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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 394 Nr. ^3 Dr. Bloch's Wochenschr^L« ist. Es ist die höchste Zeit, daß er von Euch wegkommt, denn er lernt nichts Gutes von Euch mit Euerem Branntweintrinken. Wenn Sie wüßten, Mammeleben, was mich zum Trinken gebracht hat und daß ich nur im Trinken mein Elend vergesse, möchten Sie mir es nicht verübeln. Ich glaub's Euch, denn Ihr seid nicht der Einzige, der im Branntwein Vergessenheit sucht, aber trinkt wenigstens nicht vor dem Kind, daß er das nicht lernt. Takisch1), justament, trink ich vor ihm, rief Feibisch voller Feuer aus, damit er sieht, wie nicht hübsch das ist, und damit er vor dem Branntwein Ekel kriegt. Von der unwiderstehlichen Logik dieser Worte ergriffen, wagte Cheile keinen Einwand mehr. In Wirklichkeit war ihr ja die Moralität ihrer Gäste ganz gleichgiltig. Ihr genügte, wenn die Männer jeden Früh Tefiliin legten, und am Sabbath in ihren Stuben weder rauchten, noch Karten spielten, was öffentliches Aergerniß erregt und sie selbst in tiefster Seele verletzt hätte. Für Feibisch allein empfand sie ein regeres Interesse als für die unzähligen Anderen, welche kamen und gingen, ohne daß sie sich darum gekümmert hätte, woher und wohin. Dieses Interesse entsprang in erster Linie aus dem Umstande, daß sie sein mutterloses Kind bei sich in Pflege behielt, dann auch, weil dessen sterbendes Weib in Ausdrücken wärmster Dankbarkeit von ihrem Manne, mit dem sie Jahrelang bettelnd das Land durchzogen, gesprochen hatte. Sie gedachte dessen treuer opferwilliger Liebe zu Dawidl, der doch, wie sie selber eingestand, nicht dessen leiblicher Sohn war, da sie ihn schon hatte, bevor sie Feibisch kennen lernte. Dann zog sie unter den Kissen einige Schriftstücke hervor, welche sie der Herbergsmutter übergab, nachdem diese auf ihr Verlangen ihr zugeschworen hatte, selbe bei sich zu bewahren und sie Dawidl erst zu übergeben, bis er 18 Jahre alt sein werde. Dämon Branntwein hatte Feibisch unfähig gemacht, der Bewahrer dieser auf die Zukunft des Knaben bezughabenden Schriftstücke zu werden. Dann war das bleiche Weib ruhig entschlafen und Feibisch war hier gelieben, um die vorgeschriebene Schiwe zu halten. An diesem Freitage war er Schiwe aufgestanden und jetzt, nachdem Cheile alle Vorbereitungen zum morgigen Sabbathtage getroffen, zog sie Feibisch in das oben erwähnte Gespräch. Fcibisch, sprach sie weiter, wo seid Ihr eigentlich her, daß Ihr Euer armes -Weib nicht zu Hause gelaffen und sie mit dem schweren Leib bis hierher nach Böhmen geschleppt habt, wo sie ihre müden Glieder niederlegen mußte. Gott! rief der Pole tiefbewegt aus, ich habe ja keine Heimat mehr! Draußen in Russisch - Polen lernte ich mein Blimele kennen. Sie hatte mit ihrer Mutter dort in einem Dorfe, wo auch eine kleine Kille2) war, ein Wirthshäusel. In mir hat immer so ein Stück Vagabund gesteckt; ich bin mit einem reisenden Chasen und seinen Meschorerim3) durchs Land gezogen und da kamen wir auch einmal in diese Kille: Den Chasen und den Baß nahm der Rosch-hakohl4) zu sich und Meschorerim quartierte man im Wirthshaus ein. Da gefiel mir die schöne stille Blimele gleich gut, und das Kind, das sie hatte, das Dawidl, hat sich gleich an mich gehängt und wollte mich nicht loslaffen. Sonntag zogen meine Kameraden alle wieder weiter, nur ich bin dort geblieben und habe mein Blimele genommen und wir haben so gut mitsammen gelebt, wie es Gott befohlen hat. Die Schwieger ist bald darauf gestorben. Sie war eine ftomme Neschume3), so hat ihr Gott erspart, das zu erleben, was wir erlebt haben. Es ist ganz gut gegangen, man hat uns gern gehabt im Dorf und in der Kille, und wenn ich Abends gesungen Hab', so ist Alles zu uns gekommen und hat mir zugehört, der Pfarrer und Bürgermeister und alle Bauern. Da auf einmal ist im Ort ein Lärm geworden, daß man ein Kind ermordet hat und daß es die Juden gethan haben, so ein Bilbel9), was die Leute sich ausdenken, wenn sie uns plündern wollen. Da ist bei Nacht eine ganze Horde gekommen und hat die Fenster eingeschlagen und uns ausgeplündert. Wie sie sich an dem Branntwein, was ich Borrath hatte, schikur7) getrunken hatten, wollten sie uns todtschlagen. Wir haben uns durch den ') Also. *) Gemeinde. 3) Sänger. 4) Vorsteher. 5) Seele. 