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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 Sr. Bwch's Wochenfchrlfr» Sette 367 Beth-Hamidrasch ist Alles angegeben, was auf diesem Gebiete von uns geleistet wird. Unser geistliches, Oberhaupt, der Oberrabbiner unserer Gemeinde, ist in weiten Landen bekannt als Forscher und Schriftsteller, als Mitarbeiter der Commission für die monumenta Germaniae, als Herausgeber der Geschichte des Erziehungswesens im Mittelalter. Doch ist sein Wirken nicht das Verdienst unserer Gemeinde; die erste Ausgabe seines Werkes im Jahre 1873 mußte von der Akademie der Wissenschaften subventionirt werden, um erscheinen zu können. In unseren Tagen ist es aber Ehrenpflicht eines jeden größeren Gemeinwesens geworden, für die Förderung der Wissenschaft etwas zu leisten. Ich spreche nicht von den Veranstaltungen der Staaten; ich weise nur darauf hin, daß jede mittlere Landstadt ein gut verwaltetes Archiv besitzt, daß Wien „für Archiv und Sammlungen" nicht weniger als 13 Beamte unterhält. Ich kann sogar darauf Hinweisen, daß jede größere Erwerbsgenoffenschaft in unseren Tagen der Förderung der Wissenschaft ganz bedeutende Opfer bringt; es gibt vielleicht keine Actiengesellschaft, welche nicht für irgend einen Zweig des menschlichen' Wissens Bedeutendes geleistet hätte; das kommt daher, weil, wie Max Wirth sagt, unsere gegenwärtige Kaute lmanee nicht mehr eine Aristokratie der Geburt ist, sondern eine Aristokratie des Geistes. Wenn es nun erwiesen erscheint, daß die Verwaltung unserer Gemeinde eine Ehrenschuld abzutragen und ein Bersäumniß einzubringen hat, so handelt es sich zunächst um das Ziel, dann um die Mittel und Wege. Man sagt, unsere Gemeinde habe keine Geschichte; die Wahrheit ist, daß sie gewiß eine Geschichte hat, daß aber Niemand sie kennt. Daher fehlt uns ein wichtiges Material für die Belehrung unserer Jugend, für die Hebung des religiösen oder, wenn Sie wollen, des jüdisch-nationalen Bewußtseins. Ereignisse, welche sich auf unserem Boden abgespielt haben, regen die Heranwachsende Jugend mehr an, als die anderen. In dieser Erkenntniß haben Sie, hochgeehrte Herren, am 2. Juli des vorigen Jahres einen Lehrplan für Volks- und Bürgerschulen beschloflen, in welchem die Geschichte der Juden in Wien und Oe st erreich einen Platz gefunden hat. Allein der Herr Referent hat Ihnen nachgewiesen, daß uns dazu das Material fehlt. Dieses herbeizuschaffen, ist eben die Ehrenpflicht der Gemeinde. Nun handelt es sich um den Weg. Die zweite Section ist dabei von der Anschauung ausgegangen, die Theilung der Arbeit und die Association als Grundsatz aufzustellen, also eine historische Commission zu bestellen, welcher die Publication von Quellenforschungen und die Bearbeitung der geschichtlichen Quellen als Aufgabe zufällt; daß eine solche Arbeit auch Geld kostet, darf Sie nicht wundern, Sie kennen den Satz: min pK n»p pu bk, was eigentlich dasselbe sagt, wie das Sprichwort: Point de soupoint de Suisse. Um in der Schaffung der Commission das Richtige zu treffen und ja keinen Fehler zu machen, schlägt die Section die Berufung einer Vorcommission vor, welche alle Vorarbeiten zu liefern haben wird; es werden in diese Vorcommiffion Männer berufen, die es als Ehrensache betrachten werden, ohne jedes Entgelt darin ihr Bestes zu bieten; es werden aber auch Personen darunter sein müssen, welchen man große Opfer, zum Beispiel für Reisekosten, nicht zumuthen darf. Es muß also schon die Vorcommiffion über einen Geldbetrag verfügen, um nicht fortwährend aus Hinderniffe zu stoßen. Der Betrag muß nicht ausgegeben werden, aber die Bewilligung wird ein Gradmeffer für unsere Auffassung, für unser Wollen sein. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Sie, meine Herren, die Anträge des Herrn Referenten annehmen, damit es nicht heiße, es sei der historische Genius von unserer Cultusgemeinde gewichen. Vom Jahrmarkt des Lebens. „Die Bluthunde von Polna." Amazonen des Dr. Lueger haben seine Trabanten mit diesem Ehrennamen geschmückt und wahrlich die Auszeichnung ist eine wohlverdiente. Wie eine wilde Meute, mit tief herabhängender Zunge, blutlechzend laufen sie nun seit Wochen hinter dem Hilsner einher. Mit drohendem Wuthgeheul nach dem Blute des Opfers bellend, bieten sie uns „Orientalen" das wohlgetroffene Bild der „abendländischen christlichen Civilisation". Die Schilderung der einzelnen Vorgänge bei