Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-21 · 25 (21.6.1901) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
25 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021411--10941-3035450
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 418 Dr. L-tmh^s Wochenschr^e» Nr. 85 dazu bestimmt, die Polnaer Judenschaft in eine Falle zu locken, und daß er ihn deshalb achtlos beiseite legte. Das ging aber dem wackeren Polnaer „Rechtscomne", dessen Thätigkeit durch die Episode mit Jtzig Hilsner grell genug illustrcrt wird, wider den Strich. Da Herr Lustig und seine Glaubensgenossen dem anonymen Briefschreiber nicht aufgesessen waren, sollte wenigstens der Schein von dunklen Machenschaften der Judenschaft erweckt werden. Das „Rechtscomite" rückte daher das in dem Briefe geforderte Inserat ein und es kam eine ziemlich verworrene Antwort, aus der nur neuerlich ersichtlich war, daß der Briefschreiber die wahren Mörder in der Umgebung von Polna, Deutsch-- Brod und Groß-Meseritsch vermuthet. Auf ein zweites Inserat in der „Neuen Freien Presse" kam keine Antwort mehr. Das „Deutsche Volksblatt" stellt nun mit Riesenlettern die Frage: „W as geht da vor?" an die Spitze dieser „Enthüllungen". Wir wollen ihm sagen, was vorgeht. Eins von Beiden: Entweder ist der Brief eine Mystificarion, dann hat mau es ganz bestimmt mit einem antisemitischen Fabrikat zu thun, dessen Zweck durchsichtig genug ist, der aber klar darthut, daß die Antisemiten wissen, daß wenigstens alle Juden von der Unschuld Hilsner's überzeugt sind; oder der Brief ist echt, und dann beweist er, daß selbst die Christen bereits an die Unschuld Leopold Hilsner's glauben und daß die Antisemiten die Entdeckung des wahren Mörders fürchten. Wir bitten, den Vorgang wohl zu beachten, dessen sich das sogenannte „Rechtscomito" in dieser Sache befliß. Es wird ein Brief gefunden, in welchem sich Jemand anheischig macht, Beweise für Hilsner's Unschuld zu liefern. Herr Lustig hat diesem Schriftstücke keine Bedeutung beigelegt und es einfach weggeworfen. Das „Rechtscomitü" hat es gefunden und im Gegensätze zu dem ursprünglichen Adressaten dasselbe für so wichtig erachtet, daß es mit dem Briefschreiber tu Verkehr trat. Warum har das „Rechtscomite" — lucus a non lucendo — dieses in seinen Augen so schwerwiegende Schreiben nicht an die competente Behörde geleitet, damit dieselbe den Urheber ausforsche? Scheut es die etwaige Entdeckung des Briefschreibers? Gibt es in Polna noch „functionirende Mitglieder" dieses Comites, welche Ursache haben, der Wahrheit aus dem Wege zu gehen? Was da vorgeht, erfordert allerdings die peinlichste Aufmerksamkeit. Wir haben es offen ausgesprochen, daß wir Hilsner auf Grund emes reichen Jndicienmateriales, das nach anderer Richtung vorliegt, für unschuldig halten; die Begnadigung Hilsuer's läßt den Schluß zu, daß hohe richterliche Kreise an seiner Schuld zwerseln; die Antisemiten w i s s e n ganz genau, daß er nicht der Mörder ist. Sie haben Keuntuiß davon, daß manches schwer belastete Gewissen, sich schon zu regen beginnt und daß es heute schon Mühe kostet, diverse Zungen im Zaume zu halten. Es ist bezeichnend, daß trotz des endgilrigen gerichtlichen Abschlusses der Affaire Hilsner die neuen „Enthüllungen" immer nur von antisemitischer Seite ausgehen. Man häuft Lüge auf Lüge, um die Wahrheit zu ersticken. Aber wir hoffen zu Gott, daß die Wahrheit doch früher oder später siegen wird. Die Juden in Rumänien. Von Saniel Marcus. (Fortsetzung aus Nr. 22.) XII. D i e Agitation unter den Juden. Während der Verhandlungen mit der Regierung hatte die Erregung unter den Juden sehr stark zugenommen. Seit die judenfeindliche Presse darauf bestand, ihnen die Eigenschaft, Eingeborene zu sein, zu bestreiten, hatte das Actionscomite beschlossen, jedem eingeborenen Juden mit aller