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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 450 Nr. 27 ßu Mortz's WottrenzchrtiL. halte nicht einmal den berühmten Einen Ausgang, zu dem in kritischen Momenten Alle zu gleicher Zeit hinaus wollen. Selbst die königlich sächsische Lotter ieverwaltuug war so ahnungslos, daß sie 10 Millionen bei der gefährdeten Bank liegen hatte. Nur die Deutsche Reichsbank hat den Braten gerochen, indem sie es ablehute, die Wechsel der Leipziger Bank zu escompüren und dadurch die Katastrophe beschleunigte." Stellen wir zunächst Eines fest: All' die deutschen Banken, die in den letzten Monaten das Publicum ausplünderten, waren nicht nur j u d e n r e i n, sie waren sogar antisemitisch. Die Spielhagen- und Pommernbanken dienten den politischen Interessen jener hochadeligen Getreidewucherer, deren Prototyp der Dreschflegel-Graf Pückler auf Klein-Tschirne ist. Dresden und Leipzig haben sich erst kürzlich dazu beglückwünscht, daß ihre stnanciellen Institute „judenrein" zu preisen sind. An der Spitze der Dresdener Creditanstalt und Leipziger Bank stand die Blüthe der patrizischen Bürgerschaft, die, wie Alles in Sachsen von der Regierung bis zum letzten Flurwächter, antisemitisch ist. Die beiden jetzt verhafteten Bankdirectoren zählten zu den Säulen des sächsischen Antisemitismus. Was sich uns hier darbietet, ist autochthone Lumperei, eingeborenes Schurkenthum! Innerhalb dieser Banken duldete man niemals einen Juden. Nicht nur in den Kreis der Directoren, sondern auch selbst in den der Beamten niedrigster Kategorie durfte einem Semiten der Einlaß gewährt werden. Und man kann behaupten, daß der jämmerliche Zusammenbruch der Leipziger Bank in einem geschäftlichen Gebühren seine Ursache hat, welches kein jüdischer Finanzmann je gewagt hätte. Wir wissen allerdings längst, daß für die Antisemiten nur jenes Geld einen üblen Geruch hat, das sie nicht besitzen oder aus den Taschen Anderer, nicht stehlen können. Seit dem berüchttgten Calonne und dem noch berüchtigteren Schotten Law hat es eine Anzahl arischer Jndustrieritter gegeben, die dem Volke seine sauren Ersparnisse heraus schwindelten. Und auch der Speculanten auf den srommgläubigen Sinn der Menge, die für Anweisungen auf den Hrmmel klingende irdische Münze nahmen und dabei jauchzend einstimmten in den Ruf des alten Römerkaisers: „Non ölet!w, gab es von jeher viele Hunderte. Erst jüngst konnte man von einem Pfarrer in der Schweiz lesen, der Schuldverschreibungen ausgab, die im Himmel rückzahlbar seien. Aber dieses fromme Pumpgenie ist ein armseliger Stümper gegen jene hochragenden arischen Finanzgrößen, die den religiösen Sinn oder selbst den confessionellen Haß in schwindelerregenden Bankgrüudungen zu fructtficiren trachteten. Die Wachauer Bank der Adele Spitzeder, die Union Generale des Ritter von Boutoux, die in ihrem Falle Hunderttausende von Existenzen und Milliarden von Werthen begruben, waren Schöpfungen ausschließlichster arischer Corruption. Ihnen gesellten sich in jüngster Zeit der Bankbruch der rein arischen Leipziger Discoutogeseüschaft im Jahre 1884, der Zusammenbruch der „asemitischen" Lemberger Sparcasse und die Malversatiouen in der antisemitischen Union catholica bei, die mit Stolz auf ihre Judenreinheit hinwiesen. Me diese wirthsvölkischen Gründmrgen haben und hatten Eines gemeinsam: die Täuschung des Publicums durch Fälschung der Bilanzen und unrichttge Buchungen. Und sie alle brachen zusammen, nicht durch eine äußere vis major, sondern in dem Augenblicke, wo die arischen und antisemitischen Ehrenmänner, die an ihrer Spitze standen, nichts mehr davontragen konnten. Sie alle hätten von sich dasselbe sagen können, wie jener Director der Leipziger Discontogesellschaft, der, auf die über sein Institut umlaufenden Gerüchte aufmerksam gemacht, mit eiserner Stirne erklärte: „Seit Jahren habe ich auf diese Stunde gewartet. Ich bin ein Lump und ein Betrüger, ich schulde der Bank mehr, als Sie annehmen". Der Antisemitismus ist deutsches Gewächs, er trägt den Erdgeruch des teutonischen Nährbodens und seine Reincultur gelaugte im biederen Sachsenlande zu vollster Blüthe. Der