Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 23 Dx. Blocht Wv^enschriN. Seite 389 Budapest. Nach einem langen, der rastlosen künstlerischen Arbeit gewidmeten Leven ist der Nestor der ungarischen Bildhauer, der Schöpfer des Szechenyi-Denkmals, Joseph Engel, gestorben. Er erreichte das hohe Alter von sechsundachtzig Jahren und erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens gönnte er sich Ruhe, weil ihn das Alter hiezu nöthigte. Als Künstler gehörte er der classischen, oder wie die Modernen von heute sie nennen, der „alten Schule" an; in dem von ihm gepflegten Genre aber hat Engel seinerzeit viel Schönes und Gutes geschaffen. Nach mancherlei künstlerischen Erfolgen, die er im Anslande gefeiert, kehrte Engel in sein Vaterland heim. Er ließ sich in der Hauptstadt bleibend nieder und hier ist er sanft ins Jenseits hinübergeschlummert. Joseph Engel wurde im Jahre 1815 als der Sohn armer jüdischer Eltern geboren. Diese wollten ihn anfangs zum Rabbiner heranbilden lassen, und als er fünfzehn Jahre alt geworden war. schickten sie ihn nach Preßburg, wo er seine theologischen Studien fortsetzen sollte. Er blieb aber nur ein Jahr in Preßburg und ging dann nach Wien, wo er Drechslerlehrling wurde. Sein Meister sah, daß der Junge Talent zum Holz- und Beinschnitzen habe, und ermöglichte ihm, die Kunstakademie zu besuchen. Hier blieb er bis 1838. Mittlerweile hatte er zwei Preise gewonnen. Hernach befaßte er sich in München und Paris mit Schnitzarbeiten, worauf er sich in London niederließ. Hier bildete er sich vom einfachen Steinmetzgehilfen zum Bildhauer heran. Die von ihm verfertigten Büsten der Königin Victoria und des Prinz-Gemals Albert lenkten die Aufmerksamkeit des damaligen österreichischen Botschafters Fürsten Paul Esterhazy auf den jungen Mann. Er ließ ihn in die Bildhauerakademie einschreiben, wo Engel wieder mehrere Jahre verbrachte und abermals in einigen Concurrenzen den Sieg davontrug. Sein erstes größeres Werk war die Statuengruppe „Amazonenkampf", die vom Prinzen Albert um 600 Pfund Sterling angekauft wurde. Die Gruppe steht im königlichen Schlosse auf der Insel Wight. 1847 ging Engel nach Rom, wo er dann volle zwanzig Jahre verbrachte. Es war das die fruchtbarste und erfolgreichste Epoche seiner Thätigkeit. Der Einfluß der vaticanischen Sculpturen wirkte befruchtend auf ihn ein. Gleich in den ersten Jahren seines römischen Aufenthaltes modellirte er den „Gefangenen Amor", die „Unschuld" und eine Menge mythologischer und idealer Figuren, die durch die Anmuth der Formen und die weichen Linien auffielen. Auf den öffentlichen Ausstellungen figurirte Engel stets als ungarischer Bildhauer. 1857 stellte er in Manchester die „Parze" aus, die der Londoner Lordmayor S a l a m o n bei ihm bestellt hatte. Auf der Wiener Weltausstellung 1873 waren sechs Werke Engel's zu sehen. Mit einem derselben/ der „züm Leben erwachenden Eva", gewann er die große goldene Medaille. In Rom verfertigte er auch die Vollstatue des Feldmarschall-Lieutenants Grafen Franz Nädasdy, die im Wiener Arsenal aufgestellt wurde. Unter den Besuchern seines römischen Ateliers befanden sich: der König und die Königin von Preußen, die Gemahlin des Czaren Nikolaus, der Prinz von Wales, König Ludwig von Baiern und viele andere fürstliche Persönlichkeiten. Nach 30jährigem Aufenthalte im Auslände kehrte Engel Ende 1866 nach Ungarn zurück, da er unter 19 Concurrenten mit der Ausführung des Szechenyi-Mouuments betraut worden war. Ein Theil der Jury hatte sich für das Jzsü'sche Modell erklärt und es gab eine heftige Polemik. Durch den zur Ueberprüfung der Modelle ersuchten Berliner Bildhauer Albert