Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr 24 Sette 413 Dr. Blvch's WochrnfchrM und zog sich gänzlich von allen seinen jüdischen Mitbürgern zurück, nur seiner Familie und seinem geschäftlichen Unternehmen lebend. Als die gegen ihn ins Werk gesetzten Feindseligkeiten Zunahmen und von den verhetzten Schulkindern Unrath und Steine in seinen Garten geworfen wurden, welche bis zu seinem mitten im Garten stehenden Wohnhause flogen, ließ Koreff eine unübersteiglich hohe Mauer um seine ganze Besitzung aufführen, so daß er mit seiner Familie und dem Geschäftspersonale gänzlich abgesondert wie in einer Festung lebte. Goldes zartbesaitetes Gemüth konnte sich nur schwer in eine solche Lebensweise finden. Die Liebe ihres guten Mannes, die Zärtlichkeit ihres einzigen Kindes, sowie der Genuß eines großen Vermögens vermochten es nicht, ihre Betrübniß zu verscheuchen. Ihre Gesundheit litt unter diesen Verhältnissen. Sie begann zu kränkeln, und nach Verlauf von einigen wenigen Jahren öffnete sich das Thor der Koreff'schen Besitzung, um die todte Herrin des Hauses hinaus auf den Friedhof fahren zu laffen, wo sie ein Grab fand inmitten ihrer Glaubensgenossen, nach deren Gemeinschaft sie sich Zeitlebens vergeblich gesehnt hatte. Von da wurde der ohnehin ernste und schweigsame Koreff noch ernster und verschlossener. Selbst sein Liebling, das Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter, sein einziges Töchterchen Sarah, mußte ihre ganze Liebenswürdigkeit aufbieten, und ihre reichen Talente ins Treffen führen, um dem verstimmten Vater hie und da ein Lächeln zu entlocken. Das Mädchen lebte einsam und von jedem Verkehre außer dem Hause abgeschloffen. Ihre Erziehung leitete eine ältliche Engländerin, welche schon in der Familie ihrer Mutter gewirkt hatte und von dieser aufs Beste empfohlen wurde. Diese Dame ausgenommen, war Sarahs einzige Gefährtin ein armes Mädchens, welches durch Zufall oder eigentlich durch die grenzenlose Güte der nun verewigten Frau Koreff ins Haus gekommen war. Letztere hatte einmal in ihrem geschloffenen Wagen eine Ausfahrt gemacht und bemerkte ein kleines, augenscheinlich frierendes Mädchen, welches, an einem Eckstein gelehnt, Zündhölzchen feilbvt. Noth und Entbehrung blickte dem dürftig bekleideten Mädchen aus dem blaßen Angesichte. Dieser Anblick hatte tiefes Mitgefühl in der weichen Seele Frau Goldes erregt. Wenn statt dieses Kindes ihre Sarah dastünde? dachte sie. Das Herz der zärtlichen Mutter zog sich krampfhaft zusammen. Sie ließ anhalten, stieg aus dem Wagen und beschenkte das Mädchen. Gleichzeitig erkundigte sich die wohlthätige Dame nach deren Namen und Verhältniffen, wodurch Golde erfuhr, daß dieses Mädchen das Kind einer armen Witwe sei. Golde schrieb auf eine Karte ihre Adresse, übergab dieselbe dem Mädchen mit der Aufforderung, morgen um diese Zeit mit ihrer Mutter zu ihr zu kommen. Pünktlich trafen die Beiden bei ihr ein. In ihrem ärmlichen, aber reinlich gehaltenen Festgewande sah das Mädchen noch liebreicher aus, als gestern. Während Golde angelegentlich mit der Witwe sprach, führte Sarah das fast gleichaltrige fremde Kind in ihr Zimmer, zeigte ihm alles Spielzeug, das sie besaß, und es war dies gerade nicht wenig, alle ihre Kleider und Bücher. Aufrichtige Bewunderung, frei von jeglichem Neide, erfüllte die junge Waise, welche noch niemals im Leben solche Herrlichkeiten gesehen. Als die Stunde kam, wo der Thee eingenommen wurde, rief man die Kinder, welche sich inzwischen mit einander befreundet hatten, in das Speisezimmer. Sarah bat und bettelte so lange, daß man ihr die liebgewonnene Gefährtin daließe, bis sie dies, wie gewöhnlich alles, was sie wollte, durchsetzte. So kam Blümele ins Haus des reichen Koreff. Ihre Mutter freilich hatte von allen Nachbarn viel dadurch zu leiden, daß sie ihr Kind zum ,Loker"), so verdrehten die Böswilligen den Namen „Koref". gegeben habe. Doch die materielle Erleichterung, die ihr dadurch geworden, sowie die Aussicht, daß Blümele einer besseren Erziehung und eines geregelten Unterrichtes werde theilhaftig werden, als sie selbst in ihren dürftigen Verhältniffen ihr bieten konnte, machte, daß sie alle Sticheleien ruhig über sich ergehen ließ. Blümele wurde die treue Gefährtin der in Einsamkeit ausgewachsenen Sarah, sie wurde auch so eine Art von Prügelknaben. Denn wenn Sarah keine Lust zum Lernen hatte oder ihrer Gouvernante einen Streich spielte, schob sie immer alle Schuld aufdie geduldige Blümele, oder vielmehr, die letztere hatte immer unaufgefordert alle Schuld auf sich genommen; denn ihre Dankbarkeit für die Familie Koreff ging ins