Antisemitismus hat die Juden zu Trägern einer specifischen Corruption gestempelt und er weiß sich nicht genug zu thun in sittlicher Entrüstung über die Berderbniß, welche die naturalistische jüdische Weltanschauung über die arischen Völker gebracht hat. Dem gegenüber wird durch die Kraft unumstößlicher und immer wieder sich wiederholender Thatsachen erhärtet, daß es eine exclusive arische Corruption, ein specifisch antisemittsches Gaunerthum, eine besondere teutonische Ausbeutung gibt, an deren Höhe die uns zugeschriebene „semitische Schlauheit" nicht entfernt hinanreicht. Vom Jahrmarkt des Lebens. Es tagt. Die Landtagsersatzwahl im X. Bezirk der Stadt Wien, bei welcher der antisemitische Candidat gegenüber dem Candidaten der Socialdemokraten Dr. Adler eine Niederlage erlitten hat, ist ein deutliches Anzeichen, daß es auch in den Köpfen der Wiener Bevölkerung zu dämmern beginnt, und eine günstige Vorbedeutung für die allgemeinen Landtagswahlen in Niederösterreich, welche im nächsten Jahre stattfinden sollen. Alle antisemitischen Schlagworte wurden in die Massen geschleudert, um den Sinn der Bevölkerung zu benebeln. Das officielle Organ des Wiener Stadtrathes brachte noch einen Tag vor der Wahl einen giftgeschwollenen Artikel mit folgender Einleitung : „Hie I u d' — h i e C h r i st \* Wien, 1. Juli. „Der morgige Tag soll es entscheiden, ob der zehnte Wiener Bezirk im Landtag durch einen Juden oder einen Christen vertreten werden soll, ob es den vereinten Gegnern der Antisemiten gelingen wird, den mandatslüsternen Juden Adler nach seinen ungezählten Wahldurchfällen endlich in eine Volksvertretung hineinzuschmuggeln. Wir haben unseren Ausführungen über die Wichtigkeit und Bedeutung dieser Wahl in früheren Nummern unserer Zeitung nichts Neues hinzuzufügen. Wohl selten noch waren zwei so ausgesprochene Gegensätze durch zwei Wahlcandidaten vertreten, wie bei der morgigen Favoritener Wahl, deren Wichtigkeit weniger darin besteht, der antisemitischen Partei ein Mandat zu erhalten, als vielmehr mit allen Kräften es zu verhüten, daß ein Jude der Nachfolger Schlesinger's werde, ein Jude wie Dr. Adler!" Allein diese lügnerischen Schlagworte haben bereits die Wirkung versagt. Den Niederlagen, welche die christlich-sociale Partei bei den letzten Reichsrathswahlen erlitten hat, reiht sich nun diese neue Niederlage an. Sie ist um so empfindlicher, als die Christlich- Socialen gerade aus einem Wiener Bezirke verdrängt worden sind, also von einem Boden, auf dem sie noch vor Kurzem unbeschränkt die Wahlen beherrschen zu können glaubten. Die Thatsache, daß nun ein socialdemokratischer Vertreter in die niederösterreichische Landstube kommt, ist an sich nicht von allzu großer Bedeutung, denn dieser eine Vertreter der Socialdemokraten wird keinen wesentlichen Einfluß auf den Gang der Verhandlungen ausüben können. Aber dieses Wahlresultat beweist, daß die antisemitische Herrlichkeit in Wien immer mehr ins Wanken geräth. Schritt die Partei früher von Sieg zu Sieg, so schreitet sie jetzt von Schlappe zu Schlappe. Die Mittel, mit denen sie früher bei den Wahlen zu wirken pflegte, fangen nicht mehr. Vergeblich wurde auch diesmal mit dem schwersten und brutalsten Rüstzeug des Racen-Antisemitismus gearbeitet und vergeblich blieb das Bemühen der Christlich- Socialen, sich ein arbeiterfrrundliches Mäntelchen umzuhängen. Schwere Wunden hat die Antisemitenwirthschaft unserem öffentlichen Leben geschlagen. Stadt und Land tragen an ihren Folgen. Erst wenn ein Gewitter die letzten Stämme niedergeworfen hat, wird man freier aufathmen können. Eine antisemitische Volksvertretung. Wie eine antisemitische Volksvertretung beschaffen ist, zeigt sich klar beim Niederösterreichischen Landtag, deffen weitaus überwiegende Mehrheit der antisemitischen Partei angehört. Der Vorsitzende ist geradezu das Beispiel der Parteilichkeit, und die Mehrheit überbietet an ordinärer Beschimpfung der Gegner Alles, was je in einem öffentlichen Vertretungskörper gewagt worden ist. Man nehme nur die vorletzte Sitzung: da flogen die „Frecher Judl", „Ruhig Jud!", „Stalldeutsche Schweine-

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