6) falscher Verdacht 7) berauscht. . . Hof hinaus ins freie Feld gerettet, halbnackt, nur um am Leben zu bleiben. Draußen packten uns Gendarmen, nnd weil ich nicht von da heimisch war, so schoben sie uns ohne Weiteres über die Grenze. Von da an wurden wir Schnorrer. Als wir so mit den Gendarmen gingen in der stockfinstern kalten Nacht, da wurde mit einemmale alles hell um uns; ich wandte mich um und schrie wie ein Toller auf. Unsere Schul, unsere schöne Schul stand in Flammen. Die Reselioirn') haben sie angezündet. Gott! Muttecleben, wenn Sie die schöne Schul nur gesehen hätten. Ich sag' Ihnen, es war ein Bes hamikdasch2) im Kleinen. Auf Misraed- Seite3) das schöne Uron hakodesch4) mit sechs Lekorirn3) drin, und die Wölbung darüber wie ein Himmel mit lauter goldigen Stern'. Und rückwärts war die ganze Akeide6) aufgemalt und so natürlich, daß man meinte, die Bäume auf dem Rar Moria7) wachsen heraus und das Alles ist verbrannt! Wie konnte das nur geschehen, wie konnte der gerechte Gott diese Lüge dulden und sein Volk vertreiben und sein Heiligthum verbrennen lassen. Ich sag Ihnen, Cheileleben, wenn ich am Roschhaschune8) und am Jom Kipur9) in Kittelund Talis n) in unserer Schul' stand und den Unessane Takef sang, so glaubte ich nicht anders, als ich sei der Kohen hagadoll2), der für Kol Jisruel13) misneade und mispallel14) ist. Und jetzt mit einem Male war Alles aus und ich mußte immer unter den Schnorrern irgendwo bei der Thür stehen, wo ich doch immer so ein beeßo^veter Baldes '3) gewesen bin. Ich Hab' Alles ertragen, aber mein fein Blimele ist an der fortwährenden Schand zu Grund gegangen. Nun, Gott hat sie erlöst, ihr ist wohl! Und habt Ihr niemals den Versuch gemacht, wieder heim zu gehen? fragte Cheile. O, einige Male, besonders Blimele drängte dazu, aber man ließ uns niemals über die Grenze. Cheile überkam tiefes Mitleid mit dem unglücklichen, von ihr so arg verkannten Manne. Sie verzieh ihm im Geiste seine Neigung zum Trinken, hätte ihm sogar selbst den voü ihr verpönten Trank gereicht, wenn sie hätte hoffen können, ' daß erden durch ihre Fragen wachgerufenen Schmerz in der Seele des armen Mannes betäuben werde. Im Eifer des Gespräches überhörten die Beiden, daß an die Thüre gepocht wurde, und blickten erst auf, als dieselbe geöffnet wurde und zwei Damen eiutraten. Es war dies eine seltene Erscheinung in diesem von der Armuth und öfters auch von der Gemeinheit ausgesuchten Raume. Die ältere der Damen, eine würdige Matrone, deren faltenreiches aber gütiges Antlitz von einer glänzendschwarzen Haartour umrahmt wurde — anders wie die ins Fuchsrothe spielende Haartour Frau Cheile's — war eine hohe elegante Erscheinung. Die jüngere Dame trug einen modernen Schlußhut, an dem ein Schleier befestigt war, welcher Gesicht und Haar der jungen Frau vollständig verdeckte. Es waren dies die verwitwete Frau Rosenberg, Vorsteherin und Mitbegründerin des jüdischen Frauenvereines in der Gemeinde, und Frau Amalie, ihre Schwiegertochter. Cheile sprang beim Ansichtigwerden ihrer vornehmen Gäste ganz erregt von ihrem Sitze auf, faßte die Hand der alten Dame und drückte darauf einen Kuß. Diese welke Hand Kar es wohl werth, daß sie geliebkost wurde. Denn so klein und zierlich sie auch war, sie hatte doch schon unermeßlich viel der Wohlthaten gespendet, viele Thränen getrocknet, und auch da, wo es nicht möglich war, helfend einzugreifen, doch mit treuem ermunternden Drucke Hoffnung und Zuversicht eingeflößt. Könnten wir den Ehemann der kürzlich hier verstorbenen fremden Frau sprechen? frag Frau Rosenberg, nachdem sie sich eine Weile in dem Locale umgeschaut hatte. Feibisch stellte sich unter unzähligen Kratzfüßen und tiefen Bücklingen den Damen als der Gesuchte vor. O, Sie armer Mann, wie bedauern wir Sie! sprach ihn die Matrone an. Wir haben des Kindes wegen so Manches mit Ihnen zu besprechen. Daß wir für das mutterlose Kind sorgen werden und so lange es klein ist, von Frau Cheile pflegen lassen, ist Ihnen wohl bekannt und haben Sie vielleicht nichts dagegen einzuwenden? Wie sollte ich auch, gnädige Frau Madamleben, antwortete abermals sich tiesverneigend der Schnorrer. ') Bösewichter. a) Heiligthum. 3) Ostseite. 4) Bundeslade. 5) Torarollen. °) Opferung Isaaks. 7) Berg Moria. 8) Neujahrstag. 9) Versöhnungstag l0) Sterbehemd. ") Gebetmantel. '*) Hohepriester. ") Ganz Israel. ") Die Sünden bekennt und gebetet. 15) Ehrenhafter Hausvater.

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