Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 4ui Nr. 24 Dx. Bl.Es Wochenschcist. derungen entsprechende Unterkunft erhalten. Aber so groß auch die Forderungen der Hygiene sein mochten, die Bauherren und der von ihnen bestellte Baumeister bemühten sich, nicht blos diesen gerecht zu werdktn, sondern sie legten sich schwerere Bedingungen auf, indem sie es sich zur Aufgabe machten, den Personen, deren Altersversorgung die Gemeil.de auf sich nimmt, auch ein behagliches Heim, ja ein Heim im wahren Sinne des Wortes zu bieten, in welchem sie nicht blos Aufenthalt und Nahrung und Krankenpflege, sondern tröstlichen Umgang, aufmerksame Behandlung, liebevolle Ansprache und jene umsichtige und zugleich zärtliche Aussicht finden sollten, die fie die Familie nicht vermissen läßt. Es werden aber auch die unvermeidlichen Bedingungen der Oekonomie, die ja schon durch die Finanzverhältnisse bedingt sind, berücksichtigt, so daß auch in dieser Beziehung das jüdische Altersversorguugs- und Siechenhaus sich als eine Musteranstalt präsentirt. Man braucht nur einmal diese Anstalt und die allgemeine städtische Versorgungsanstalt nacheinander zu besuchen, um sich des enormen Unterschiedes bewußt zu werden, der zwischen den Bauwerken und deren Einrichtungen besteht, noch mehr aber von der Verschiedenheit des darin waltenden Geistes Kunde gibt. Die Größe des Hauses kann nicht in Vergleich gezogen werden; daß jedoch in dem viel kleineren jüdischen Hause Wohlwollen und Menschenliebe jedem seiner Insassen die Tage des Alters und Siechthums verschönen, wird man auf den ersten Blick wahrnehmen. Das läßt sich aber nicht mit Gold und Geld Herstellen, das ist nur von jener Menschenliebe zu leisten, die wir mit Stolz die jüdische nennen. Wir wissen nur zu gut, welche Opfer sich die jüdische Gemeinde und ihre Angehörigen auferlegen, um die nothwendigsten Einrichtungen zu treffen, und wir dürfen uns daraus berufen, daß die in den Budgets der Gemeinde kundgegebenen Leistungen den besten Beweis erbringen, wie schwer die Lasten dieser Gemeinde auf die Steuerträger drücken. Aber auch ohne diese Beweise der Opferwilligkeit wird Jeder, der unbefangen die Erwerbsverhältnisse in Wien beobachtet, es anerkennen, daß diese namentlich für die Juden sich ungünstig und immer ungünstiger gestalten — und dennoch wird eine solche Anstalt gebaut? Darin liegt es eben! Durch Opfersinn, durch Menschenfreundlichkeit, durch Nächstenliebe, die ihres Gleichen suchen, werden die Mittel aufgebracht, die Armen zu versorgen. Die „Reichen" — von denen so oft die Rede ist und deren Zahl doch so klein ist — sind es nicht allein, die solche Häuser schaffen, es gehört dazu ein Zusammenwirken Aller, ein Gemeinsamkeitsgefühl, von dem sich Keiner ausschließt und das Keinen ausschließt, ein Erbarmen, das Alle umfaßt, ein Gottvertrauen das nicht weicht und wankt. Es steht ganz außer Zweifel, daß die Wiener politische Gemeinde verpflichtet ist, für alle Arme, ohne Unterschied des Glaubensbekenntniffes, in ganz gleicher Weise Sorge zu tragen, wenn sie nach Wien zuständig find und die Bedingungen der städtischen Armenversorgung bezüglich ihrer Personen zutreffen. Wir müssen jedoch mit der Thatsache rechnen, daß die Aufnahme in die städische Versorgung selten begehrt, noch seltener gewährt wird, und nicht minder fällt in die Wagschale, daß sie oft nicht begehrt werden kann. Das Los eines städtischen Pfründners ist keines, das man sucht, auch wenn man in Noth ist, und die Erfahrung lehrt, daß auch nichtjüdische Arme vor den Versorgungshäusern der Gemeinde eine große Scheu zeigen. Tritt hiezu noch der Umstand, daß es daselbst .eine dem jüdischen Ritus entsprechende Verköstigung nicht gibt, so begreift man w.hl, daß die jüdischen Armen sich um die Aufnahme in die städtische Versorgung nicht in großer Zahl bewerben. Wir haben die allen Gesetzen der Humanität widersprechende Strömung in der Gemeinde dabei gar nicht in Betracht gezogen. Auch ohne sie ist der Aufenthalt in städtischer Versorgung keine Annehmlichkeit; berücksichtigt man aber diese, so hätte der arme Jude wahrlich Höllenqualen in einem Hause zu erdulden, das von den jetzigen Machthabern geleitet wird. Und wer von uns wollte seine armen, alten Glaubensgenossen diesem Martyrium überantworten? Von diesem Grundgedanken waren die Stifter beseelt, als sie, dem Wunsche des Kaisers entsprechend, sein 50jähriges Regierungsjubiläum durch ein Werk der Liebe zu feiern, sich entschlossen; von diesem Grundgedanken war der Architekt und Bauführer Wilhelm Stiaßny erfüllt, als er die Pläne so entwarf, daß den