Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 484 ^>r. Llvch's Talmud ersetzt hatte. Dann kamen Pagm, hinter diesen die Rabbiner, Cantoren u. s. w. und hiuter diesen j e n e I u d e n, w-e l ch e den g ewisse» Para gräpheu uus dem Talmud am besten auszunützen wußten." Der Herr Bischof läßt es also ohne alle Gewissensscrupel zu, daß die Vorschriften, Gebräuche und Einrichtungen der jüdischen Religion in seinem eigenen Organe herabgewürdigt und beschimpft werden; er läßt es zu, daß den Bekenneru unseres Glaubens Handlungen und Gesinnungen augedichtet werden, die wohl geeignet wären, „Bürger gegen Bürger aufzureizen." Diese mit den menschenfreundlichen Worten der bischöflichen Anklageschrift in so grellem Widerspruche stehende Notiz hat uns veranlaßt, uns in der Vergangenheit Sr. bischöflichen Gnaden etwas weiter umzuthun, und wir sind dabei zu einer ebenso überraschenden als unerfreulichen Entdeckung gelangt. Wir haben gefunden, daß die Behauptung des Herrn Bischofs, er habe niemals und nirgendwo über den Ritualmord gepredigt, durch die Tatsachen in flagranter Weise Lügen gestraft wird. Vor uns liegt die Nummer 21 des bischöflichen Organes „Obnova" vom 2. November 189a. Sie enthält eine Rede, welche Herr Bischof Brynych wenige Tage vor der Verurtheilung Leopold Hllsner's tut Kuttenberger Processe in der „Katholicka jednota zu Chrast gehalten hat und welche dm Titel führt: „Das Blut." In derselben wurde der Grundgedanke ausgeführt, daß das durch verbrecherische Hand vergossene Blut eine geheimnißvolle Stimme hat,^ die nach Sühne und Gerechtigkeit schreit. Es heißt dann weit«:: „Aus unserem armen, böhmischrn ä hr i scheu Vaterlande schreit aber in diesen Tagen Blut zu Gott, zu seiner G e r e ch 1 i g k e i t." Und .ferner: „Wie man das Evangelium nicht cvufisctreu kann, so kann man auch nicht die Geschichte aus der Welt schaffen. Die „Obnova" brachte unlängst die Geschichte des Märtyrers oder des Kuäbleins Simon v ouTrie nt> wie es am 24. März -1472 geschehen war. (Der Bischof bezieht sich da also ausdrücklich auf die Bluthetze seines eigenen Organs, Sie erzählte nach dem . „Vaterland", wie man nach der gewiffeuhästesteü Untersuchung der ganzen Sache in der Kirche und insbesondere iu der tridentiurschen Diöcese dieses Kuäbleiu als heiligen Märtyrer verehrt, wie man in den geistlichen, von Kirchenbehörden herausgegebenen Gebetbüchern lieft, daß es wie auf das Kreuz gespannt war und daß s.eiu Blut aus Haß gegen Christus vergossen, aufgefangeu und. für die alttestamentarischen Ost erb rode weg getragen wurde. Diese schreckliche Begebenheit ist wie sich der immer wiederholende Ruf : „Sein Blut auf uys und unsere Söhne!" .Der bischöfliche Redner ruft dann aus: „Wenn sich die Staaten nicht bald aufraffen, um die Christen zu schützen, wird etwas daraus entstehen, was Alles, nur kein Segen sein wird", und mahnt schließlich zur Verträglichkeit, die aber nicht darin bestehe, daß sich der Christ sein Blut aussaugen lasse l Aus der Chraster Rede des Bischofs Brynych gehen zwei Dinge mit unwiderleglicher Klarheit hervor: 1. daß der Bischof gerade iu der kritischesten Zeit, als der Hilsner- Pvoech die Gemüther in wilde Erregung versetzte, über den Ritualmord öffentlich gesprochen hat und daß er über ein Aufsaugeu und Wegtragm des Blutes für die „alttestameutarischen Osterbrode" gesprochen hat. Darnach ist also die Behauptung in seiner Anklageschrift, daß er weder in Polnä,' noch in Köuiggrätz, noch sonst irgendwo, weder 1899. noch sonst zu irgend einer Zeit über den Ritualmord gepredigt, nur insoferne keine wörtliche Unwahrheit, daß er nicht gwadezu eine Predigt in der Kirche, sondern nur Wochenschr Hl» Nr. 86 eine Rede in einer öffentlichen Versammlung gehalten hat. Das Verdammungsurtheil aber, das er über einen katholischen Bischof fällt, der den Ritualmord für bewiesen erklärt, Bürger gegen.Bürger aufreizt und so eine Handlung begeht, „nieste verabscheuungswürdiger und verdammenswerther nicht gedacht werden kann", Bleibt aufrecht und richtet seine Spitze gegen ihn selbst. Und nun die Frage: Warum leugnet Bischof Brynych, was schwarz auf weiß in seinem Blatte steht und was er öffentlich gesprochen, warum begnügt er. sich.mit einem billigen außergerichtlichen Vergleich und scheut