Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021410--10936-3035444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 414 Dr. Bloch's Wochrnschrift Nr. 24 uab so wenig an einen reich gewordenen Parvenue, wie Koreff eS doch im Grunde war, gemahnte, nur in den wirklich feinen und dabei einfach lebenden FamEen vorgeftmden. Wird die Alles blendende Schönheit, die vielgepriesene Liebenswürdigkeit der jugendlichen Haustochter ebenfalls ins Reich der Fabel zu verweisen sein, wie die Beschreibung ihrer Umgebung? Das wäre Schade! So ziemlich ernüchtert betrat Polansky den Salon, wohin gleich darnach die alte Gouvernante eintrat, der nun Polansky von dem ihn begleitenden Agenten vorgestellt wurde und mit der er alles Nähere über Zeit und Dauer der Lectionen, sowie den llnterrichtsplan feststellte, so weit sich dies nämlich ohne eingehende Prüfung der Schülerin thun ließ. Polansky war nur halb bei der Sache. Gespannt blickte er auf die Portiere, welche die Thüre verbarg, hinter der er seine zukünftige Schülerin vermuthete. Er konnte seine Ungeduld kaum bemeistern. Endlich bemerkte er, wie sich diese Portiöre bewegte, und hereinschwebte eine Mädchengestalt — ein Mädchen, o nein, ein Engel. Wie entgeistert, keines Wortes mächtig blickte er auf die Eintretende. Nein, da hatte die geschäftige Frau Fama nicht gelogen, da war nicht einmal übertrieben worden. Alles Zauberhafte, daS man diesem Hause nacherzählte, war in diesem engelgleichen Wesen concentrirt. Er, Polansky, der verwöhnte Liebling der schönsten, geistreichsten Frauen, deren Herzen er in seinem Uebermuthe brach, wie Schilfrohr, der jeder Leidenschaft, die er erregte, spottete, hatte hier seinen Meister gefunden. Bor dieser siegenden Schönheit mußte er, der vorher Unbesiegte, die Waffen strecken. Wie vor einer Königin, so tief verbeugte er sich. Die alte Miß sagte vorstellend: Liebe Sarah! Dies ist Ihr künftiger Mufiklehrer, Hoffentlich werdet Ihr gut miteinander auskommen. Sarah reichte mit unbeschreiblich lieblicher Geberde dem Künstler die Hand, auf die er einen Kuß drückte. Dies Letztere mochte der strenge» Duenna nicht behagen, denn sie runzelte die Stirne und warf auf den Verwegenen einen ihrer berühmten strafende» Blicke, der ihn in die vorgeschriebenen Schranken verweisen sollte. Für den ersten Tag wurde eine sorgfältige Prüfung der Stimme und Fähigkeiten der Schülerin vorgenommen, welche über alles Erwarten günstig ausfiel, so daß gleich anderen Tages die regelmäßigen Lectionen beginnen konnten. (Fortsetzung folgt.) Literatur Handbuch der Ernährung für Gesunde und Magenkranke. Mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Speisegesetze. Von Dr. P. Münz, prakt. Arzt. Nürnberg. — Mainz, Verlag der Jöh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei A.-G. 1901. Die Behauptung, daß die sociale Frage im Grunde genommen eine Magenfrage ist, entspricht mit einer gewissen Einschränkung auch in umgekehrter Fassung der Wirklichkeit: Die Magenfrage ist eine eminent wichtige sociale Frage. Es gibt wenig Momente, die auf unseren ganzen gesellschaftlichen Verkehr von so wesentlichem Einfluß stnd, als die Befriedigung des Magens, sowie seine Gesundheit und Krankheit. Wenn auch jedes körperliche Unwohlsein seinen Einfluß auf unsere seelische Stimmung hat, so wirkt doch nichts deprimirender, als der Besitz eines kranken Magens. Ist dies im Allgemeinen zutreffend, so gewinnt die Magenfrage noch an acuter Bedeutung bei uns Juden, wo sie auch eine in alle Lebensverhältnisse tief eingreifende