Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 466 2?so Brom s Wochrns^rM Nr. 38 vollen Schutz nehmen und öffentlich darüber jammern, daß man den verkrachten Instituten nicht zu Hilfe geeilt ist, sondern sie der wohlverdienten Katastrophe überließ. Ja ein Leipziger Blatt entblödet sich nicht, den „Berliner Juden" das Verhalten der Großbanken, die es abgelehnt hatten, das morsch gewordene Leipziger Institut zu stützen, zum schweren Vorwurf zu machen, und -es spricht sogar davon, daß sich der Director des allen und bewährten Leipziger Geldinstituts dazu erniedrigt habe, die Berliner jüdische Finanz um Hilfe a n z u g e h e n. In der That eine unerträgliche Demüthigung für, eine Verwaltung, die chre Actionäre und Depositeure auf unerhörte Weise hintergangen hat. Weil sie stramme Antisemiten sind und als solche sich stets bewährt haben, deswegen hätte man jenen Bankdirectoren die Defraudationen und den Schwindel Nachsehen sollen. Das ist die Moral unserer Antisemiten. Die Mitglieder der herrschenden Race müssen auch gegen die Folgen der eigenen Verbrechen geschützt bleiben. Ein liberales Blatt sagt sehr richtig, daß es nun wohl nicht mehr lauge dauern würde, bis iu rrgend einem antisemitischen Winkel die Nachricht austaucht, daß der Staatsanwalt oder die Richter von der „Alliance israelite Universelle“ bestochen worden seien, denn mit dieser „Sensation" ließe sich entschieden, selbst bei 30 Pfennig Entree,eineVolksversammlung sämmtlicher Antisemiten in Berlin so gut wie in Dresden veranstalten. Eine solche Entwicklung der Dinge ist durchaus nicht unmöglich, und ich gestehe offen, daß ich mich auf diesen Spaß freue. Vielleicht erleben wrr's, daß die Partei des Herrn Ahlwardt, um die Juden zu ärgern, die sauberen Directoren der verkrachten Banken in den deutschen Reichstag entsende, mit der Ausgabe, für deutsche Treue und Redlichkeit zu kämpfen. Uns kann's recht sein. Jahresbericht der Jewish Colonisatlon Association. Am 16. Juni fand in 'dem in der Rue Pasquier zu Parigelegenen Hause der Gesellschaft die ordentliche Generalversammlung der Jewish (Kolonisation Association statt. Aus dem den Actionären vorgelegteu, 97 Seiten umfassenden ftanzösischen Jahresberichte ist zu ersehen, daß die Gesellschaft einen ganz enormen Wirkungskreis besitzt, der sich über vier Welttheile erstreckt und die wichtigsten Interessen de- Judenthums an Hunderten von Stellen tangirt. Getreu dem Spruch der Vater: „Sprich wenig und leiste viel", leistet die Jewish Kolonisation Association jährlich ein gewaltiges Arbeitspensum, von dem ein ganz geringer Bruchtheil genügen würde, einen großen jüdischen Wohlthätlgkettsverein auf Jahre hinaus ehrenvoll zu beschäftigen. Im Gegensatz zu der Fülle der Arbeit steht die absolute Geräuschlosigkeit, mit der diese Arbeit vollbracht wird. Die Jewish Eolonisation Association arbeitet mit der Ruhe der Gleichmäßigkeit und der Energie einer gut geölten M a s ch i n e, und wie diese, so buhlt auch die Jewish Eownisation Association nicht im Mindest«! um den Beifall der Menge. Und. trotzdem steht die Jewish Eolonisation Association erst am Beginne ihrer von ihrem Gründer, dem seligen Baron Hirsch, ihr gestellten Aufgabe, Nach den Intentionen dieses wahrhaft großen Mannes, den das Judenthum erst in der Zukunft ganz würdigen lernenwüd, hat die Jewish Eolonisation Association keine geringere Aufgabe, die große, fett zwei Jahrtausenden das Judenthum