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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Date
1901-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 396 Nr. 34 Dr» Bloch?s Wochrns^M Herr Dr.Lueger möge uns verzeihen, aber er leidet an einer unangenehmen Gedächtnißschwäche. Die erste Auszeichnung unter seinem Regime, unter der Herrschaft seiner zur Majorität gelangten Partei, war die Verleihung der großen Salvatorweduille an einen Denuncianten, welcher vor der öffentlichen Mißachtung in das Privatleben sich flüchtete. Kaum war Herr Dr. Lueger zur Macht gelangt, hatte er -Herrn P f i st e r entschädigt sür die Folgen jener Schandthat, mit welcher dieser Mensch vor Jahren die antisemitische Sache bei allen Haderlumpen populär machte. Der Deuunciant Pfister erhielt die goldene Salvator-Medaille, und dieselben Persönlichkeiten, die sich einst mit Abscheu von dieser Jncarnation antisemitischer Gewiffenlosigkeit abwendeten, haben dabei affistirt. In der christlich-socialen Partei galt somit ein Denunciant als ein hoher Ehrenmann und Herr Dr. Lueger hat ihn, seinerzeit eine große Lobrede gehalten. Die geheuchelte sittliche Entrüstung ist also bei dem Chef der Pfister-Partei vollständig deplacirt. Und Herr Georg Schönerer? Äm 23. Juni 1896 hielt Herr Schönerer in Franz Roleder's Saal zu Odrau eine Rede, in welcher er sich über die Christlich-Socialen in Wien entrüstete. Er sagte damals: Blitzartig beleuchte den moralischen Tiefstand dieser Partei die Verleihung der Großen goldenen Salvatormedaille an den Denuncianten Pfister. An die sachgemäße Erzählung des Falles knüpft Schönerer folgende Bemerkung: „Die Denunciation kann niemals vergessen werden, und ich behaupte: es gibt kaum etwas Gemeineres, kaum etwas Niederträchtigere^. als das Deuunciantengewerbe und namentlich dann, wenn es freiwillig geübt wird. Wenn an einen Familienvater der Hunger herantritt, wenn seine zahlreiche Familie nach Brot schreit und er läßt sich in dieser Lage zum Deuunciantengewerbe anwerben, dann ist dies allerdings gemein, niederträchtig, allem es könnte Leute geben, die dies mit der Begründung entschuldigen: die bittere Noth hat diesen Auswürfling dahingebracht. Wenn man aber dies in angesehener Srellung freiwillig thul, dann gibt es Gott sei Dank keinen Ausdruck in der deutschen Sprache, der ausreichend genug wäre, um dieses Denunciantenthum entsprechend gerecht bezeichnen zu können. (Zustimmung,) Wer älter ist und es in 'Wien erlebt hat, wie sich in den Fünfziger-Jahren das sogenannte Nadererthum eingeschlichen hat bis in die Familien, wer gehört hat, wie da der Neffe den Onkel, der Sohn den Vater denuncirte, der muß die Hände zum Himmel heben und bitten, daß ähnliche Verhältnisse doch bei uns niemals mehr eintreten mögen! Und was geschah zu Wien vor dreimal vierunozwanzig Stunden? Diesem Denuncianten Pfister wurde über Antrag des Referenten Dr. Lueger die höchste Ehre zu Theit, er wurde mrt einer Auszeichnung geschmückt, die doch dazu bestimmt war, edle Bürgertugenden und edlen Bürgersinn zu belohnen! (Entrüstete Rufe: Pfui! Schande! Erbärmlich!) Wenn gewisse Christlich-Sociale sich veranlaßt finden, Denuncianten auszuzeichnen und dies durch Medaillen zum Ausdruck bringen, dann sollen sie hiefür eine Lueger-Medaille prägen lassen, nicht a b er m it d e r S a l v a to rmed ai l I e ein solches Spiel treiben! (Bravo! Bravo!- Und was sagt das Organ dieser Partei, das „Deutsche Volksblatt"? Es sagt: „Es wird dem Pfister vorgeworfen, er habe einmal einen jüdischen Friseur wegen Majestätsbeleidigung denuncirt. Wie uns mitgetheilt wird, war Herr P f i st e r nicht der Anzeiger". Das wagt dieses Lügenblatt zu schreiben angesichts des Protokolles des Bezirks-Polizeicommiffariates Margarethen, welches ausdrücklich vermerkt, daß Pfister freiwillrg erschienen ist und die Anzeige erstattet hat! Und, nebenbei bemerkt, dieser Denunckant Pfister hat sich erst nach drei Jahren veranlaßt gesehen, auf diesem Gebiete seinen Patriotismus leuchten zu lassen. Heute nun sind die Rollen vertauscht, Herr Lueger entrüstet sich plötzlich über Die Denuncianten und Herr Schönerer fordert Arm in Arm mit Herrn H er zo g, der seine Braut, nachdem er sie sitzen gelaffen, fälschlich bei Gericht denuncirte und politische Personen und Vereine mit gemeinen Denunciationen verfolgte, das Jahrhundert in die Schranken. Gleiche Brüder gleiche Kappen. Die antisemitische Moral bleibt dieselbe, ob sie preußisch unisormirt oder in der schwarzen Kutte einherschreitet. Nur fehlt leider der Satyriker, diese interessanten Typen unseres öffentlichen Lebens in wohlgetroffenem Conterfei zur Erheiterung späterer