Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 23 Seite 384 Dx. Blmh'S Wo«leNsÜMst» Den Reigen der ^wissenschaftlichen" Beiträge eröffnet ein Oberlehrer B e n s a m e r aus Thorn mit einem Aufsatz über dre Geschichte der Juden in Spanien und Portugal. Dieser Herr sollte sich dieses originelle System der Geschichtsfabrication patentiren lassen. Die Thatsachen geniren diesen merkwürdigen Pädagog'n nicht, er stutzt sie einfach nach Bedarf zu. Mit einer Phantasie, die einem Märchendichter alle Ehre machen würde, schafft er sich eine Welt, die dem antisemitischen Gehirn entspricht. Von Quellenstudien oder gar von psychologischer Vertiefung in die Zeit und ihre Verhältnisse ist hier keine Spur. Die Unwiffenheit guckt aus allen Ecken hervor und die barbarische Gesinnung, die diese eigenthümliche Studie dictirt hat, kommt in jeder Zeile zum Vorschein. Die Inquisition ist ihm eine segensreiche Einrichtung und die «Beharrlichkeit in der Vertilgung des Judenthums" erscheint ihm „nachahmenswerth". Ja, der Autor scheint als den Gipfel antisemitischer Cultur die Wiedereinführung der Inquisition mit dem lodernden Scheiterhaufen zu erhoffen. Und ein solcher krankhafter Fanatiker ist Oberlehrer, nicht etwa in China unter den Boxern, sondern in Preußen unter christlichen Kindern! Dieser giftschwangeren Geschichtsmacherei schließt sich würdig ein Artikel des Dr. Hille unter dem Titel „Die Kille" an. Die falsche Orthographie des Wortes würde ich diesem Herrn verzeihen, weniger aber seine in diesem Aufsatz zum Ausdruck kommende Taktlosigkeit und Gefühlsrohheit. Um was sich dieser Chronologe nicht alles bekümmert! Um den jüdischen Gottesdienst, um die Gebetbücher, um die Parteien der Gemeinde, um den Religionsunterricht, ja auch um Bar-Mizwah- und Orgelfrage. Er schnitt mit der Scheere Alles, was er in den jüdischen Zeitungen finden konnte und begleitet Alles mit seinen albernen und oft dreisten Randglossen. Das nennen die Antisemiten politisch kämpfen, das nennen sie Racentheorie! Man denke sich, irgend eine jüdische Zeitung würde es wagen, den Cultus oder die religiösen Einrichtungen der katholischen oder evangelischen Kirche einer gehäffigen Kritik zu-unterziehen. Welch ein Entrüstungsschrei würde sich über diesen Frevel erheben! Gegen die jüdische Religion aber gibt es keine Rücksichten des Anstandes und der Bildung. Unsere Antisemiten besitzen namentlich in Preußen das Privilegium, Alles, was den Juden heilig ist, beschimpfen zu dürfen. Aehnlich in Form und Inhalt ist auch die Abhandlung von Paul Dehn über Diplomatie und Hochfinanz in der rumänischen Judenfrage. Die Thatsachen werden hier geradezu auf den Kopf gestellt, um ein neues Bild zu gewinnen. Daß die Juden in Rumänien auf einer niedrigen Culturstufe stehen, wird als ein unantastbares Dogma vorausgeschickt. Der Verfasser meint sogar, daß die jüdischen Zeitungen dieses zugeben. Gewiß, die rumänischen Juden, deren Geschichte eine Geschichte des Leidens ist und die mit Ausnahme weniger Procenle ein hungerndes Proletariat darstellen, stehen kulturell sicherlich nicht auf der Stufe der deutschen oder französischen Juden. Aber man frage sich doch, wie es mit der Cultur der rumänischen Bauern und Arbeiter bestellt sei. Diesen Volksclassen gegenüber haben sich die rumänischen Juden wohl ihrer Bildung nicht zu schämen. Wer da weiß, daß den