Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch's WochrnfchrM Lerte 377 blichenen, welcher hier geboren, aber seit seiner frühen Jugend in der Fremde seinem Berufe nachging. Von bescheidenen Anfängen verstand er es, durch Fleiß, Tüchtigkeit und Sparsamkeit sich Vermögen zu erwerben. Seine Gesundheit nahm seit einigen Jahren ab, es war aber sein sehnlichster Wunsch auf Heimatserde zu sterben; er übersiedelte hieher. Am 21. d. M. hauchte er seine Seele aus. Herr Max Kohn testirte unserem Minjanverein. Legate von K 40.000, darunter K 12.000 zur Renovirung, respective Erbauung des Tempels. Dieser einfache, schlichte Mann, welcher so lange Zeit von seiner Heimatsgemeinde abwesend war, niemals dieselbe in Anspruch nahm, hat dieselbe wie noch keiner seiner Vorgänger bedacht. Max Kohn hat sich in unfern Herzen ein Denkmal gesetzt, das von Generation zu Generation in höchsten Ehren dankerfüllt erhalten bleiben wird. Br. Köln. Hier wird ein neues israelitisches Asyl erbaut werden. Die Verwirklichung dieses längst gehegten Wunsches ist durch die hochherzige Schenkung des Sir Ernst Cassel in London, eines geborenen Kölners, ermöglicht worden, welcher zum Andenken an seine verstorbenen Lehrherren eine Summe von rund 270.000 Mark überwiesen hat. Feuilleton. Her Unessane tokef. Novelle von Dabette Fried in Prag. I. Der Unessane tokef im Walde. Lautlose Stille herrschte im Buchenwäldchen, welches, in der Nähe der böhmischen Stadt Neufeld angelegt, deren ehrsamen Bewohnern zum beliebten Ausflugsziele dient. Heute jedoch, an einem Freitag Nachmittage, war kein Spaziergänger zu erblicken. Ein heißer Junitag neigte sich seinem Ende zu, und zwischen dem Geäste der alten Bäume glitzerten die sich schräg herabsenkenden Sonnenstrahlen wie goldenes Gespinnst hindurch, ohne daß es ihnen jedoch möglich gewesen wäre, die angenehme Kühle, die im Wäldchen verbreitet war, zu verscheuchen. Diese angenehme Kühle mochte auch der etwa zehnjährige Knabe empfunden haben, welcher so behaglich unter dem breitästigen Buchenbaume hingestreckt lag; denn ein zufriedenes Lächeln umspielte seine im Grunde nicht häßlichen, aber durch Vernachlässigung und Schmutz verunzierten Züge. Weit und breit war kein Laut vernehmbar, keine Spur eines menschlichen Wesens wahrzunehmen, und dennoch schien der Knabe keinerlei Furcht zu empfinden. Der Wald, in welchem er jetzt ausruhte, nachdem er den ganzen Nachmittag ziel- und planlos umhergestreift war, glich eher einem verwilderten, ungepflegten Parke, als jenen böhmischen Wäldern, welche sich einstmals Karl Moor zum Schauplatz der Thätigkeitsentsaltung seiner neu ronstruirten Räuberbande ausersehen, trotzdem er wie diese in Böhmen gelegen war. Der Toilette des Knaben vermochte selbst der feuchte, schmutzige, Moosboden, worauf er sich gelagert hatte, keinen sonderlichen Schaden anzuthun. Die kurzen, vielfach ausgebesserten Beinkleider des schmächtigen Jungen waren ohnehin ganz schmutzig und mit Flecken bedeckt, ebenso das den Obertheil seines Körpers bedeckende Hemd, deffen Kragen statt mit einem Knopfe, mit einem Endchen schmaler Baumwollschnur befestigt war. Den die Stelle eines Rockes oder einer Blouse, wie sie in Böhmen von Kindern seines Alters getragen werden, vertretenden Kaftan, aus einem mattglänzenden Wollstoffe verfertigt, deffen ursprüngliche Farbe wohl kaum mehr erkenntlich war, hatte der Knabe mehr bequemlichkeitshalber, als ihn zu schonen, abgelegt, und achtlos neben sich auf das Moos geworfen. Dieses Kleidungsstück sowohl, als auch die kurzen, jedoch zierlich gedrehten Seitenlöckchen, Peies, verriethen es deutlich, daß der Knabe keiner in der Nähe, oder auch nur im Lande domicilirenden Familie angehöre, sondern aus dem Polenlande hiehergekommen war. Auch Hunger brauchte das fremde Kind nicht zu fürchten, denn die Taschen seiner armseligen Kleidung waren mit großen Brotschnitten vollgepfropft, welche, wie deren unterschiedliche Farbe und Härte bewies, von verschiedener Provenienz gewesen, oder, wie der Bolksmund sagt: jedes aus einem anderen Backofen stammte. Bon Zeit zu Zeit zog der Knabe, wir wollen ihn