Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 404 m%> Vlvrl^s wvchrnMrrst. Nr. 24 der ärmsten unserer Brüder für geschäftliche Zwecke auszubeuten trachtet, wäre damit gleichzeitig das verdiente Ende bereitet. Die permanenten Bethäuser haben dabei keine Einbuße ihrer bisherigen Einnahmen zu befürchten. Wer die Eigenart des Juden" kennt, weiß, daß Jeder, der es eben nur erschwingen kann, gerne seinen Betsitz sich miethet, um nur nicht einen Gratisgottesdienst aufsuchen zu müsien. Es ist davon gesprochen worden, daß die Cultusgemeinde als solche in erster Linie ausschließlich dazu berufen ist, wie schon ihr Name sagt, gottesdienstlichen Zwecken zu dienen. Wohl ist es wahr, daß die israelitische Gemeinde in erster Linie die Aufgabe hat, für Anstalten zum Zwecke des Gottesdienstes zu sorgen. Was aber unter Gottesdienst zu verstehen ist, dafür kann ausschließlich und allein nur der Lehrbegriff des Judenthums maßgebend sein. Nun aber kommt nach dem bekannten Lehrsätze Simon des Gerechten dabei in erster Linie die Pflege der Lehre, in zweiter erst die des Gebetcultus und in dritter Linie die Uebung von Liebeswerken in Betracht. Ganz im Einklänge damit steht es, wenn von unseren Weisen gelehrt wird, daß die Heiligkeit des Lehrhauses viel höher steht als die des Tempels. Die Vertreter unserer Gemeinde werden das Urtheil des zukünftigen Geschichtsschreibers des Judenthums kaum bestehen können, wenn er von ihnen zu erzählen haben wird, daß sie zu einer Zeit, wo es galt, die junge Generation für dasselbe zu gewinnen und dem Abfall zu steuern, sie damit anfingen, einen Tempel für Zwecke der Repräsentation zu errichten. Dagegen können sie demselben ruhig entgegensetzen, wenn er von ihnen zu berichten haben wird, daß sie trotz der vorherrschenden Neigung, den Schwerpunkl des Judenthums in äußere Repräsentationszwecke zu verlegen, sie in richtigerer Erkenntniß des Nothwendigsten derselben Widerstand leisteten und statt dessen durch Schaffung und Unterstützung von Lehrinstituten dem Judenthume aufzuhelfen suchten. Das Ährhaus war zu allen Zeiten die unbezwingbare Feste des Judenthums und wird es auch in aller Zukunft bleiben. Gerade nach der Richtung hin sind die Einrichtungen unserer Gemeinde ganz entschieden unzureichend. Für Erwachsene fehlt es ganz und gar an Gelegenheiten, ihr jüdisches Wissen zu erweitern. Mit dem Mittelstände muß man, wie überall, so auch hier den Anfang machen. Die Hellsamen Rückwirkungen werden sich alsdann in allen Schichten, die oberen nicht ausgenommen, geltend machen. Wenn dann nach vielen Jahren solchen Strebens die begeisterte Beterschaar an die Pforten der Bethäuser pochen wird, dann werden auch wir die Zeit für gekommen erachten, einen neuen Tempel zu bauen. Der wird dann eine Zierde für die Gemeinde nicht blos nach Außen, sondern mehr noch nach Innen abgeben. s. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Beobachtung der Staatsgrundgesetze in Oesterreich. Brünn. Berehrliche Red action! Im Verordnungsblatt des Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 1. Juni 1901, Stück Xl, Bellage pag. GXXX find an der neu zu errichtenden k. k. Staats-Gewerbeschule in Smichow, Werkmeisterstellen ausgeschrieben. Es heißt dort: „Die Gesuche sind mit dem Taufschein zu belegend Gestatten Sie die Anfrage, ob der Geburtsschein kein gleichwerthiges Dokument ist. Hochachtungsvoll A. B. Die Gründe, warum Hilsner gehenkt werden muß. Ju einer Anfrage an den Präsidenten sagte in der Sitzung vom Samstag den 8. Juni Herr Abgeordneter Schneider. ES ist mir die Nachricht zugekommen, daß der Jude Hilsner schwer erkrankt und dem Tode nahe sein soll. ES ist mir auch mitgetheitt worden, daß man im Justizministerium über diesen Umstand einigermaßen erfteut sein soll, weil man den Schwierigkellen zu entgehen hofft, ob der Jude gehentt oder der Begnadigung empfohlen werden soll. Nachdem es uns Christen denn doch nicht gleichgiltig ist, ob bei uns in Oesterreich nur Christen und nicht auch einmal ein Jude gehenkt werde, erlaube ich mir, an den Präsidenten die Bitte zu stellen, er möge sich competentenorts erkundigen, ob an diesen Gerüchten irgend etwas Wahres ist oder nicht. Der Präsident antwortete: Wir gehen zur Tagesordnung über. Also bis heute ist noch kein Jude gehentt worden in Oesterreich. Das ist zweifellos eine große Unverschämtheit von den Juden, und man muß die