jüdischen Kindern in Rumänien die Schulen verschlossen sind, dem muß dieser Vorwurf als bitterer Hohn erscheinen. Der Bildungsdrang der rumänischen Juden ist sehr stark, und wenn er keine Befriedigung findet, so ist das eine Schmach nicht für die Enterbten, sondern für den barbarischen Staat. Nur in einer Cultur stehen die rumänischen Juden hinter den rumänischen „Christen", in der Cultur der Betrunkenheit und der Rohheit. Wenn ferner diese Parias der menschlichen Gesellschaft, die nach Arbeit schreien und von jeder öffentlichen Arbeit ausgeschloffen sind, als arbeitsscheue Wucherer und Ausbeuter hingestellt werden, so gehört eine durch Obj ctivität nicht getrübte antisemitische Auffassung dazu. Wer die rumänischen Verhältnisse übrigens kennt, weiß, daß die Bauern da niemals gegen die Juden waren, wenn sie von der Regierung und ihren Organen nicht verhetzt wurden. Die Juden müssen ihnen also wohl auch nicht gefährlich geworden sein. Daß die sociale Lage der Juden in Rumänien eine sehr gute ist, das steht für den Autor fest. Ihre Flucht im letzten Jahre war wohl nur ein Sport, eine Lustwanderung. Vielleicht vertauschen nnsere nothleidenden Agrarier ihre Lage mit den rumänischen Juden. Es wäre beiden Parteien damit geholfen und der Zollkampf würde bald aufhören.^ Daß die Alliance israelite universelle zur Auswanderung anspornte, ist eine freche Lüge. Der einzige gerechte Borwurf in dem zusammeugeschmierlen langathmigen Artikel ist die beschämende Thatsache, daß die jüdische Hochfinanz diesem Rumänien Geld borgt, ohne den Versuch zu machen, die Besserung der jüdischen Lage zu erzwingen. So also sieht die geistige Werkstätte des Antisemitismus aus. Trübe Quellen sind es, aus denen die Judenfeinde schöpfen. Freilich, wenn die Anhängerschaft von der Krankheit der Kritiksucht frei ist, dann kann man Alles behaupten, ohne etwas beweisen zu müssen. Wenn man von einem Hasse beseelt ist, dann schweigen Vernunft und Gerechtigkeit. F. S. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Judennoth in Rumänien. Die Könige von Rumänien und Griechenland haben an den schönen Gestaden der Adria, an der österreichischen Riviera, über ihre gemeinschaftlich zu unternehmenden Schritte, falls es den Bulgaren einfallen sollte, Macedonien zur Beute zu machen, verschiedene Unterhaltungen gepflogen.. In Macedonien wohnen nämlich neben Bulgaren und Griechen auch Kutzowalachen, welche die Rumänen als ihre Stammesgenossen betrachten, und Griechen. Die Bulgaren aber bekümmern sich nicht um die Christlichkeit dieser Glaubensbrüder, sondern verfolgen ihre Großmachtsziele und morden und rauben bei Rumänen und bei Griechen, um sie durch Terrorismus zur Erkenutniß zu bringen, daß die Bulgaren die Herren im Lande sind Die Könige von Rumänien und Griechenland wollen sich ihrer armen bedrohten Volksgenossen annehmen, natürlich nur aus Menschlichkeit, nicht um politischer Zwecke willen, nicht, weil sie dem Anderen nicht gönnen wollen, was sie selbst nicht haben können, sondern nur um das „Unrecht" zu verhüten, und berietyen nun in Abbazia, was sie zu diesem edlen Ziele unternehmen könnten! Wir haben an ihrer Entrevue im Geiste theilgenommen, und wenn wir auch nicht mitsprechen konnten, so konnten wir doch Mitempfinden, und begreifen, wie ihre Herzen erbeben, wenn sie von der Noth in Macedonien einander erzählen. Diese