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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. L8 Wr- Vloch's Wp^enjchrlft. Seite 383 Pfänder Geld zu leihen, sie zu Hehlern gestempelt. Das Entgegenkommen wohlwollender Herrscher wurde so die Quelle schwerster Verfolgungen. Das erste Privilegium für die Juden in Oesterreich, speciell in Wien, war die Judenordnuug Kaiser Friedrichs II. vom Jahre 1238. Dem allgemeinen Privilegium für die Juden in Deutschland vom Jahre 1236 nachgebildet, ist dasselbe doch in vielen Punkten eingeschränkt. Das Grundprincip, welches im Punkte 1 aufgestellt wird, ist die Aufnahme der Juden Wiens als Kammerknechte (Nos Judaeos Wienne servos Camera nostre ... recipimus). In Cousequenz dieses Grundsatzes wird jede Tödtung oder Verletzung eines Juden als Verlust am Kammergut mit Strafe zu Gunsten der Kammer (ad aerarium nostrum) belegt: auch die Zwangstaufe wird mit 12 Pfund Gold bestraft und freiwilliger Uebertritt eines Juden zum Chriftenthume hat den Verlust seines ganzen Vermögens zu Gunsten des Herrschers zur Folge. Einzelne Artikel bezwecken den Schutz des Handels, jedoch Specialbestimmungen über Geld- (Darlehens-) geschäfte (wie in dem Privilegium vom Jabre 1236) finden sich nicht vor. Erst das von Herzog Friedrich II (dem Streitbaren) im Jahre l244 verliehene Judenprivilegium legt den Schwerpunkt seiner Bestimmungen auf das Geldgeschäft und weist so den Juden eine ganz exceptionelle Stellung im Wirtschaftsleben der österreichischen Länder, zu. In nicht weniger als elf Artikeln dieses Privilegiums" wird von den Darlehensgeschäften der Juden gehandelt, während nur ein einziger Artikel in bescheidener Weise an ihre frühere Stellung als Kaufleute erinnert. Dieses sogenannte „Friedericianum" wurde in der Folgezeit das Musterstatut für die Judengesetzgebung in* den angrenzenden östlichen und nördlichen Ländern und ist mit geringen Abänderungen inmitten der Stürme der folgenden Zeiten als das Palladium, als die Magna Charta der Freiheiten der Juden in Oesterreich bis zum Jahre 1420 in Kraft geblieben. „Im Vergleiche mit den Gesetzen, welche um dieselbe Zeit Alfons X von Spanien, Ludwig IX. von Frankreich und Heinrich III. von England für die Juden ihrer Länder erließen, im Vergleiche mit den kurz vorher von Jnnocenz III und dem IV. Lateran-.Concil, sowie späteren Päpsten gegen die Juden gerichteten kirchlichen Satzungen und den von Kaiser Friedrich II. für die Juden in Sicilien ertheilten demüthigenden Vorschriften ist die Judenordnung Herzog Friedrichs II. von Oesterreich, welche nicht nur keine einzige der zahlreichen entwürdigenden Bestimmungen jener Gesetze enthält,sondern den von der Landwirthschaft. vom Gewerbe und vom zunftmäßigen Handel ausgeschlossenen Juden das gewinnreiche Privilegium des Zinsdarlehensgeschäftes zuwies und sie gegen Unbilden jeder Art schützte, ein strahlender Stern in dunkler Nacht, ein schönes Denkmal der Toleranz und Humanität dieses Fürsten." Der „wissenschaftliche" Antisemitismus. Man schreibt uns aus Deutschland: Wenn man den Antisemitismus verstehen und ihm entgegentreten will, muß man sich die moderne Krankheit, die Nervosität, abgewöhnen. Wir Juden sind, dank der fast ausschließlichen, kraftverzehrenden, geistigen Beschäftigung und dank dem aufreibenden Kampf gegen feindliche Strömungen, in den letzten Jahrzehnten sehr nervös geworden. Diese Gereiztheit zeigt sich am meisten in der Art der Abwehr. Jude sein heißt heute Kämpfer sein, ein Kämpfer aber darf nie nervös sein, denn man gewinnt die meisten Schlachten nicht mit dem Schwerte, sondern mit dem Kopfe, und nicht die Leidenschaft, sondern die Ruhe bleibt Siegerin. Mich regt der moderne Antisemitismus nicht mehr auf. Ich habe ihn lange genug beobachtet und ich weiß, daß er eine Erscheinung ist, die man krank nennen mag, die aber mit kleinen Unterbrechungen stets die deutsche Geschichte begleitet hat. Bilden die Suggestion, welche Vergangenheit und Erziehung stets ansüben, das angeborene Borurtheil und das Beispiel der Masse überall einen guten Resonanzboden für judenfeindliche Stimmungen, so müssen diese Elemente beim Germanen noch stärker wirken. Durch die lange Zerklüftung und Zerfahrenheit Deutschlands hat sich der Gesichtskreis des Deutschen verengt und ein ängstlicher, kleinlicher Particularismus hat sich in seiner Brust ausgebildet. Früher