Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 472 Nr. 38 Dr. Vloch's Wochenschrift. Trost, der uns angesichts des unersetzlichen Verlustes gegönnt ist. Wer so viel Segen gespendet, wie es Kaufmann gethan, deffen Leben ist wahrlich nicht unvollendet geblieben, der hat vielmehr ein ganzes, ein in sich vollendetes, ein wirklich vollkommenes Leben geführt. Ja, es war ein vollkommenes Leben, dieses Leben Kaufmannes. Ein Leben von allseitiger Bildung, dem es auch an dem Edelsten nicht fehlte, weffen der Mensch fähig ist, an dem Hange am Idealen, am Genuß des Schönen. In solch' idealer Hoheit ist noch nie einem Menschen das Wissen erschienen, wie es für Kaufmann die jüdische Wissenschaft war, und noch nie war gründliches weites Wissen mit so viel Sinn für das Schöne, mit so viel Liebe für die Kunst gepaart, wie in Kaufmann's großer Seele. Das weite Gebiet der jüdischen Wissenschaft lag vor ihm wie ein Feld voller Blumen, wo zu lustwandeln ihm eine wahre Herzensfreude war, und worin er Schönheiten erblickte, die ein minder geübtes Auge nicht sehen kann. Er war ein treuer Hüter und fleißiger Bearbeiter dieses Gefildes; Unberufene wehrte er davon ab, zu neuer Arbeit spornte er mit seinem eigenen Beispiel an. Da gibt es kaum eine Seite dieser Wissenschaft, die er nicht mit bewunderungswürdigen Gaben seines großen Geistes bereichert hätte, ja, dort, wo er eine Wüste antraf, streute er herrliche Samen aus und schuf die Wüste Am wohlbestallten Garten um. Nicht ziemt es also, zu murren und zu klagen ob seines frühen HinscheidenS; sein kurzes Erdenwallen trug der Früchte genug, und wir müssen der Vorsehung danken, daß sie uns ihn geschenkt. Das Geschlecht, das ihn gesehen, konnte des prophetischen Wortes eingedenk sein, daß Israel, welches solche Männer hervorbringt, nicht verwaist sei, und dieser Trost bleibt uns ja ungenommen. Seine wissenschaftlichen Werke, die er uns hinterlaffen, bilden nicht nur den Schatz der Gegenwart, sondern sie bergen auch Keime in sich, die erst in der Zukunft aufsprießen werden, denn gar mannigfache Anregung liegt in ihnen für die Zukunft aufbewahrt. Seine Freunde und Verehrer, die in der ganzen jüdischen Diaspora leben, schätzen seine Ideen, seine Hoffnungen und Bestrebungen zu gut. als daß sie mit der Sterblichkeit seines Leibes das gleiche Schicksal haben könnten; die Hunderte von Schülern, die an seinen Lippen hingen, haben sich seine Lehren zu tief eingeprägt, als daß sie je verwischt werden könnten aus ihrer Erinnerung. Zehn Jahre hindurch sog auch ich die Lehren ein, die süß wie Honigseim von seinen Lippen strömten, andere sechs Jahre war es mir vergönnt, an der 'Sonne seines Glanzes mich zu wärmen, und so ist nur er allein die Quelle der Kraft, die mir zur Schilderung seines Lebens zu Gebote steht. Sollte ich ihn unrichtig aufgefaßt, sollte ich ihn seiner unwürdig geschildert haben, so möge es mir sein verklärter Geist verzeihen: an dem guten Willen gebrach es mir nicht. I. David Kaufmann wurde in Kojetein (Mähren) den 7. Juni 1852 geboren als Sotzn des Landwirthes Leopold Kaufmann ') und seiner Frau Rosa, geborene David. Die ersten Eindrücke auf die junge empfängliche «Seele des Kindes übten das Elternhaus und die Judengaffe. Die Judengaffe von Kojetein* 2) war damals ausschließlich von Juden bewohnt, die ein innig vertrautes Leben unter einander führten und die darum dem Ghetto ein freundlich anmuthiges Bild verliehen. Im Geiste jener guten alten Zett waren das Gotteshaus und die Schule das Eentrum der „heiligen"' Gemeinde, die von dem allverehrten Rabbiner und von dem nicht minder geachteten Vorsteher geleitet wurde. Das Gros der Gemeinde wußte noch nichts von Aufklärung, vielmehr gehörte sie nach guter Vätersitte der strengen Orthodoxie an, zu welcher noch in gesteigertem Maße auch die Eltern unseres David gehörten. Einen Lehrer gab es nur für das hebräische Fach, denn das profane Wissen galt noch für nebensächlich. Das Wissen bestand in der Kenntniß der alten jüdischen Literatur, die Forschung richtete sich ausschließlich auf dieses ehrwürdige Schristthum. Die Provinz Mähren war noch ein Jahrhundert vorher einer der Sitze der jüdischen Gelehrsamkett, und in der Zett, als unser David seine ersten Kenntnisse erwarb, um die Mitte unseres Jahrhunderts, war noch viel von den alten Traditionen geblieben. Aber es war der letzte Abschnitt jener Zeit, nur noch die letzten Strahlen der untergehenden ') Eine geistreiche Erklärung des Namens Koffmann- Kaufmann gibt David Kaufmann in Bevue des Etodes Juives XXXV, 303. *) Ueber die Gemeinde Kojetein siehe Nehemias Brüll in Len C h an an j a V, 318. Sonne einer früheren Eulturepoche