Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 446 Nr. 26 Vr. Bloch's Hand zur Faust. „O, wenn ich ihn da hättr, den Meschumed/) mit dieser meiner Hand wollte ich ihn erwürgen!" ■ Ihr war, als ob ihr Heiligstes vor ihr niedergesunken wäre, aus das ein Ruchloser seinen Fuß gesetzt und es zertreten hätte. O, ihre Sarah! Ihr Ideal! Wie hatte sie sie angetroffen, in welcher Entwürdigung, in welcher Zerknirschung! Einige Tage spater erhielt Herr Koreff ein vertrauliches Schreiben von Frau Levitus, Blimeles Mutter. Dieselbe schrieb ihm, daß Blimele ihr erzählt hätte, daß Sarah körperlich sehr angegriffen sei, sich vermuthlich nach der letzten Krankheit nicht recht erholt habe, wie uothwendig es für die Kranke sei, in andere Verhältnisse zu kommen. Als Grund für ihre Niedergeschlagenheit habe Sarah ihrer Vertrauten Blrmele angegeben, daß sie eine krankhafte Sehnsucht darnach empfi.ive, mit Glaubensgenossen in Verkehr zu treten, was bei dem Verhältnisse der Koreffs zu den Killeleuten nicht auszuführen sei. Hatte ja Frau Golde auch an dieser Sehnsucht gekrankt und war schließlich daran zu Grunde gegangen. Sie bitte daher Herrn Koreff, ihr, der Levitus, Gelegenheit zu geben, einen kleinen Tyeil der von ihm empfangenen Wohlthaten dadurch abzutragen, daß er Sarah gestatte, die Sommermonate in ihrem Hause zu verbringen. Sie habe eine geräumige Wohnung mit anstoßendem großen Obstgarten und könne dem Fräulein für vollständige körperliche Pflege, ebenso wie anregenden geistigen Genuß bürgen. Koreff hätte diese ihm lächerlich scheinende Zdee von vornherein kurz zurückgewiesen, jedoch der Hinweis auf den Tod seiner geliebten Golde, die thatsächlich das Opfer ihrer abgeschloss neu Lebensweise geworden, hatte ihn so tief erschüttert, daß er uachgegeben hatte. Sarah glich in Allem ihrer verewigten Mutter, konnte nicht eine Laune, wie diese, traurige Folgen nach sich ziehen, wie es thatsächlich bei derselben geschehen war? Sarah reiste wirklich kurz nach dem Besuche Blimeles zu Frau Levitus ab, wo sie jedoch nur kurze Zeit verblieb, sondern mit Blimele nach Warschau fuhr, woselbst für eine bequeme Wohnung vorgesorgt war. Nach Ablauf einiger Monate fuhr Sarah von Warschau direct nach Hause, während Blimele zu ihrer Mutter zurückkehrte. Sie brachte ein kleines Kind mit, einen schönen Knaben, angeblich das Kind nach ihrer in Warschau verstorbenen Schwester. Dte Leute im Dorfe und in der Ktlle kannten die Famiüenverhältnisse der beiden Frauenzimmer, die der Zufall in thre Mltte geführt hatte, nicht, und so fiel es Niemanden ein, die bescheidene, sittsame Blimele für die Mutter des Kindes zu halten, trotzdem sie ihm eine mütterliche Sorgfalt und Zärtlichkeit angedecheu ließ. Erst als Feibisch ins Haus kam und sich um Blimele bewarb, erklärte sie ihm im Vertrauen, daß Dawidl ihr eigenes Kind ser, welches sie auch dann, wenn sie heiratete, bei sich vehalteu wollte. Nur unter dieser Bedingung könne sie seine Bewerbung annehmen, sonst müßte sie darauf verzichte». Es war dies dem Bewerber schon aus dem Grunde recht, denn das Kind war ja eigentlich die erste Veranlassung gewesen, daß Feibijch der Familie seiner Wirthe näher getreten. Er war einstmals in Begleitung eines reisenden Chasen als dessen Chorist an einem Donnerstag Abends in die Kille gekommen, und nachdem sich dte ganze Truppe im Hause des Roschhakohls%) vorgestellt hatte, brachte er zu Levitus erneu Zettel an denselben, worauf der Befehl stand, daß die Wirthsleute den fremden Sängern eine Stube einräumen und dieselben auf Gemeindeunkosten wohl bewirthen mögen. Folgenden Tages, am Freitag Vormittags, kam der beim Vorsteher einquartterre Chasen ebenfalls ins Wirthshaus und da wurde im Giebelzimmer, welches die Sänger bewohnten, Generalprobe gehalten und besonders ein neuer L’chudodi eingeübt, auf dessen Componirung sich Feibisch nicht wenig zu Gute that. Die Frauen gingen ihrer am Freitag vermehrten Beschäftigung nach und da gaben sie auf das zweijährige Dawwl wenig Acht, in der sichern Meinung, daß er sich, wre gewöhnlich, wenn er sich allein überlassen war, mit seruem maunigfacheu Spielzeug, das er von seiner reichen Gevatterin, so wurde Sarah benannt, zum Geschenke erhalten hatte, beschäftigte. Es war Mittag geworden. Blimele trug das frugale