Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 21 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr» 21 Dr. Bwch'S Kräfte einsetzen, damit Jedliczka beseitigt wird, denn er sei unwürdig, an der Spitze einer solchen Genossenschaft zu stehen. (Beifall und Entrüstungsrufe gegen Jedliczka.) Sodann sprachen noch einige Redner im Sinnendes Vorredners, worauf die Versammlung geschlossen wurde. Die tiefste Stufe -er Gemeinheit und Niedertracht offenbart ein sogenannter Artikel: „Die Judenfrage" — nahezu 19 Spalten — im ^Kikeriki" vom 12. Mai d. I. Das Pamphlet beginnt mit folgender gemeiner Lüge: Nicht lange darnach erschien beim Sarvarer Bandkrämer Moriz G u t t m a n n (!) die Tagwerkerin Johanna S a m u, um bei ihm einen «Zehner" zu wechseln. Der Zehner war jedoch — ein Tausender, die Frau kannte eben das Geld nicht. Moriz Guttmann aber gab auf einen Zehner heraus und dies wiederholte sich nunmehr öfter. Eines Tages nahm der Jude das Weib in's Verhör und alsbald gestand Johanna Samu den verheiinlichten Fund ein. Guttmann erhielt nun die restliche Summe von 122.000 fl. für die Bagatelle von 555 fl. Zwei Jahre hindurch führte er sein kleines Geschäft ruhig weiter, als ob gar nichts geschehen wäre, dann aber vergrößerte er es allmählich nnb schlug seine fämmtlichen Concurrenten aus dem Felde. Nach weiteren zwei Jahren baute er ein stockhohes Haus in Sarvar und zwei Häuser in Steinamanger, beide zweistöckig und am belebtesten Platze der Stadt. Man munkelte zwar in Sarvar, man raunte es sich zu: „An den Tausendern Guttmann's klebt — Menschenblut", aber Moriz Guttmann war bereits ein einflußreicher Mann geworden, eine Stütze der liberalen Comitatsclique, man mußte ein Auge zudrücken und sich die Ohren verstopfen. Guttmann stapelte von Jahr zu Jahr mehr Reichthünier auf und Niemand störte seine Kreise. Vom strafrechtlichen Standpunkte ist die Sache heute leider bereits verjährt, man kann Guttmann nichts niehr anhaben. Heute verspürt bereits ganz Sarvar den Druck des Vanipyrs. Der Gnttmann, der ehemals mit Bändern, Spitzen und bunten Tücheln handelte, hält heute die halbe Stadt in seiner Hand, freilich mit dem Gelde der Regimentscasse. mit dem Gelde des bedauernswerthen Rittmeisters Grafen Jenyson. Vielleicht wird es nach dem Gesagten Sr. Excellenz dem Herrn Jnnernminister oder der Militärbehörde beifallcn, diese Sache ein wenig, aufznrühren. Es wird dies umso leichter sein, da die Sam n, welche seinerzeit das Geld gefunden hatte, noch am Leben ist." Die Luge erschien bereits einmal in dem sauberen „Deutschen Volksblatt" am 24. Juli 1898. Der angegriffene Kaufmann M. Guttmann hat damals durch den Hof- und Gerlch'sa-wocaten Dr. Wilhelm Schneeberger die Verleumdungsklage gegen das „Deutsche Volksblatt" anstrengen lassen und das Blatt sah sich gezwungen, folgende demüthige Ehrenerklärung zu veröffentlichen, welche von fast fämmtlichen Wiener und zahlreichen auswärtigen Blättern reproducirt wurde: «An Herrn Dr. Wilhelm Schneeberger als Vertreter des Moriz Guttmann, Kaufmann in Sarvar. Erklärung. In der Nummer 3433 des «Deutschen Volksblattes" vom 24. Juli 1693 haben wir eine der ungarischen Zeitung „Alkotmany" entnommene Mittheilung unter der Ueberschrift „W ie die Juden sich bereiche tu" zum Abdrucke gebracht, welche bte gegen Herrn Moriz Guttmann, Kaufmann in Sarvar. gerichtete Beschuldigung enthält, daß