haßte der Preuße den Sachsen, der Sachse den Preußen und Beide den Baiern. Heute haben sie einen gemeinsamen Haßableiter gefunden: den „Fremden". Wer ist fremd? Wer nicht Schulz und Müller heißt, wer nicht rothblonves Haar und eine kurze Nase hat. Deutsche Bildung und deutsche Cultur ist keine genügende Legitimation, die Hauptsache ist das Blut, das genau analysirt wird. Psychologisch liegt die Sache so, daß der Judenhaß bei einem großen Theile der deutschen Bevölkerung a priori vorhanden ist, da man aber gebildet erscheinen will und nicht zugeben kann, daß man sich von unedlen Instinkten leiten läßt, so sucht mau nach allerhand Gründen und redet sich dann ein, daß man die Juden mit Recht hassen darf. Gewiß können wahre Aufklärung, menschliche Erziehung und gesunde Volksbildung allmälig auch diesen uralten Boden zerstören. Aber Cultur und Bildung arbeiten auch im Zeitalter der Elektricität sehr langsam und sind vor Rückfällen durchaus nicht gefeit. Die Culturgeschichte bewegt sich eben nicht auf einer geraden Linie, sondern im Kreise. Manchmal macht sie es, wie die Katholiken aus dem Passionswege: 2 Schritte vorwärts und einen rückwärts. Schließlich haben wir uns seit 15 Jahren auch an den Antisemitismus wie an jede Zeitkrankheit gewöhnen müsien. Wir haben allmälig lernen müssen, manche Träume der Emancipation aufzugeben und unsere Pflicht gegen den Staat und gegen das Judenthum zu thun, ohne uns um den Beifall oder Tadel des christlichen Nachbarn zu bekümmern. Wir sind müde, um die Liebe unseres Mitbürgers zu buhlen, und zu sto*z, um uns irgend jemand aufzudrängen. Wir bekämpfen die ungerechten Angriffe auf unsere Ehre mit den Waffen der Wahrheit und Gerechtigkeit und erachten die Abwehr als eine der heiligsten Aufgaben der deutschen Judenheit, aber die Erfahrung hat gelehrt, daß Ruhe und Ueberlegung. Selbstwürde und Selbstschutz die beste, vornehmste und wirksamste Abwehr ist. So gestaltete sich unsere Abwehr zu einer zielbewußen Selbstvertheidigung, und die wechselnden Erscheinungen des Antisemitismus überraschen und erschrecken uns nicht mehr. Und doch, ich muß es gestehen, es fällt schwer, ruhig und ernst zu bleiben, wenn der Antisemitismus die heuchlerische Maske der Bolksbeglückung annimmt und sich mit dem Nimbus der Wissenschaft umgibt. In solchen Momenten überkommt uns ein Gefühl von Empörung, gepaart mit Ekel. Der ehrliche Haß, mag er unverdient und schmerzlich sein, ist zu ertragen, die Lüge erregt Abscheu. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß mit antisemitischer Gesinnung stets eine geistige oder sittliche Inferiorität verbunden sein muß. Die menschliche Seele besteht oft aus Widersprüchen, Gutes und Böses, Vernunft und Thorheit sind hier häufig miteinander verschmolzen. Es gibt leider viele Menschen, die sonst gerecht und logisch denken und sich in der Judenfrage aus den Feffeln ererbter Vocurtheile nicht befreien können. Man kann also wohl ein ehrlicher Antisemit sein. Nur soll, wer ehrlich sein will, nicht behaupten, daß er aus wissenschaftlichen Gründen Antisemit ist. Das ist eine Heuchelei und eine Thorheit zugleich. Der Judenhaß wird komisch und widerlich, wenn er seine verschrobenen Theorien entwickelt. Eure Bewegung bafirt auf Gefühlen und Jnstincten, und das ist ihre stärkste Seite, aber — laffet die Wiffenschaft in Ruh. Vor mir liegt das soeben erschienene antisemitische Jahrbuch, die bedeutendste officiöse Publikation der Partei, die den Antisemitismus zu vertiefen und theoretisch auszubauen bestimmt ist. Mit Ueberwindung aller Aversionen arbeitete ich mich durch bis zur letzten Seite, und als ich das Buch aus der Hand legte, sah ich mir noch einmal den Titel genau an. 1901 stand groß gedruckt darauf. Nach seiner geistigen Höhe hätte ich es für ein Buch des Jahres 1591 gehalten. Kein Mensch kann aus seiner Subjektivität heraus und am allerwenigsten der Politiker. Aber bei jedem ehrlichen Politiker ist wenigstens das Bestreben vorhanden, gerecht sein zu wollen, hier vermißt man dieses menschliche Gefühl gänzlich. Schon die rohe Form, das schamlose Verfahren in historischen Dingen und der blutige Ton wirken abstoßend. Und nun der Inhalt! Er besteht aus Verlogenheiten, Entstellungen, Ehrabschneidereien und Pöbeleien. Es ist ein echtes Jahrbuch der Bestialität.

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