religiöse Frage ist. Dazu kommt noch, wie wir aus dem vorliegenden Buche erfahren, daß Magenleiden bei uns Juden ungewöhnlich häufig Vorkommen, daß oberflächliche Beurtheiler leicht geneigt scheinen, den jüdischen Magen für Krankheiten ganz besonders disponirt zu halten. Mit diesem Vorurtheil und mit einer ganz ansehnlichen Reihe anderer räumt das Buch gründlich auf. Der Verfasser bekundet dabei eine Virtuosität in der Handhabung der medicinischen Wissenschaft und eine Vertrautheit mit sammtlichen einschlägigen jüdischen Speisegefetzen, deren glückliche, harmonische Verbindung unwillkürlich an die berühmten jüdsschen Aerzte alten Schlages erinnert. Von seinem wissenschaftlichen Werthe abgesehen, hat das Buch für uns Juden eine specielle Bedeutung durch den Nachweis, der bis in die kleinsten Details in überzeugender Weise erbracht wird, daß die Gesundheit, weit entfernt durch unsere Speisegesetze beeinträchtigt zu werden, sogar eine entschiedene Förderung dadurch erfährt. Es fehlt nicht an Lebemännern unter uns, die theils aus Unkenntniß, theils zur Rechtfertigung ihrer Verletzung der Speisegesetze, das Gegentheil behaupten. Mit diesem Buche in der Hand wird man dieser Behauptung mit großem Erfolg entgegentreten können. Dasselbe hat dadurch eine Bedeutung, die das Niveau populär-medicinischer Schriften weit überragt. Es ist nach dieser Seite hin besonders reich an scharfen Beobachtungen und glücklichen Combinationen, die ihm einen dauernden Werth sichern. Es behandelt nicht nur Speise und Trank, sondern auch das Fasten, sowie die Mazzoskost an Pessach, und weist Schritt für Schritt den heilsamen Einfluß nach, den eine gewissenhafte Beobachtung der jüdischen Speisegesetze für Erhaltung des gesunden und für Heilung des kranken Magens hat. An der Hand des reichen Materials, welches dieses Buch enthält, geht dem denkenden Beobachter ein neues Licht über die merkwürdige Erscheinung auf, daß gerade bei uns Juden diejenigen am meisten unter Krankheiten des Magens zu leiden haben, die sich über die Speisegesetze scrupellos hinwegsetzen. Nicht für Magenkrankheiten, wohl aber für die treue Erfüllung unseres Religionsgesetzes scheinen wir Juden prödisponirt zu sein. Daher erklärt es sich, daß ein Verstoß gegen diese Gesetze sich gerade bei uns so empfindlich rächt. Es ist unmöglich, aus der reichen Fülle von Beobachtungen und Erfahrungen von diätetischen Rathschlägen und Lebensregeln hier eine Auswahl herauszugreifen; wir müssen dafür auf das inte-essante Buch selber verweisen. Der Hinweis auf die Stelle 5. B. M., Cap. 4, V. 9 als Ausdruck der Verpflichtung, sein Leben zu erhalten, erscheint, wenn man den Wortlaut an Ort und Stelle nachschlägt, nicht glücklich gewählt. (S. 28.) S. 26 heißt es: „Daß die Hände unrein sein können, auch wenn es einem verborgen ist, daß sogar Krankheitsübertragungen auf die Hände durch die Lust stattfinden können, diese Entdeckung der modernen Hygiene war schon den alten Talmudgelehrten bekannt." — In dem Tractat Jadajim der ohne nähere Stellenangabe dazu citirt wird, ist uns kein Ausspruch bekannt, der dem entspricht. Wir haben diese geringfügigen Ausstellungen hier beigefügt als Zeichen für die Aufmerksamkeit, mit welcher wir das treffliche Buch studirt haben, und empfehlen dasselbe recht angelegentlich. Jastfce to the Jevr. The Story ot What he has done for the World. By Madison C. Peters, Pastor Bloomin _ dale Church. New York, Neely. 