Mittagmahl auf den Tisch und ries nach Dawidl. Aber kein Dawidl ließ sich blicken. Man suchte das Haus, deu ganzen weitläufigen Garten ab, hielt in allen Nachbarhäusern Umschau, umsonst! Bon Dawidl war keine Spur. Blimeles bemächtigte sich ') Abtrünniger. *) Vorsteher. Wochenschrift. Todesangst; ohne zn wissen, was sie. that, rannte sie die Treppe, die zum Giebelzimmer führte, empor, von wo noch immer jener schwermüthige Gesang erschallte, mit dem der Sabbath eingeweiht wurde, jener Sang, der dem verachteten Sclaven von seinen Ketten löst und ihn für die Dauer eines Tages zum freien Manne erhebt. Blimele hatte kein Ohr für diese Töne. Mit wilden Ungestüm riß sie die Thüre auf, und was sah sie da? An der Seite des mit dem Violinbogen den Tact gebenden Chasen inmitten der wild und vernachlässigt aussehenden Männer saß Feibisch, klein Dawidl auf seinem Schoße haltend. Das Kind saß da, ohne Furcht vor den fremden Männern, ohne auch die geräuschvolle Ankunft Blimeles, welche die Sänger mit einem Male verstummen machte, zu beachten. Alles Denken und Sinnen des Kindes war in seinem Gehöre concentrirt. Der Gesang der fremden Männer hatte den Kleinen fast unbewußt die steile, für ihn gefährliche Wendeltreppe erklimmen geheißen. Ohne auch nur zu stolpern, gelangte er bis vor die Thüre des Zimmers. Da mußte er Halt machen, den die Klinke der Thüre war für ihn, weil zu hoch, unerreichbar. Da setzte sich das Kmd auf die Schwelle, den Kopf an die Thüre gelehnt und und lauschte athemlos mit glühenden Wangen den Tönen, die durch die geschlossene Thür aus dem Zimmer zu ihm drangen. Im Zimmer war es schwül geworden. Feibisch wollte aus diesem Grunde die Thüre öffnen, und da erblickte er das Kmd, das da still und unbeweglich saß. „Wem suchst Du da, Züngele? frug er das Kind, dasselbe auf seinen Arm nehmend. „Singen!" war die einzige Antwort des Knaben, dessen Wortschatz noch ein sehr beschränkter war. „Also, Du willst zuhören?" Das Kind nickte statt aller Antwort bejahend mit dem Kopfe. Bist ein schön Züngele, wirst auch mal ein Chasen werden, is wahr? Das Kind nickte voll Befriedigung mit dem Kopfe, als - verstünde es bas, was zu ihm gesprochen wurde. Als Blimele das Kind aus dem Schoß des fremden Mannes erblickte, stutzte sie ansängitch, dann wenbete sie sich entschuldigend an den Cyasen: „Das Kmd stört Euch da, Leutl, ich nehme es gleich fort, damit Ihr weiter singen könnt." „Gott behüte", riefen Alle wie aus einem Munde. „Nit rührt es sich", fuhr der Chasen fort, „wie verkiselie^vt *) sitzt es da und hört zu. „Das Künstlerolur regt sich frühzeitig in ihm", murmelte Blimele und wollte das Kino nn sich nehmen, um eS herunter zu tragen. Feibisch, der damals noch ein „schmucker Jung", wie man sagte, gewesen, war so galant und wollte ihr das Kino nicht geben. Es ist unbedingt zu schwer für so eine ferne Maid/ ich werde es allein herunlertragen. Dies war der Anfang der Bekanntschaft zwischen Feibisch und Blimele. Am Freitag Abends war die Synagoge gepropft voll Leute, und selbst oie jungen Mädchen aus der Kille waren in der Werberschul erschienen, trotzdem der Gebrauch. die unverheirateten Frauenzimmer von oem Besuche der Synagoge ferne hielt. Aber solch' einen Chasen zu hören, das kriegt mau nicht alle Tage, und so wurde an diesem bedeutungsvollen Abende eine Ausnahme gemacht. Den eigentlichen Savvathgoltesdienst andern Tages woynlen wieder die verheirateten Frauen bei. Durch die kleinen Lücken des' dichten Holzgitters, welches die Frauenabthellung von der eigentlichen Syliagoge lrennie, lugte gar manches schwarze Auge wohlgesällig auf die fremden Sänger in deu säubern Kaftans und dem nieoeren Barette herab, und namentlich Blimele konnte keinen Blick von Feibisch wenden. Gar kein Wunder, so dachte sie, daß sich Sarah von so einen Säuger blenden ließ; ich bin nicht musikausch und verstehe nicht zu singen und zu spielen wie sie, aber mit dem schwarzen Zungen da unten, der mein Dawiol so gern hat, mit dem möcht' ich durch Dick und Dünn gehen! Diese Zuneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Dawidl war der Anfang der Bekanntschast gewesen, bas weitere Werben gmg feinen gewohnten Gang. Ohne dass erne prunkvolle Hochzeit gefeiert wurde, ganz irr der Sülle wurde aus Feibisch und BUmele ') Verzaubert.