Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 25 Sette 429 Vr, Bloch's „Das weiß ich, Fräulein, davon bin ich längst überzeugt; doch bitte ich Euch, man weiß ja nicht, was geschieht, denken auch Sie daran, daß dort in der Verborgenheit des Dorfes zwei treue Herzen für Sie schlagen, das meiner Mutter und meines." Es schien, daß Blimele prophetische Worte gesprochen hatte. Jetzt roar sie ferne und Sarah hatte Niemanden, dem sie ihre innersten Angelegenheiten vertrauen konnte. Ihre Gouvernante war ihr niemals so recht sympathisch gewesen, und überdies blieb derselben nicht viel Zeit für sie übrig. Denn seit Blimele aus dem Hause war, gingen viele ihrer Obliegenheiten an die alte Miß über, für die sie sich durch Abstreifung anderer schadlos halten mußte. Denn von der Zeit, welche sie mit ihrer Lecture zubrachte, ließ sich absolut nichts abzwacken, ebenso wenig, wie sie ihren Nachmittagsschluminer abgekürzt hätte. Die Zeit über, welche Miß Ellen der Hauswirthschafl zuwendete, blieb Sarah gänzlich unbeaufsichtigt. So entging es der Duenna, daß ihr ehemaliger Zögling mit dem Musiklehrer ein Liebesverhältnrß anknüpfte, ein Verhältniß, welches nur allzubald die Grenzen überschritt, welche Anstand, Sitte und Herkommen vorschreiben. Polansky war der erste junge Mann gewesen, mit dem sie in Verkehr gekommen — die Angestellten ihres Vaters zählten ja nicht — und da dieser schöne, geniale Mann vom ersten Momente, da er sie gesehen, die höchste Verehrung für sie belvies, ward ihr Herz alsbald für den in seinem ganzen Wesen so originellen Künstler entflammt. Seine alle Schranken niederreißende Leidenschaft hatte das unerfahrene Mädchen, das von Jugend an der leitenden Hand einer Mutter entbehrte, mitgeriffen, und so lebte sie glücklich im Taumel der ersten, der erwiderten Liebe solange, bis sie zu ihrem Entsetzen die Folgen ihres Fehltrittes bemerkte. Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose. Sie sperrte sich in ihrem Zimmer ein, raufte sich iu wildem Ungestüm das Haar aus und warf sich auf dem Boden umher. Als sie etwas ruhiger geworden, sagte sie sich, daß etwas geschehen müßte. Aber was? Sie wurde krank, doch wehrte sie sich verzweifelt dagegen, daß ein Arzt zu Rathe gezogen wurde. Miß Ellen hatte ihre liebe Noth mit der ungederdigen Patientin. Die natürliche Folge dieses Unwohlseins war die, daß die Mufikstunden unterbleiben mußten. O, das war den armen Mädchen so lieb, sie wollte ihn nicht mehr sehen, den gewissenlosen Verführer, der ihr Vertrauen so mißbraucht hatte. Sie wüthete gegen ihn, gegen sich, gegen Alle. Dann wieder, als der erste Paroxismus vorüber war, überfiel sie eine namenlose Sehnsucht nach dem, der doch ihr ganzes Unglück verschuldet, der sich in ihre glückliche Jugend hineingedrängt hatte und den Frieden aus ihrem Leben verjagte. Wie sie ihn haßte, diesen Menschen, wie sie ihn liebte, diesen Abgott. Nur einmal noch, ein einzigesmal mußte sie ihn sehen, ihn küssen, dann wollte sie sterben! Da die Lectionen ihres Unwohlseins wegen ausgesetzt wurden, suchte sie Mittel und Wege zu finden, mit dem Geliebten an einem anderen Orte zusammenzutreffen. Esglückte ihr dies mit Hilfe klein Maschko's, des jüngsten Lehrburschen ihres Vaters, dessen angeborene Pfiffigkeit ihn dazu befähigte, daß er oft heikle Bestellungen für die ihm wohlwollende Sarah machte. Wie eine Furie stand Sarah ihrem Verführer gegenüber. Dieser sah in ihr das immer noch begehrenswerthe Weib und nicht das bedauernswerthe Opfer seiner Lüste. „Aber was ist denn daran, Geliebte?" entgegnete er auf ihre in wilder Hast hervorgesprudelten Vorwürfe, „der Fall ist nicht vereinzelt in der Welt, weder der erste noch wird es der letzte sein; das ist ja etwas ganz Alltägliches und geschieht in den höchsten Kreisen. Freilich kannst Du unter solchen Umständen nicht in Deinem Vaterhause verbleiben. Halte Dich daher bereit, ich werde meine hiesigen Verbindungen ganz in der Stille lösen, und' wir fliehen dann geheim aus der Stadt, aus dem Lande. Ich weiß ein Plätzchen am Strande der grünen Adria, das wie geschaffen zum trauten Liebesleben ist; ich selber habe dort — erschrocken hielt er inne, war er doch im Begriffe, zu verrathen, welche Liebesromane er in den Armen einer anderen Schönen genossen. Der