Grenzenlose, ebenso wie ihre Zuneigung und Anhänglichkeit an die schöne Sarah. *) Gottesleugner. - Während der langwierigen, ihrem Tode vorangegangenen Krankheit wurde Frau Golde von Seiten dieses guten anspruchslosen Mädchens jede nur mögliche Pflege zutheil, so daß vom beabsichtigten Zuziehen einer Krankenpflegerin Abstand genommen wurde. Auch als nach langem Krankenlager Frau Golde von ihrem Leiden erlöst wurde, nahm sich das wackere Mädchen der Hauswirthschaft an, während Sarah ihren Schmerz um die verlorene Mutter mit eifriger Lectüre zu betäuben suchte oder auch manchmal musicirte und zierliche Handarbeiten verfertigte. Ein fremder Herr, der einmal in Geschäftsangelegenheiten ins Haus gekommen war und dort als gerne gesehener Gast des Hausherrn einige Tage verweilte, machte seinen Freund auf das ungewöhnliche Talent seiner Tochter aufmerksam. Wenn diese Stimme ausgebildet würde, so könnte sie phänomenal genannt werden! Das war der Ausspruch des, wie es schien, musikalisch gebildeten Fremden. Dem eifrigen Zureden desselben, mehr noch den Bitten der vergötterten Tochter gelang es auch, den sonst halsstarrigen Koreff die Erlaubniß abzuringen, daß ein guter Musik- und Gesangslehrer ins Haus gerufen werde, da sich der Unterricht der englischen Gouvernante als unzulänglich erwies. Den überschwänglichen Dankesäußerungen Sarah's wich Koreff mit den Worten aus, daß auch ein großer Theil Egoismus seinerseits bei dieser Erlaubniß im Spiele sei, nachdem der Gesang und das Clavierspiel seiner Sarah auf ihn dieselbe Wirkung übe, wie das Harfenspiel David's auf König Saul, nämlich die Grillen vertreibe und die Falten des Unmuthes auf seiner Stirn glätte, welche die nimmermüde Freundlichkeit und Fürsorge seiner liebenswürdigen Glaubensgenossen darauf hervorbringe. Niemand aber war glücklicher als Sarah. — Der Geschäftsagent des Hauses bekam den Auftrag, einen tüchtigen Lehrer aufzusuchen, der den an ihn gerichteten Ansprüchen genügen werde, natürlich gegen ein Honorar, wie es eines so reichen Mannes, wie Koreff, würdig war. Der Agent, der in allen Schichten der Gesellschaft bekannt und beliebt war, brauchte nicht lange zu suchen. Er erfuhr von einem berühmten Musiker, der in den vornehmsten Häusern der Stadt unterrichtete und deffen Erfolge, wie man sich erzählte, unerreichbar waren. Für Geld und gute Worte, noch mehr aber aus Neugierde, einen Blick hinter die hohe Mauer zu werfen, sagte derselbe zu. Jakob Polansky, so hieß der Musiker, hatte so viel von der Familie Koreff erzählen gehört, ohne daß einer der Erzähler etwas Positives anzugeben gewußt hätte. Man fabelte so vielerlei von der fürstlichen Einrichtung des hinter dieser hohen Mauer, inmitten eines mit orientalischem Luxus angelegten Gartens aufgebauten palastähnlichen Hauses, von der unwiderstehlichen Schönheit der einzigen Tochter, welche dereinst die glückliche Besitzerin all dieser Herrlichkeit werden sollte. Man erzählte sich, wie der alte Koreff diesen seine» höchsten Schatz mit aller Aengstlichkeit hüte, eigene Wächter zur Ueberwachung dieses seines Kleinodes angestellt habe und mehr solchen Unsinns. Thatsache aber war, daß, Sarah in der Stadt und Kille fast unbekannt war. Ihre Toiletieneinkäufe besorgte sie meist in Warschau, wohin sie regelmäßig mit der alten Miß zweimal des Jahres reiste und bei einer alten Tante ihres Vaters Absteigquartier nahm. Zu Hause machte sie nur Ausfahrten in einem ganz geschloffenen Wagen und zwar tief verschleiert, und dies so selten wie möglich. Koreff fürchtete immer, daß von Seite der Killeleute eine kleine Bosheit gegen seinen Liebling ausgeheckt werde, der er das zarte, feinfühlige Mädchen nicht aussetzen wollte. Jetzt sollte sich Polansky mit eigenen Augen überzeugen, was an all diesem Gerede wahr sei. Sein sonst tapferes Herz klopfte dem jungen Künstler fast hörbar, als er sich an der Seite des Agenten der jedem Fremden verschloffenen Gartenthüre näherte. Frau Mufika hatte das „Sesam, öffne Dich!" zu sprechen, das ihm Einlaß in diese verzauberten Räume verschaffen sollte. Als Polansky in den Garten und von da ins Haus getreten war und sich neugierig umgeblickt hatte, konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren. Es war wohl schön Beides, sowohl Haus wie Garten, aber von dem berauschenden Luxus, der wunderbaren Pracht, welche alles bisher Gesehene in den Schatten stellen sollte, war nichts zu erspähen. Im Gegentheile; er, der doch in den reichsten und vornehmsten Häusern großer, ja llkfidenzstädte verkehrt hatte, mußte eingestehen, daß er eine sv einfache Eleganz, welche so gar nichts vom Protzenhasten an sich hatte