seiner Kehle steckte und sein unleugbares Genie in gangbare Münze umwandeln und, was noch weit wichtiger ist, dieselbe behalten! Er knauserte stets mit seinen Ausgaben bei den reichen Einnahmen, die er hatte, so daß er selber bald sorgenfrei in die Zukunft blicken konnte, und auch seine ganze Truppe in ganz geordnete Verhältnisse brachte. Sie durchzogen ganz Russisch-Polen, überschritten in der Nähe vou Brody die österreichische Grenze, besuchten die Hauptstädte und bedeutenden Provinzstädte Galiziens, überall Geld und Lorbeeren in reichstem Maße einheimsend. Dann besuchten sie Mähren und nachdem so mehr als ein Jahr vergangen war, kamen sie nach Böhmen. Daselbst machten sie Halt, um einige Zeit ihrer Erholung und Zerstreuung zu widmen. In der Metropole Südböhmens, Budweis, der so reizend in der Moldau- und Malrschebene gelegenen Stadt, wollten sie nach ewigen Wochen wieder vollzählig Zusammentreffen, dort mehrere Concerte geben, um dann nach dem nahen Nlederösterreich bis hinab nacy Wien zu ziehen. Schon näherte sich diese Erholungszeit mir ihrem Ende. Polansky halte dieselbe zu einem Ausfluge in den finsteren sagenreichen Böymerwald benützt; da kam er m die Nähe des böhmischen Städtchens Neufeld, wo er den Abend und ole Nacht zuzuvrlngen gedachte, und von der zauberhaft süßen Summe klein Dawidls in den Wald gelockt wurde, wie wir zu Anfang unserer Erzählung geschildert hatten. (Fortsetzung folgt.) Simson. Fahlblaue Blitze brechen aus grauer Wolkenwand, Bom Sturm herabgerissen tanzt welkes Laub im Sand. Und grollend aus der Ferne des Donners Krachen klingt Wie zu des Blitzes Zucken er die Begleitung singt. Es ist ein Lied voll Schauer, voll ernster Majestät, Daß vor dem Zorne Gottes das Stärkste nicht besteht. Es ist ein Lied des Trostes, von Gottes Gül' und Macht, Daß aus des Sturmes Zeruörung das Leben neu erwacht. An einer Säule lehnend horcht Simson ernst hinaus, Er kann nicht seh'n, nur hören des Sturmes wild Gebraus. Er kann nicht seh'n, nur hören der Sänger Liederchor, Der von der andern Seite ihm schmeichelnd schlägt an's Ohr. Dort sitzen die Philister und halten Opfermahl Und Sang und Tanz und Lachen klingt fröhlich durch den Saal. Und Simson denkt, wie ihn auch gelockt einst Sang und Tanz Und weingefüllter Becher und schöner Augen Glanz.

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