erste Gelegenheit ergreifen, diesem Uebelstande abzuhelfen. Wie viele gute Arier wurden wegen Mord und Todtschlag gehentt, sogar ein Mann, Schneider, kam in den Fall und der Herr Mechanikus verlangt daher als Entschädigung, daß auch Hilsner aufgehenkt wird. Der Herr Abgeordnete Schneider weist sogar die schrecklichen Thatsachen nach, daß die Juden länger leben — als die Menschen, und daß die Kindersterblichkeit auch bei ihnen eine geringere ist. Natür» lich auch der Percentsatz der Alkoholiker ist bei den Juden geringer, sie sind nüchterner, mäßiger, während die Stammesgenoffen des Herrn Schneider seinem Beispiele nacheifern. Die anttsemitische Agitation treibt die Bevölkerung in das wüste Wirthshausleben, verbreitet Rohheit und Brutalität, Mißachtung der Moral, Mißhandlung der Wehrlosen, und es ist kein bloßer Zufall, daß mit dem Wachsthum der antisemitischen Bewegung auch die Zunahme der Kindermißhandlungen Hand in Hand geht. Jn Marburg spielt sich vor dem Schwurgerichte ein Proceß ab, wie er vielleicht einzig in den Annalen der Criminalgeschichte dasteht. Der gut arische Winzer Franz B ard u s ch a aus Preßdorf, Bezirk Pettau, und dessen Frau Marie waren nämlich angeklagt, ihre zwölfjährige Tochter Johanna erwürgt, den Leichnam zerhackt und zerschnitten und die Theile in der Nacht im Backofen gebraten zu haben. Der Mann soll dann im Beisein seines Weibes von dem Fleische seines Kindes gegessen haben. In Wien haben sich Vereine bilden müssen, um die wehrlosen Kinder vor Mißhandlungen durch die Eltern zu schützen. Und wirhaben es in Wien erlebt, daß schon ein 4-jähriger arischer Knabe zum Mörder geworden ist. Das sind die Resultate einer zwei Jahrzehnte andauernden antisemitischen Volkserziehüng. Da die jüdische Familie diesen demoralisirenden Einflüssen der christlich-socialen Volksbeglücker sich entzogen hat, so äußert sich das in der höheren Lebensdauer dieser Bevölkerungsgruppe und der geringeren Kindersterblichkeit in ihrer Mitte. Um dem abzuhelfen, erklärt Herr Schneider im Abgeordnetenhaus: „Es wird der historisch una.usweichliche Moment kommen, daß die Christen die 1.ex Schneider beherzigen werden, jene I,ex Schneider, die ich immer verfechte, und die aber leider noch nicht zum Gesetz geworden ist, daß man nümlich die Juden einfach todtschlagen soll." In der folgenden Sitzung brachte er mit Unterstützung der Parteigenossen den Antrag ein: „Das hohe Haus wolle beschließen, die k. k. Regierung habe bis zur nächsten Seffion einen Gesetzentwurf einzubringen, nach dessen Inhalt die durch Schwindel erworbenen mobilen und immobilen Güter der Juden confiscirt und den Juden jeder Erwerb von Grund und Boden für alle Zukunft in Oesterreich verboten werde." Freilich glaubt Herr Schneider vorläufig selber nicht daran, daß seine Ideen in nächster Zeit zur Realisirung gelangen. Er will sich deswegen mit einer kleinen Abschlagszahlung begnügen und erkundigt sich nochmals: „Wann wird Hilsner gehängt?" Ein Brief Hilsner'8. Wir erhalten Einsicht in einen Brief Hilsner's, den der Verurtheilte aus der Haft in Pisek an seine Mutter gesendet hat. Er lautet folgendermaßen: Pisek, am 4. Juni 1901. Liebe. Th eure Mutter ich bin gesund bei alle meine Leiden und Kummer. Es ist mitt mir ein großes Unglück und mitt euch, daß ich leider Gott Unschuldig verurtheilt bin. Die Nichtigkeitsbeschwerde ist verfügt (verworfen) beim Obersten Gericht. Liebe Theuere Mutter, krank dich nicht, ich werde das Schmerz behalleu und werde gedulden. Es wird ja die Zeit kommen, Es will nicht lange dauern, daß die Mordthat ausgeforscht wird und die röchtigen Mörder, denn so was bleibt ja nicht verschwiegen. Ich werde müssen in Unschuld eine Zellt gedulden, der Liebe Gott hat auf mich das Unglück geschückt. Die Sache ist noch in Wien, ich Watte es jeden Tag. Wenn es kommen wird, so werde ich kommen nach die k. k. Landesstraf- Anstalt nach Prag. Bis es kommen wird, so werde ich dir schreiben und werde dir die neuen Kleider, die Blauen und anderen Sachen zu Hause schicken, und verkaufe nichts von die Sachen. Es kann bald au-geforscht werden, so werde ich entlasten werden. Liebe theuere Mutter auch muß ich dir schreiben, sollte ich nach Prag kommen, so wirst du mich mit Moritz besuchen können. Es thut mir sehr leid, daß die Tante so schwer krank ist. Kränke dich nicht, Gott wird schon meine Unschuld erhören, es wirtt am