Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 26 Sr. Blvch's Wochen fchrM. Sette 44k Wien. Unter ungewöhnlich großer Betheiligung aller Gesellschaftsklassen wurde am irr. d. M. der Besitzer des Hotels „De l'Europe", Herr M. Winternitz zu Grabe gelragen. Als armer Jüngling verließ er das Elternhaus und kam im Jahre 1872 nach Wien. Hier erwarb er sich alsbald durch seinen Fleiß, Redlichkeit und Wohlthäligkeit einen gut klingenden Namen. Das Hotel „De l'Europe", verbunden mit einer bestrenommirten, rituellen Restauration, blühte unter seiner umsichtigen Leitung auf, und erfreut sich heute selbst tm Auslande eines sehr guten Rufes. Leider konnte der Dahingeschiedene — ö6 Jahre alt die Früchte seiner Hände Arbeit nicht lange genießen, indem er am 10. d. M. einem Herzschlage erlag. Seine Bahre umstanden außer der tief gebeugten Witwe, mit der er 33 Jahre in glücklichster Ehe lebte, fein Bruder H. L. Wmternitz, zwei Schwestern, viele Neffen und Nichten, denen er Zeit seines Lebens väterlich zur Seite stand. Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. S ch m i e d l entrollte in seinem tief empfundenen Nachruf ein treffliches Bild von der Individualität des allseits beliebten und geachteten Berblichenen. Die cantoralen Functionen verrichtete Herr Obercantor Guttmann. Selbst ergriffen durch das plötzliche Ableben eines seiner wärmsten Freunde und Verehrer, wirkte sein Gesang auf die zahlreich erschienenen Trauergäste geradezu erschütternd. Beileidskundgebungen aus allen Richtungen der Windrose geben beredtes Zeugniß von der Popularität, deren sich H. M. Winternitz erfreute. Das zurückgelassene, herrliche Etablissement möge unter der Leitung seines trefflichen Bruders H. Leopold W i u t e r n i tz und seines Steffen, des genialen und liebenswürdigen Directors Sigm. L ö w y fortvtühen und gedeihen und dem so jäh dahingegangeuen Begründer des Hauses möge die wohlverdiente Ruhe beschieden sein. Wien. (Baron Rothschild für das Heine- Denkmal.) Baron Natyaniel Rothschild hat zu Hanoen der Redaction des- „Neuen Wiener Tagblatt" 5000 Kronen für das Heine-Denkmal von Hasselriis gespendet. Florrdsdorf. Sonntag den 30. d. M. feiert Herr Marcus D u l d n e r mit seiner Gattin, Anna, das Fest der goldenen Hochzeit rui engsten Familienkreise. Auspitz. Bei der am 13. v. M. vorgenommenen Wahl der Vertretung der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde wurde Hekr Ignaz Aschkenes als Vorsteher wiedergewäylt. Zum Vorstands-Stellvertreter wurde Herr Leopold Krakauer i eugewählt. Datschitz. Der hiesige sehr beliebte Cantor und öffentliche Religionsleyrer Herr Otto Friedländer wurde von der allehrwüroigen Gemenide Plesling nach einem am jüngsten Sadbath mit großem Beifall abgehaltenen Vortrage per Acclamation zum Canlor und Religionsleyrer ernannt. Albany. (I n e i n e r Synagoge g e t a uf t) Im Tempel Beth-Eteu vollzog sich unlängst ein seltsames Ereigniß. Es wurden dort nämlich zehn Kinder christlicher Ellern getauft. Das war nur deshalb gestattet, weil die israelitische Gemeinde der methodistisch-episcopalen Trimty- Gemeinde, deren Kirche kürzlich abbraunte, die Synagoge zur Abhaltung des Gottesdienstes überlassen hatte. Csakalhurn, 24. Juni. Der mit ausgezeichneten Stimmmitteln begabte Obercantor Herr Jakob Weiß verließ den hiesigen Posten und folgte in derselben Eigenschaft einer ehrenvollen Berufung nach Carlsbad. Herr Weiß hat sich durch seinen biederen Charakter, strengen, religiös-sittlichen, moralischen Lebenswandel und äußerst gewissenhafte Pflichterfüllung die wärmste Sympathie aller Gemeindeangehörigen erworben; sein Abgang wird daher allgemein bedauert. L. Loschitz» 23. Juni. Eine, lebhafte Bewegung geht durch die hiesige Judenschaft; die bisher beobachtete Indolenz schwindet und frisches Leben pulsirt in der hiesigen Cultusgemeinde. Seit einer Reihe von Monaten waren einige Ausschußmitglieder bestrebt, das seit vielen Jahren bestehende Statut einer Abänderung zu unterziehen. Die Hauptprincipien, um die es sich bei der Abänderung des Statutes handelte, war die Abschaffung einiger seit Jahren hier bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen. Daß es dabei nicht ohne Kämpfe abgehen konnte, ist ja natürlich. Dies brachte die meisten Mitglieder unserer Gemeinde in Harnisch und sie kämpften fast wie ein Mann dagegen. In den heute Nachmittags stattgehabten Neuwahlen des Cultusausschusses wurden daher einige Herren gestürzt. Es wurden dabei die Herren Carl Ehrlich zum Vorsteher, David Hirsch zum Vorsteher-Stellvertreter gewählt. Herr Carl Ehrlich besitzt ein schönes Renommee und zählt zu den hervorragendsten, und angesehensten Mitgliedern ilnserer Stadt. In den engeren Ausschuß wurden gewählt die Herren: Israel Fischer, Josef