Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24 Sr. Vloch's Wochrnschrl^i- Seite 405 Tageslicht kommen, wer schuldig ist, welche die Mörder sind. So was bleibt nicht verschwiegen und Mebr kann ich dir nicht schreiben für heutte. Für heulte muß ich dir auch schreiben, wenn es dir möglich ist, mir etwas Geld zu schicken, drei oder vier Kronen Vielleicht ist es schon zum letztenmal. Nach Prag kannst du nnr nichts schicken, sie werden mir nichts annehmen, weil es in Strafe Wirt sein Kerker. Ich grüße dich vielmals und Tante Jetti laß ich grüßen und den Moritz lass ich grüßen. Ich schließe mein Schreiben und bleibe dein treuer Sohn Leopold Hilsner,!. k. Kreißgericht in Pisek. Lieber Brüder Moritz! Dir muß ich schreiben, das ich werde gedulden das Schmerz. Das ich in Unschuld bin, das weiß die gantze Wellt. Es wird schon am Taglicht kommen, wer die Mörder sind. Wenn ich nach - Prag werde kommen so kannst mich besuchen mitt die Mutter. Ich Grüße dich viellmals und bleibe dein treuer Bruder Leopold Hilsner, k. k. Kreißgericht in Pisek am 4. Juni 1901. Andreas von Rinn. In den „Innsbrucker Nachrichten" vom 3. Juni schildert ein Herr Paul R. Greußing einen Besuch in Judenstein und erzählt bei der Gelegenheit die Sage des „Ander! von Rinn" und fügt hinzu: „Tief wehmüthig dürfte aber jede fühlende Menschenseele durch die Gestalt des sterbenden Anderls gestimmt werden. Als ich vor einigen Jahren mein erdenmüdes Kindlein scheiden sah — hat es mich noch ein einzigesmal genau so angeschaut, wie hier das Schnitzwerk..." Und dann heißt es weiter: „Einige Büchsenschuß weit von hier breitet sich das nette Dörflein Rinn aus, die Heimat unseres Anderls. der von seinem geldsüchtigen Taufpathen an Juden verkauft worden ist und dann von denselben zu Tode gemartert wurde durch langsame Entziehung des Blutes." Als jetzt meine liebe Gattin, die mir hier ein Stelldichein gegeben, mit meinen Kindern eintraf, als der Knabe und das Mädchen mich jubelnd begrüßt hatten, erzählte ich den staunenden Kleinen die Geschichte des heiligen Andreas von Rinn. Als ich dann mit dem winzigen Völklein über die Schwelle des Gotteshauses trat, sah ich eine Thräne in den Kinderblicken glänzen beim Anblick des sterbenden Anderls. „Also Vater, für Geld hat der Tauspath das Heiterl verkauft?" Und da sah ich, wie die Kleinen vor dem Altäre ihre winzigen Händchen falteten: „Liebes Ander! bitt für uns!" Bedenkt man, daß der älteste Gewährsmann dieses ganzen Märchens der 1654 verstorbene Arzt Hippolyt Guariuoni in Hall ist, welcher ihn im Jahre 1619, also 157 Jahre nach dem angeblichen Ereignisse!, von alten Leuten gehört zu haben behauptet, (Adrian Kembter, Acta pro veritate Martyrii Corporis et cultus publici B. Andreae Rinnensis, Innsbruck 1745), so muß man erstaunen, daß irgend ein Schriftsteller diesem Märchen auch nur den geringsten Wahrheitsgehalt beizumesien wagt. Es genügt, auf Steub's „Altbayerische Culturbilder" (Leipzig 1869) hinzuweisen, welcher Seite 83 kurz sagt: „Jn's Jahr 1462 wird der Martertod des kleinen Andreas von Rinn, des Heiligen vom Judenstein bei Hall verlegt, eine Erfindung. deren Ruhm nach jetziger Meinung dem Haller Damenarzte Hippolyt Guarinoni, einem 1654 verstorbenen Italiener, gebührt. Wäre im Jahre 1462 auch nur eine derartige Anklage gegen die Juden erhoben worden, so hätte dies sicher Judenverfolgungen zur Folge gehabt, und Josef Hakohen würde im Emek Habacha darüber berichten. Sein Schweigen ist ein Beweis für die Sagenbildung des Ganzen. Grund der Canonisirung waren aber in diesem Falle nicht die Erdichtungen Guarninom's und Kembter's, sondern die — „Wunder", die der todte Andreas gethan haben soll. Zur Blutlüge. Am 9. Mai brachte das „Deutsche Volksblatt" die Mittheilung, daß ein Jude bei Ermordung eines Mädchens in einem Walde erwischt worden wäre. Die Gendarmerie verhaftete den Juden, der sich sodann an seinem Gebetriemen im Arreste erhängte. Der thatsächliche Vorfall, der dieser Erzählung zu Grunde liegt, war Folgender: Am 30. October v. I. hörten einige Bauernmädchen, welche in der Nähe des Waldes Kolnike bei Hlubicz Vieh zur Weide führten, daß Jemand im Walde schrie, als ob er geschlagen. würde. Als sie hinhorchten, vernahmen sie den Ruf: „Schlag' mich nicht, ich geb' Dir Alles" und dann war es still. Die Mädchen holten einige Männer herbei, welche