bewegende Emigrationsfrage zu lösen. Leider gehört aber zur Lösung dieser Frage,, welche von jeher die eigentliche Ursache aller Judenverfolgungen war und noch ist, rwch etwas Anderes als nur Geld. Da eine große, wohlorganistrte Auswanderung nur auf der Basis des Ackerbaues erfolge» kamt, die Juden aber im Laufe der Jahrtausende aus einem auf dem flachen Lande lebenden Bauernvolke sich zu einem in den Städten lebenden Haudelsvolke umgebildet haben, so muß es vor Allem den Ackerbau wieder erlernen, bevor es an eine Emigration im großen Style denken kann. Zu diesem Zwecke werden von allen einsichtigen Männern im Judenthume seit zwei Deceanien die angestrengtesten Versuche gemacht, Schulen zu errichten, in welchen die Juden auf praktischem, wie theoretischem Wege das edle Handwerk des Ackerbaues erlernen könnten, und auch der Jewish Eolonisation Association bleibt nichts weiter übrig, als an diesen Bestrebung«! den lebhaftesten Antheil zu nehmen Md in Argentinien, sowohl in Palästina, in Eanada und den Vereinigten Staaten, wie in Kleinasien und Eypern solche praktische Ackerbauschulen zur ErziehMg eines jüdischen Bauernelements zu gründen Md weiter zu fördern. Denn — gestehen wir es nur offen, — mehr als praktische Acker bauschulen, in denen das Judenthum auf praktischem Wege einige Tausend jüdische Bauern ausbilden soll, sind die bis jetzt errichteten, nunmehr sämmtlich von der Jewish Eolonisation Association subventionirten Eolonien immer noch nicht. Und wie alle Ackerbauschulen sich ohne Subvention nicht erhalten können, so müssen auch sämmtliche jüdischen Eolonien mehr oder weniger noch unterstützt werden. In Palästina geschieht das einstweilen direct und mit baarem Gelde, in Argentinien dadurch, daß nian den Eolonisten enorme Ländereien zur Verfügung gestellt hat, auf denen sie, vermuthlich mit Hilfe von gemietheten Tagelöhnern, eine extensive Wirthschaft treiben. Es ist eben, um eine neue Generation von tüchtigen Landarbeitern zu schaffen, nicht nur Geld, sondern mehr noch Zeit nöthig, und diese Zeit läßt sich nicht anders als durch Ausdauer und Geduld gewinnen. Uni aber inzwischen die Z e i t a u s z u f ü l l e n und auch der gegenwärtigen Generation das Leben zu erleichtern, ist die Jewish Eolonisation Association bemüht, den arm«; Juden in Rußland, Galizien, Rumänien und Palästina nach Kräften beizustehen und ihnen durch Errichtung von billigen Wohnungen, Gründung von technischen und landwirthschaftlichen Schulen, sowie Schaffung von neuen Industrien das schwere Dasein zu erleichtern. Wesentliches wird damit nicht erreicht und die Zahl der nach vielen Hunderttausenden zählende» jüdischen Armen dürfte dadurch kaum merklich vermindert werden. Allein es ist eben ein Nothbehelf, bis bessere Zeiten gekommen sind, wo ein neuentstandenes, gutgeschultes Bauerngeschlecht die Jewish Eolonisation Association in den Stand setzi wird, an ihre eigentliche Aufgabe zu gehen und die Emigration r Juden aus Rußland, Galizien und Rumänien mit voller Kraft zu betreiben. Argentinien. Die jüdischen Eolonien in Argentinien befinbeit sich zur freudigen Ueberraschung aller Freunde einer zielbewußten planmäßigen jüdischen Eolonisation in langsamer aber stetiger Entwicklung. Die Kinderkrankheiten sind überwunden, die „Flucht vom Lande", welche die Bevölkerung der Eolonien decimirt und noch im Berichtsjahre zum Verluste von 118 Familien mit 560 Seelen geführt hat, hat nun