Wolfs wurde der Wettstreit zu Gunsten Engel's entschieden. Die Enthüllung des Denkmals, das 120.000 fl. kostete, fand im Jahre 1880 statt. An der Enthüllungsfeier nahmen auch Erzherzog Joseph und Gemalin tbeil. Von den in Budapest verfertigten Sculpturen Engel's befinden sich die Büsten Maria Theresia's und Peter PLzmäny's im Besitze des Nationalmuseums; die gleichfalls aus Engel's Atelier. stammenden Büsten Eduard Szigligeti's, Josef Katon a's, der Frau KLntor und Koloman Szerdahely i's schmücken das Foyer des Nationaltheaters. Unter großer Theilnahme fand das Leichenbegängniß statt. Im Sterbehause, Theresienring Nr. 32. hatten sich zahlreiche Trauergäste eingefunden, darunter Sectionsrath Alexius K. Lippich (in Vertretung des Unterrichtsministers W l a s s i c s). Karl T e l e p y seitens des Landesvereines für bildende Künste, der Maler Franz U j h a z i, der greise Bildhauer Dunajeczkh, Philipp Lößlü rc. Das Gros der Maler und Bildhauer war übrigens ferngeblieben, was peinliches Aufsehen erregte. Rabbiner Dr. Julius W e i ß b u r g widmete dem verblichenen Künstler einen ergreifenden Nachruf, in welchem er die Bestrebungen und Verdienste Engel's würdigte und die Vereinsamung, die ihn in seinen letzten Lebensjahren umgab und sich auch bei der Leichenfeier offenbare, als unverdient hinstellte. Die schwungvolle Rede machte auf die Zuhörer tiefe Wirkung. Den gesanglichen Theil der Trauerfeier besorgte Obercantor Professor Lazarus. Die Beisetzung erfolgte im nenen Friedhofe. — Am selben Tage wurden dem verstorbenen Präsidenten des „Heiligen Vereins" Moses Ehrlich die letzten Ehren erwiesen. Eine überaus zahlreiche Trauermenge hatte sich zur Leichenfeier eingefunden, darunter das Rabbinatscollegium und die Vorstehung der Pester israel. Religionsgemeinde, geführt vom Präsidenten Sigmund Kohner, die Vorstehung der Ofner israel. Eultusgemeinde unter Führung Dr.Szabbolcsi's, eine Deputation der ungarischen Kaufmannshalle, die Reichstagsabgeordneten Dr. Moriz M e z e i, Dr. Armin N e u m a n n, Johann R a d o c z a, Lazar Samuel, Theodor Wolfner, Curialrichter Ignaz Neuberger, Sectionsrath Bernhard G r ü n w a l d, Stadtrepräsentant Paul T e n c e r, Professor Dr. Berthold Stiller. Docent Dr. Jonas Baron Vertreter von Geldinstituten und Industrie-Unternehmungen, das Rabbinenseminar unter Führung des Professors Bloch, der Lehrkörper der israel. Lehrerpräparandie unter Führung Dr. Joseph B L n ö c z i's, die Pester Cbewra-Kadischa unter Führung des königl. Rathes Dr. Philipp W e i n m a n n und des Secretärs Dr. Franz M e z e i. die Ofner Chewra-Kadischa unter Führung des Präsidenten Moriz Steiner, Deputationen der Altofner, Neupester und Raaber Chewra-Kadischa, Hermann Popper in Vertretung der Prager Chewra-Kadischa, die israel. Spitalscommission mit dem Präsidenten Leopold Keppich, das Siechenhaus mit dem Präsidenten Karl G o m p e r c z, das Knabenwaisenhaus mit dem Präsidenten Jakob Deutsch, das Mädchenwaisenhaus mit der Präsidentin Marie H e r z l, der Talmud-Thora-Berein mit dem Rabbiner Soser Süßmann an der Spitze, Deputationen des Jäß-Nagy-Kun- Szolnokercomitats mit dem Obergespan L i p v i ch an der Spitze, der Gemeinde F e g y v e r n e k, sowie zahlreicher humanitärer undcultureller Vereine. In wirkungsvoller Weise schilderte Oberrabbiner Dr. Samuel K o h n die Charaktcrvorzüge, den Wohlthätigkeitssinn, den werkthätigen Pflichteifer des Verblichenen. Am Grabe sprachen Oberrabbiner Dr. K a y s e r l i n g und Stadtrepräsentant Paul T e n c e r. Trebitsch (in Mähren). Am Sonntag den 26. Mai l. I. fand im hiesigen Tempel die Trauung der jüngsten Tochter unseres Ehrenbürgers