der Hinrichtung des Wanye k, welche die Wiener antisemitischen Organe mit froher Behaglichkeit den Lesern boten, hatte als Schlußsatz die Anfrage: „Was ist mit Hilsner?" „Wann wird Hilsner gehängt?" Im Parlament schreit Schneider unablässig, daß wenn Hilsner nicht gehängt wird, alle „Factoren", „die Minister", „die Mitglieder des Obersten Gerichtshofes" „bestochen find", „von den Juden Geld, bekommen haben". Wer möchte sich dem Verdachte solcher Corruption und Bestechlichkeit preisgegeben sehen? In der That liegt für eine Begnadigung Hilsner's kein eigentlicher Grund vor. Er wurde angeklagt, an der Ermordung zweier christlicher Jungfrauen theilgenommen zu haben, und war nicht in der Lage, nachzuweisen, daß er sich dieses Verbrechens nicht schuldig gemacht hat. Er stand zweimal vor dem Schwurgericht, mqn gab ihm zweimal die Gelegenheit, den Nachweis zu erbringen, daß er an der Ermordung der Hruza und Klima nicht betheiligt war. Wenn die Geschwornen auf Grund dieser Beweisergebniffe die Ueberzeugung geschöpft haben, daß Hilsner ein Mörder sei. und wenn das Schwurgerichtsurtheil als gerecht anerkannt wird — welche Gründe könnten da für eine Begnadigung zur Geltung gelangen? Es wäre seltsam und ganz unverständlich, wenn es fich, was mitgetheilt wird, bewahrheiten sollte, daß die Geschworenen selber, welche den Schuldig-Spruch gefällt haben, an und für sich ein Begnadigungsgesuch an die Cabinets-Kanzlei Sr. Majestät des Kaisers gelangen ließen! Warum? Wenn er zweifellos der Schuldige ist? Wer zwei Menschenleben gemordet hat, der verdient den Galgen! Hilsner der Krone zur Begnadigung zu empfehlen, heißt seine Schuld anzweifeln. heißt anerkennen, daß gegen ihn hinreichende Beweise überhaupt nicht vorgebracht wurden. Die Mittheilung einiger unverbesserlicher liberaler Blätter von der bereits erfolgten Begnadigung war denn auch unrichtig; die Bertheidiger, denen zunächst ein solcher Act zur Kenntniß gebracht worden wäre, wissen vorläufig nichts davon. Allein die antisemitischen journalistischen „Bluthunde" find offenbar von der Angst beherrscht, es könnte den obersten Justizfactoren in der letzten Minute der Muth fehlen, das auf gezeichneter Grundlage gefällte, vom Obersten Gerichtshof nicht umgestoßene Schwurgerichtsurtheil zur Ausführung zu bringen. Sie dürsten aber nach dem Blute des Opfers. Das „Deutsche Volksblatt" vom 29. Mai sagt deswegen, daß „in der Bevölkerung die Nachricht von der Begnadigung Hilsner's die größte Entrüstung hervorgerufen". Hilsner sei „ein erwiefenermaßen geständiger Doptzelmörder". Solcher Art soll das Gewissen der vor der Geschichte verantwortlichen Factoren beruhigt werden. Dann folgen Einschüchterungsversuche und Drohungen nach dem System Schneider: „Dr. Auredniczek hat vor und nach der Verurtheilung Hilsner's in Pisek vor Zeugen erklärt, daß Hilsner. selbst wenn er wegen beider Morde verurtheilt würde, dennoch niemals' gehenkt würde. Wollte der Herr Bertheidiger darauf anspielen, daß in Oesterreich fett Menscheugedenken kein Jude hingerichtet wurde, daß der jüdische Mörder sohin vor hem Henker gefett sei?" Damit nicht ganz Oesterreich in allen seinen obersten Autoritäten dem schmählichen Verdachte bezahlter „Judenknechtschast" verfalle, weil man noch nie einen Juden als Mörder zum Galgen verurtheilt har, deswegen somit muß Hilsner hingerichtet werden. Endlich kommt der letzte Trumpf: „Würde Hilsner unter den Galgen gestellt, dann würde der Mordbube in der Sucht, seine Hinrichtung aufzuschiebe», zweifellos Geständnisse machen, und diese fürchtet man." „Also an den Galgen mtt dem jüdischen Mordbubeu!" Hätte Hilsner etwas zu gestehen und Genosse» zu verrathen, er hätte längst Geständnisse gemacht. Die Procedur wurde ja mit ihm bereits vorgenommen: das Resultat ist ja bekannt. In der Abendausgabe kommt das officielle Organ der Wiener „Christlich-Socialen", das „Deutsche BolkSblatt", nochmals auf diese wichtige Frage zurück und erklärt im Namen der Oeffentlichkeit kurz und bündig: „Wenn es der Fall sein sollte, daß Hilsner thatsächkich vom Justizminister zur Begnadigung empfohlen worden sein sollte, dann wird in die Bevölkerung nur neuer antisemitischer Zündstoff geworfen." Das heißt mit anderen Worten, daß Hilsner im Interesse der Juden selber gehängt werden muß! Das ist zweifellos gut gemeint und offenbart eine edelmMhige Gesinnung. Der „Blut-

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