Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021412--10967-3035477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 26 Dr. Blach'- Wv^renschE. Seite 443 sammelten Bibliothek alle Werke auszuwählen, deren Besitz ihm wünschenswerth erschien. Unter den etwa 800 Werken, welche die Stadtbibliothek auf diese Weise erhielt, befindet sich eine größere Anzahl von hebräischen „Inkunabeln," worunter mehrere auf Pergament; überhaupt zählt man im Ganzen sechzehn ..Pergamentdrucke". Eine große Bereicherung findet insbesondere der schon durch die Schenkung der Bibliothek Berliner bedeutende Bestand an „Ritualien", von denen einzelne Unika sind, andere sich außerdem nur noch im Britischen. Museum in London befinden. Die Bibliothek ist in trefflichem Erhaltungszustand; eine Reihe „kunstvoller Einbäckde" wird eine Zierde der Stadtbibliothek bilden. Die Schenkung, mit welcher sich die Stifterin ein großes Verdienst um die Wissenschaft und um nr.sere Stadt erworben hat, ist von der Stadtbibliothek bereits übernommen und wird daselbst als „Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild'sche Stiftung" zur Aufstellung gelangen. Berlin. Der Vorstand des „Vereines zum Betriebe der jüdischen Ärbeitercolonien in Weißensee" bei Berlin setzt sich zusammen aus den Herren: Professor Dr. Philippsoän, Rentier Eng. Rosenstiel, Marcus Adler. Dr. P ul Nathan. Rechtsanwalt Dr. L a n d a u. Fabrikant Mor'tz Rosenow, Theodor L u st i g, Louis Sachs, Rechtsanwalt Lilienthal, Jlia B e r. Martin Simon, Sigmund Bergel, sämmtliche in Berlin, und Charles L. Hallgarten- Frankfurt a. M. In der constituirenden Sitzung des Vorstandes wurde Herr Ena. Rosenstiel zum ersten, Herr M. Rosenow zum zweiten Vorsitzenden, Herr Bergel zum ersten, Herr Jlia Ber zum zweiten Schriftführer. Herr Lustig zum ersten und Herr Marcus Adler zum zweiten Schatzmeister ernannt. Die Eröffnung der Arbeiter-Colonie ist zum 1. November d. I. in Aussicht genommen. Die räumliche Eintheilung des Anstaltsgebäudes, das nach den Plänen der Architekten Hoeniger und S e d e l m a i e r von der Baufirma Lachm a n n und Zauber ansgeführt wird, gewährt einen ausgezeichneten Eindruck. Im Untergeschoß liegen außer der Portier- Wohnung die Brause- und Warmbäder, die Desinfectionsaustalt, die Wirthschafts- und Borrathsräume. Das Hochparterre enthält den Betraum, den Eßsaal, die Bnreaux und die Küche. Den l. und II. Stock nehmen zwei große Schlafräume und die B'amtenwohnungen ein. Die Werkstätten sind in zwei große Arbeitsränme und einen Material-Schuppen getheilt. Berlin. Die vielbesprochene Unterredung des Kaisers mit dem Director Ballin der Hamburg- Amerikalinie, über die bereiis die verschiedenartigsten Versionen aufgetaucht sind, kann noch immer nicht zur Ruhe kommen. Der „Hamburgische Correspondent" will zu der Erklärung ermächtigt sein, daß die von verschiedenen Zeitungen verbreiteten Gerückte über ein Gespräch des Kaisers mit dem Generaldirector Ballin bezüglich der Uebernahme eines Ministerpor^eseuilles unbegründet seien. Ebenso seien Aeußerungen des Kaisers über die Religionszugehörigkeit Ballin's nicht gefallen. Dem gegenüber können wir aus ganz authentischer unanfechtbarer Quelle über die vom Kaiser Herrn Director Ballin gezollte Anerkennung seiner Leistungen Folgendes mittheilen: Der Kaiser hat Herrn Ballin allerdings niemals ein Reichsamt oder Ministerium zugedacht oder zu ihm von einer derartigen Absicht gesprochen, dagegen hat er ihm den Adel angeboten. ' Als Herr Ballin diese Ehre unter Geltendmachung ‘ verschiedener Gründe ablehnte, die aber der Kaiser sämmtlich als hinfällig zurückwies, rückte Herr Ballin endlich mit dem Argument heraus, daß er Jude sei. Darauf that dann der Kaiser die Aeußerung, es sei dies kein Hinderunqsgrund, nahm indessen von seiner Absicht Abstand und verlieh Herrn Ballin die hohe Ordensauszeichnung. Das ist der wirkliche Hergang der Sache. Worms. Am 26. und 27. Mai fand hier das II. Hessisch- Pfälzische Musikfest statt unter Betheiligung der Vereine von Darmstadt, Alzey. Landau und Neustadt. Dieses großartig verlaufene Musikfest hat insoferne auch Bedeutung für eine jüdische Zeitschrift, weil am ersten Tage die „Zerstörung Jerusalems" von Klughardt aufgeführt wurde, ein sowohl für Chor als auch Orchester großartiges Werk, welches die Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus behandelt. Die Klage und der Jammer der. bis zur Verzweiflung kämpfenden Juden, der Sieg der Römer kommen hier ergreifend zum Ausdruck, und versöhnend und be» ruhigend wirkt der SÄlußchor in den Worten: „Der Israel zerstreuet, der wird es auch sammeln wieder, und wird seines Volkes hüten, gleichwie seiner Heerde ein Hirt. Ich bin barmherzig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen. Und