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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-12 · 28 (12.7.1901) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
28 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Bloch» WochrnfchrM Sette 47S uns die Versicherung, daß die Bücher und Schreibhefte Davids, die doch von ihm so sehr benutzt worden sind, durch ihre Reinlichkeit und ihren guten Zustand geradezu unsere Bewunderung verdienen. Der junge Geist hatte es im klaren Denken schon damals so weit gebracht, daß die erstmalige Niederschrift seiner Aufsätze sofort als Reinschrift ausfiel, und diese Angewohnheit gestaltete sich bei der Kürze seines Lebens für seine später bekundete reiche Productivität zu einem wahren Segen. Eine Eigenthümlichkeit, die den künftigen Historiker und Genealogen verräth. bestand in seinem lebhaften Jntereffe für alle Verhältnisse und sogar Verwandtschaftsgrade der Menschen, und zunächst war es das Ghetto, besten Familien und deren Schicksale, die sich in seiner Seele abspiegelten; er kannte jedes Haus und seine wechselnden Besitzer in der „Gaffe“, wie ihm überhaupt der ganze Ort gut bekannt war, worin jeder Stein und jedes Bäumchen eine Stelle in seinem Herzen fand. *) Nach vielen, vielen Jahren spätern Fernseins bewahrte er noch ein treues Angedenken für alle Verhältnisse seines Geburtsortes; so konnte er später, bei seinen wiederholten Besuchen in Kojetein, selbst Taglöhner, die er früher bei seinen Eltern kennen gelernt, durch lebhafte Erkundigungen über ihre Verhältnisse in Erstaunen setzen, zugleich aber sich ihre warme Liebe sichern. Hier, in diesem lieblich ruhigen Hause, dessen wohlthuenden Eindruck ich im August 1899 auf mich selber einwirken lassen durfte, pflegte Kaufmann alljährlich zur Erholung Aufenthalt zu nehmen, und hier war es auch, wo er seine Freunde Abraham Js a acs, von dem er englisch lernte und der später als Herausgeber des „Jewish Messenger“ und Professor des Hebräischen an der Universität zu New-Iork selber eine Celebrität des Judenthums wurde, ferner den hochbegabten Fernando de Lola Mendes, später Oberrabbiner zu New-Iork, 1874 als Gäste empfangen konnte. Die Stille des mährischen Landstädtchens mit seiner weit sich hinziehenden Promenade und die anmuthig sich lagernde Häuserreihe des Ghetto, in besten Mitte das Kaufmann'sche Haus liegt, liefern nur den Rahmen zu dem jüdischschönen Bilde, das sich dem Besucher in dem Kaufmann'scheu Hause darbietet; zur wahrhaften Stätte des Segens wurde dieses Haus erst durch das Walten der frommen Mutter, deren Einfluß auf die Entwicklung des Sohnes nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Im Jahre 1860 für die Aufnahme ins Gymnasium noch zu jung, wurde er in der Hauptschule zu Kremsier^) in die Borbereitungsclaste für die Mittelschulen eingeschrieben. Zur Fortsetzung des hebräischen Studiums blieb er jedoch in Kojetein und machte an jener Schule öffentlich nur die Semesterprüfungen, die er mit Auszeichnung bestand. Er vervollständigte seine Bibelkenntniffe und trieb unter Leitung des Rabbiners Jacob Brüll* 2 3) das Lesen der Commentare und die ersten Talmudstudien. In den Schulferien ertheilte ihm Nehemias Brüll, der ältere Sohn des Kojeteiner Rabbiners, der damals die oberen Elasten des Gymnasiums zu Kremsier absolvirte, Unterricht im Latein. Die beiden jungen Leute ahnten es damals wohl nicht, daß sie einst gefeierte Helden der jüdischen Wissenschaft sein werden! Bon 1861 bis 1867 besuchte David die ersten sechs Elasten des Gymnasiums zu Kremsier, jedoch nur als Privatschüler, und er hielt sich auch während dieser Zeit in Kojetein auf, um seine hebräischen Studien fortzusetz"n. Dies ging nicht ohne Schwierigkeit ab, denn zwischen den beiden Orten gab es damals keine Eisenbahn, uttd auch sonstige Fahrgelegenheiten waren selten, und dennoch mußte der Knabe unter allen Witterungsverhältnisstn die zweieinhalbstündige Distanz jede Woche mindestens einmal durchmeffen, um sich in der Elaste über den Gang des Unterrichtes zu erkundigen. In diesen Excursionen nach dem „Mekka“ seiner ersten Studien, wie er Kremsier später nannte, pflegte er bei Frau Josephine Hartmann, der Mutter Schwester, einzukehren, wo er immer seinen Jnstructor, einen Obergymnasiasten, vorfand. Es war nun seine Aufgabe, in Kojetein die erhaltenen Lehren durch eigenen Fleiß einzuüben, eine Aufgabe, die er ohne Tadel erfüllte. Er holte sich bei den Semesterprüfungen ausnahmlos vorzügliche Zeugnistuach Hause, und diese bildeten die Trophäen seiner Pilgerfahrten. Mitunter, wenn es der Zweck erheischte, nahm der Knabe auch am öffentlichen Unterricht im ') Nach der Leichenrede des Rabbiners von Kojetein, Doctor Nathan Steinhardt, den 11. Juli 1899. 