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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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itUM— . im—BiwtamB>ai Nr. 26 Sx. VWch'S Werkzeuge. Diese Werkzeuge sind zerbrochen. Aber die Hand ist nicht abgehauen, die sie geführt hat. In wessen Interesse hat Herr Ugron gearbeitet? Nur in dem Seinigen? Durchaus nicht. Hinter ihm standen Parteien, eine bieÄif)n offen, eine die ihn geheim zu den Ihrigen zählte, und was -an Schande auf sein Haupl gehäuft wird, muß auf diese Parteien zurückfallen. Nur wenn man allerorten das verrätherische Treiben dieser Parteien klar erkennen und sich endlich von diesen lossagen wird, kann der Rimler-Ugron-Scandal die Früchte zeitigen, die seine Aufdeckung mit sich führen sollte. Wenn aber dies nicht geschähe, dann hätte doch wieder nur Mephisto, Recht: Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben. Und es zeigt sich nun wohl für Aller Augen erkennbar, daß nicht die Juden die Bösen sind. A. W re n e r. Die letzte Stunde für die jüdischen Hausirer. Nicht nur die Todten reiten schnell, auch die viele Jahre hindurch verrostet gewesene Gesetzgebungsmaschine hat mit Butzeseile die Gewerbenovelle, wre die Aenderung der § 59 uud 60 des Gewervegesetzes bezeichnet wird, votirt. Wohl ist das Votum des Herrenhauses noch ausständig, alleist es hieße sich einer Illusion yingeben, wollte man erwarten, daß auch nur die allergrößten Härten zu Gunsten der Hausirer beseitigt werden dürften. Warum aber auch! Die Hausirer selbst haven sich in ihrer Ohnmacht zu wenig zur Wehre gesetzt; man kann ihnen diesen Mangel an Muth eigentlich nicht-verübeln, zu sehr sind sie von Nahrungssorgen bedrückt und im Kamps um das tägliche Brot heruntergekommen. Mit fatalistischer Ruhe scheu sie der Zukunft entgegen, die für sie die Vernichtung der Existenz bedeuten wird. Bon keiner. Seite ist ihnen Hilfe erwachsen, kein Frager hat sich gerührt, um von ihnen das drohende Unheil abzuwehren. Wohl befinden sich im Abgeordnetenhause Männer, die zur Wahrung der industriellen Interessen Nicht aur berufen, sondern auch designirt sind; diese jedoch fanden es liicht für opportun, sich für die jüdischen Hausirer zu echauffireu. Aber auch jüdische Abgeordnete sitzen in der Deputirtenkammer. Ueber diese scheint eine Mundsperre gekommen zu sein, sie ließen kein Sterbenswörtchen für ihre drangsalirten Glaubensgenossen vernehmen. — Es gelangt nun an die jüdischen Hausirer die Frage, was nun? ' Der allergrößte Theil, man kann, ohne auf Widerspruch zu stoßen, behaupten, alle jüdische» Hausirer sind bettelarm, ern eigentliches Betriebscapital besitzen sie nicht, ihr Gewerbe hat ihnen emen solch geringen Verdienst abgeworsen, daß auch bei den größten Eiitbeyruagen einen Sparpfennig zurückzulegen rem unmöglich gewesen ist. Nur wenige der jüngeren und krästtgereii Elemeure unter ihnen werden im Stande sein, sich einem anderen Ecwerbszweige zuzuwenden, für den sie freilich als Morgengabe nichts anderes mltbringeu als ihre gesunden Gliedmaßen. Der allergrößte Theil der oepossedirten jüdischen Hausirer ist alt, gebrechlich, hinfällig und außer Stande, einer Beschäftigung sich zu widmen, die manuelle Fertigkeit und gesunde Körperkras: erforoerr. Viele Tausende jüdische Hausirer werden daher über kurz oder lang der öffentlichen Mildthätigkert verfallen. An unsere Glaubensgeiwssen, vornehmlich aber an die jüdischen Gemeinden tritt die Ausgabe heran, für diese traurige Eventualität vorzusorgen, um von den Ereignissen nicht überrascht zu werden. Es wurde sich wohl die Bildung eines Vereines zur Aushilfe der brotlosgewordenen Hausirer mit dem Hauptsitze in Wien und Filialen in den Provlnzstädten empfehlen, welchen es dann obliegen würde, diesfalls das Erforderliche zu veranlassen. Hoffentlich finden sich beherzte Glaubensgenossen, die die Initiative in dieser Richtung ergreifen. 'Eduard Beer. Hilsner in der Pankratzer Strafanstalt. Leopold Hilsner weilt nurimehr. wie bereits gemeldet wurde, in der Strafaristalr zu Pankratz, um seine lebenslängliche schwere Kerkerhaft abzubüßen. Vorläufig ist Hilsner — wie die „Politik" berichtet — in einer separaten Zelle inhaflirt, bis man einen oder mehrere „passende" Zellengenossen zu ihm gefunden haben wird. Es hat sich nämlich aus den im Plseker Kreisgerichtsgefängnisse gemachten Erfahrungen die Nothwendigkeit erwiesen, Hilsrier von christlichen Häftlingen thunlichst zu separiren, da er von Seite derselben zahlreichen Anrem- P e l u n g e n ausgesetzt war. Es wird über eine Episode berichtet, die sich anläßlich des Transports Hilsner's nach Pankratz auf dem Smichover Bahnhofe ereignet hat. Mehrere Personen, die erfahren hatten, Leopold Hilsner werde auf feinem Transporte den Smichover Bahnhof pajsiren, erwarteten den Zug mit Hilsner. .Als nun der Zug eingetroffen war, sammelten sich vor Wochenschrift. ©dte'436^ dem Coups, in welchem Hilsner gefeffelt unter Gendarmeriebewachung saß, Neugierige an,' welche ihren nicht eben freundlichen Gefühlen unverhohlenen Ausdruck gaben.