Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Seite 385 Dr. BWL/s Schwartzseld's „Cilibi Moisi". Von Rabbiner Dr. I. Niemirower, Jassy. Die berühmte Spruchsammlung eines im Volksmunde mit „vornehmen Moses" bezeichneten Glaubensgenossen ist in zweiter Auflage erschienen. Die Sprüche, welche vom Dramatiker Caragiali, vom Professor Ghibauescu gepriesen werden, hat der bestbekannte Schriftsteller Moses Schwartzfeld, dem die rumänisch-jüdische Literatur vielfach Dank schuldet, gesichtet, systematisirt und mit einer trefflichen Einleitung in der Form einer biographischen Skizze ihres Schöpfers versehen. Ist auch nicht alles Gute in diesen Sprüchen neu und alles Neue gut, so sind sie doch zumeist intereffant. ES ist überhaupt merkwürdig, daß Froim Moischi aus Fokschani, der nicht mal schreiben konnte, auf seine Zeitgenossen einen Zauber ausgeübt und die von ihm dictirten Sprüche in etwa 13 Broschüren niedergelegt, großes Aufsehen in rumänischen Kreisen erregt. Ein lebendiger Quell reicher Erfahrungen und tiefer Weisheit strömt aus seinen Worten; eine urwüchsige Idealität und* eine humorvolle Realistik geben sich uns kund und eine erhabene Moralität gelangt oft zum Vorschein. DaS Volk pries daher diesen Hausirer Moses als Edelsinnigen und Berühmten und ein rumänischer Professor macht den Vorschlag, daß man diese jüdisch-rumänischen Sentenzen zu Schulzwecken im Dienste der ethischen Erziehung der Jugend verwende. Der ausgezeichnete Literat Moses Schwartzfeld hat sich nun das Verdienst errungen, durch seine Gruppiruna und Veröffentlichung der eigenartigen Geistesproductionen des „Cilibi Moisi" dieselben vor Untergang bewahrt und der höher» rumänischen Literatur zugeführt zu haben. Im Folgenden sollen bedeutsame Sprüche des Kaufmannes Froim Maische, geboren zu Fokschani im Jahre 1812, gestorben zu Bukarest 1870, aus dem Rumänischen ins Deutsche übertragen und dem deutschen Leser als Proben gezeigt werden. Nach der Schwartzfeld'schen Eintheilung sprach und schrieb Cilibi Moisi über viele Probleme der Menschheit in aphoristischer Form. „Gott hat zwei Magazine, das eine enthält Verstand und das andere Geld; das des Verstandes wird bewacht, während das des Geldes unbewacht bleibt, weshalb es mehr Reiche als Verständige gibt." „Die Philosophen haben Vieles entdeckt und erfunden, jedoch nicht, was man unter Glück versteht." „Da wir doch Alle dem Tode geweiht sind, so möge es unser Wunsch sein, daß unser Leben dem Baterlande und nicht blos der Natur geopfert werde." „In der ganzen Welt findet man Keinen, der sich ein Vaterland kaufen könnte, aber doch Solchen, der sein Vaterland verkauft." „Für den Freund halte immer offen: Beutel, Herz und HauS." „Das Leben der Frau kann in vier Perioden getheilt werden, je nach den vier Gegenständen, deren sie nöthig hat. In der ersten Periode bedarf sie einer Puppe, in der zweiten eines Spiegels, in der dritten der Spitzen und in der vierten eines Gebetbuches." „Sowohl die Kinder der Armen, als die der Reichen beweinen ihre verstorbenen Eltern. Die Kinder der Armen trauern, warum ihre Eltern schon, und die Kinder der Reichen, warum sie erst jetzt gestorben." „Ein schlechtes Kind ist gewiffermaßen der sechste Finger an der Hand des Vaters; er möchte ihn nicht behalten und es thut ihm doch leid, ihn abzuschneiden." „Der Mensch wird für Andere geboren und stirbt für sich." „Die Lüge geht in der Welt herum; die Wahrheit aber steht auf einem Orte." „Wessen Hand in der Jugend zum Handwerk greift, wird im Alter nie bettelnd gestreckt werden." „Der Reiche denkt an das kommende Jahr und der Arme an den kommenden Tag." „Webe dem Armen, der dem Reichen Geld schuldet, und wehe dem Reichen, der beim Armen zu fordern hat." „Einst gab es einen Reichen, der in sein Haus weder Freund noch Arme gelassen und in Einsamkeit lebte, da erbarmte sich die Armuth seinrr, schlich sich Nachts in sein Haus und vertrieb ihm die Langeweile während seines ganzen Lebens." „Welcher Unterschied ist zwischen einem Wagenrad und einem Advocaten? Das Rad „schreit", wenn es nicht geschmiert ist, und