Groß, Hermann Langer, Dr. M. H i r s ch, Leopold Hochwald und Josef Werner. Unsere Gemeinde rann sich zu dieser überaus günstig ausgefallenen Wahl gratuliren. Vor einigen Wochen fand unter dem Vorsitze der Präsidentin Frau Caroline Ehrlich die fünfte Generalversammlung des Israelitischen Frauenvereines statt. Es ist dies einer der jüngsten Vereine unserer Gemeinde, der nunmehr seinen fünften Jahresbericht veröffentlichte. Es ist aber auch einer der wenigen Vereine, die mit Ausschluß jeder Reclame, ja fast in ängstlicher Verborgenheit seine Wirksamkeit entfaltet. Diesen Verein, der sich in der Ausübung seiner segensreichen Thätigkeit weder auf seine Mitglieder, noch auf eine bestimmte Kategorie von Notbleidenden beschränkt, kennen außer den wenigen — kaum 100 — Mitgliedern nur die vielen, vielen Unglücklichen, denen er seit seinem Bestehen in der mannigfaltigsten Weise zu helfen bemüht war. Stets darauf bedacht, seinen Wirkungskreis bis zur äußersten Grenze seiner materiellen Leistungsfähigkeit, sowie der Arbeitskraft seiner Vorstandsmitglieder auszudehnen, hat sich der Verein in den wenigen Jahren seines Bestehens zu einem der segensreichsten Vereine gestaltet. Bei der vorgenommenen Vorstandswahl wurden einstimmig gewählt: die Gründerin und verdienstvolle Leiterin des Vereines Frau Caroline Ehrlich, Gattin des neugewählten Cultusvorstehers, als Präsidentin, Frau Charlotte Fischer als deren Stellvertreterin, Frau Rabbiner Dr. Amalie G ü n z i g, Schriftführerin, Frau B a d e r l, Cassierin; in den Ausschuß wurden gewählt: Frau E i s n e r, Frau E ck st e i n und Frau Langer. Esseg. (Telegramm der „Oesterr. Wochenschrift'). Zum Oberrabbiner unserer Cultusgemeinde wurde Dr. Simon Ungar aus Szeget gewählt. Belgrad. Dank dem freisinnigen Geiste des Königs Alexander genießen unsere Glaubensgenossen in Serbien eine sichere Ruhe. Zwar gibt es, wie überall, auch bei uns einige Antisemiten, aber sie sind bis jetzt noch unschädlich geblieben. Neulich richtete ein Pope eine Bitte an den Metropoliten, um den Chrlsten zu verbieten, daß sie sich der jüdischen Geburtshelferinnen bedienen. Der hochwürdige Kirchenfürst würdigte den Bittsteller nicht einmal einer Antwort. Christiania (Norwegen). Bor etwa drei Monaten war in der hiesigen Dreieinigkeitskirche ein kostbarer filberner Altarleuchter im Werlhe von über 2000 Kronen gestohlen worden. Der Dieb wurde trotz einer von der Staatsanwaltschaft ausgeschriebenen Belohnung nicht endeckt. Da wurden kürzlich dem hiesigen Antiquitätenhändler Jacobowsky seu. Silberklumpen verschiedener Größe angeboten. Jacobowsky faßte Verdacht, stellte den Silberverküufer, und der Kirchenräuber war endickr. Herr Jacobowsky lehnte die von der Staatsanwaltschaft ausgesetzre Belohnung ab. Kiew. (Polizeiliche Hausdurchsuchung.) Die hitsige Polizei hat kürzlich eine äußerst genaue Durchsuchung der jüdischen Arbeiterwohnungen vorgenvmmen und dabei 400 Juden gefunden, die nicht das Recht haben, in Kiew zu wohnen. Der größte Theil dieser ohne Aufenthaltserlaubniß hier gefundenen Juden ist in Haft genommen worden und soll per Schub ihren respectiven Heimatsbehörden zugeführt werden. Constantinopel. (V e r st e ck e n s p i e l e n.) Juterefiant ist die Art, wie die officiellen hiesigen Blätter die Ordensverleihung an Dr. Theodor Herzl veröffentlichen. Die türkischen Blätter melden, daß einem der Notablen von Wien der Orden verliehen worden sei; die in französischer Sprache erscheinenden Blätter geben bekannt, daß Herr Dr. Herzl, einer der Redacteure der „Neuen Freien Presse", den Orden erhalten habe. London. Dr. S ch e ch t e r, Lector des Talmud an der Universität zu Cambridge, ist für das Jahr 1901/1902 zum Curator der orientalischen Literatur an dieser Universität ernannt worden. Feuilleton. Der Unessane tokef. Novelle von Gabetta Fried in Prag. V. B l i m e l e. Beruhigt trat Sarah langsam den Heimweg an. Zu Hause angekommen, begab sie sich sofort in ihr Zimmer, setzte sich an ihren kunstvoll verzierten Schreibtisch, entnahm der Mappe ein zart duftendes Papier und schrieb einen kurzen Brief, dessen Besorgung ihr getreuer Maschko übernahm. Der Inhalt dieses Brieses war folgender: „Theuerste Freundin! Komme sofort zu mir, ich bedarf Deiner. Sarah." Der Brief trug Blimeles Adresse. Zwei Tage später erschien Blimele scheinbar unerwartet im Koreff'schen Hause und fand daselbst eine derartige Aufnahme, wie sie die bevorzugte Stellung, die sie ehemals im Hause hatte, mit sich brachte. Nach allgemeiner herzlicher Begrüßung zogen sich die Freundinnen in Sarahs Zimmer zurück, woselbst sie, in ein trauliches Gespräch vertieft, stundenlang verweilten. Als Blimele das Haus verließ, hatte sie rothgeweinte Augen, und draußen ballte sie mit wuthverzerrtem Antlitze die