Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch'? WvchenschrM. Sette 371 genommen und der also auch in den Geschicken Israels eine besondere Führung Gottes und in seiner Geschichte eine einzigartige Geschichte erkennt, es freudig begrüßen, wie nun plötzlich ein ganz neues Licht auf viele Partien derselben fällt! Mit welcher Begeisterung muß er sich in die durch die Denkmäler aufgedeckte und gewissermaßen frisch nach Jahrtausenden aus dem Boden gegrabene babylonischassyrische Geschichte versenken, durch die fast jedes Blatt der Bibel Alten Testaments Erklärung, Ergänzung, Erweiterung, Bestätigung empfängt! Schon in den Urgeschichten des Volkes Gottes, welche lang vor der babylonischen Gefangenschaft so ausgezeichnet wurden, wie sie noch uns vorliegen, spielt Babylonien die Hauptrolle, und es sei als an dunkle und doch bereits geschichtliche Erinnerungen hier nur an den Sintfluthbericht und die kurze Genesis 10, 8 bis 12 sich findende Notiz von Nimrod und der Gründung Assyriens gedacht. Damit hängt zusammen, daß der eigentliche Anfang der israelitischen Geschichte, die Einwanderung Abrahams in Kanaan, uns eben nach Babylonien weist, denn von dort sind er und die ihn begleitenden Familien ins heilige Land gekomnien. In Babylonien beginnt also die Geschichte der Hebräer, wie sie in Babylonien mit dem Exil ihren vorläufigen, wenn auch nicht letzten Abschluß gefunden hat. Denn mit der Entlassung Israels aus dem Exil unter Cyrus fängt mehr die Geschichte der Juden an, als daß die Israels, das ja als solches nun doch seine frühere Selbstständigkeit verloren, sich damit fortsetzte; und die Geschichte der Juden hat auch mit dem Fall Jerusalems und Masadas, womit matt gewöhnlich die Geschichte Israels schließen läßt, noch nicht ihr Ende erreicht. Denn wenn auch die Geschichte der Juden im Mittelalter und der neuern Zeit zu sehr mit der anderer Völker verflochten ist, als daß man sie im Sinne des Historikers noch als eigene Disciplin gelten ließe, so gehört doch sicher noch zur jüdischen Geschichte die Entstehung und Ausbildung des Talmuds, und dessen größter Theil oder vielmehr dessen wichtigste und umfangreichste Necension ist zu Stande gekommen und abgeschlossen worden wiederum in — Babylonien. Es bleibt dabei» Anfang und Ende der Geschichte des Volkes Israel und der Juden führen uns hin zu 'den Wassern Babylons, zu den Ufern des Euphrat und Tigris." Auf Seite 161, wo Herr Dr. Hommel über das Alte Testament eine Abhandlung bringt, lesen wir folgende lehrreiche Stelle: „Wenn wir nun weiter zum vierzehnten Capirel der Genesis uns wenden, als der ältesten geschichtlichen Urkunde des Alten Testaments, so zeigen trotz des öfteren Vorkommens des Wortes reknab „H a b e" schon die Glossen und die ganze sonstige Ausdrucksweise, daß es einer sehr alten Quelle angehört haben muß. Wer allerdings, wie z. B. Bernhard Stade und Eduard Meyer, die ältesten geschichtlichen Erinnerungen der Israeliten nicht über die sogenannte Richterzeit zurückgehen läßt (Lied der Debora, Richter 5) und es deshalb bezweifelt, ob dieselben iiberhaupt je in Egypten waren, einen voregyptischen Aufenthalt Israels im West-Jordanland aber ganz leugnet, der kann freilich consequenterweise jenes vierzehnte Capitel nicht für alt halten, er muß es seiner ganzen Auffassung zu lieb als unbrauchbar nud apokryph über Bord werfen. So gelangt denn auch Meyer, der die echt elamitische Bildung des Namens Kedorlaomer (Kudur-Lagamar) llnd die inschriftlich bezeugte Thatsächlichkeit elamitischer Herrschaft bis nach Syrien zu Abrahams Zeit nicht leugnen kann, zu der unglaublichen Auskunft, daß der exilische oder nachexilische „Jude, der die Erzählung Gen. 14 in den Pentateuch einsügte, sich in Babylon genauere Kenntnisse über die älteste Geschichte des Landes verschafft habe, und durch irgend ein uns unbekanntes Motiv veranlaßt, den Abraham in die Geschichte