Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 470 Dr» Bloch's Wo^^nschrifl» Nr. 38 Ansehens »Liebe die Arbeit und Haffe die Hoffart", schärft ein berühmter Schristgelehrter uns ein. Die Arbeit als solche ist eine moralische Bethätigung und darum sind alle rechtschaffenen Arbeiten an sich gleichartig. »Verrichte darum — lautet der Ausspruch eines anderen Gelehrten — die niedrigste Arbeit auf offenem Markte und sei nicht auf Almosen angewiesen!* Aus diesen maßgebenden Sentenzen geht zur Genüge hervor, welch hoher Werthschätzung die körperliche Arbeit bei den Juden sich erfreute. Nun sind aber während des Mittelalters und den darauffolgenden Zeitläuften die Juden von den landwirthschastlichen Betrieben, sowie von den Handwerken, in welchen dazumal die körperliche Arbeit vorzugsweise zum Ausdruck kam, ausgeschloffen worden. Grundbesitz zu erwerben, war ihnen untersagt, und das geschloffene Zunftwesen machte ihnen die Ausübung eines Handwerks unmöglich. Aber der lebende Mensch besitzt den Selbsterhaltungstrieb, und Hunger thut weh. Wenn die Kinder um Brot schrieen, so mußte der jüdische Vater sich umthun, um den Hunger seiner armen Kinder zu stillen. Wer fühlt nicht Erbarmen bei diesen Worten? Ist es da zu verwundern, wenn sich der Jude dem einzigen Erwerbe, der ihm damals offen stand, wenn er sich dem Handel zuwandte. Auch da gab es zu arbeiten, schwer zu arbeiten. Aber wir Juden wollen nicht mit der Vergangenheit rechten. Dieselbe liegt wie ein schwerer Traum hinter uns. Sie wird nicht mehr zurückkehren. Wir leben in der Gegenwart und danken Gott dem Herrn, daß er die Zetten geändert und die alten Vorurtheile und Schranken gebrochen hat und durch die von edlen, erleuchteten Fürsten proelamirte Emancipation der Juden uns als gleichberechttgte Staatsbürger in den Verband unseres theuren Vaterlandes hat eintreten lasten. Hier stehen wir nun auf dieser Scholle deutscher Erde, die wir lieben, und schätzen uns glücklich, auch an der körperlichen Arbeit der Nation, gleich den anderen Mitbürgern, theilnehmen zu können. Welche großartigen erfolgreichen Bestrebungen machen sich nicht in Deutschland geltend, um die jüdische Jugend der Landwirthschast, dem Gartenbau und dem Handwerk zuzuführen! Kommen Sie zu uns nach Oberschlesien und sehen Sie. wie bei uns die Juden als Schlaffer, Klempner, Tischler, Steinmetze, Schneider, Schuster und in anderen Handwerken in angestrengter körperlicher Arbeit ihr Tagewerk verrichten. Wir Deutsche jüdischen Glaubens sind von der tiefgehenden Sehnsucht erfüllt, durch die moralisch-sittliche Kraft rechtschaffener Arbeit in treuer Gemeinschaft mit unfern Mitbürgern an dem Ausbau der allgemeinen Wohlfahrt mitzuwirken und zur Heilung der socialen Schäden unseres Zeitalters beizutragen. Noch eins. Wir leben hier unweit der Dreikaiser-Ecke, und da liegen die weiten galizischen und ruffisch-polnischen Gebiete jensetts der schwarz-weißen Grenzpfähle unfern Auqen näher. Dort aber erblicken wir eine sehr große Anzahl von Juden, die in schwerster körperlicher Arbeit als Bergarbeiter in den Petroleumgruben, als Lastttäger und dergleichen ihr kümmerliches Dasein fristen. Hat da die von mir vertretene Meinung, daß der Jude keineswegs körperliche Anstrengungen scheut, nicht auch ihre Begründung?" Juden als Soldaten. Der berittene Infanterist Arthur Leiser aus S ch u b i n ist in einem der letzten Gefechte in China gefallen. Der »Allg. Ztg. d. Judenth." werden die interessanten Briefe in dieser Angelegenheit übermittelt. Die Originalbriefe sandte der Vater an den Kaiser. Die Eltern erhielten dieser Tage aus dem kaiserlichen Cabinet ein Bild als Denkmal an ihren in China gefallenen tapferen Sohn. Ebenso empfingen sie von der Compagnie direct aus China einige Gegenstände und 160 Mark ersparten Geldes, welche dem Sohne gehörten. Der Brief des Oberleutnants Dämmer lautet folgendermaßen» Tientsin, 30. März 1901. Geehrter Herr Leiser! In Erfüllung trauriger Wicht habe ich Ihnen den Tod Ihres Sohnes mitzutheilen. Wie rasch und unerwartet sein Schicksal sich erfüllte, hat Oberleutnant Hagner Ihnen schon berichtet. Ihr Sohn ritt ungefähr 10 Schritte hinter mir. Was seinen Ponny zum Scheuen veranlaßte. konnte ich nicht erfahren, ich hörte, als ich gerade die Brücke passirt harte, den Fall ins Wasser. Ich eilte zurück. Vorder- und Hinterleute blieben stehen, keiner vernahm weiter einen Laut. Die Belastung durch Gewehr und Patronen muß ibn in die Tiefe hinabgezogen haben. Bis heute ist seine laiche nicht gesunden morden.sowie dies eintritt, gebe ich Nachricht. Meine Compagnie verliert m Ihrem Sohn einen wackeren Soldaten der still und unverdrossen seine Pflicht getreulich erfüllte. Am 25. Feb. stand er mit uns gegen eine große Ueberzahl chinesischer Räuber in 2'/,stündigen Nachtgefecht