weichmüthige Stimmung der Könige wird aber durch einen Mißklang gestört. Aus ihren eigenen Ländern dringt Jammergeschrei zu ihren Ohren. Ihre eigenen Volksgenossen treten das Recht mit Füßen, ihre eigenen Lanoesangehörigen verfolgen „Fremde" — solche, die sie Fremde nennen — mit Gewaltthat und Entrechtung, ja sie morden und rauben ebenso wie die Bulgaren und morden und rauben in gleicher Weise und eingestandenermaßen zu politischen Zwecken. Dem König von Griechenland dröhnt der Hilfeschrei von Korfu in die Ohren und dem Könige von Rumänien stören die Wehrufe, die von der Nordgrenze seines Reiches bis ans Südende, von West bis Ost ertönen, die Tages- und die Nachtruhe, und während die Könige darüber berathen, wie sie ihre Landesangehörigen in der „Fremde" schützen können, dringt der Jammer von Hunderten von Landesangehörigen, die in die Fremde getrieben werden, an ihre Ohren. Diese Landesangehörigen sind Juden. Man hat ihnen den Boden geraubt, auf dem ihre Voreltern lange zuvor gearbeitet haben, ehe die neuen Könige ins Land gezogen sind; ja lange zuvor, ehe das Volk, das jetzt das herrschende ist, sich des fremden Landes bemächtigt hat, und man führt einen Vernichtungskrieg gegen sie, man entzieht ihnen nicht nur Erwerb, nein selbst das Wissen und jede Bethätigung geistiger und physischer Kraft, man verhöhnt und beschimpft sie, man erklärt sie vogelfrei und schändet das Menschenthum in ihnen. Zu Hunderten und Tausenden treibt man sie ins Elend — wenn aber einem Ruuiänen oder Griechen von einem Bulgaren nur ein Härchen gekrümmt wird, dann soll Europa zu den Waffen gerufen werden, um das bedrohte Recht der Völker zu schützen. Wie müßte uns solche Empfindlichkeit freuen — wenn sie wahrhaft menschlicher Gesittung entsprungen wäre. Denn dann müßten doch dieselben Monarchen fühlen, daß sie auch bei sich zu Hause kein Unrecht dulden dürfen; sie müßten sich erinnern, daß sie Verpflichtungen übernommen haben, die seit 23 Jahren — um nur der letzten zu gedenken — noch nicht erfüllt sind; sie müßten sich ins Gedächtniß rufen, welche Gräuel in ihrem Lande begangen wurden, und sie müßten den Appell an Europa scheuen, denn dieses Europa hat die moralische Bürgschaft dafür übernommen, daß in den Balkanländern die bürgerlichen und politischen Rechte unbeschränkt durch Confession und Abstammung Jedermann gewährt sein sollen Wie dies in Rumänien „geübt" wird, hat soeben in einer Broschüre S. Jericho Poiuius, die unter dem Titel „China auf der Balkaninsel" oder „Rumänische Judensrage" erschienen ist, in ergreifender Weise geschildert. Er legt actenmäßig dar, wie alle seit 1878 erlassenen Gesetze gerade das Gegentheil der mit dem Berliner Vertrag übernommenen Verpflichtung statuiren, und er kennzeichnet die Parteien und die Personen haarscharf, die sich der Untreue gegen das gegebene Wort schuldig machen. Er vergleicht treffend die Rumänen mit den chinesischen Boxern. Während aber Europa in den Kampf zieht, um die Chinesen zu hindern, daß den Fremden zu thun, was die Europäer den Einheimischen zufügen, und während die Könige in Abbazia berathen, wie sie ihre Connationalen gegen bulgarische Gewaltthaten schützen könnten — läßt man ungehindert Recht und Menschlichkeit mit Füßen treten, in Rumänien, das ja nominell in Europa liegt. Möchten doch die Könige und Europa auch darüber berathen! A. W,