Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 476 Dr. Bloch's Wochrafchrift. Rr. 88 Könitz, 2. Juli. Hier wird noch immer aufgeräumt. Der erste Staatsanwalt ist versetzt und der Gymnasialdirector ist pensionirt worden, und jetzt meldet die ministerielle „Berl. Corr." : „Dem Landrath Freiherrn v. Zedlitz und Neukirch zu Könitz ist vom 1. Juli d. I. ab die commissarische Verwaltung des Landrathsamts im Landkreise Linden, Regierungsbezirk Hannover, übertragen worden." Äm 26. Juni, Nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr, ist in Rittel ein entsetzliches Sittlichkeitsverbrechen verübt worden. Das „Konitzer Tageblatt" meldet darüber: Als die! 8jährige Minna Rabat, aus dem Kreise Insterburg, seit dem 1. Juni Wirthschafterin in Rittel, in den an der Konitzer Chaussee gelegenen Wald ging, um Erdbeeren zu pflücken, wurde sie von einem Manne in den Wald geführt, dort vergewaltigt und ihr schließlich der Hals zur Hälfte durchschnitten, worauf der Mordbube seiner Wege ging und das unglückliche junge Mädchen daselbst liegen ließ. Dasselbe hatte aber noch die Kraft, sich aufzuraffen und nach Rittel zurückzugehen, wo der Mordgesclle — ein Kartoffelhändler aus Ezersk — mit seinem einspännigen Wagen schon cingetroffen war und beim Gastwirth Müller ausgespaunt hatte. Durch sein auffälliges Wesen erregte er jedoch, nachdem sich die Kunde von dem schrecklichen Verbrechen verbreitet, sehr bald Verdacht- und wurde;u dem bei vollem Bewußtsein befindlichen Mädchen geführt, das ihn auch sofort wiedercrkannte. Er leugnet Alles und soll fortwährend beten. Das Mädchen, dem die erste ärztliche Hilfe durch den Stabsarzt des zur Zeit in Rlttel liegenden Militärs zu Thcil wurde und das noch spät Abends mit dem letzten Zuge von den Konitzer Aerzten Herren Dr. Müller II. und Dr. Bleske nach dem Konitzer städtischen Krankenhause überführt wurde, konnte sich — es erhielt wez.n Durchschneidung der Luftröhre eine Canüle — nur durch Zettel verständigen. Das Mädchen verbleibt fest und bestimmt bei der Behauptung, daß der Czersker Kartoffelhändler, ein gewisser Morczug, der Thäter gewesen sei. Die Schnittwunde ist 20 Centimeter lang, und es ist wenig Aussicht für Erhaltung des Lebens der Unglücklichen vorhanden. Wäre das Mädchen nicht mehr in der Lage gewesen, den Thäter anzugeben, dann hätten die antisemitischen Hetzer sich sicherlich diese Gelegenheit nicht entgehen laffen, um einen Ritualmord zu construiren. Patriarch und Rabbiner in Constantinopel. In der Türkei leben Christen und Juden in bester Freundschaft mit einander. Das beweist neuerdings das Glückwunsch- Telegramm, das der Groß-Rabbiner Moses Halevi an den neugewählten öcumenischen Patriarchen Joachim HL richtete, und die höchst bezeichnende Antwort desselben. Das Glückwunsch-Telegramm des Groß-Rabb-ners hatte folgenden Wortlaut: „A. S. S. Joachim III. Patriarche oecumenique, Mont-Alhos. Je me fais an agreable devoir de leliciter Votre Sainte pour sa seconde election au tröne patriarcal et je souhaile que l’insigne confiance que S. M. I. le Sultan a temoignde ä Votre Saintete puisse produire pour vous et pour votre peuple les consequences les plus heureuses sous l’egide protectrice de notre magnanime Souverain. Le Grand Rabbin.“ (Ich erachte es für eine angenehme Pflicht,-Euerer Heiligkeit zu Ihrer zweiten Erhebung auf den Patriarchatsstuhl zu gratuliren und wünsche, daß das Vertrauen, welches S. k. M. der Sultan Ihnen erngegengebracht hat, für Sie und Ihr Volk unter dem Schutze unseres großherzigen Souverains von den glücklichsten Folgen begleitet sei.) Seine Heiligkeit der Patriarch beantwortete diesen Glückwunsch wie folgt: „Monseigneur Ie Grand-Rabbin, Nous vous remercions tant pour votre bonte comme pour vos felicitations et nous souhaitons ä vous votre nation toute prosperite. Le Patriarche Joachim.