Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BlOCh Jahrgang XVIII Centralorgan für die gesammten Interessen des Indenthums. Wien, 12. InU 19V1. -4—<- Erscheint jeden Freitag. -■> 4> - Brief-Adreffe: Wien, IX/1» Derggaffe 3S. Telenrnmm-Adreffe: Dloch'S Wochenschrift, Wie». »epigsprei» flir Srfterrrtch: halbjährig 8 Lrouea. Einzeteremplare SV Heller. Für'» Sssürab: Halbjährig 10 Lronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. X=~= ---- -— =* =3« B. ft. posklparcngen-Anrk J Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdactton und Administration: Wien IX/I, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. -U Inhalt. Leitartikel: Zum antisemitischen Bankkrach in Sachsen. — Jahresbericht der Jewish Kolonisation Association. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Für die nothleidenden jüdischen Hausirer. Eine Entscheidung des Petersburger Reichsrathes. Jüdische Bauern. Juden als Soldaten. Zur Frage der Leichenverbrennung. — David Kaufmann. — Korrespondenzen: Lagos, Lemberg, Ung.-Brod, Zborow, Leitmeritz, Aussee, München, Berlin, Könitz, Patriarch und Rabbiner in Constantinopel, Ein abgesetzter Rabbiner. — Vermischtes: Wien, Brünn, Olmütz, Prag, Marienbad, Pohrlitz, Wessely a. d. March, Zürich. — Feuilleton: Der Unessane tokef. — Simson. — Literatur. — Briefkasten. -- Inserate. Zum antisemitischen Bankkrach in Sachsen, n. Man schreibt uns aus Sachsen: Es ist eine überaus schwere wirthschaftliche Krisis, die über unser Sachsenland herangebrochen ist. Jeder Tag bringt neue Verhaftungen und man erwartet noch immer Ueberraschungen. Auf die Verhaftung der beiden Directoren der Leipziger Bank, Exner und Dr. Gentzsch, ist nunmehr, wie telegraphisch aus Leipzig gemeldet wird, diejenige des Vorsitzenden des Auf-- sichtsrathes der Bank, des österreichisch-ungarischen Consuls und Stadtrathes Heinrich Dodel, des Inhabers der Leipziger Rauchwaarenfirma Gaudig & Blum, gefolgt. Heinrich Dodel ist der reichste Mann im Königreich Sachsen, sein Vermögen wird auf 20 Millionen geschätzt und er ist überdies Universalerbe seiner Schwiegermutter, die ebenfalls eine mehrfache Millionärin ist. Man kann der Staatsanwaltschaft in Leipzig nicht die Anerkennung versagen, daß sie in der Angelegenheit der Leipziger Bank wacker zufaßt. Es ist nur zu billigen, daß sie es sich nicht an der Verhaftung der beiden Directoren hat genügen lassen, denn je mehr an Einzelheiten über die näheren Umstände der Katastrophe bekannt wird, um so strafbarer erscheint das Verhalten der Mitglieder des Aufsichtsrathes, schon allein von dem Standpunkte des Gesetzesparagraphen aus, der ihnen die Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes zur Pflicht macht. Darüber hinaus scheinen aber noch andere strafbare Momente bezüglich der Mitglieder des Aufsichtsrathes der Leipziger Bank und im Besonderen bezüglich des Vorsitzenden desselben vorzuliegen, da man an ein bloßes latessr alter bei einer solchen beispiellosen Zerrüttung der Verhältnisse des Instituts gar nicht glauben mag, sondern vielmehr zu der Annahme verleitet wird, daß bei den ausgedehnten Operationen mit der Trebergesellschaft ein Einvernehmen zwischen Direktion und Aufsichtsrath bestanden haben müsse. Sollte das der Fall sein, so fiele dem Aufsichtsrath nicht allein eine mangelhafte Erfüllung seiner Pflichten, sondern auch die Milwissenschaft bei den Manipulationen der Directoren zur Last. Alsdann wäre er nicht nur civilrechtlich, sondern auch strafrechtlich zu belangen, indem nämlich §312 des Handelsgesetzbuches vorschreibt, daß mit Gefängniß und zugleich mit Geldstrafe bis zu 20.000 Mark dasjenige Mitglied des Aufsichtsrathes zu bestrafen ist, das absichtlich zum Nachtheile der Gesellschaft handelt. Zugleich kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. Des Weiteren käme auch die Bestimmung des § 314 des Handelsgesetzbuches in Betracht, wonach die erwähnte Strafbarkeit vorliegt, wenn die Mitglieder des Aufsichtsrathes in ihren Darstellungen und Uebersichten rc. über den Vermögensstand der Gesellschaft die Lage des Verhältnisses unwahr schildern oder verschleiern. Die Folgen zeigen sich in allen Städten des Königreiches. In Plauen sind am Sonnabend nicht nur eine Anzahl kleinerer Firmen, sondern auch eine große Fabrik in eine schwierige Situation gerathen, weil es ihnen nicht möglich war, sofort genügenden Ersatz für die bei der Leipziger Bank verlorenen Capitalien zu schaffen. In Markneukirchen hat eine dortige erste Firma, deren Inhaber bei der Leipziger Bank sehr stark betheiligt ist, ein Moratorium nachgesucht. Sollte seitens der Gläubiger nicht das weitgehendste Entgegenkommen gezeigt werden, so wäre der Concurs unvermeidlich. In anderen Städten des Königreiches ist die Verwüstung nicht geringer. Zahlreiche industrielle und geschäftliche Unternehmungen, manche alte Firmen, sind zusammengebrochen in Folge von Verlusten bei der Leipziger Bank. Die Krisis ist für unser Erwerbsleben ein Verhängniß, alle Classen der Bevölkerung haben darunter mehr oder minder zu leiden und auch wir Juden sind den Folgen der ökonomischen Krisis unterworfen, in demselben Matze wie unsere Mitbürger christlicher Bekenntnisse. Dennoch sind wir froh und preisen das gnädige Geschick, daß die Directoren der verkrachten Leipziger, Dresdener und Casieler Institute keine Juden sind, noch von Juden abstammen, daß bei keiner einzigen der verkrachten Unternehmungen irgend ein Jude als Aufsichtsrath betheiligt war. Wäre es anders, wir hätten einen Sturm der Entrüstung erlebt, welcher durch das ganze Sachsenland gegen uns gewüthet hätte. Salbungsvoll hätte man die Juden der systematischen Unehrlichkeit und einer bösartigen Speculationswuth augeklagt. Man hätte nicht nur über die „Judeumoral" geschimpft, sondern auch sich selber in die Brust geworfen und mit jener sattsam bekannten und abgebrauchten Selbstgerechtigkeit versichert: „Wir A rier sind doch bessere Menschen!" Dem Himmel sei es gedankt, daß wir vor diesem Unheil bewahrt geblieben sind. Die diebischen Bankdirectoreu sind nicht nur ausnahmslos gute Arier, sondern auch Säulen der antisemitischenPartei. Und wir erleben heute das merkwürdige Schauspiel, daß diejenigen Blätter, welche sonst gegen den Capitalismus wüthen, die erbärmlichen Bankdefraudanten von Leipzig, Dresden und Cassel in liebe-