Insassen des Hauses ein angenehmes Wohnen gewährt werden könne; von diesem Grundgedanken ist das edle Damencomitö ergriffen, das sich mit Hingebung ebenso der ökonomischen Verwaltung als der humanitären Betreuung der Alten und Kranken widmet; nach diesem Grundgedanken wird der gesammie Dienst besorgt. Wir dürfen auch darauf Hinweisen, daß den rituellen Bedürfnissen nicht minder Rechnung getragen ist wie den hygienischen und Humanitären. Und alle diese Umstände zusammengenommen, berechtigen uns in vollstem Maße, dies Siechen- Haus als eine Musteranstalt zu bezeichnen und zugleich deren Vollendung als eine dankenswerthe That der jetzigen Cultusgemeindevorstehung anzuerkennen. * * . 4- Die Weihe des Hauses wurde Sonntag den 9. d. M. mit besonderer Feierlichkeit vorgenommen. Aus den Mitteln der Gemeinde und durch zahlreiche Spenden wurde der Fond aufgebracht, der die Vergrößerung des Altersversorgungshauses bis auf eine Zahl von 200 Betten und die Angliederung eines in gleichem Style durchgeführten Flügels im Garten für die Aufnahme von 80—100 Siechen ermöglicht. Unter Einem wurden die Verwaltungsräume erweitert, die Küche neu gebaut und mit Rücksicht auf die rituellen Anforderungen überaus interessant und praktisch so eingerichtet, daß das Kochen von Fleisch- und Milchspeisen auch räumlich getrennt erfolge; es wurde weiter um hygienischer Zwecke willen eine eigene Jsolirabtheilung geschaffen und der kunäus mstruetus entsprechend ausgestattet, so daß sich den Besuchern sowohl wie den Insassen ein erfreulicher Anblick weitestgehender Fürsorge darbietet. Die Arbeiten für den Bau und die innere Einrichtung haben nachstehende Firmen ausgeführt: Baumeisterarbeiten: Rudolf H e r r m a n n; Canalisirung : S. S t e i n r r; Stein-- metzarbeiten:WulkanLNeubrunn; Zimmermannsarbeiten: Karl Kapp; Spänglerarbeiten: Ferd. Sick; Schieferdeckerarbeiten: Em. Kn o p fmacher's Wwe.; Tischlerarbeiten: I. Voglhut; Fußböden: Brüder Engel; Schlosserarbeiten: Ludwig P o dw i n e tz; Gewalzte Träger: Heinr. E ger; Glaserarbeiten: Eduard Steiner; Anstreicherarbeiten: Jacob Mensch; Bildhauerarbeiten: Isidor Pfeifer & Josef Wenzl; Gypscementwände: Fritz Mö gle; Cement- und Asphaltarbeiten : N. S ch efste l; Granitarbeiten : H. Rella LCo.; Malerarbeiten: Karl Kaufmann; Wafferleitungsarbeiten und Beleuchtungskörper: D. Suchmann; Heizungs- und Ventilationsanlage: Wilh. Brückner & Comp.; Herdanlagen: L. und C. Hardtmuth; Beleuchtungsanlage: R. und E. B r a s ch; Telegraphen-und Telephonanlage : Bernhard S P i e l m a n n; Marmorfensterplatten: Sigmund Allerhand; Personenaufzug: Anton Freißler; Traillage-Anlage: Johann S ch u b e r t h; Fensterplachen: Ed. Arnstein; Orientirungstafeln: Michael Winkler & Sohn; Holzmöbel: Julius und Joseph Hermann und Jacob V o g l h u t; Eisenmöbel: Sigmund Eisler, Leopold und Joseph Quittner und Leopold Walter; Bauleiter: Ignaz Reiser und Alois P a n c i r, Baumeister und Architekt. Zur Weihe dieses neuen Gebäudes hatten sich in einem der Säle, die künftig den Kranken zum Aufenthalte dienen werden, eine zahlreiche und angesehene Versammlung eingefunden. Vom Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde waren anwesend der Präsident kais. Rath Heinrich K l i n g e r und Frau Gemalin, I. Bice-Präsident der israelitischen Cultusgemeinde. Dr. Alfred S t e r n, II. Bice-Präfident der israelitischen Cultusgemeinde Dr. Gustav K o h n und Frau Gemalin, ferner die Vorsteher: Baurath Theodor Ritter von Goldschmidt, k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny und Frau Gemalin, kais. Rath Moriz Hirsch, Docent Dr. Josef Breuer und Frau Gemalin, Salo Cohn und Frau Gemalin, Isidor G e w i t s ch, Emil H o r n e r, k. k. Ober-Ingenieur, Arthur Edler von Mises und Frau Gemalin, kais. Rath Wilhelm P o l l a k und Frau Gemalin, Salomon R o s n e r, Dr. Adolf Stein und Frau Gemalin, Oberbaurath Sigmund T a u s s i g, Commercialrath Jonas Weil. Als Vertreter des Rabbinats erschienen: Der Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, die Rabbiner Dr. Schmied!, Dr. Gelbhaus, Meiersohn, Sor und Dr. Bach. Anwesend waren ferner: I. Secretär kais. Rath Doctor Theodor Lieben, Secretär-Stellvertreter Dr. Emil Adler, Amtsvorstand Gustav Wiener und Frau, Adjunct Wilhelm F r e i st a d t, ferner Ingenieur Ignaz Brunn, Ignaz Reiser, Architekt, Josef Köhl, Baumeister, Obercantor Singer, Obercantor Guttmann, S. A. Wasservogel, Jakob Mohr, Professor S u l z e r, der Abgeordnete N o s k e, der Bezirksvorsteher-Stellvertreter O e r l e y der Hußaren-Major B a rd a ch Edler von C h l umb e r g, der