Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021410--10919-3035427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 24 Bloch’s Aahrga«s XV Ul. Centralorgan für die gelammten Interessen des Iudenthums. Wien, 14. luni 1901. Erscheint jeden Freitag. -»>— - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggassc ^9. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift» Wien. P- - ■-■= --=7% A. ft. Postsxarc.rssrn-Amk Jj Clearing -Verkehr j Nr. 810.976. Bebactton und Administration: Vir» IX/1, BerggaWe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Bejußsprei» für Sest erreich: Halbjährig 8 Leonen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. * ■-:-. =# Inhalt. Leitartikel: Lueger und Pfister. Schönerer und Herzog! — Eine Entscheidung des Petersburger Reichsrathes. — Judenrecht. — Das neue jüdische Siechenhaus. — Zur Frage der Errichtung eines monumentalen Tempels in der Inneren Stadt. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Beobachtung.der Staatsgrundgesetze in Oesterreich. Die Gründe, warum Hilsner gehenkt werden muß. Ein Brief Hilsner's. Andreas von Rinn. Zur Blutlüge. Ein Ritualmord-Märchen Erlebniß anl Bord eines deutschen Dampfers. — Eorres pondenzen: Plenarsitzung der israelitischen Eultusgemeinde. Wien, Budapest, Lemberg, Olmütz, Zborow, Berlin, Sitzung des Eentralausschusses des Rabbinerverbandes. Die Bue-Brith-Vereine in Rumänien. Brief aus Amerika. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Brünn, Olmütz, Mährisch-Ostrau, Essegg, Friedek, Kozlow, Bisenz, Ungarisch-Ostra, Eroatisch-Kreutz, Kirchdrauf, Berlin, Eonstantinopel, Petersburg, New-Iork. — Feuilleton: Der Unessane tokef. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Karl Lueger und Pfister. Georg Schönerer und Herzog' In Lecky's Sittengeschichte Europas findet sich — und zwar im ersten Capitel des ersten Bandes, woselbst von der Naturgeschichte der Sitten die Rede ist — ein intereffanter Excurs über die Bedeutung der Wahrhaftigkeit im staatlichen Zusammenleben der Menschen. Der englische Geschichtsforscher definirt zunächst den Begriff der Unwahrhaftigkeit, indem er darunter nicht blos jene Verstöße gegen die Wahrheit begreift welche als vorbedachte Lügen auftreten, sondern auch jene Verletzungen der Wahrheit, welche zu Tage gefördert werden, wenn Jemand in der Darlegung einer Sache wesentliche Thatsachen unterdrückt oder zu verbergen sucht, oder wenn er bestimmte Behauptungen aufstellt, ohne ihre Gründe mit gutem Gewissen für wahr zu halten. Nachdem Lecky so den Begriff der Wahrhaftigkeit aus der Negative heraus begrenzt hat, unterscheidet er drei Stufen derselben, die er die industrielle, die politische und die philosophische nennt. Die erstere Form entspricht dem, was man im Berkehrsleben Treue und Glauben nennt. Sie bewegt sich auf dem weiten Gebiete, das sich zwischen dem eriminalistischen Betrüge und der peinlichsten Gewissenhaftigkeit ausbreitet und wird auf höheren Culturstufen zugleich als die vortheilhafteste Geschäftspraxis anerkannt. Die philosophische Form der Wahrhaftigkeit andererseits repräsentirt einen Grad von Sittlichkeit, in dem die Wahrheit rein um ihrer selbst willen bekannt und geübt wird. Es ist das jene Tugend, deren Höhe, Reinheit und Bedeutung für das Menschengeschlecht Niemand eindrucksvoller als Spinoza gezeichnet hat und deren Ausübung in dieser unvollkommenen Welt Conflicte hervorruft, wie sie durch Moliöre in seinem „Misanthrope“ so meisterlich dargestellt sind. fl faut, parmi le monde, une vertu traitable. Mit diesen Worten Philinte's hat sich von je die Durchschnittsmoral davon dispensirt, dieser höchsten Anforderung der Wahrhaftigkeit gerecht zu werden. Zwischen die industrielle und die philosophische Form der Wahrhaftigkeit stellt nun Lecky die Politische Form, die hervorgeht aus jenem Geist der Unparteilichkeit, der bei strittigen Angelegenheiten eine redliche Darlegung aller Meinungen, Beweise und Thatsachen fordert. Diese kaime88 ist das besondere Merkmal freier culturstarker Völker. Sie kann sich nur dort bilden, wo die Gesittung eine hohe Stufe erreicht hat, und sie geht bei längerer Uebung allmälig in den Nationalcharakter über, denselben veredelnd und erhöhend. Es gibt eine Art von Unwahrhaftigkeit, die aus einem undisciplinirten Temperament hervorgeht und die, wie alle Temperamentsfehler, bis zu einem gewiffen Grade entschuldbar ist. In der Hitze des Gefechts kommen allenthalben Unregelmäßigkeiten, Uebertreibungen und Entstellungen vor, deren sich der allzu hitzige Kämpfer bei kühlerem Blute schämt. Diese Auswüchse des Kampfes der Meinungen werden wohl niemals verschwinden und sie richten auch verhältnißmäßig wenig irreparables Unheil an. Nie und niemals aber hat sich die politische Heuchelei und Verlogenheit derart splitternackt, so ungeschlacht und brutal vor die weiteste Oeffentlichkeit gewagt, als wie sie innerhalb der antisemitischen Partei in ihren verschiedensten Seelen gleichmäßig sich präsentirt. Nicht blos ihr Kampf gegen die Juden, sondern ihre gegenseitige Fehde zeichnet sich in solcher Art durch eine fteche Mißachtung jeder Wahrheit aus. Die ewige antisemitische Lüge hat in diesen Parteien jedes Wahrheitsgefühl ertödtet und die Heuchelei zu einer Virtuosität entwickeln lassen, in der sie sich gegenseitig zu übertreffen suchen. Die Verhandlungen in den öffentlichen Vertretungskörpern Oesterreichs bieten nach dieser Richtung geradezu eine abschreckende Lectüre. In der letzten Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses hatte man Gelegenheit, neuerdings wahrzunehmen, wie klein der Dr. Lueger geworden ist. Er bildet nahezu die lächerliche Figur. Es ist in der That recht lustig, wenn der Chef der christlich-socialen Stadtverwaltung von Wien, welche wegen ihrer Parteilichkeit in der Ausübung der Macht in ganz Europa sprichwörtlich geworden, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses Grafen Vetter eine parteiische Handhabung der Geschäftsordnung vorzuhalten wagt. Herr Dr. Lueger hat offenbar gar kein Empfinden für die Komik seiner Situation, sonst hätte er sich die energische Zurechtweisung, die ihm vom Präsidenten zutheil geworden, ersparen können. Herr Schönerer und seine Leute erinnerten den Wiener Bürgermeister an seine jugendlichen Heldenthaten, als „Schützer des Kleinen Mannes", an seine alten Ehrennamen: »Beuschelreißer", „Herrgottspfänder". Und der Bürgermeister der Stadt Wien wußte nichts zu antworten, als: „Denuncirt habe ich doch nicht". Damit war gegen das Herz des Herrn Schönerer gezielt, der den gerichtsordnungsmäßig gebrandmarkten Denuncianten Herzog, gewiß eine moralisch widerliche Figur, als Fractionsgenossen schützt. Die Christlich-Socialen schreien aus voller Kehle und rufen in allen Straßen: „Der größte Lump im ganzen Land, ist und bleibt der D e n u n c i a n t."