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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 886 den Söhnen jenes Volkes, dem Du einige Deiner besten Werke gewidmet hast, Dir eine hochverdiente Huldigung, nicht nur im Namen unserer hiesigen Mitbrüder, sondern unserer ganzen Nation, darzubringen. Denn unser Volk ist von jeher seinen echten Freunden und Gönnern, insbesondere den edlen Rittern vom Geiste, denen der Allmächtige Genie eingehaucht hat, auf daß sie ihre Mitmenschen der Aufklärung entgegenfiihren, und welche ihre erhabene Mission treu ausüben, dankbar gewesen. Denn fürwahr, wer war gleich Dir so aufrichtig und mit so glänzenden Erfolgen bestrebt, große und hehre Ideen als Ausfluß eines schönen Geistes, Ideen, die darnach angethan sind, des Menschen Seele zu veredeln, seine Sitten zu verewigen, in seinem Herzen das heilige Feuer der Nächstenliebe anzufachen und den Frieden zwischen den Nationen anzubahnen, zu verbreiten. Mit einem Seherblick begabt, schaust Du bis auf den Grund des Menschenherzens. — die Seele mit ihren zarten Zuckungen liegt vor Dir, offen wie ein Buch, Du erkennst unter den nationalen und confessionellen Schleiern das, was echt menschlich ist, somit kennst Du auch die Seele des Juden, seine Neigungen und Gebräuche, seine Leistung und Schaffenskraft, kennst Du ihre belebenden Traditionen, Hoffnungen und Bestrebungen. Und so — stehst Du zwischen Deinem und unserem Volke als Dolmetsch da. Und wie die Herzen all' der wirklich großen Dichter Deiner edlen Nation, deren Namen in den Annalen der Civilisation wie Sterne am Firmamente glänzen, so ist auch Dein Herz dem Volke Israels geneigt und bringt unseren Brüdern, deren Schicksale durch Jahrhunderte mit den Schicksalen Deiner Nation verknüpft waren, Eintracht und Liebe entgegen. Und wenn Du dem Leser wahrheitstreue Gestalten unseres Volkes vorführst und mit Deiner meisterhaften Feder Scenen aus dem Leben der Juden zeichnest, trägst Du wahrlich dazu bei, daß man sich ein gerechtes Urtheil über sie bildet, wodurch der Haß ' und die Verachtung, die ihnen entgegengebracht werden, schwinden müssen. Dein warm schlagendes Herz wird von dem Elend der jüdischen Massen hingerissen, und Deine Seele voll zarter Empfindungen, die Seele eines wahrhaft edlen Weibes, vermag für sie Mitleid zu erwecken, die Herzen ihrer Nachbarn ihnen näher zu bringen und zwischen ihnen inneren Frieden herzustellen. Darin stehst Du für unsere Zeitgenossen als leuchtendes Muster da, gereichst Deiner Nation und Deiner Religion zur Ehre und bringst auch unserem Volke und unserer Religion ungeschmälerte Achtung entgegen. . Und deshalb ist jeder Israelit, der Dein dichterisches Schaffen zu würdigen vermag — Dir aufrichtig dankbar und fleht zum Allbgrmherzigen, daß Seine Gnade über Dir wache, Dir ein langes und glückliches Leben bescheere, Dich stärke, auf daß Du die edle Aufgabe Deines Lebens fortsetzest, zu Deinem und zum. Heile Deiner Nächsten, zum Ruhme Deiner Nation und zur Freude aller Friedensfreunde unter den Völkern, all' derjenigen, die Deine herzliche schriftstellerische Thätigkeit hoch schätzen, zu denen auch wir Unterfertigten uns zählen. Wilna, Montag den 10. Jjar, im Jahre 5661 seit Erschaffung der Welt. Eine historische Richtigstellung. Obwohl die dünkelhafte und doch mit keiner kleinen Portion Ignoranz in historischen Dingen vermengte jesuitische Verdrehungskunst des Fürsten Alois Liechtenstein es sich nicht gar besonders lohnt, gegen dessen Behauptung, daß die scheußlichen Verfolgungen der Juden im Mittelalter nur ein Ausfluß deren angeblichen Handels mit Christensclaven gewesen wären, zu polemisiren, so verlangt es doch das Gefühl der Gerechtigkeit, daß diese Behauptung durch Anführung streng geschichtlicher Daten ad absurdum geführt wird, war es doch ein Ahne seines Hauses*), auch eine Stütze des Thrones und des Altars, welcher durch Verfälschung derMünzeundauf Kosten des „kleinen Mannes" sich 31 Millionen erschwindelte. Es ist also schon aus diesem Grunde ein wenig nöthig, auch bei ihm zu prüfen, wie viel Feingehalt an Wahrheit seine fragliche Behauptung enthält. . Wie schon in der Nr. 22 der „Oesterreichischen Wochenschrift" nachgewiesen wurde, war es gerade die Clerisei und nicht die Juden, die den Sclavenhandel propagirte. Es konnte also dieser Grund gewiß nicht sein, welcher die so scheußlichen Verfolgungen hervorrief. Wohl aber war es die ganz gemeine Hab- und Raubsucht der Fürsten und Herren des Adels, wie dies auch die gewiß *) Gemeint ist der in der Münzverfälschung so berüchtigt gewordene Fürst Carl Liechtenstein, der es