Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 21 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 868 9t> Bwch's WochrnschrM Nr. 21 an vielen deutschen Kirchen fi-den, die politische und theologische Wandlung der Anschauungen chronologisch kennzeichnete. Auch in Frankreich hat die unter Rothschild'scher Aegide stehende ,Soci€t6 des etudes juives“ sehr Tüchtiges geleistet; eine Reihe von dortigen Stadtarchiven ist methodisch durchforscht und das ausgebreitete Material rüstig verarbeitet. In England wird gleichfalls Vielerlei gefördert, wie dies aus dem »Jewish Qnarterly Review" zu ersehen ist, desgleichen in Amerika und in Budapest, wo die drei Matadore des Seminars der verewigte David Kaufmann, Bacher und Goldzieher, den Mittelpunkt für fleißige und erfolgreiche Geschichtsforschung bilden. Ganz besonders möchte ich noch der eigenartigen, nicht genug zu rühmenden Thätigkeit des »Hamburger Verein für jüdische Volkskunde" erwähnen. Der dortige junge Rabbiner Doctor Grunwald, desien hier gehaltener Vortrag »Goethe und die Juden" Manchem von uns in dauernder Erinnerung blieb, hat die Zeitschrift jenes Vereines zu einer hochinteressanten Specialität gestaltet. Es wäre ein Gewinn für unser Vorhaben, wenn wir Dr. Grunwald's Mitwirkung bei demselben zu sichern vermöchten. Diese lebhaften Bemühungen vieler Gemeinden und Gelehrten haben neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung sehr greifbare praktische Zwecke, wie dies durch die Publicationen unseres Dr. Bloch und des protestantischen Theologen Strack über die Blutbeschuldigungen unwiderlegbar erwiesen ist. Trotz Polna und Könitz gibt es, dank diesen Streitschriften, selbst in antisemitischen Kreisen kaum mehr einen Gebildeten, der nicht von den urkundlichen Gegenbeweisen Kenntniß zu nehmen genöthigt war. Der historischen Forschung allein ist es zuzuschreiben, daß »die Wahrheit unterwegs" ist. Auch das darf wohlals ein praktischer Zweck angesehen werden, wenn die jüdische Jugenderziehung durch geschichtliches Material erweitert und vertieft wird. In Frankreich und Deutschland werden alle Schulgegenstände, auch die Realien mit patriotisch-geschichtlichem Material durchtränkt, — der Erfolg dieser Methode ist nicht zu verkennen. Wir Juden, insbesonders wir in Oesterreich, hätten cs sehr nöthig, unsere Jugend durch die Kenntniß jüdischer Geschichte zu jener Selbstachtung zu erheben, welche unentbehrlich ist. um in der großen und kleinen Welt ums Dasein erfolgreich zu kämpfen. ü'.ill man endlich auch bei uns an die historische Arbeit herantreten, so muß ein Mittelpunkt, ein Klystallisationskern geschaffen werden, da man auf die Ei"zellhätigkeit ohne systematische Führung sich wenig verlassen kann. Diese Nothwendigkeit gilt nicht nur für uns; sie wird auch in bedeutendsten Gemeinwesen als unvermeidlich betrachtet. Daher haben bereits viele Staaten die historische Quellenforschung unter die Aegide besonderer historischer Commissionen gestellt, deren Thätigkeit sich abseits der Akademien und Universitäten vollzieht. Auch in Oesterreich ist man endlich dahin gekommen; das Statut der neubegründeten historischen Commission ist in der »Wiener Zeitung" vom 10. November 1900 veröffentlicht. Eine historische Commission für uns Juden in Oesterreich zu begründen, ist keine leichte Sache; dieselbe muß mit Vorbedacht und Umsicht vorbereitet werden. Es kommt Alles darauf an. daß die richtigen Personen gefunden und die ihnen zugetheilten Aufgaben richtiggestellt werden. Um solche Vorbereitungen zu treffen, um ein fachgemäßes Programm zu entwerfen und Ihnen richtige Vorschläge zu erstatten, bedarf es gründlicher Vorverhandlungen, die weit über den Rahmen einer Vorstandscommiffion hinausreichen. Aus diesem Grunde schlägt Ihnen die II. Section die Bestellung einer Vorcommiffion vor. Die Anträge der II. Section lauten folgendermaßen: Der Vorstand beschließt, ein Comitß einzusetzen, beziehungsweise eine Borcommission einzuberufen, bestehend aus Vorstandsmitgliedern und Fachmännern, mit der Aufgabe, ein Actions- Programm und ein Statut für die Errichtung einer in der bezrichneten Art thätig bleibenden Institution zur Durchforschung der Geschichte der Juden in Oesterreich auszuarbeiten und dem Vorstände zu unterbreiten. In dieses Comite sind außer Vorstandsmitgliedern noch nachstehende Herren zu berufen: Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, Rabbiner Dr. Schmiedl, Rector Dr. Schwarz. Professor Davio Heinr. Müller, Professor Büchler, Dr. Bloch, Dr. Arthur