Geschlechter festzuhalten. Eine Entscheidung des Petersburger Reichsrathes. Der verstorbene Graf Kachanow, ein einflußreiches Mitglied des Petersburger Reichsrathes, erhielt unter Alexander III. den Auftrag, die geltenden Gesetze über die Juden in Rußland einer Revision zu unterziehen und Mittel zur Herbeiführung der Assimilation der Juden mit der einheimischen Bevölkerung ausfindig zu machen. Es wurde damals, im Jahre 1884, eine Commission eingesetzt, welcher Vertreter aller Ministerien und der höchsten gesetzgebenden Körperschaften des Reiches, des 'Senates und des Reichsrathes zugezogen wurden. Die russischen Commiffionen überhaupt litten seit jeher an einem Gebrechen, das im russischen Volkscharakter seine Erklärung findet : an Mangel der Initiative. Material auf Material wurde von der Kachanow'schen Commission aufgehäuft, doch Niemand der Commissionsmitglieder fand in sich die nöthige Kraft, das Riesenmaterial zu sichten und bestimmte Anträge zu stellen. Graf Kachanow selbst glich jenem Gouverneur, von dem der verstorbene russische Satyriker Saltykow Schtfchedrin erzählte, daß er auf dem Gesetzbuche des russischen Reiches zu sitzen und zu sagen pflegte: „Das Gesetz, das bin ich I" Von Männern umgeben, denen die Juden und das Judenthum eine völlige terra ineoguita waren, von Dutzendmenschen umringt, die weder sittlichen Ernst noch das Bewußtsein irgend welcher Verantwortung für die Geschicke von Millionen von Juden hatten, sorgte Graf Kachanow nur für die Verschleppung der Beschlüsse der unter seinem Vorsitz tagenden sogenannten Judencommission. Und ihre Thätigkeit ist mit dem italienischen Sprichworte: „Oomrne 1a castagna: bello di fuori, a dentro la Magagna.“ (Wie die Kastanie: von Außen schön, innen aber faul) am besten gekennzeichnet. Noch mehr, sogar die für die Juden günstigen Gutachten des Generalgouverneurs der sogenannten jüdischen Niederlassungsgebiete, welche auf Grund wahrer Kenntniß der Juden und ihrer Lage abgegeben wurden, vermochten nicht, die Kachanow'sche Commission aus ihrer sündhaften Apathie.zu reißen. Die Hoffnungen, welche die Juden in Rußland und mit ihnen auch die ehrlichen Elemente der russischen Gesellschaft auf die Kachanow'sche Commission gesetzt hatten, gingen somit nicht in Erfüllung. Nicht einmal eine Maus hatte dieser Berg geboren . . . Und trotzdem scheint die Kachanow'sche Judencommission nicht umsonst gelebt zu haben . . . Das von ihr gesammelte Material über die Juden ui Rußland enthielt nämlich Gutachten hervorragender russischer Staatswürdenträger über die Juden als Staatsbeamte, welche, vom Geiste der Wahrheit und der reinsten Menschlichkeit getragen, den Juden das denkbar günstigste Zeugniß ausstellten. Die Thatsache, daß in Rußland der Antisemitismus nicht unten, sondern oben erzeugt wird, daß das russische Volk, welches mit den Juden in täglichem Verkehre steht, den Antisemitismus fast gar nicht kennt, mochte dazu beigetragen haben, die erwähnten Gutachten jetzt, wo in Rußland andere Zeiten und andere Vögel gekommen sind, einer verdienten Würdigung zu unterziehen. Das Leben selbst bestätigte in jüngster Zeit die Wahrheit der erwähnten Gutachten in hohem Maße. In der Mandschurei waren es jüdische Ingenieure und Techniker, welche mit Aufopferung ihres Lebens die Verfügungen des Petersburger Verkehrsministeriums durchführten und den Bau der strategisch wichtigen Theilstrecken der mandschurischen Eisenbahn unter Kanonendonner bewerkstelligten. Und selbst General Gerngroß, der Chef der Ueberwachung des Bahnbaues, beeilte sich, den beim Bau der mandschurischen Eisenbahn angestMen jüdischen Ingenieuren und Technikern rückhaltlos Lob zu spenden. In Nischnei-Nowgorod, wo die Cholera stark verbreitet war, waren es jüdische Aerzte, welche unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Pflicht erfüllten und in Ausübung ihres edlen Werkes das Leben einbüßten. Wer in Rußland kennt nicht die tragische Geschichte des jüdischen Arztes I o e l s o h n, welcher in Nischnei- Nowgorod bei Nacht und Nebel die Cholera-Kranken in und außerhalb der Stadt besuchte und sich dort den Keim zu dieser Todeskrankheit holte, der er auch erlag? Graf Baranow, der damalige Gouverneur von Nischnei-Nowgorod, schilderte in einem Tagesbefehle den seltenen Opfermuth und die bewunderungswürdige Pflichttreue des jüdischen Arztes Jdelsohn und erklärte öffentlich: „Dieser Jude hat allen Russen Ehre gemacht." Und wer hat in Astrachan und Zarytzin während der Pest die Pestkranken behandelt und gepflegt? Juden waren es, welche, von Liebe zum Volke, unter welchem sie leben, getragen, mit Todesverachtung

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