Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 87 Vr. Bloch'e MviZrenschrM, Seite 4SI Partei'/ hageldicht durch die Luft. Die Urheber aller dieser Schmährufe wäre» aber dieselbe« biedere« Leute, die in Wähler- Versammlungen über die Ungezogenheiten ihrer Gegner greinen. Dabei war in jener Sitzung zu Ausbrüchen des Zornes, ja auch nur zu einer erregteren Debatte nicht der mindeste Anlaß geboten worden. Herr Ofner, dem die gehässig herausfordernde Art der Rede ganz fremd ist. hatte sich blos erlaubt, gegen die Kielmansegg'schen Lobeshymnen auf die Schulschwestern zur Steuer der Wahrheit auf die Darstellung des Geschichtsschreibers Karl Weiß hinzuweisen. Die rein sachliche und für die Schulschwestern durchaus nicht verletzende Bemerkung des Abgeordneten Ofner benützte Lueger zu der pöbelhaftesten Aurempelung, und sein: „Wie kommt ein Jude dazu, unsere katholischen Schulschwestern zu beleidigen?" war das Signal zu einem furchtbaren Scandal. Eine ganze Sturzfluth von Schmähworten ergoß sich über Ofner. Ja, diese Radauscene war womöglich widerwärtiger als die Scandale in früheren Sessionen, weil sie ohne jeden Anlaß aus reiner Lust am Krawalliren hervorgegangen ist. Wenn sie nicht ordinär sein können, freut die Antisemiten der ganze Parlamentarismus nicht. Das weiß Herr Lueger, und deshalb sucht er zur Erhaltung der Popularität seinen Getreuen von Zeit zu Zeit die Labsal eines regelrechten Radaus zu verschaffen. Bübischer als die Antisemiten in jener Landtagssitzung kann man sich überhaupt nicht aufführen, gleichwohl jammern sie unaufhörlich über das „bubenhafte Benehmen" der Alldeutschen, als hätten sie ein Monopol auf Unanständigkeit. Aber freilich, Reichsrath und Landtag sind zwei verschiedene Dinge. Im Landtag haben die Herren Christlich-Socialen die erdrückende Mehrheit und überdies zum Bundesgenossen einen Vorsitzenden, der jedesmal die von ihnen beschimpften Abgeordneten obendrein noch mit Ordnungsrufen bombardirt. Im Reichsrath sind die Antisemiten auf sich selbst angewiesen, und einen Kampf mit gleichen Kräften zu führen, sind sie zu feige. Die „Bluthunde von Polna". In unserer Nummer vom 21. Juni l. I. haben wir eine seltsame, im „Deutschen Volksblatt" vom 16. Juni l. I. veröffentlichte „Enthüllung zur Affaire Hilsner" besprochen. Es war dort von einem Briefe die Rede, den der „Schnittwaarenhändler" Jacob Lustig angeblich verloren hatte und der den Poststempel „Nachod, 1. April 1901" getragen haben soll. In diesem Briefe erbot sich ein Anonymus — die Unterschrift war offenbar mit Absicht unleserlich — gegen eine angemessene Belohnung den Nachweis zu liefern, daß Leopold Hilsner nicht der Mörder der Agnes Hruza und der Marie Klima sei. Der Adressat wurde ersucht, im Falle seiner Zustimmung ein diesbezügliches Inserat in die „Narodni politika“ einzurücken. Nach der Behauptung des „Deutschen Volksblatt" wurde dieser Brief „gefunden" und dem berüchtigten Polnaer Rechtscomite übergeben, welches an Stelle Lustig's die Einrückung des Inserates besorgte. Darauf kam mit dem Poststempel „Braunau-Chotzen, 16. April" eine Antwort, in welcher der Briefschreiber einen Vorschuß zur Bereisung der Umgebung von Polna, Deutsch-Brod und Groß-Meseritsch verlangte. Auf ein zweites Inserat des Rechtscomitss kam ein Brief mit verworrenem Inhalt, und damit war die Sache zu Ende. Wir haben sofort bemerkt, daß der ganze Briefwechsel augenscheinlich eine antisemitische Mache sei, gleich jenem Briefe, den vor Monaten der Kronzeuge Peter Pesak aus der Wiener Porzellangasse Nr. 13 erhalten haben wollte und der sich bei der durch das Rechtsschutzbureau der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" veranlaßten gerichtlichen Untersuchung als purer Schwindel herausstellte. Unsere weiteren Erhebungen haben diese Annahme bestätigt und ein für das Polnaer „Rechtscomitä" sehr gravirendes Resultat ergeben. Es ist richtig, daß Anfangs April Herr Jacob Lustig, der nicht „Schnittwaarenhändler" ist, sondern als betagter Mann von seinen Kindern erhalten wird, einen czechischen Brief erhielt, dessen Uebersetzung wir bereits nach dem „Deutschen Bolksblatt" veröffentlicht haben. Dieser Brief war aber nicht in Nachod aufgegeben, sondern dem Polnaer Postboten offenbar von einem Mitgliede des „Rechtst omitös" übergeben worden, damit er denselben Herrn Lustig einhändige. Allerdings wies der Umschlag des Briefes eine mit „Chotebor" gestempelte Briefmarke auf (in Neudorf bei