und Altbürgermeisters Herrn Albert Grünberger, Fräulein Rosa Grüuberger, mit Herrn Isidor Naschitz, Ober-Offical der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, statt. Die große Beliebtheit, deren sich Herr Grünberger sammt seiner Familie erfreut, mauifestirte sich vor Allem in der großen Betheilignng der hiesigen Bevölkerung bei der Trauungsfeierlichkeit. Das Gotteshaus konnte all die Erschienenen kaum fassen. Auch aus der Ferne kamen Verwandte und Freunde beider Familien, um Zeugen des Freudenfestes zu sein. In dem festlich decorirten und beleuchteten altehrwürdigen Tempel vollzog Rabbiner Doctor Pollak die Ceremonie der Trauung, die in einer großangelegten Rede auf das Brautpaar und auf die beiderseitigen Brauteltern ansklang. Drody. Wenn schon in dieser Stadt zu leben nichts Angenehmes und Erbauliches für einen intelligenten Menschen ist, der doch hie und da nach einer geistigen Labung ein Bedürfniß fühlt, wie z. B. nach einem Tempel mit einem geregelten Gottesdienste, nach einer herzerhebenden, zum religiösen Gefühle stimmenden Predigt u. s. w., so muß man uoltzus Valeur den hiesigen so tristen Verhältnissen Rechnung tragen, da der triviale Lebenskampf um das gewöhnliche Dasein in den letzten Decennien, nach Aufhebung der Freistadt, ein sehr beschwerlicher wurde; aber wie noch trauriger, wie schrecklich ift es für den Lebenden, wenn in ihm so manchmal der Gedanke auftaucht, von des Todes eisiger Hand erfaßt zu werden und hier sterben, ja sterben zu müssen! Von wem und wie wird der Verstorbene bestattet und in den Schoß der Mutter Erde gebettet, uni ewige Ruhe und Frieden zu finden? Einige wahrlich in Lumpen und Fetzen gehüllte, der niedrigsten Classe ungehörige Individuen tragen, die Leiche meist in Laufschritten auf den Friedhof hinaus. Diese 'Leichenträger sind gewöhnlich Taglöhner, die dieses Geschäft für einige wenige Kreuzer besorgen. Das schwarze Tuch, welches die Tragbahre deckt, ist ein alter, vermoderter, geflickter Fetzen, welcher denk luftigen Spiele des Windes ausgesetzt ist. Wie fürchterlich herabgekommen sehen selbst die wenigen von der Gemeinde berufenen Todtengräber aus. Es ist wahrlich beschämend und entehrend für die Repräsentanz der hiesigen jüdischen Bevölkerung, wenn dem Todten die Ehre noch zu Theil wird, daß manche seiner christlichen Mitbrüder dem Leichenzuge beiwohnen und ihm das letzte Geleite bis auf den von der Stadt ziemlich weit entfernten Friedhof geben. Die höchste Zeit wäre es daher, daß der jetzt neu constituirte Cultusvorstand, der doch aus Männern von hoher Intelligenz und Bildung besteht, auch diese so dringende Angelegenheit in Angriff nehme und eine der Menschheit und dem Judenthume würdige Leichenbestattung ins Leben rufe, welche auch dem Zeitgeiste entspricht. M. M a r k st e i n. Berlin. (Jüdische Oberlehrer au den höheren L e h r a n st a l t e u Preußens.) Der soeben erschienene „Kunze" (Kalender für das höhere Schulwesen Preußens) für das Schuljahr 1901 ermöglicht es, die Behauptung des preußischen Justizministers Schönstedt, daß die Juden in anderen preußischen Verwaltungen noch weniger augestellt würden als bei der Justiz, für die Unterrichtsverwaltung genau zu untersuchen. Es sind, wie' wir einem in der „Allg. Ztg. d. Judenth." veröffentlichten Auszuge entnehmen, au königlich preußischen höheren Anstalten in der That nicht mehr als acht jüdische Oberlehrer angestellt (wovon zwei Professoren mit dem Range der Räthe vierter Classe), darunter fünf in der Provinz Posen, die nur staatliche höhere Lehranstalten besitzt, zwei in Westpreußen und einen in Berlin. An städtischen Anstalten sind augenblicklich 48 jüdische