“ (An Monsignore den Groß-Rabbiner. Wir danken Ihnen sowohl für Ihre Güte als für Ihre Glückwünsche und wünschen Ihnen und Ihrer Nation alles Gedeihen.) („Nachrichten aus dein Orient.") Ein abgesetzter Rabbiner. Auf Grund eines Takrirs des Groß-Rabbiners von Constantinopel hat das türkische Ministerium für Cultus und Justiz dem Bali von Smyrna angezeigt, daß der jüngst gewählte R ''bin-r vor Smyrna, Joseph Ben Senior, abgesetzt sei. („Nachrichten aus dem Orient.") Vermischtes. Wien. (Schluß-Jugendgottesdienst.) Samstag den 6. Juli fand im Tempel des IX. Bezirkes der Schluß des Jagendgottesdienstes für Volks- und Bürgerschulen statt. Das Gotteshaus war aus diesem. Anlasse hell erleuchtet. Circa 700 Schüler und Schülerinnen füllten die heiligen Räume, zu denen sich eine große Zahl von Erwachsenen gesellte. Unter den Gästen bemerkte man die Herren Ignatz Simon, Tempelvorsteher, Jnspector K a n i tz, Director der Mädchenvolksschule Waas, Matrikenführer B r ö s l e r und A. Schöne Gesänge, welche in das Mussafgebet eingeschaltet wurden, erklangen aus dem Munde der Jugend. Hierauf bestieg Herr Gemeinde- Rabbiner Dr. G e l b h a u s die Kanzel und hielt eine dem Berständniffe der Jugend entsprechende Rede, welcher die Schüler und- Schülerinnen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten. Mit der Absingung der Volkshymne und dem Segen des Seelsorgers schloß die erhebende Feier. Zum Andenken erhielten die Schüler und Schülerinnen Blumengewinde, welche Herr Vereinsobmann Bettelheim spendete. Wien. (Grabsteinenthüllungsfeier für Obercantor Josef Gold st ein.) Mittwoch den 26. v. M., als am zweiten Jahrzeitstage, fand am Ehrengrabe des unvergeßlichen gottbegnadeten Tempelsängers Josef G o l d st e i n die Enthüllung des von der Wiener israel. Cultusgemeinde dem verdienstvollen Obercantor gewidmeten Grabdenkmales statt. Das Denkmal, zu welchem Herr Cultusvorsteher Architekt Max Fleischer in der uneigennützigsten Weise einen meisterhaften Entwurf lieferte, ist vom Stadtsteinmetzmeister M. S o n n e n s ch e i n, Wien, III. Adamsgaffe 5, künstlerisch ausgeführt und trägt eine von Rabbiner Dr. Schmied! sinnig verfaßte Grabinschrift. Ueber Anregung des 1. Cantors Moriz Blatt, fand anläßlich der Grabsteinstellung eine solenne Tcauerfeier statt, welche mit dem von Golvstein componirten Trauerliede: „Seele, was betrübst du dich", vorgetrazen vom Tempelchore, eingeleitet wurde. Herr I. Cantor Blatt recitirte einen Trauerpsalm in erhebender Weise und sprach dann einige kurze, die unvergeßlichen Verdienste Goldstein's zeichnende Worte, worauf der Chor das „Schiwissi“ anstimmte. Zum Schluffe sang Obercantor G u t t m a n n mit seiner prachtvollen Stimme und in wahrhaft herzergreifender Weise das „LI mole rachamim“, womit die würdige Trauerfeier schloß. Wien. Am 3. Juli starb hier eines plötzlichen Todes der in weitesten Kreisen bekannte akademische Maler Eduard Kräutler, ein Studiengenosse Matejkos, in seinem 66. Lebensjahre. Aus Krakau gebürtig, lebte er in Wien seit 40 Jahren. Kräutler war ein seltener, charaktervoller Mensch, ein ausgezeichneter Sohn und Bruder, ein treuer Freund, der selbstlos und unermüdet seine Kunst ausübte und nur durch seine große Bescheidenheit, trotz künstlerischer Leistungen, sich nie hervorthak. Unter den unzähligen Porträts bekannter Persönlichkeiten, welche er malte, befindet sich auch im historischen Museum das auf Bestellung des seligen Baron Moriz Königswarter vortrefflich gelungene Bild des berühmten Banqnier Oppenheimer und dos vorzügliche Porträt der k. k. Hofschauspielerin Schratt u. A. m. Der Tod traf ihn in voller Arbeit an seiner Staffelei, durch einen Gehirnschlag. Wien. (Prüfungscommission für die Wiener Export-Akademie.) In dieselbe wurden ernannt: Kammerrath Albert Janowitzer, kaiserl. Rath Hermann Robitsek, Alois Schweiger, Julius N e u b e r g, Dr. Siegmund Feilbogen, Dr. Rudolf P o l l a k, Dr. Ludwig Strauß und Julius Ziegler. Wien. (Allerhöchste Auszeichnung.) Der Kaiser bat dem praktischen Arzte Dr. Siegmund Fried in Wien den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. Wien. Nach beifälligst aufgenommenem Probevortrage im Betlocale der „Talmud-Thora" wurde Herr Eduard Regner als I. Cantor acceptirt und tritt derselbe demnächst seine Stelle au. Wien. (Ein jüdisches Creditinstitut.) Eine der Hauptursachen der traurigen Lage der jüdischen Handwerker und Kaufleute ist die Schwierigkeit, sich einen billigen Credit zu verschaffen. Der jüdische Mittelstand leidet unter den verschiedensten Arten von Boycott und Borurtheilen und braucht daher eine thatkrästige Hilfe in der Gegenwart, nicht thörichte Versprechungen für die Zukunft. Hier setzt nun das neugegründete