konnten in die Seele des Knaben eindringen und darin ein dauerndes Bild zeichnen. Bald wurde dieses Bild von der fortschreitenden Bildung umrahmt und von rhr verschönert, aber ausgelöscht konnte es nicht mehr werden. Auf seine Eltern war die Achtung für das jüdische Wissen von ihren Vätern übergegangen, die als Kenner des Talmuds sich aüszeichneten. Es eursirten in dem stillen Hause zu Kojetein gar wunderliche Erzählungen von der Art und Weise, wie die Vorfahren die Pflicht des Thorastudiums ausübten, und diese Erzählungen mußten auf das Gemüth des Knaben nachhaltigen Eindruck machen. R. Isaak, des Vaters Vater, hatte die Jeschiba zu Posen absolvirt; die hebräische Bibliothek, welche viele kostbare Bücher und viele Unica enthält, die. sich jetzt noch im Kaufmann'schen Hause befinden, wurde von diesem Großvater angelegt und bildet noch jetzt das ehrende Zeugniß seiner Gelehrsamkeit. R. David, der Vater der Mutter, nach welchem unser David benannt wurde, zeichnete sich gleichfalls durch Gelehrsamkeit aus, und obzwar er in Alt titsch ein, einem Orte, wo außer ihm kein Jude war, wohnte und für eine zahlreichr Familie von vierzehn Kindern zu sorgen hatte, so gelang es seinee aufopfernden Frömmigkeit dennoch, sich und seinen Kindern einen öffentlichen Gottesdienst einzurichten, indem er ein Gemach seines Hauses zu einer Synagoge umschuf und zur Vervollständigung des M inj an aus dem benachbarten Neutitschein bezahlte Arme anstellte. Der Thoraschmuck dieser später aufgelösten Synagoge zierte nach einem halben Jahrhundert das Arbeitszimmer des Enkels in Budapest. Ein Bruder R. Davids, ein Großonkel David Kaufmann's, nannte sich Dr. I a e g e r n d o r ft) und war ein weitberühmter Arzt und medicinischer Schriftsteller; aus Teschen, wo er die amtliche Stellung eines Kreisphyficus einnahm, übersiedelte er nach Paris, wo er auch gestorben ist. Auch dieses Glied der Familie war ein tüchtiger Kenner des Hebräischen. Alle diese Männer genossen das Vertrauen ihrer Mitbrüder und waren entweder Vorsteher ihrer Gemeinden, oder doch Mitglieder des Gemeindevorstandes; R. I a c o b, der Großvater der Mutter- David Kaufmann's, der in Wagstadt wohnte, führte sogar den Titel eines Rosch Medina (nr'ifc twn) von Oesterreichisch- Schlesien. . . f ....... Solche Vorbilder vor der Seele, war es insbesondere der Wunsch der Mutter, ihren David auf den Pfad der jüdischen Wissenschaft zu führen, und gar glücklich fühlte sie sich, als sie die Wahrnehmung machte, daß die Neigungen des gottbegnadeten Knaben sich mit ihrem Wunsche trafen. Der Knabe lernte das Hebräisch von Anfang an mit besonderer Liebe, doch durfte er, wie natürlich, auch die notwendigen Kenntnisse der modernen Zeit nicht vernachlässigen. Gleichzeitig mit dem Besuche der Volksschule, deren vier Claffen er im achten Lebensjahre im Jahre 1860 beendete, erhielt er im Pentateuch Privatunterricht successive bei Abraham Seidl, Josef Grün (früher in Prerau) und Heinrich Böhm (früher in Mährisch-Aussee); Letzterer unterrichtete ihn seit etwa 1861 auch im Französischen und Englischen. Die ungewöhnliche Auffassungskraft und sein phänomenales Gedächtniß, sowie der ewige Wissenstrieb, mit dem er schon als Knabe durch Lectüre und Fragestellungen sein Wissen zu bereichern suchte, erregten in dem kleinen Orte frühzeitig Aufmerksamkeit und Erstaunen, und da er dabei bescheiden und anspruchslos auftrat und auch in der äußeren Erscheinung, in Kleidung und Requisiten stets eine pedantische Sauberkeit bekundete, so wurde der Knabe alsbald der Liebling des ganzen Ortes, während sich die Ghettojugend begeistert an ihn anschloß. Auch die christliche Bevölkerung war ihm gut gesinnt, wie denn der Verkehr zwischen Christen und Juden damals noch nicht durch Gehässigkeit getrübt wurde. Herr Ignatz Kaufmann,2) der Bruder David's, dem ich sämmtliche auf die Jugendjahre bezügliche Daten verdanke, gibt ') Jaegerndorf ist eine Stadt in Oesterreichisch-Schlesien. Es ist bekannt, daß die Juden in früheren Zeiten, wo es noch keine fixen Namen gab, sich sehr oft nach den Ortschaften nannten, in denen sie lebten oder aus denen sie stammten. 2) Dieser Bruder David Kaufmann's ist feinem Berufe nach, wie der Vater, ein Landwirth, besitzt aber dennoch soviel jüdisches Wissen, daß er sich sogar literarisch hervorthat. Mehrere Aussätze über jüdische Themata sind von ihm in Dr. Bloch's „Oesterreichische Wochenschrift" in Wien erschienen. Siehe auch Rahmer's Jüdisches Literaturblatt XV. 66. 71; XXIII, 150. 154. 157. Er übersetzte ferner ins Deutsche S. Schechter's Rabbi Elia Wilna Gaon; Wien, 1881. — Nachrichten über seinen Studiengang geben wir im Verlaufe der Abhandlung.