Chotäbot befindet sich gegenwärtig der ehemalige Cooperator von Polna, Pater B l c z e k, dem Johann Hruza am frühen Morgen nach der Ermordung der Agnes Hruza gebeichtet hatte), aber ohne Zweifel ist diese Briefmarke schon in gebrauchtem Zustande aufgeklebt worden. Es ist auch nicht wahr, daß Herr Lustig diesen Brief verloren hat. Er befindet sich heute noch im Besitze des Originalbriefes, der also nicht „gefunden" und dem „Rechtscomite" übergeben worden sein konnte. Daraus ergibt sich die Frage: Wie konnte das „Rechtseomits" zur Kenntniß des Inhaltes dieses Briefes und der für das Inserat angegebenen Chiffre gelangt fein, wenn ihn Lustig nicht verloren und nicht aus den Händen gegeben hat? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Das famose „Rechtscomite" oder doch einzelne Mitglieder desselben fabrieiren falsche Briefe und falsche Inserate, die sich würdig den falschen Zeugen im Polnaer Processe anreihen. Zu welchem Zwecke? Das zu ergründen, wäre längst Sache des Staatsanwalts gewesen. Der Kronzeuge im Hilsner-Proeeß. Wie die „Pisecke Listy" (Piseker Blätter) melden, hat in einem Wirthshause in Polna ein Mann vom Kronzeugen Peter P e f ch a k behauptet, daß derselbe falsche Zeugenschaft abgelegt habe, und daß er dies Nachweisen könne. Hievon hat der Bertheidiger Hilsner's, Dr. Auredniczek, Kenntniß erlangt und deshalb sofort die nöthigen Schritte bei der Untersuchungsbehörde eingeleitet. Nach Polna soll sich, der Meldung dieses Blattes zufolge, eine Commission des Kuttenberger und des Piseker Kreisgerichtes begeben haben, doch wurde festgestellt, daß dies ein leeres Gerede eines Betrunkenen war. Der Schlosser Peter Pesak war bekanntlich jener Zeuge im Hilsner-Proceß, der angab, daß er den Verurtheilten Leopold Hilsner zur kritischen Zeit und am kritischen Orte gesehen habe, an welchem die Agnes Hruza ermordet wurde. Da die Sehdistanz gegen 9000 Schritte betrug, mußte sich PeZak den verschiedenen ärztlichen Untersuchungen bezüglich seiner Sehkraft unterwerfen und wurden auch mit demselben an Ort und Stelle commisfionelle Sehproben vorgenommen. Arischer Blut-Aberglaube. Ein Menschenopfer hat unter den Wotjaken im Kreise Malmysh stattgefnnden Gelegentlich der heidnischen Feste, welche die Wotjaken im Mai im Dorfe Ssuchowaja - Kukssa feierten, wurden große Scheiterhaufen errichtet und angezündet. Am Tage nach der Hauptfeier fand man in der Nähe des Scheiterhaufenplatzes den halbverkohlten Leichnam eines Wotjaken. Da der Kopf, auffälligerweise unversehrt geblieben war, gelang es festzustellen, daß der Verbrannte der Bauer eines benachbarten Dorfes war, der sich an den Festen in stark betrunkenem Zustande betheiligt hatte. Die Obduction der Leiche hat ergeben, daß der Bauer lebendig verv r a n n t worden ist. — Wunderthätige Gräber sind unweit des Dorfes Staro-Frolowskija Jamy, in Podolien, entdeckt worden. Wer in diesen Gräbern ruht und ob es überhaupt Gräber sind, ist unbekannt, aber das Gerücht hat ihnen eine wunderthätige Kraft beigelegt, und zu Tausenden pilgern die Leute dorthin, um zu beten und eine an den Gräbern aufgestellte riesige Sammelbüchse mit Kupfermünzen zu füllen. Anfangs therlten sich die Waldwächter in den Ertrag der Spenden, jetzt soll er aber den beiden Kirchen des Ortes zu Gute kommen. Die Entdeckung der Gräber rst durch den Traum eines Mädchens veranlaßt worden; dieser erschienen nämlich zwei alte Mönche, A n a n i und M a r t a r i, und zeigten ihr den Weg durch den Wald zu der Grüberstelle, mit der Weisung, darüber den Bauern Bericht zu erstatten. Das Volk will wissen, daß die beiden alten Mönche in den wunderthätigen Gräbern beerdigt seien. Antisemitische Anbiederungen. Die „Deutsche Zeitung", der dumme August der antisemitischen Publicistik, brachte einen vier Spalten langen Leib artikel über den Liechtensteinpark im neunten Bezirke. Danach hätte der regierende Fürst Johann Liechtenstein beschlossen, seinen Park zu schließen und dem Publicum nicht mehr zugänglich zu machen, weil nahezu sämmtliche Besucher sich aus der jüdischen Bevölkerung recrutiren und der Fürst Liechtenstein die Juden ebenso wenig leiden mag als die Schneider, Geßmann, Gregorig e tutti quanti. Es wird nun weiter ausgeführt, daß der einzige Erholungsort des neunten Bezirkes durch Schließung des Parkes den christlichen Bewohnern unzugänglich gemacht ist und daß Letztere durch die schuldigen, bösen Juden mitzuleiden haben. Man geht wohl nicht fehl, wenn