mit seinen wirklichen Namen: »Dawidl" benennen, eine solche Brotschnitte hervor, welche unter der Bearbeitung seiner blendend weißen Zähne gar bald spurlos verschwand. Bor Durst schützte ihn die Menge der köstlich buftenbcn Erdbeeren, welche wie ein rother Teppich' rings um ihn her sich ausbreiteten, so daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich diese verlockende Labung zuzuführen. Was Wunder also, wenn Dawidl keine Miene machte, das holde Dolce far niente, in dem er sich befand, zu unterbrechen, und die Hände unter dem mit krausen schwarzen Haare bedeckten Kopfe gefaltet, ruhig lag, die großen, schwarzen Augen starr nach oben gerichtet, als wolle er die Blätter der stattlichen Buche zählen, welche ihre starken Aeste zum schattenspendenden Dache über den kleinen Faullenzer wölbte. Nach und nach verschwand jedoch das heitere Lächeln, das die jugendlichen Züge klein Dawidl's umspielte, und machte einer nachdenklichen Miene Platz, welche durch die ernsten Gedanken, welche nach und nach seinen Lockenkopf durchfuhren, entstand. Z 5/Was meint nur der Tate damit, daß im Unessane tokef alle Todesarten aufgezählt find, nur die nicht, an der ich einmal sterben werde, der Galgen? Welches Judenkind ist noch am Galgen gestorben? Warum soll ich gerade aus den Galgen kommen? Ich habe noch Niemandem etwas gestohlen und sag' jede Nacht mein Krischmaleinen1) her, wie mich es die Mamme gelernt hat. Wenn ich nur wüßte, was eigentlich in dem Unessane tokef stehet! Ich verstehe ja kein Wort davon, ich kann ihn nur singen, wie ihn der Tate singt. Und unwillkürlich stimmte Dawidl die alte Melodie an, wie sie am Neujahrsfeste und Bersöhnungstage in allen Synagogen ertönet und die Herzen unzähliger frommer Beter zur Andacht begeistert, ja meist zu Thränen rühret. Im stillen Walde tönte dieser herrliche Gesang gleich dem der Nachtigall, wenn sie in Tönen all ihren Schmerz und ihre Sehnsucht aushaucht. Unbemerkt von dem kleinen Sänger stand, an einem nicht tveit von ihm entfernten Baumstamm gelehnt, eine stattliche Männergestalt und lauschte mit verhaltenem Athem den glockenreinen Tönen, welche der Brust des fremden Judenknabens entquollen. Wehmülhige Erinnerungen an seine längst entschwundene Jugendzeit wurden durch diesen fremdartigen Gesang im Herzen des andächtig lauschenden Mannes erwecket. Und nicht nur den Menschen feffelte dieser Gesang, sondern in noch höherem Grade den Künstler in ihm, in welchem der Wunsch rege ward, diese herrliche Stimme ausbilden und vervollkommnen zu dürfen. Ohne durch das Geräusch seiner Schritte den Sänger zu stören, schlich er unbemerkt bis dicht an ihn heran und harrte ruhig des Momentes, bis das ihn fesselnde Lied zu Ende sei. Mit einem langanhaltenden Accorde hallte der Gesang aus. Der Knabe erhob sich, um seine trocken gewordenen Lippen mit einigen Erdbeeren zu erftischen. Da erblickte er den fremden Herrn,, der ihn mit immer wachsendem Erstaunen betrachtete. Den Herrn zu grüßen, fiel dem Knaben nicht ein, er war zu solcher Höflichkeit niemals angeleitet worden und unbekannten Leuten zu begegnen war ihm bei seiner vagabundirenden Lebensweise nichts Neues, nichts Ungewöhnliches. Erst als er von dem Herrn angesprochen wurde, schenkte er ihm einige Beachtung. »Was war das für ein Lied, das Du jetzt gesungen hast, Knabe?" frug der Herr. »Das wiffen Sie nicht?" antwortete der Gefragte. »Das ist ja der Unessane tokef." »Ist das ein ^nrborer"^) fügte er im Stillen bei, »der erkennt den Unessane tokef nicht!" »Und woraus ist dieses Lied, mein Kind?" »Nun, aus dem Himmel heraus. Das haben die Engel vom Himmel einem frommen Rabbi gelehrt, und der Engel Ariel hat die Melodie dazu gemacht." »Es scheint so", meinte lächelnd der Fremde. »Also Sie glauben es mir nicht? Was find Sie für ein Mensch, wenn Sie an den Unessane tokef nicht glauben. Mit so Einem red' ich gar nicht." Trotzig wendete sich Dawidl ab. Alles glaube ich, was Du nur selber willst, Kleiner, sage mir aber auch, wie du heißest, und wer Du bist. Keine Antwort erfolgte. Wie heißt Dein Vater? Beharrliches Stillschweigen. ') Nachtgebet. *) Ignorant.