verstand, in der Periode des „Kipper- und Vippergeldes", also zur Zeit des 30jährigen Krieges, aus jeder Mark, welche ftüher nicht ganze 22 Groschen Werth war. deren 596 zu erschwindeln. Nr. 23 unverdächtigen Geschichtsprofessoren Jannsen, Pastor, Hirn, der Nationalökonom Roscher u. A. bezeugen. Insbesondere sagt Letzterer ausdrücklich, „daß bei fast allen Judenverfolgungen im Mittelalter es vornehmlich auf die Vernichtung der Schuldbriefe ankam, die die großen Herren, Fürsten und Herren den Juden ausgestellt hatten." Als im Jahre 1446 die Juden in der Mark Brandenburg in den Kerker geworfen und ihres Vermögens beraubt wurden, war es ein Kirchenfürst, der Bischof Stefan von Brandenburg, der klagte: „Uebel handeln die Fürsten, welche aus unerhörtem Geiz (sie!) und ohne gerechte Ursache die Juden aller ihrer Habe berauben, sie ermorden oder ins Gefängniß setzen." Noch deutlicher aber geht diese habsüchtige Absicht hervor, als — wie Jannsen in seiner „Geschichte des deutschen Volkes" einen Zeitgenossen eitirt — der Mainzer Churfürst und Erzbischof Albrecht von Brandenburg im Jahre 1515 ein Bündniß mit Fürsten und Städten zur Vertreibung der Juden schloß, es ihm „nit sowol umb den gemeinen Nuzen zu tun, als er sagt, denn umb sinen eigen Vorteil. Und würde er sich selbs an die Juden verkeuffen, wenn die Summe des Angebots hoch genug sey." Waren die Cassen der Fürsten leer oder drückten den Grafen oder den Standesherren die Schulden, die sie bei ihren Schutzjuden machten, gar zu sehr, so erfand man das Märchen einer Hostienschändung, einer Brunnenvergiftung rc., und unter Hepp-Hepp-Rufen hetzte man das unwissende Volk auf die Unglücklichen. Fanatismus und Habsucht vereinigten sich, um von den Juden Geld zu erpressen. Man schlage nur die Chroniken der Städte und der Fürsten von Oesterreich, Steiermark, Baiern rc. auf, und man wird mehr als genug Belege dafür finden, daß, je frömmer der Landesfürst, destomehr die Juden gedrückt wurden. Man trachtete die Juden an sich zu fesseln, schützte sie und gab ihnen mannigfache Privilegien. Hatte man aber bereits genug Gelder von ihnen geborgt und wollte man sich der Schulden auf eine gemächliche Weise entledigen, nun, die Volksmassen waren leicht zu erregen und noch leichter dazu zu bestimmen, die Häuser der Juden zu plündern. Das waren und sind die Gründe der Verfolgung der Juden im Mittelalter und niemals deren angeblicher Handel mit Christensclaven, der doch größtentheils in den Händen der römischen Prälaten lag, welche allerdings hie und da sich des Juden als Mittelsmann bedienten, wie ja auch der Inspirator des Münzverfälschers aus dem fürstlich Liechtenstein'schen Hause ein Jude war. Der Ritter, Graf und Standesherr, selbst geistlichen Standes, konnte ja oft kaum uothdürftig lesen und schreiben, sondern nur turnieren, fechten und rauben oder seine Schutzjuden brandschatzen. Im Uebrigen verweisen wir auf das in Nr. 30 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 28. Juli 1899 Gesagte, mit „Der Feudaladel und das Judenthum" überschrieben. Jul. BergerIM Zwei Schreiben der Stadt Köln an Straßburg.*) Die furchtbare Pest, die in den Jahren 1348 und 1349 das westliche Europa heimsuchte, das platte Land verödete, die Städte fast des fünften, ja des dritten Theiles ihrer Bevölkerung beraubte, kurzum die gesammte abendländische Christenheit deeimirte,- sollte für die Juden der Ausgangspunkt einer langen Reihe grausamer Verfolgungen und Austreibungen werden. In einer abergläubischen Zeit, in der die abgeschmacktesten Lügen und Verdrehungen eine größere Wahrscheinlichkeit für sich hatten, geglaubt zu werden, als klar und unumstößlich bewiesene Thatsachen, «mußte gerade der thörichte Erklärungsversuch des „großen Sterbens", wie die zeitgenössischen Chronisten die Pest nennen, in dem verrohten und unwissenden Pöbel fanatische und brutale Anhänger finden. Es ist deshalb fast eine Ehrenpflicht des kleinen Häufleins, Derer zu gedenken, die den Borurtheilen und Verdrehungen ihren kühl abwägenden Verstand entgegensetzten, die, weit entfernt, sich von der allgemeinen Volksstimmung beherrschen zu lassen, durch gütliches und vernünftiges Zureden, durch eindringliches und nachdrückliches Vermahnen und Verwarnen einen bestimmenden Einfluß auf diese zu gewinnen suchten. Vor Allem war es Köln, dessen Rathsherren zu jener Zeit, als der Pöbel von Gasse zu Gasse, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt die lügenhafte *) Aus einer Studie von Richard Lichtenstein (Straßburg i. E.) im „Israel. Gemeindeblatt;'. MvchrnfchrM

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