als tapferer Soldat im feindlichen Feuer. Sein Andenken wird in der Compagnie hochgehalten. Das Geld und einige Sachen, die er als einziges Besitzthum hinterlassen, werden Ihnen als Postsendung zugehen. Ich schicke auch werthlose Kleinigkeiten, da sie für Sie theure Andenken an ihren braven Sohn sein werden. Ihr Troll möge sein: er starb den Tod fürs Vaterland. Mit Ihnen trauert Ihr ergebener Dämmer, Oberleutnant. Der Leutnant schreibt folgendermaßen: Geehrter Herr Leiser! Von dem schrecklichen Verlust, den Ihre Familie durch den Tod Ihres Sohnes erlitten hat, sind Sie ja schon in Kenntniß gesetzt. Ihr Sohn hat bei der berittenen Compagnie in meinen Zuge gestanden und ich habe ihn daher am meisten mit kennen und schätzen gelernt. Er war ein in jeder Hinsicht braver, ordentlicher und anständiger Soldat, von seinen Vorgesetzten hoch geschätzt und seinen Kameraden geliebt. Wir alle haben viel an Ihrem Sohn verloren und er wird bei uns stets in hohem und gutem Andenken stehen. Möge Gott Sic und Ihre Frau trösten. Endlich noch das Schreiben des Hauptmanns und Compagniechefs: Berlin, 18. Mai 1901. Sehr verehrter Herr Leiser! Mein tiefstes Beileid für den Verlust Ihres armen Sohnes. Vom ersten Tage seines Diensteintritts kannte er nur ein Gefühl, seine Pflicht zu thun und der Compagnie Ehre zu machen. Einen Feldwebel und neun Mann habe ich nach China geschickt, aber von keinem war ich so überzeugt, daß ein ganzer Mann in dem Rock des Kaisers steckte, wie von meinem, ach so zeittg in den Tod gegangenen Leiser. Die andern haben sich auch bis jetzt brav geführt, er hat aber das Beste was der arme Junge hatte, sein Leben für das Vaterland hingegeben. Möge der allmächtige Gott, der ja, uns gemeinsam alle Schicksale beendet, und ihn zu sich berufen hat, auch Sie und die Ihren in Ihrem Schmerze stärken. Den Brief aus China habe ich an den Capitän abgegeben, und wird er von da aus Ihnen zugesandt werden. Die Juden als Soldaten. Capitän G. King Hall, Chef des Stabes der englischen Mittelmeerflotte, hat an den »Jewish Chronicle" nachstehendes Schreiben gerichtet: Als einer, der sich stets eifrig mit der jüdischen Frage befaßt und welcher weder die Vergangenheit des jüdischen Volkes vergessen, noch dessen ihm noch bevorstehende glänzende Zukunst jemals außer Acht gelassen hat, hatte ich kürzlich mit einigen Osficieren eine Discussion über »die Juden als Soldaten" gehabt. Ich behauptete, daß die englischen Juden ihren reichlichen Antheil an dem Kriege in Südafrika genommen hätten. Da wurde ich von meinen Gegnern aufgefordert, nur einen einzigen jüdischen Officier namhaft zu machen, der in Südafrika activen Dienst mit der Waffe in der Hand geleistet hat. Ich wäre Ihnen sehrdankbar, wenn Sie mir einige darauf bezügliche Informationen geben würden. Dieser Brief wurde dem jüdischen Feldprediger, Rabbiner F. L. Cohen zugestellt, welcher Capitän King Hall ein Verzeichniß von nicht weniger als 80 jüdischen Officieren übersandte, welche' in der regulären Armee sowohl wie in der Miliz, in der Deomanry und unter den Freiwilligen wie unter den Hilfsttuppen der Colonien in Südafrika für England die Waffen ergriffen haben. Dazu fügte Rabbiner Cohen noch ergänzend hinzu: Bereits im October 1899 zählte die englische Armee in Südafrika 70 jüdische Soldaten in ihrer Mitte. Diese Zahl, welche nur auf privatem Wege ermittelt werden konnte, war beiweitem nicht erschöpfend, denn fortwährend wurden neue Namen als die von jüdischen Soldaten eruirt und nach einem Verlaufe von 9 Monaten wies die Liste schon nicht weniger als 600 jüdische Namen auf. Jetzt sind in der englischen Armee in Südafrika 1200 Mann als Juden identificirt und es ist außer Zweifel, daß nicht weniger als 1500 Juden daselbst auf Seiten der Engländer fechten. Da die Zahl der Juden in allen Theilen des britischen Reiches. Indien, Canada und Australien mit eingeschlossen. 220.000 nicht übersteigt und in England selbst höchstens 140.000 beträgt, so werden selbst ihre wenig judenfreundlichen Kameraden zugeben müssen, daß der Antheil der Juden am südafrikanischen Kriege unverhältnißmäßig groß ist. Der größte Theil der jüdischen Soldaten im englischen Dienst ist übrigens, wie jedem Eingeweihten bekannt ist, nicht in England geboren. Ihre Wiegen standen nicht an den Ufern der Themse, sondern in Lublin, Minsk und nichts weniger als englischen Plätzen. Dieses hindert aber die Herrn Dewar, Vincent und Consorten nicht, fortwährend gegen die ftemden Einwanderer zu hetzen. Sie haben es bereits so weit gebracht, daß, wie englische Blätter berichten, Lord Salisbury sich bereit erklärt hat, eine Anzahl konservativ-antisemitischer Unterhausmitglieder zu empfangen, um mit ihnen die Fremdenfrage zu besprechen. Auf Wunsch Seiner Lordschaft soll der Empfang als privatim gelten.