- j. . Zur Könitz er Affaire. In Könitz, wo bekanntlich die Ermordung des Gymnasiasten Winter zu allerlei Ritualmordmärchen und Hetzen den Antaß gab, sind jetzt mehrere bemerkenswerthe Perfonalveränderungen bei den Behörden vorgenommen worden. Der Oberstaatsanwalt wurde versetzt, der Director des Gymnasiums pensionirt, der Landrath Freiherr v. Zedlitz und Reukirch in den Landkreis Linden, Regierungsbezirk Hannover, versetzt. Der semitische Antisemit Dr. Josef Porzer.* Die Mutter des Herrn Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Joes Porzer, die m Der Kollergaffe (11L Bezirk) . wohnte, war eme hochachtbare Jüdin; sie war die Schwester des einstigen Börsenbesucyers Neuste in, dessen witzige Epigramme über staotbekannte Perfönlichkeiten seinerzeit in Wien curfirten. Das Andenken der eigenen Eltern, zu schänden, ist antisemitische Art oder sagen wir richtiger — Unart. Um in der Partei des Herrn Ernst S ch n e i o e r als würdiger Genosse zu gellen, entblödet sich Herr Porzer nicht, das Andenken feiner Väter zu schmähen. Kürzlich fand hier ein Proceß statt, in welchem Herr Dr. Jv>ef Porzer einen antisemitischen Redacteur gegen den Aovocaren Dr. Frisch a u e r vertrat. Die Angelegenheit selbst, rn weicher es sich um die Familienwäfche des klägerischen Redacteurs handelte und welche das Eharakterbild des arischen Familienleoens naturgetreu vorfüyrle, inrereffirt unS nicht «euer. BemerkeriSwerrh erfchernt uns jedoch eme Aeußerung des Herrn Dr. Porzer, wonach Dr. Frischauer „in seiner durch feine Avflamlnutig veomglen Rachsucht vorgegangen wäre". Der Judenstauiniling spricht von einer angeblich durch die Abstammung vedingtcn Rachsucht! Deswegen wollen wir folgende Thatsachen nochmals in Erinnerung bringen: Der Ahnherr des Herrn Dr. Porzer war ein jüdischer Hausirer ln Mähren, der von Dorf zu Dorf seine Maare ferlbot. Dessen Sohn, der sich einige kaufmännisch« Bildung yrwor-ven haue, zog nach Brünn und nahm, >als Kaiser Josef11» anordnete, daß die Juden Familiennamen sich b.eilegen muffen, den Namen N e u st e l n an. Früher hieß er kurzweg „Reb Jontef". Sein Sohn Heinrich übersiedette Anfangs der Dreißiger-Jahre nach Wien, wo er ein Geschäft mrt rohen Kuh- und Ochfenyäuten etablirte. Mit einem Mädchen Namens Ko hu verheiratet, wurde Heinrich Neustem, der Sohn des »Red Jontef“, Vater mehrerer Kruder, dessen Aeltestes ein Mädchen Namens Betty war, und diese ist die Mutter des Herrn Dr. Porzer. * Herr Dr. Porzer besitzt in Wiener jüdischen Familien mehrere Verwandte, von welchen einzelne in der Wiener israelitischen Eultusgemeinde bedieiistet waren. „Reb Jontef", der Urgroßvater des Herrn Dr. Porzer, hat sich wohl kaum, träumen taffen, daß einer feiner Nachkommen „Antisemit" sein wird, denn er hat als echter Jude das Andenken ferner Eltern hoch in Ehren gehalten. Gelehrte Frauen im Judenthum waren nicht selten, was wir auseine Anfrage eonstatiren. Raschr'S Tochter war fern Seccetär, als er krank, wurde.: Hannah, die Schwester von Rabdenu Tam, unterrichtete die Frauen ihrer Stadt m ihren religiösen Pflichten, und berühmte Rabbinen cttiren ausgezeichnete und gelehrte Frauen, als Autoritäten auf religiösem Geviete. Pellicanus, einer der besten unter den bekannten Theologen und Hebraisten in 'Deutschland zu Anfang des 16. Jahrhunderts, exzähtr in seiner Solbstdrögraphie,- - daß - er zum Studium des Hebräischen veranlaßt wurde,- weil er gehört hatte, daß ein Docwr der Theologie in einer Disputation mit einem Juden über die christliche Religion durch die. .Beweisführung nicht nur dieses Juden, sondern auch einer Jüdin überwunden worden war. In Italien war die Zahl gelehrter Jüdinnen weit größer. Zu diesen gehört die Römerin Paula, aus der Familie des Nathan, Verfaffers des „Aruch," die eine schöne Abschrift vieler Bibelcommentare verfertigte. Immanuel, von Rom erwähnt eme Anzahl Jüdinnen, die sich durch hervorragende Dichtungen anszeichneten.

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