in Einsamkeit ausgewachsenen Sarah war die weltliche Verderbtheit derart unbekannt gewesen, daß sie Polansky's Jnneh alten mitten im Satze gar nicht bemerkte und die augenscheinliche Verlegenheit ihres Geliebten einer anderen Ursache zaschrieb. Nun kam sie auf seinen Vorschlag zurück. Wochenschrift Fliehen? Ehe wir vor Gott und Menschen ein Ehepaar geworden. Wie kannst Du nur so erbärmlich sein, mir so etwas zuzumuthen, ick sollte durch diesen Schritt aller Zucht und Sitte auf ewig den Rücken kehren? Für mich gibt es nur einen Ausweg, eine rasche Eheschließung. Dies geht nicht so rasch, als Du glaubst, meinte Polansky ausweichend. Ich bin nicht ganz unabhängig. Ich auch nicht, sagte Sarah. Aber außergewöhnliche Umstände erheischen außergewöhnliche Mittel. Sind wir erst nach göttlichem und mosaischem Rechte getraut, dann treten wir Beide vor meinem Papa und der wird angesichts der thatsächlichen Eheschließung gute Miene zum bösen Spiele machen und meine Ehre ist gerettet.- Polansky's Verlegenheit wuchs bei jedem Worte, das Sarah vorbrachte. Das Alles wäre ganz gut, mein theueres Mädchen, aber da ist ein anderer Unistand im Spiele. Ich bin kein Israelit, nämlich bin es nicht mehr. Wie entgeistert, keines Wortes, keiner Bewegung fähig, starrte Sarah den jungen Mann an, der im Bewußtsein seiner Schuld ihr gegenüber stand. Berräther, wie kannst Du uns so betrügen? Dich als Glaubensgenosse in unser argloses gastfreies Haus einzuschleichen? Ich bin nicht nack meiner Confession gefragt worden, entgegnete er kleinlaut. Natürlich nicht, höhnte das betrogene Mädchen. Dein Namen, Deine Physiognomie und Deine Aussprache haben Dich als Juden gekennzeichnet, und Du fandest es nicht für nöthig, unseren Jrrthum aufzuklären. Man schwört seinen angestammten Glauben ab, verführt und verräth ein leichtgläubiges, vertrauensvolles Mädchen, das ist des großen Künstlers würdig! Nicht so Geliebte! Wenn Du wüßtest, wie man mir zugesetzt hat. All mein Talent, mein Fleiß, mein Eifer vermochten nicht, mir die gewünschte Laufbahn zu eröffnen; überall, wo ich anpochte, fand ich verschlossene Thüren und nur der Religions- Wechsel hatte es mir ermöglicht, daß ich das geworden, was ich bin. Und was bist Du denn eigentlich geworden? Ein meineidiger Berräther, ein gewissenloser Verführer der Unschuld! Ich gehe jetzt hin, meine Schande für immer auszulöschen. Dich aber wird mein Fluch verfolgen, bis er Dich ereilt und Du unter tausend Martern und unendlichen Qualen, das Verbrechen, das Du an mir begangen, abbüßest. Du rasest, Sarah, was willst Du beginnen? Nichts, woran Du mich hindern wirst. Sarah wandte sich um und lief, so rasch sie konnte, dem Ausgange des Parkes zu, in welchem die Zusammenkunft mit dem vormals Geliebten stattgefunden. Wie sie mich höhnen werden, die Mädchen in der Kille. Und das mit Recht. Sie haben ihre Unschuld wie ein theueres Kleinod gehütet und werden einst rechtschaffene Weiber werden, während man auf mich mit Fingern weisen wird; denn so tief, wie ich, ist noch kein Judenkind gesunken. Nein, nein, so weit soll es mit Sarah Koreff nicht kommen! Geraden Weges hin zum Flusse eilte sie, in dessen trüben Fluthen ihren Schmerz und ihre Schande zu versenken. Da war sie angelangt. Doch angesichts des nahen freiwilligen Todes überfiel sie ein Schaudern. Die Liebe zum Leben regte sich mit einemmale gar mächtig in Derjenigen, der das Leben bis vor Kurzem seine schönste Sette zugewendet hatte. Wenn, ich nur einen anderen Ausweg wüßte, ÄS diesen furchtbaren, wenn ich nur einen Freund hätte, zu dem ich flüchten könnte! Da kam der Verzweifelnden mit einemmale wie eine Erlösung von oben ein Wort in den Sinn, ein Name» iwr war es. aber dieser flößte ihr neuen Muth, frische Lebenskraft ein. Es war der Name: „Blimele". (Fortsetzung folgt.) Literatur. Km1? nnawa (auch unter deutschem Titel): Die Familie Lurie. . . Mnebst . . . Elia b. Mose Loanz, von Abraham Ep st e i n. r-^Wien 1901. 63 Seiten. > Die jüdische Literatur hat immer einen Feiertag, wenn Abraham E p st e i n ihr ein Buch schenkt. Der riihmtichst bekannte Gelehrte wird mir in seiner Bescheidenheit dieses Compliment gewiß übel nehmen, aber das ist nur der Ersatz für stärkeres Lob» und ganz ohne Lob kann ein E p st e i n nicht ausgehen.