sich, den Gerichtssaal zu betreten? Warum gestern die blutrünstige Hetze und heute die evangelische Milde? Die Zweisprachigkeit des Herrn Bischofs manifestirt sich so auffällig, daß unwillkürlich der Verdacht entsteht, er habe sich pro foro externo eine ganz andere Sprache zurechtgelegr, als pro toro interno. Auch diese merkwürdige Taktik gehört zu jenen Räthseln der Polnaer Affaire, die noch ihrer Lösung harren. Vom Jahrmarkt des Lebens. Antisemitische Quertreibereien gegen Oesterreich. Die Zeitungslesewelt zeichnet sich im Allgemeinen nicht durch ein besonderes Gedächtniß aus. Jeder Tag bringt neue Eindrücke, neue Miltheilungen, neue Lensationen und drängt dys gestern Geschehene so weit und so kräftig zurück, daß morgen schon vergessen ist, was gestern noch neu war. Wie erst, wenn Monate oder Wochen über ein Ereigniß dahingegangen sind! Da waren vor etlichen Wochen in französischen Blättern empörende Angriffe gegen Oesterreich-Ungarn und gegen hochgestellte Persönlichkeiten zu lesen und mit einer ungemein durchsichtigen Tendenz wurden Zweifel über den Fortbestand dieses Reiches ausgesprochen. In einer hochofficiösen Kundgebung wurden verdientermaßen diese Angriffe gegeißelt und nach Gebühr zurückgewiesen. Es konnte gar keinem Zweifel unterliegen, von welcher Seite diese antiösterreichische Hetze inscenirt worden ist. Nichtsdestoweniger hatte zu jener Zeit ein berüchtigtes Wieiwr Antisemitettblatt die Frechheit, jüdische Journalisten zu verdächtigen, als ob sie es wären, welche sich mit französischen Blättern in antipatriotischem Sinne ins Einvernehmen gesetzt hätten. Für einen ehrlichen und sachkundigen Beobachter war es klar, daß diese Verdächtigung völlig grundlos ist und gar keiner Widerlegung werth war. Die Juden haben wahrlich nicht das geringste Interesse, eine dreibundfeindliche Politik zu machen, eine franco-slavische Verbrüderung gegen das Deutschthum heraufzubeschwören und jenen Elementen Nahrung zu geben, welche gewohntermaßen in allen Staaten und unter allen Völkern Zwietracht säen, während sie den Frieden im Munde führen.' Ueberdies ist es ein um so verächtlicheres Beginnen, den Patriotismus und die Treue der Juden für Oesterreich und die habsburgische Dynastie verdächtigen zu wollen, da in der Geschichte der Juden in Oesterreich nicht nur nicht der mindeste Anhaltspunkt hiefür gegeben ist, vielmehr unzählige Beweise ihrer bedingungslosen Hingebung vorhanden sind — während gerade Diejenigen, welche jetzt die Juden. anzuschwärzen beabsichtigen, in ganz unzweideutiger Weise mit jenen Personen und Parteien in Verbindung standen, deren Feindschaft gegen die Dynastie und die Monarchie notorisch ist. Der denuncialorische Zweck ist nicht erreicht worden, aber man hat es damals unterlassen, den davonlaufenden Dieb zu packen, der „haltet den Dieb" schrie, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken und völlig Schuldlose in Verdacht zu bringen. Nun gibt sich die Gelegenheit, auf jene niederträchtige Verleumdung zurückzukommen. Die Blätter sind voll von dem sogenannten Rimler-Ugron-Scandal. Ein ehemaliger Beamter des ^Ministeriums des Aeußern und der bekannte ungarische Abgeordnete und Haferlieferant Ugron, ein Hauptmacher der sogenannten „Unabhängigkeitspartei" und zugleich eine der Stützen der antisemitischen Fraction dieser Partei, ein wüthender Gegner Oesterreichs und fanatischer Feind der freisinnigen Gesetzgebung, haben zusammen eine - Action gegen . den Dreibund geplant, die Intervention Frankreichs einerseits, die des Czaren anderseits gegen innerpolitische Verhältnisse in Oesterreich angerufen oder anrufen wollen, unter dem Titel einer französischen Banken grün düng in Ungarn nicht nur fremde Gelder zu Wahlzwecken heranziehen, sondern ein Agitationscentrum für politische und — finanzielle Zwecke schaffen wollen. Uns sind die Rimler, Ugron und alle anderen Genossen derselben höchst gleichgiltige Personen; wer von ihnen der Dupirte war, oder etwa als ein Lockspitzel fungirte, läßt uns ganz kalt, ebenso wie wir davon nicht berührt werden, daß man diese Personen, endlich zu den politischen Todten zählt und ihnen den . vollen Lohn für ihre Unthaten aüszahlt. Aber mit den Individuen stirbt nicht die von ihnen vertretene Idee. Ugron, Rimler und Consorten waren nur