den Advocaten muß man „schmieren", damit er schreie." „Dem Arzte zeigt man die Zunge, dem Advocaten den Beutel." Wochenschrift. „Fast bei allen Processen gewinnen die Advocaten." „Die Aerzte sind lustig, wenn s i e gesund sind." „Den Verstandlosen erkennt man auch in der Ferne, den Verständigen auch in der Nähe." „Die Bildung eines Bösen ist der Waffe in der Hand des Räubers gleich." „Wer den Kops zu hoch trägt, fällt." „Derjenige, der nie Gutes thut, gleicht einem schönen, tiefen Brunnen ohne Waffer." „Es gibt Menschen, die den Blinden, Tauben, Lahmen helfen aus Furcht, sie könnten diesen Unglücklichen einst gleichen; sie helfen aber nicht den Gelehrten, weil sie sicher sind, daß sie es nie werden." „Die Ehre ist des Menschen Spiegel." „Wer ein fehlerloses Pferd sucht, der muß zu Fuß gehen." „Die jetzt Geborenen müßten vier Hände haben, um in der einen Hand die Cigarre, in der andern die Spielkarten, in der dritten die Parsumflasche und in der vierten den Billardstock zu halten." „Adam und Eva bedeckten ihre Schande mit Blättern und die Journalisten decken sie mit Blättern auf." „Es gibt Menschen, die die Grundsätze der Ehrenhaftigkeit so wie die Sterne von der Ferne beobachten." „Es leben die Fabrikanten, die die Kragen entdeckt; denn es gibt gar Biele, die keine Hemden haben." „Der Jude Moses hat eine Glocke auf dem Tische, so er einmal läutet, bringt er sich selbst das Wasser." „Cilibi Moisi erlebte einst eine große Schande, da Diebe in sein Haus drangen und Nichts fanden." „Der Millionär ist von Cilibi Moise nur um 29 Ducaten reicher, da derselbe Sterbekleider im Werthe von 30 Ducaten mitbekommt, während der arme Moisi sich blos mit solchen von einem Ducaten begnügen muß." „Der Jude unterhält sich über Handel, der Rumäne über Aemter, der Engländer über Schifffahrt, der Deutsche über Arbeit, der Franzose über Mode." „Wenn Du viel Geld verleihst, so lasse Dir Etwas für die Advocaten zurück." „Drei Furchtsame zusammen haben weniger Furcht als ein Furchtloser." „Fürchte Gott und Den, der Gott nicht fürchtet." „Es ist angenehmer, vor einem Gelehrten zu stehen, als neben einem Reichen zu sitzen." „Willst Du spirituell sein, sei ein Feind der Spirikuosen." Im VI. Abschnitte „Wünsche" gelangt seine jüdische Stammestreue und sein rumänischer Nationalpatriotismus zum Ausdrucke. Aus dem Abschnitte VH: „Entschuldigen Sie meine Herren, wenn ich Fehler gemacht, da ich nicht der Erste und der Letzte bin." Aus diesen wenigen Proben geht wohl hervor, daß die Sprüche Cilibi Moisis, die natürlich in rumänischer Sprache einen ganz anderen Klang haben, mit Recht volksthümlich find und daß Moses Schwartzfeld, der sie gesammelt, Anerkennung verdient. Eine Huldigung für Elise Orzesko. Die gefeierte polnische Schriftstellerin Orzesko ist auch dem deutschen Publicum eine gute Bekannte und speciell ihre Romane und Novellen aus dem jüdischen Leben sind auch in deutscher Sprache weit verbreitet. Bücher, wie „M eher Ezofowic z", „Ter Kampf um die Scholle". „Mirtbala" u. s. w. würden jeder Literatur zur Ehre gereichen, denn nächst dem literarischen Werthe haben die Werke auch eine hohe publicistische Bedeutung, denn allen liegt eine Tendenz — im besten Sinne des Wortes — zu Grunde. Jüngst hat die Dichterin in der Hauptstadt Lithauens, in Wilna, geweilt und die dortige jüdische Intelligenz benutzte diese Gelegenheit, ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Eine Deputation, bestehend aus den Repräsentanten der Ortsintelligenz, (Doclor Jakob Wygodski, Advocat Salomon Mejrowicz u. A.), überreichte der Dichterin eine Adresse in hebräischer Sprache auf Pergament geschrieben in Gestalt einer Wasserweide. Die Adresse, die die Gedanken und Gefühle der Wilnaer jüdischen Intelligenz treu reflectirt, hat in der Uebersetzung folgenden Wortlaut: „Hohe, Hochedle Frau, der Stolz Deiner großen Nation, bte Zierde unserer Zeit! Die Großen und Hervorragenden Deiner Nation verehren Dein'n berühmten Namen, Deine umfassende Großmuth und die erhabenen Werke Deines wundervollen poetischen Geistes. So gestatte auch uns,