Entschiedenheit zu verbieten, ein individuelles Naturalifationsgesuch eiuzureicheu. . In einem Vortrage über die Chasaren, der vor einer zahlreichen Versammlung von Juden und Christen gehalten wurde, habe ich selbst Jeden, der diesem Beschlüsse zuwiderhandeln würde, als Verräther bezeichnet. Die Masse der Juden, namentlich in der Hauptstadt, empfand es deshalb als schwere Enttäuschung, als sie erfuhr, daß die Notabelnversammlung eine Commission an die Regierung abgesandt hatte, um ihr die Zustimmung zum Grün dsatz der individuellen Naturalisation anzubieten. Da sie weder die Einzelheiten noch die Beweggründe dieses Anerbietens kannte, sah sie sich von Verrath bedroht. Am Vorabend des Tages, an welchem utr uns in den Ministerrath, begeben sollten, wurden Massenversammlungen abgehalten, um gegen das „illoyale" Vorgehen der Notabeln zu protestiren Im Laufe dieses Abends erfuhr ich, daß in der unter Vorsitz des Herrn G a st e r abgehaltenen Versammlung die aufgeregten Redner den Vorschlag machten, man solle auf die Straßen sich begeben, um gegen die Commissionsmitglieder, die mit der Regierung verhandeln, kräftigst zu protestiren. Da ich üble Folgen' befürchtete, begab ich mich in diese aufgeregte Versammlung und ich erhielt sofort das Wort. Durch Mittheilung der Bedingungen des Uebereinkommens war es mir ein Leichtes, der Versammlung zu beweisen, wie ungerecht und unbegründet die gegen die Notabeln erhobenen Anklagen waren, und sie zu überzeugen, daß nur das allgemeine und nicht ein persönliches Interesse das Motiv der Action war, und ich gab zugleich das formelle Versprechen, mein Name werde sich nicht unter den 3000 zu Naturalisirenden befinden, so daß ich trotz meiner Beziehungen zu den einflußreichen Regierungspersönlichkeiten und wiewohl, ich im Kampfe um unser Recht und unsere Freiheit seil Jahren vor der Bresche stand, bei meinen nicht naturalisirten Glaubensgenossen verbleiben und der eroberten Freiheiten und Rechte nicht theilhaftig sein werde. 'Diese Erklärung beruhigte die Gemüther. XHl. Die Vereinbarung mit der Regierung. Am nächsten Tage wurde unsere Commission im Ministerrathe vom Ministerpräsidenten Bratianu und sämmtlichen Cabinetsmitgliedern empfangen. Minister Cogalnieeanu hatte sie eingeführt. Bratianu, der bereits Kenntniß hatte von der Aufregung und den feindlichen Kundgebungen, welche unser Vorgehen bei unseren Glaubensgenossen hervorgerufen hatte, beglückwünschte uns zu unserer muthvvlleu Haltung und richtete dann an uns folgende für die rumänischen Juden sehr schmeichelhafte Anrede: Ich bin erfreut, ebenso wie meine Collegen, constatiren zu können, daß Sie es vorgezogen haben, zu uns zu kommen, um den Zutritt zum rumänischen Bürgerrecht zu fordern, wie Kinder eines gemeinsamen Vaterlandes, statt sich durch Fremde einschmuggeln zu lassen. Ich lege Ihrem Schritte eine große politische Tragweite bei. Lassen Sie sich nicht von der Unpopularität beeinflussen, der Sie bei Ihren Glaubensgenossen begegnen. Das Bewußtsein, eine eminent Patriotische That vollbracht zu haben, muß Ihnen genügen, sowie auch ich mich nicht wegen der Unpopularitüt beunruhigt habe, als ich mich entschloß, unsere Armee die Donau überschreiten zu lassen, um an dem Krieg theilzunehmen. Ich habe meine Pflicht gethan, auf die Gefahr hin, Steinwürfe statt Lorbeeren einzuheimsen. Ich habe Jhre.Unterredung mit meinem ehrenwerthen Collegen vom Inneren zur Kenntniß genommen, und im Namen der Regierung bestätige ich Ihnen, daß wir, falls die Opposition zustimmt, bereit sind, nicht nur an 3000, sondern an 60.000 Personen das Bürgerrecht zu ertheilen, und ich bin vollkommen überzeugt, daß wir 60.000 gute und treue Bürger gewinnen, die gegen keinen Christen ein Vorurtheil mitbringen; denn seit 1846 kenne ich den glühenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.