Goldmann, Dr. Frankfurter und Dr. Michael H o l z m a n n. Zur Bestreitung der Kosten der Vorarbeiten beantragt die Section die Bewilligung eines Credites von 3000 Kronen. Ueber diesen Antrag, dessen Begründung durch den Referenten einen tiefen Eindruck zurückließ, entwickelte sich eine lebhafte Debatte. Ober-Ingenieur Edler von M i s e s empfiehlt en dloe-Annahme des Antrages. In warmen begeisternden Tönen redet Director Simon eindringlich für den Antrag. Seine Rede, die nicht minder interessant war als die des Referenten, werden wir in der nächsten Nummer im Wortlaut bringen. Gegen den Antrag wendet sich. mit aller Schärfe Herr Salo Cohn. Er sagt: »Wir haben wichtigere Aufgaben, als historische Commissionen. Wir stehen vor der dringenden Nothwendigkeit der Wahl eines Predigers. Herr Rabbiner Dr. Schmiedl ist 81 Jahre alt und kränklich; die hohen Feiertage werden kommen — da sollen Sie Vorsorge treffen! Wir brauchen einen jungen Prediger!! (Dr. M. Spitzer ruft: »Der alte Schmiedl ist mir noch immer lieber als zehn Junge!") Präsident kaiserl. Rath Kling er constatirt, daß Herr Rabbiner Dr. Schmiedl noch immer, dem Himmel sei Dank, in mustergiltiger Weise, wacker und rüstig seinen Pflichten Nachkomme, wie er diese zu allen Zeiten in gewissenhaftester Weise erfüllt hat. I. Vicepräsident Dr. Alfred Stern wendet sich gegen die Ausführungen des Herrn Salo Cohn. Bis in die letzte Zeit hat sich Herr Rabbiner Dr. Schmiedl entschieden gewehrt gegen jede etwaige Stellvertretung. Erst in den jüngsten Tagen begann bei ihm ein Gefühl des Alters und der Schwäche sich zu äußern. Gegenüber dem Referenten erinnert . der Redner an die Thätigkeit des Gemeindebundes, insbesondere für die Abwehr der Blutlüge. Mit großer Energie befürwortet sodann der Redner die Anträge der II. Section. Oberfinanzrath Dr. B. Rappaport erklärt sich gegen die Anträge, und zwar aus finanziellen Gründen. Universitätsdoceut Dr. I. Grünfeld spricht gegen Oberfinanzrath Rappaport und befürwortet den Antrag. Im gleichen Sinne ergreift das Wort II. Vicepräsident Dr. Gustav Kohn. Er sagt: »Eine Ehrenschuld hat dev Wiener israelitische Cultusvorstand abzutragen". Herr Baurath Wilhelm S t i a ß n y Plaidirt ebenfalls für die Anträge des Referenten und ersucht, in die Reihe der Corporationen, welche zur Bildung der historischen Commission herangezogenwerden, auch das jüdische Museum aufzunehmen. Cultusvorstand Dr. Adolf Stein bekämpft den Antrag des Referenten. Sein Ideal sind geordnete Finanzen. Jnsolange unsere Einnahmen das nicht gestatten, können wir neue Ausgaben nicht bewilligen. In gleichem Sinn spricht sodann Cultusvorstand I. G ew i ts ch. Nach einem Schlußworte des Referenten, welcher alle gegen seinen Antrag vorgebrachten Gründe bespricht, soll zur Abstimmung geschritten werden. Allein die Gegner des Antrages hatten sich bereits absentirt und dadurch die Beschlußunsähigkeit der Sitzung herbeigesührt. (Schluß der Sitzung halb 10 Uhr Abends.) Wien. (Verein zur Unter st ützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibend e r.) In der am 18. d. M. stattgefundenen XU. ordentlichen Generalversammlung, welche von zahlreichen Vereinsmitgliedern und den Deputationen einer großen Anzahl von in der Wiener Cultusgemeinde bestehenden Humanitätsanstalten besucht war, gab der Vorsitzende Herr Baurath S t i a ß n y bekannt, daß in dem abgelaufenen Vereinsjahre vom Cultusvorsteher Herrn Salo Cohn ein Betrag von X 5000 und von Herrn Samuel Kolisch s. A. ein Betrag von X 600 zum Stammvermögen des Vereines gespendet worden sind. Ferner theilte er mit, daß ihm von einem, vorerst ungenannt bleiben wollenden Wohlthäter der Betrag von X 20.000 zum Zwecke der Gründung und Erhaltung einer jüdischen Pflegerinnenfchule übergeben worden ist. Diese Mittheilungen wurden mit großem Beifalle ausgenommen und den edlen Spendern der Dank durch Erheben von den Sitzen votirt. Hierauf brachte der Schriftführer, Herr Dr. Bela T a u s s i g den Geschäftsbericht zur Verlesung, aus welchem wir entnehmen, daß der Verein bisher 480 Darlehen mit dem Gesammtbetrage von X 74.000 bewilligt habe. Nunmehr hielt Herr kais. Rath Johann Lichten stadt seinen mit großem Beifalle aufgenommenen Vortrag: »Ueber Arbeitsvermittlung". Endlich wurden Ergänzungswahlen vorgenommen, und zwar wurden in den Vorstand die ausscheidenden Mitglieder: Architekt Max Fleischer, Emil Jelinek, kais. Rath Salomon Kohnberger, Doctor Arthur K u r a n d a und Karl T a g l e i ch t einstimmig wieder-