ganz nachgelassen. Die Eolonisten, welche sich im vorigen Jahre bereits alle selbst erhalten konnten, schöpfen neuen Muth, unterstützen sogar bereits ihre Verwandten in Rußland, lassen sie auf ihre Kosten zu sich herüberkommen und fangen sogar an, sich bei größeren Unglücksfällen, wie bei der Hungersnoth in Südrußland, durch Veranstaltung von Geldsammlungen helfend zu betheiligen. Es lebten im Berichtsjahre in den jüdischen Eolonien Argentiniens 1290 Familien mit 6791 Seelen. Sie betreiben einen umfangreichen Getreidebau, indem sie 54.000 Hektar Land unter Eultur haben. Nebst dem Getreide wird auch Lucern gebaut, was eine ausgedehnte Viehzucht und eine von Jahr, zu Jahr ertragsreicher werdende Milchw^rthschaft ermöglicht. Von den einzelnen Eolonien zeigt M o s e s v i l l e den größten Fortschritt. Die Zahl der Einwohner beträgt jetzt 130 Eolonisten, respective 237 Familien mit 1267 Seelen, welche zusammen 13.766 Hektar' Land bebäüen. Gleichzeitig wird in Mosesville eine ausgedehnte Viehzucht betrieben, ebenso eine Molkerei, welche einstweilen nur 3000 Liter Milch pro Tag liefert. Der Viehbestand beläuft sich auf 7600 Köpfe, wovon 5200 von den Eolonisten selbst gekauft wurden. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß die Eolonisten nicht blos fast ohne Ausnahme ihre jährlichen Rückzahlungen an die Jewish Eolonisation Association leisten konnten, sie waren sogar in der Lage, 4000 Dollars für die Verbesserung ihrer Wirthschaft auszugeben. Bez ichnend für den unter den Eolonisten von Mosesville herrschenden jüdischen Geist ist die Thatsache, daß sie für die nothleidenden GlMbensbrüder in Südrußland eine Sammlung im Betrage von einigen Tausend Francs veranstaltet haben. Die Kolonie Mosesville hat in diesem Jahre neuen Zuwachs aus Rußland erhalten, indem nach jahrelanger Pause, während welcher keine Emigranten nach Argentinien mehr geschickt wurden, wiederum mit 50 Familien ein schüchterner Versuch gemacht worden ist. Derselbe gelang vollständig. Die neuen Eolonisten, welche in Virginia und St« Elena untergebracht wurden, griffen gleich tapfer zu und bebauten im ersten Halbjahre 3726 Hektar. Der Versuch soll auch im nächsten Jahre zunächst mit 42 Familien aus Rußland und 50 Familien aus Rumänien fortgesetzt werden. Platz dazu ist in Mosesville vorhanden, da die Eolonie durch Zukauf von 24.000 auf 57.000 Hektar (100 Quadratmeilen) gebracht worden ist. Im nächsten Jahre gedenkt. die Verwaltung den Umfang von Mosesville auf 90.000 Hektar, zu bringen und dieselbe so zu befähigen, 600 jüdische Familien aufzunehmen. Nicht ungünstig ist auch die Lage der Eolonisten in M a u r i c i o, deren Zahl durch weiteren Wegzug emiger Familien, welche nach eingeheimster Ernte Mauricio verlassen haben, sich auf 178 Familien mit 926 Seelen vermindert hat. Dagegen haben viele Eolonisten ihre Verwandten aus Rußland herüberkommen lassen, um sie beisich als Taglöhner zu beschäftigen. Außerdem sind 60 Wagenbauer, Schmiede und Zimmerleute aus Rumänien und Rußland auf eigene Kosten nach Mauricio gekommen, wo sie zu guten Preisen Arbeit finden Die Eolonisten besitzen 724 Pferde und Maulthiere sowie 3030 Ochsen und Kühe. Außerdem befinden sich- 2562 Stück Vieh im Besitze der Administration. Die Milchproduction ist von 10.000 auf 6000 Liter pro Tag gesunken, da der Milchpreis zurückgegangen ist und die Eolonisten, welche anderweitige Einnahmequellen besitzen, es nicht mehr