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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 878 Nr. 22 Br. Bloches Wochenschrift So komme ich nicht zum Ziele, sagte sich der Fremde; nach einigem Besinnen begann er wieder: Kleiner, magst Du was esten? Statt der Antwort zog der Knabe eitte Brotschnitte hervor und begann sie zu verzehren, gleichsam, als wolle er damit andeuten, daß sein mitgebrachtes Brot zur Stillung seines Hungers hinreiche. Also essen magst Du nichts. Vielleicht aber trinken. Bei diesen Worten reichte er dem Knaben seine an einem Riemen befestigte Feldflasche hin. , Der Knabe hob den Kopf auf und seine Augen funkelten begehrlich, als er die Feldflasche sah, worin er sein Lieblingsgetränk vermuthete. Indessen war sein Trotz stärker als die Begierde^ Der Herr wurde dringlicher. Also magst Du nicht trinken? Auch gut! Er nahm die Flasche und verbarg sie in der Tasche seines Sommerrockes. Was ist drin, Wasier? frug endlich Dawidl. Mer geh', wer wird Waffer trinken? Wein ist es, guter Ungarwein. Schade, wenn's Branntwein wäre! Jetzt trinfc Wein, der ist noch bester, und wenn wir in die Stadt kommen, so -kauf' ich Dir Branntwein. Was für einen trinkst Du gerne? Kümmel. Mso gut, Kümmel. Jetzt zieh' Dich an, und komm mit mir, und unterwegs erzählst Du mir Alles, was ich Dich frage. Mso wie heißt Dein Vater? Feibisch. Wie noch? Nu, wie soll er noch heißen? Tate heißt er noch. Also gut, Feibifch heißt er, wiederholte der freundliche Herr, und von wo ist er? Woher? Nu von zu Haus: Wo das ist, das weiß ich nicht. Wir sind immer am Weg. Meist in Mähren, manchmal auch wie jetzt in Böhmen. Und was thut er da? Schnorren!') ' Jetzt ging dem Herrn ein Licht auf. Also Schnorrersleute find das. Also, Bub', führe mich zu Deinem Vater nach Haus' oder in die Herberge, wo ihr wohnt. Wir wohnen in keiner Herberge, wir wohnen in der Schlafstatt dei der alten Cheile. Dort ist vorige Woche meine gute Mamme gestorben, und die Frau Cheile muß nun ganz allein das kleine Schwesterchen Pflegen, was sie uns gelassen. In Erinnerung an die tobte Mutter fing Dawidl zu weinen an, so daß die langsam herabrieselnden Thränen lange Schmutzstreifen auf seine bleichen Wangen zurückließen. Weine nicht, Dawidl, tröstete der fremde Herr. Es ist Deiner Mutter gewiß besser, sie hat nach langem Umherwandern endlich Ruhe gefunden. Dawidl verstand wohl nicht recht, was sein Begleiter sprach, doch an dem mitleidigen Tone, in dem er gesprochen, fand er doch eine wohlthuende Theilnahme heraus, und er bekam bald so viel Vertrauen zu ihm, daß er sich ihm ohne weiters anschloß, und unterwegs Alles erzählte. Wie seine Eltern mit ihm vor mehr als einer Woche hiehergekommen waren, wo die gute Mamme krank geworden und bald darauf gestorben ist, wie das kleine Schwesterchen von Frau Cheile. der Schlafstätterin, verpflegt wurde. Sein Vater sei die ganze Woche gesessen, und er hätte sich indessen allein in Feld und Wald Herumgetrieben. Gefehlt habe es ihm an nichts, denn die Killeleute haben dem Tate soviel in der Schiwe zu essen geschickt, daß sie alle beide mehr als genug hätten. Der Tate ist guter Chasen3). Ghasen, was ist das? fragte der Fremde. Run einer, was den ,1/eiiu Dodi“ und den Unessane tokef in Schul singt. Mso so eine Art Borbeter. Cantor? Ei was, Cantor, meinte Dawidl im Tone souveräner Verachtung, er ist mehr, als all die, er ist ein feiner (Lasen! (Fortsetzung folgt.) ') Betteln. 2) 7tägige Trauer. ®) Cantor. Literatur. Mendl Hirsch's >,Zwölf Propheten."*) Von Rabb. Dr. D. F e u ch t w a n g. Dem Bibelleser, Fachmann oder Laien thürmen sich in keinem Theile der heiligen Schriften so zahlreiche Schwierigkeiten entgegen, wie im sogenannten Dodekap^pheton citry -nn). Texte und Themata sind oft genug fast undurchdringlich. Stellen die elastischen Reden Jesaias schon die höchsten Anforderungen an den Hebraisten, sofern er wirklich in das feine Gefüge des meisterlichen Aufbaues dieser rhetorischen Kunstwerke einzudringen bestrebt ist, so verlangen die kürzeren, häufig dunkeln und anspielungsreicheu Predigten der zwölf Propheten genaue kritische Kenntniß des Sprachschatzes und der geschichtlichen Vorgänge, welche den Reden entweder den bedeutenden Hintergrund verleihen oder die für sie den ethischen Vorwurf ausmachen. Nicht minder aber muß der andächtig gestimmte Leser, soll er mit fruchtbringendem Erfolge und gehobener Freude lesen können, von der reinen Ethik der Thora