1899. Der Verfasser ergeht sich nicht in Lobpreisungen des israelitischen Volkes, sondern ist überall bestrebt, eine rein sachliche Darstellung der Leistungen und eine ruhig besonnene Würdigung der Verdienste desselben zu geben. Dabei richtet er sein Augenmerk ganz besonders auf die Beziehungen der Juden zur neuen Welt und ihren Anlheil an der dortigen Culturentwicklung. Die Tradition, welche die Königin Jsabella von Castilien ihre Juwelen verpfänden läßt, um Colmnbus bei der Ausrüstung seiner Schiffe zu unterstützen, verweist Herr Peters in den Bereich der Fabel, wie es auch Dr. Kayserling und andere Geschichtsforscher bereits getyan haben. Er behauptet, daß zwei Juden, Louis de Santangel und Gabriel Sanchez, das Geld für die Caravellen vorgeschossen haben. Juden waren der Supercargo, ebenfalls mit Namen Sanchez, der Schiffsarzt, die Zeichner seiner See- und Himmelskarten, sowie die Matrosen Rodrigo de Triana, der das Land zuerst erblickte, und Louis de Torfes, der es zuerst betrat. Wenn diese Angaben alle richtig sind, so beweisen sie, daß die Juden sich für die große Entdeckungsfahrt lebhaft interessirten und an den Erfolg derselben fest glaubten. Nach den von der „Amerikan Jewish Historial Society" angestellten Forschungen, auf welche Herr Peters sich beruft, begannen die Juden frühzeitig sich in Südamerika und den Antillen anzusiedeln, aber durch spanische und portugiesische Verfolgungen wurden sie veranlaßt, um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts nach den nordamerikanischen Colonien auszuwandern. Sie ließen sich zumeist in Neu-Amsterdam (wie New-Dork damals hieß) nieder. Der Vorsteher und Verwalter der Colonie, Stuyvesant, nahm sie zwar nicht sehr freundlich auf, aber bald wurden die gegen sie bestehenden Vorurtheile überwunden; sie gewannen die Achtung ihrer Mitbürger und trugen wesentlich zum Gedeihen der Niederlassung und zur Förderung der Handelsinteressen bei. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts eröffnete dort ein Jude, Heyman Levy, ein Pelzgeschäft und hatte in seinem Dienste einen jungen Deutschen aus Baden, Namens Joachim Jacob Astor, der das Pelzwerk lüftete und ausklopfte und für diese Arbeiten einen Tageslohn von einem Dollar erhielt. Später trat dieser Arbeiter selbstständig auf, gründete eine Pelzhandelsgesellschaft in dem nach ihm Astoria genannten Ort an der Mündung des Columbiaflusses in Oregon und hinterließ bei seinem 1848 erfolgten Tode ein Vermögen von zwanzig Millionen Dollars. Mehr als ein Vierteljahrhundert vor der Ankunft von William Penn, nämlich im Jahre 1658, langten jüdische Ansiedler, größtentheils aus Südamerika, auch in Pennsylvanien an, wo sie eine ziemlich bedeutende Rolle spielten. Es war auch ein Jude in Philadelphia, Haym Salomon, der zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges dem sich in argen Geldverlegenheiten befindenden Staatenbunde durch ein Darlehen von 700.000 Dollars aus der Noth half; leider ist diese beträchtliche Summe bis auf den heutigen Tag nicht zurückbezahlt worden. Im Staat Rhode-Jsland, wo Roger Williams die unbedingte Religionsfreiheit zur Grundlage der Staats- Verfassung gemacht hatte, siedelten sich die gegen jede Art Verfolgung und Zurücksetzung sichergestellten Juden verhältnißmäßig zahlreich an, und ihrem Unternehmungsgeist verdankte der Seehafen Newport die ziemlich große commerzielle Bedeutung, die er damals erlangte. In seiner Schrift hat Dr. Peters ein bisher wenig erforschtes Gebiet der Kulturgeschichte zum Gegenstand seiner Untersuchungen gemacht und viele interessante Thatsachen ans Licht gebracht, welche