den Wald durchsuchten und im Gestrüpp die Leiche des Israel Meister auffanden. Der 61jährige Greis war erdrosselt und seiner Barschaft beraubt worden. Meister war Aufseher in der Theersiederei des Isaak Katz und hatte einige Wochen vorher mit dem daselbst beschäftigten Knat Makalo, einen Streit gehabt. Deshalb lenkte sich auch der Verdacht der Thäterschaft gegen diesen. Die Gendarmerie nahm eine Hausdurchsuchung vor und fand oberhalb der Thür in der Mauer eine Oeffnung, in der eine Brieftasche mit 32 Kronen verborgen war, welche als Eigenthnm des Ermordeten agnoscirt wurde. Makalo wurde verhaftet, flüchtete aber am 4. November, trieb sich einige Tage im Walde herum, wurde dann aufgegriffen und legte das Geständniß ab, daß er Meister mit dessen eigenem Gebetriemen erdrosselt habe. Makalo wurde vom Schwurgerichte Strij zum Tode durch den Strang verurtheilt. Der Cassatioushof bestätigte das Todesurtheil. Ein Ritualurord-Märchen. Das Märchen vom Ritualmorde wollte kürzlich in der Gemeinde Dömsöd im Bester Comitate seine Auferstehung feiern. Bor Wochen verschwand da die kleine Juliska Horvath, das Töchterchen des dortigen Insassen Valentin Horvath. Die besorgte Mutter hielt überall Nachfrage nach ihrem Kinde und kam endlich auch zum jüd'scheir Gastwirth Samuel S t e r n, der ihr gleich den Anderen die traurige Auskunft gab, daß er die kleine Juliska nicht gesehen habe. Plötzlich hörte die Horvath vom Dachboden des Gasthauses ein Stöhnen; sie eilte hinaus und fand da ihr Töchterchen schwer krank liegen. D-w Gnneindearzt Dr. Ladislaus Szarka untersuchte die Kleine und cvnstatnt? Vergrftungssymptome. Im Nu verbreitete sich in der Ortschaft die Nachricht, daß die Juden das arme Christenmädchen tödten wollten, um dessen Blut abzuzavfen, welches sie zu dem Bau eines neuen Tempels in Budapest benöthigen. Die Horvath erstattete die Strafanzeige gegen Samuel Stern wegen Vergiftung. Das königliche Bezirksgericht in Raczkeve leitete die Borerhebungen und da wurde folgender Thatbestand ermittelt: Die blödsinnige Magd des Stern, Rosa Krizsan, hatte die kleine Jul-ska heimlich aus den Dachboden gebracht und dann den Boden abgesperrt; das Kind fand da einen Sack mit dem Samen von Bilsenkraut und aß davon in der Meinung, es sei Mohn. Samuel Stern, dessen Bertheidigung Dr. Wilhelm B ä z s o n y i führte, hatte die Kleine thatsächlich gar nicht zu Gesicht bekommen. Auf Grund dieses Resultats der Untersuchung stellte der Gerichtshof für den Pester Landbezirk in Gemäßheit des Antrages der Staatsanwaltschaft das weitere Verfahren ein. Erlebnist am Bard eines deutschen Dampfers. Der Beamte eines Wiener Exporthauses Namens Leo G., der mit der Vertretung der Firma in Brasilien betraut und jüngst von dort hier angekommen ist, erzählt über einen Act brutaler Roheit, deffen Opfer er bei seiner Ueberfahrt nach Europa geworden ist. HerrG. ist schon seit mehreren Jahren in Rio de Janeiro in Brasilien ansässig und pflegt in jedem Jahre seinen mehrwöchentlichen Urlaub in Wien bei seinen Angehörigen zuzubringen. Er schiffte sich nun Ende April d. I. in Rio de Janeiro auf dem Dampfer „San Paolo" der Hamburg-Südamerikanischen Schifffahrts-Gesellschaft ein. Auf dem Schiffe ist er nun von zwei Passagieren, Reichsdeutschen, ohne irgend einen anderen Anlaß als den, daß er Jude ist, in brutaler Weise überfallen und mißhandelt worden und, als er den Schutz des Capitäns anrief, wurde ihm derselbe verweigert. Ueber den Vorfall erzählt Herr G. Folgendes: „Unter den Passagieren des Schiffes befanden sich zwei Vertreter reichsdeutscher Handlungshäuser, und zwar Otto Kuhlen, Vertreter der Firma Brüder Weyersberg in Hamburg, und Paul Haase, Vertreter der Firma Ferdinand Esser in Solingen. Von dem Augenblicke an, als diese Beiden erfuhren, daß ich Jude sei, suchten sie bei jeder Gelegenheit ihr Müthchen an mir zu kühlen. Si» ließen es an Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen gegen mich nicht fehlen. Ich ging jedem Conflict, den die Beiden offenbar provociren wollten, behutsam aus dem Wege, da ich ihre Absicht merkte. Als ich und mit mir noch mehrere andere Paffagiere christlicher Abstammung, die über das Treiben der beiden Herren empört waren, bei dem Capitän des Dampfers, E. I. Ketels. Beschwerde führten, hatte dies nicht den geringsten Erfolg. Der Capitän schien viel-