der Herr wird alle die Thränen abwisch-n vom Angesicht, und wird in jeglichem Lande aufheven die Schmach seines Volkes; denn der Herr hat solches gesagt." Am zweiten Tage stand Prof. Gernsheim- Berlin, ein geborener Wormser, am Dirigentenpulte. Es erfüllt uns mit Stolz, daß ein Glaubensgenosse großartige Triumphe gefeiert hat. Diesem Concert wohnte auch der Großherzog mit Gemahlin und andere Fürstlichkeit eil bei. Ehe der Grvßherzog in's Festhaus eintrat, nahm er für die anfgeftefiteu Hüsfta-Bereine den Rapport des Hauptmanns. a. D. Gernsheim entgegen. Paris. Eine hier stattgehabte Cmnereu.z hat von den zahlreichen Berichten Kenntniß genommen, welche den ernsten Nothstand bestätigten, unter dem die Inden Rumäniens durch die Doppelw'rkuug der Restrictiv-Gesetze und die das Land hermsuchende öconomische Krisis leiden. Eine Reihe von Vorschlägen, welche daraus abzielen, die gräßliche Calamität ju lindern, wurde geprüft und besvrochen, namentlich soweit sie sich aus bereits bestehende Hilfseinrichtungen, aus die Volksküchen, auf die Schaffung von ^Arbeitsstätten, Darlehens-Casftn rc. bezogen. Es wurde beschlossen, vorläufig diese Institutionen, welche in einer Krise, deren Ende sich noch nicht adseheu läßt, große Dienste geleistet haben, ausrecht zu erhalten und zu dem Zwecke einen erneuerten Appell an die Hochherzigkeit unserer Glaubensgenossen zu richten. Paris, im Juni. (Ein. Rothschild als Arzt.) Ja der Rue de Picpns Hierselbst steht ein Hans, welches schon von weitem die Aufmerksamkeit des Vorübergehenden auf sich zieht. Nicht durch seine Bauart, denn es ist ein einfaches, zweistöckiges Gebäude, sondern durch die zahlreichen Kinderwagen aller möglichen Art und Größe, die unausgesetzt die Straßen blockiren, und inmitten derselben ein selten schönes Automobil. Das Gebäude ist das „Hospital de Rothschild," die vielen Kinderwagen harren ihrer Insassen, die hierher gebracht worden find, und das Automobil gehört dem Baron Henry de Rothschild, jetzigem Haupte der Familie Rothschild in Paris, Besitzer, Leiter und Chefarzt des „Hospital de Rothschild". Ihm zur Seite steht eine Anzahl tüchtiger Aerzte, darunter zwei Damen für die Frauenabtheilung. Jeden Morgen um 10 Uhr erscheint der Baron aus seinem Automobil, untersucht, operirt und impft. Es sind die Armen und Aermsten aller Confessionen, die sich hier zusammenfinden, und so manches andere Leiden ist hier schon gelindert worden, welches mit Gesundheit und Krankenhaus gar nichts gemein hat. Paris. In der französischen Deputirtenkammer hat wieder einmal die Sache der Freiheit und der Humanität gesiegt. Die Berathung der Unruhen in Algier hat ihren Abschluß in sehr würdiger Weise gesunden. Die Antisemiten haben aber dabei sehr schlecht abgeschnitten. Eduard Dcumont. der bekanntlich ein sehr schlechter Redner ist, suchte durch wüste Schimpfereien und durch große Scandalscenen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, was ihm sonst in der Kammer nicht gelungen wäre. Er nannte den Präfecten von Algier, Lutand, einen Schurken und behauptete, daß in der Regierung „übelberüchtigte" Persönlichkeiten säßen. Auf Antrag des Präsidenten beschloß die Kammer, über Mr. Drumont die Censur mit zeitweiliger Ausschließung zu verhängen. Er zog seine Beschimpfungen aber nicht zurück, um sich heroisch unter dem Ruf: „Es lebe die Armee! Nieder mit den Juden!" von einem Dutzend Infanteristen aus dem Saal führen zu lassen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung besprach der Ministerpräsident Waldeck-Rouffeau die Ereignisse, welche die Interpellation veranlaßten, und die allgemeine Politik in Algier. Er erklärte, die Regierung werde bei der Kammer beantragen, daß die Polizei der Stadt Algier fortan einem Regierungspräfecten unterstellt werde. Nach dieser von allgemeinem Beifall begleiteten Rede nahm die Kammer durch Handaufheben den ersten Theil einer von Martin eingebrachten und von der Regierung angenommenen Tagesordnung an, in welchem es heißt: „Die Kammer mißbilligt jeden Fanatismus und alle religiösen und Racenstreitigkeiten." Sodann nahm das Haus mit 353 gegen 82 Stimmen den zweiten Theil der Tagesordnung an, welcher lautet: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und rechnet auf das thatkrästige Vorgehen derselben, um in Algerien diejenige Ruhe herzustellen, welche für die Entwicklung der Colonisation im Interesse der französischen und der einheimischen arbeitsamen Bevölkerung unerläßlich ist." Die Antisemiten werden noch lange an diesen Mißerfolg denken. Es steht zu hoffen, daß nunmehr die Regierung mit eiserner Consequenz die Ruhe dem hart bedrängten Land wiederherstellen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.