Kudurlagamars einflocht, im Uebrigen dann aber die Erzählung nach den jüdischen Anschauungen über die Urzeit ansgemalt habe." Wir werden aber bereits im Abschnitt über die altbabylonische Chronologie sehen, daß die babylonische Priestertradition eigentlich erst mit Chamuragas, dem Sohne des „Amraphel von Sinear", beginnt (vorher zählt sie nur ca. 15 Kömgsnamen auf), die Könige der südbabhlonischen Staaten vor der Blüthe Babels, also auch Ellasars (d. i. Larsas). ganz außer Betracht läßt, und"auch die elamitische Hegemonie zur Zeit Abrahams über Babylonien und darüber hinaus nur ganz gelegentlich berührt, da dieselbe ja eine große Demüthignng für das Land, zumal für ihre engere nordbabylonische Heimat gewesen war. Wie sollte also ein Jude von babylonischen Priestern gerade hierüber so authentische Nachrichten haben erhalten können? Im Gegentheil, er hätte in diesem Falle gewiß eher von des alten Sargon von Agadi Zug nach dem Westland oder von ähnlichen Fabeln erfahren und in seinen fingirten Bericht über Abrahams Kriegsthaten verwoben, auch sich außerdem gewiß nicht begnügt, blos das vierzehnte Capitel der Genesis mit archaistischen Notizen aus der altbabylonischen Geschichte auszuspicken, wenn überhaupt eine solche Annahme (daß nämlich ein Jude in dieser Weise bei babylonischen Priestern in die Schule gegangen) nicht von vornherein die größten Bedenken gegen sich hätte. Kurz, nach allem Angeführten erscheint eine Auskuuft, wie die Ed. Meyer's, als ganz unmöglich, und es bleibt dabei, daß jenes vierzehnte Capitel des ersten Buches Mose eine der wichtigsten und ältesten Quellen der altorientalifchen Geschichte ist. Wenn aber ein Ereignis aus dem zwanzigsten vorchristlichen Jahrhundert mit solcher Treue von der älttestamentlichen Ueberlieferung bewahrt werden konnte, so ist (wie das zum Schluß nur noch angedeutet sei) für die ganze Auffassung der israelitischen Geschichtsdocumcnte eine derartige Bezeugung durch die Keilinschristen von pnncipieller Wichtigkeit; denn dann wird auch für andere Partien, wo die Inschriften der Natur der Sache nach nicht in Betracht kommen können, z. B. für den Aufenthalt Israels in Egypten, die Vorgänge in Moab nach dem Auszuge aus Egypten, die Eroberung des Westjordanlandes u. s. w., die Richtigkeit der Ueberlieferung, was wenigstens die allgemeinen Züge betrifft, getrost angenommen werden dürfen, ja alles dies erscheint in einem ganz neuen Licht durch jenen Nachweis der Geschichtlichkeft des Berichtes über Abraham und Melki-ßedek." Im dritten Capitel des ersten Buches seiner Geschichte bringt nun der Verfasser eine detaillirte Zusammenstellung von aufgefundenen oder besser ausgegrabenen Inschriften, welche in ihrem Zusammenhänge den Inhalt des Capitel 14 der Genesis darstelleu» und führt auf Seite 366 weiter aus: „Ich möchte indeß doch mich der Annahme zuneigen, daß die zwölfjährige Unterjochung des Westlands durch Kudur- Lagamar direct mft dem Titel des Kudur-Mabug „Vater von Martu" zusamnlenhängt, dann wohl schon etwas früher fiel (die Schlacht von Siddim dann eher schon ca. 1940 oder früher, und nicht erst ca. 1930), und daß die politische Constellation folgende war: Hegemonie Elams (Kndur-Lagamar) mit diesem verbündet und unter feiner Führung (vergl Gen. 14, 5) der König Jri-Aku von Larsa (nebst feinem Vater dem Herrn von Jamutbal, der nicht besonders genannt zu werden brauchte) der noch dazu elamitischer Nationalität war, ferner der nordbabylonische König (Amar) Sin-mnballit von Babel (Amarpal von Sinear), der, weil Jri-Aku König von Sumir und Akkad war, der Bundesgenoffenfchaft beizutreten hatte, und endlich noch der König Targhal des Gu-Gebietes, in dessen Namen wir vielleicht den alarodischen Gottesnamen ll'aredu (vgl. spätere Namen der Art wie Tarchulari, Tarchtmazi) als erstes Glied erblicken dürfen. Mag sich nun die Sache mtt Kudur Lagamar verhalten wie ihm