2) Der derzeitige Rabbiner von Kremsier, Dr. F r a n k l-G r ü n, chrieb gleichfalls eine Biographie Kaufmann's. 3) Kaufmann erwähnt ihn als seinen Lehrer in Monatsschrift XXXVII, 379; ferner in Vertreibung p. 86 u. 181. Gymnasium Antheil, und da erkannten es seine Lehrer sofort, daß der Privatschüler die Schulgenosten alle in den Schalten stelle. Besonders in den Naturwissenschaft-m hatte er glänzende Kenntniste, die über sein Alter hinaus gingen. Er war ein leidenschaftlicher Pflanzensammler und legte sich ein reiches Herbarium an. Auch Käfer und Schmetterlinge sammelte er mit größerem Eifer, als es die Schule erforderte. In dem späteren Theologen und Religionsphilosophen erkennen wir noch den ehemaligen jugendlichen Naturfreund an den schönen Bildern und Tropen, mit denen er alle seine literarischen Aufsätze zu schmücken pflegte, und an der Exactheit, mit der er physikalische Erscheinungen zur Beleuchtung und Belebung seiner Aufsätze verwerthen konnte. Seine physikalischen Experimente, die er daheim zu Kojetein machte, sind merkwürdig durch die Findigkeit, mit der er sich in dem kleinen Orte bei gänzlichem Mangel an Zubehör helfen konnte. Ein jüdischer Photograph, mit dem er eifrig verkehrte, war der Lieferant seines physikalischen Laboratoriums, das nur mit den kümmerlichsten Mitteln ausgestattet war. Sein Jntereffe für alte und gangbare Münzen lasten den künftigen Archäologen und Kunsthistoriker ahnen. Für die Vorgänge des Landlebens und des Ackerbaues, dem der Vater oblag, interessirte er sich nicht blos der Erfahrungen wegen, die seinen geistigen Horizont erweiterten, sondern auch aus inniger Theilnahme an den Leiden und Freuden des Elternhauses, die mit diesem ihrem Berufe zusammenhingen. S-ine deutschen Aufsätze überströmten von Bildern, die aus der Natur geschöpft waren; hier haben wir die ersten Zeichen des künftigen gewandten Snftisten, der nicht ohne Bilder, nicht ohne Blumen schreib?n konnte. Unter seinen Professoren sind besonders zwei zu nennen, die auf seine Ausbildung großen Einfluß ausübten: Professor Dr. Loserth, später Rector der Universität Czernowitz/) eia berühmter österreichischer Historiker, und Bartholomäus Thorsch, Lehrer des deutschen Faches. Besonders war ihm der Profestor des Griechischen gewogen, weil es ihn freute, daß der Knabe so viel griechische Privatlecture betrieb. Man sieht, daß der künftige Lehrer des Griechisch-!! am Rabbinerseminar zu Budapest sich für seinen noch nicht erkannten Beruf tüchtig vorbereitet hatte. Im gesellschaftlichen Umgang verrieth der Knabe eine feine weltmännische Art und eine geistreiche Ausdrucksweise im Gespräch; es sind dies Eigenschaften, die mit den Jahren nur noch wuchsen und unserem David einen nicht zu verachtenden Vortheil gewährten. Er bekundete einen feinen Tact, vornehme Haltung und sicheres Auftreten. Es konnte nicht ansbleiben, daß er auch im elterlichen Hause eine Vorzugsstellung einnahm; er war die Hoffnung und die Freude der Familie; er war die hochaufgerichtete Garbe, um die sich die anderen Garben, die anderen Geschwister, gruppirten. Als im Jahre 1866 eine ernste Erkrankung den Vater an die Ordnung der Familienverhältniffe mahnte, verfügte er in seinem letzten Willen, daß der damals 14jährige David die Landwirthschaft übernehme und die Sorge für die Mutter und kleinen Geschwister tragen möchte. Das gütige Geschick wollte es anders; der Vater genas, und die gvttesfürchtige fromme Mutter bestand auf ihrem Willen, daß ihr Sohn lernen müffe. Die Obsorge für die Familie hatte der Jüngling dennoch sich selbst zur Pflicht gemacht, und er übte einen erziehlichen Einfluß auf die Geschwister aus. Er war gleichsam der Mentor der Geschwister, auf desten Ferien sich diese im Vorhinein freuten. .Unvergeßlich — so schreibt mir der Bruder — find uns aus seiner späteren Studienzeit die herrlichen Vorleseabende, an denen er für uns und die Verwandten einen Cyclus belehrender Lecturen abhielt, wobei er an allen den Stellen, die einen Aufschluß erforderten, mit seinen Erläuterungen Verständniß verbreitete. Er schaffte eine schöngeistige Sphäre unter uns, die ohne ihn gewiß nicht geworden wäre.“ Im Jahre 1867, nach Beendigung von sechs Gymnafialclasten in Kremsier, wurde er unter Mitwirkung des Rabbiners Brüll, dessen Sohn Adolf-) damals schon Zögling des Breslauer Seminars war, in das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau gegeben. Dieses Ereigniß bildet einen Wendepunkt im Leben David Kaufmann's, er war nun in die Pforten der jüdischen Wissenschaft eingeführt, in deren Gebäude einzudringen ihm be- ') Gegenwärtig in Graz. Adolf Brüll, Bruder des Nehemias Brüll, ist derzeit Lehrer am jüdischen Philanthropin in Frankfurt a. M., ist Verfasser mehrerer wissenschaftlicher Aufsätze von jüdischem Interesse und auch Herausgeber der zweiwöchentlich erscheinenden „Populären Monatsblätt-r".

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