gänzlich durchdrungen sein; die Probleme und Forderungen des altclastischen Judenthun« dürfen ihm keinen Augenblick fremd sein, er muß ein Heimischer in Israels Thoren sein. Seit den großen Bibelerklärern längst entschwundener Tage haben sich nur wenige jüdische Gelehrte mit diesem so wichtigen Gebiete systematisch befaßt. Von den Jüngsten leben Herxheimer, Philippsohn, Fürst im Gedächtnisse der dankbaren Gegenwart; nicht zu vergessen die genialen Luzzatto und Malbim. Samson Raphael Hirsch's Pentnteuch- und Psalmenübersetzungen und Commentare sind in ihrer Art einzig; sammt ihren glänzenden Vorzügen und argen Fehlern. Was diesen Werken zuvörderst vor vielen anderen eigen und sie auszeichnet, ist der echtjüdische, glühendbegeisterte, tiefüberzeugte Geist, der sie ungeschwächt vom Anfang bis Ende durchzieht, die theologische Grundlage, auf der sie ruhen. Denn S. R. Hirsch war ein Theologe; vielleicht der letzte, den wir in neuester Zeit besessen haben. Man möge sich -zu seiner Exegese wie immer verhalten, Geist, Tiefe, Originalität wird ihr Niemand absprechen. Ihr Schicksal, sowohl von Talmudisten als auch jüdischen wie nichtjüdischen Kritikern fleißiger getadelt, als gelesen theilt manch' anderes tüchtige Buch. Die beschämende Erscheinung, daß die zunächst berufenen, jüdischen Gottesgelehrten auf dem Gebiete der Exegese in moderner Zeit so wenig Nennenswerthes producirt haben, erhielt immerhin durch Hirsch eine bedeutsame Instanz. Graetzens Versuche auf diesem Gebiete halten der mildesten Beurtheilung nicht Stand. Aus Hirsch's Werken kann jeglicher lernen, wenn auch der ernste Sprachforscher und Semitologe die oft abenteuerliche Uebersetzungsmcthode und Etymologie dieses großen, historischen Mannes vielfach verurtheilen wird. Der Prediger zumal ließt diese Bücher nie ohne Nutzen, aber auch der H a l a ch i st wird seine Rechnung finden, wenn er theilweise Hirsch's „Torath Kohanim“ studirt, das an Gründlichkeit und tiefer Klarheit den Biuristen in Nichts nachsteht und eine umfassende «enntniß der talmudischen Quellen beweist, die gerade auf diesem Gebiete nicht leicht zu erreichen ist. Der fromme, ungelehrte Leser aber wird überall reine Befriedigung und stärkende Erbauung erfahren. Das unbeschreibbare Fluidum, welches das heilige Schristthum durchrieselt, kann — man mag sagen, was man will — allemal nur von dem jüdischen Forscher nachempfunden werden. Daher die Eiseskälte, welche uns selbst aus den glänzendsten Werken nichtjüdischer Exegeten entgegenweht, selbst wenn Sprachmeister, wie Ewald, Delitzsch, Keil, Reuß, Cornill ihre brillante Feder führen. Deshalb ist das oben genannte, posthume Werk des allzufrüh verstorbenen Mendel Hirsch freudig zu begrüßen. Ein Theil von des Vaters Genius ist auf den Sohn übergeströmt; er spricht aus jedem Satze, jedem Gedanken. Wir wollen nun, getreu dem Grundsätze unserer Weisen, den Autor, nachdem er nicht mehr unter den Lebenden weilt und wohl keinen berufenen Anwalt zu etwaiger Entgegnung bestimmt hat, nicht eigentlich kritisiren, als vielmehr sein Werk charakterisiren. Das Geständniß jedoch muß abgelegt werden, daß Manches, Vieles zu moniren wäre. Mendel Hirsch hat sich in den Geist der von ihm bearbeiketen Propheten so tief eingelebt, als es dem zeitlich so ferne Stehenden nur denkbar und möglich ist. Begeisterung inspirirt ihn und er wird der Mittler und Dolmetsch jener großen Individualitäten, die für das Judenthum und dessen Geschichte so eigenartig und bedeutsam gewesen sind. Die große Idee, welcher Hirsch, der Vater, in seinen Werken überall Ausdruck verlieh, die Idee von Israels weltbezwingendem Berufe als Lehrer und Priester der cultivirten Menschheit einerseits, als Muster und Beispiel andererseits, des durch seine gottgewollte Selbstvollendung im Dienste und auf Grund des Gottesgesetzes allen Nationen voranleuchtete und leuchtet; sie erblickt Hirsch, der Sohn, in den Predigten der zwölf Propheten: und diese seine — und wohl auch unsere — Ueberzeugung gibt die Richtung.an für seine Uebersetzungen und Erklärungen des Prophetenwortes. Die geistreiche Deutung der Bezeichnung „llisreel" (Hof. 1, 4) veranschaulicht klar diesen Gedankengang. Israel ist die über die Erde hingestreute „Gottessaat": „ich säe es mir ein in die Erde und ich erbarme mich der Lo-Ruchama und ich sage zu Lo-Ammi: mein Volk! *) Frankfurt a. M., Verlag von A. I. Hofmann. 1900.

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