wolle, so steht doch jedenfalls aus der Bibel fest, daß er ein Elamite war und unter elamitischem Einfluß sich sowohl der König von Larsa als auch der von Sinear (Babelsich befanden, wie aus den Keilinschristen sich ergibt, daß ganz Babylonien damals unter elamitischem Drucke stand (der König von Larsa selber ein Elamite und der König von Babel unter seiner Oberhoheit); ferner steht völlig Jeft die Gleichheit des biblischen Ariok von Ellasar mit dem keilinschriftlichen Iri-^Lu von Larsa. in zweiter Linie dann auch noch die des (^.mar-) Sin-muballit von Babel mtt Amarpal von Sinear — mehr als auch die kühnsten Erwartungen der alttestamentlichen Forscher der positiven Richtung sich jemals erhoffen konnten, und eine vernichtende Kritik zugleich an der dermalen in Mode sich befindlichen Auffassung der Geschichtlichkeit des Alten Testaments Es ist hier nicht der Ort, die Consequenzen davon für die alttestamentliche Kritik zu ziehen, aber doch wenigstens angedeutet soll werden, daß wenn aus.Abraham's Zeit, dieses von den meisten Neueren für eine rein mythische (nicht etwa nur sagenhafte) Gestalt gehaltenen Patriarchen, sich derartige Erinnerungen (und natürlich in früher schriftlicher Fixirung) erhalten konnten, es auch mit der Geschichtlichkeit des Aufenthaltes der Kinder Israel in Egypten nnd der Person und Wirksamkeit Moses sich nicht so schlimm verhalten kann, als es itNsere tonangebenden modernen Kritiker annehmeu und zum Dogma erheben." Eine sehr wichtige Stclle dieses Capttels erzählt von dem Ursprung des Volkes Israel, womit wir hier unsere Citate beschließen wollen. Auf Seite 372 heißt es nämlich: „Die Gründung der Stadt Ur und des gleichnamigen Königreiches, circa 30vv v. Ehr., war eine Folge der von Güdia angebahnten Beziehungen zu Martu, die jedoch mit der Verschiebung der Macht von Ur nach Nisin wieder eingeschlafen sein werden. Erst circa 2300 v. Chr. hören wir wieder von Martu, und zwar sehen wir diesmal das Westland im engsten Verkehr und Kulturaustausch mit Babylonien, wie das schon genügend hervorgehoben und betont wurde; und wieder war die Stadt Ur und ein neuerstandenes sumerisches, aber von semitischen Königen beherrschtes Reich, der Anknüpfungspunkt hiefür. Was aber hiebei ganz besonders ins Gewicht fällt, ist der Umstand, daß in dieser Epoche eine Abtheilung der noch im Nomadenzustand sich befindenden Westsemiten (mit diesem Ausdruck bezeichne ich die Araber, Aramäer und Kanaanäer als geschloffene Einheit gegenüber den gleichfalls semitischen Babyloniern) offenbar von Mesopotamien aus langsam sich bis an. das westlich vom Euphrat gelegene schmale Culturgebiet vorschob, wo fie in der Nähe Urs, das ia allein von den attbabylonischen Städten auf dieser Seite lag, zelteten; die größere Zahl derselben ging vielleicht allmälig in den Babyloniern auf, ein kleinerer Theil wandert« circa 2000 v Chr. wieder zurück nach Mesopotamien, bis circa 1950, beziehungsweise kurz vorher, Abraham mit seiner Familie und andere, die sich ihm anschlaffen, nach Palästina wauderte und so den Grundstock des spätem israelttischen Volkes bildete. Der Ebräer (IM) d. i. der Eingewanderte wurde er von den kana'anäischeu Stauuuesverwaudten genannt, und dieser Name blieb dann seinen Nachkommen und allen, die in deren Volksverband durch Heirat oder andere^ Anlässe Aufnahme fanden. In der That finden sich den» auch gerade bei den Hebräern noch in höherem Grade als bei den übrigen Kaua'anäern Spuren einer länger dauernden Berührung mtt dem semitischen Rord- und Mittelbabylonien» dessen nächste Nachbarn fie ja. von Ur an abwärts am westlichen Euphrat-Ufer ihre Zelte aufschlagend und ihr Meh weidend, in der Tbat aeweseu find. 3 Es gehört hieher z. B. das gewöhnliche hebräische Wort für Stadt, ir (vgl. neusumerisch ir für altsumerisch ur), wofür die übrigen Kana'anäer die echt semitischen Wörter kirjat und kir gebrauchen,