dieser einen Werthbetrag von 1,0.000 Gulden, welchen eine gewisse Johanna Samu durch Fundverheimlichung sich angeeignet hatte, der Finderin successive abgenommen habe, indem er unter Benützung der Unwissenheit dieser Frau Samu. welche die Tausendguldennoten für Zehnguldennoten gehalten hat, jedesmal eine Tausendguldennote als Zehnguldennote in Empfang nahm und wechselte. Diese Mittheilung war mit weiteren Schlußfolgerungen versehen, welche die Ehre des Herrn Moriz Guttmann auf das Empfindlichste zu verletzen geeignet waren. Wir erklären nun, daß wir nicht im Stande sind, auch nur ein Wort dieser Mittheiluugen aufrecht zu erhalten oder gar zu erhärten und daher auch die aus dieser Erzählung in der Ueberschrift abgeleitete Consequenz, daß sich „die Juden auf diese Weise bereichern" hinfällig erscheint. Nachdem die Schristleitung des „Deutschen Volsblattes" dem Gerichte gegenüber die Nennung der schuldigen Personen vor Ablauf der Verjährungsfrist verweigert hat und unser verantwortlicher Redacteur Hans Arnold Schwer die Versicherung gibt, daß dieser Artikel ohne sein Wissen in das Blatt gelangt sei, erklären wir, daß wir die Aufnahme dieser nach unseren Erhebungen vollständig erfundenen, für Herrn Moriz Guttmann ehrenrührigen Erzählung in unser Blatt auf das Tiefste bedauern. Jnftlge dieser Erklärung hat Herr Moriz Gutt m a n n seine wider den verantwortlichen Redacteur erhobene Klage zurückgezogen und haben wir die Kosten des Strafverfahrens dem Kläger ersetzt. Die Schristleitung des „DeutschenVolksblattes" Worhrnichrrsr. Sette 355 Man beurtheile die bodenlose Gemeinheit, daß die Lügen erneuert werden, trotzdem der Widerruf und die Abbitte in vielen Zeitungen publicirt war. „Professor Steinthal." Von Rabbiner Dr. Niemirower, Jassy. Der berühmte Univerfttätsprofeffor und Lehrer der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums H. Steinthal gehörte der allgemeinen Wissenschaft an. da er die Seele der „Zeitschrift für Völkerpsychologie" und ein Bahnbrecher in der Philosophie der Sprachen und Sitten, Moral und Religion gewesen. Seine ganze Znt war wisienschaftlichen Arbeiten geweiht. Er ist am Offenbarungstage geboren und sein ganzes Dasein war gleichsam eine Offenbarung ernster Wiffenschaft. Trotzdem er nicht die Macht des Wortes und den Zauber glänzender Repräsentationsfähigkeit besaß, imponirte er seinen Schülern und errang fich durch den Umfang seiner Kenntniffe und durch die Tiefe und Feinheit seiner Erkenntnisse die Achtung und Bewunderung seiner College». Die Größe des jüdischen Geistes zeigte sich in diesem edlen Vertreter der Gelehrsamkeit. Steinthal war ein Polyhistor im edelsten Sinne des Wortes. Die griechische Sprache beschäftigte ihn nicht weniger als die hebräische, die Entstehung der Schrift nicht minder als die des Wortes. Die Beziehung zwischen Psychologie und Geschichte interessirte ihn gleich dem Verhältnisse zwischen Logik und Grammatik; das 5. Buch Moses nahm ihn in Anspruch gleich Homer's Odyssee; die Samsonlegende gleich den Prometheus- und Heraklitsagen; das Volkslied gleich der Salondichtung; die Ideen Herbart's, Humboldt's und Hegel's .gleich den Idealen der Propheten. Diese Regsamkeit Steinthal's auf verschiedenen Gebieten, diese Meisterschaft, mit der er sich Mannigfaches angeeignet, steht zweifellos mit seinen Studien im Talmud in Verbindung. Denn der Talmud ist eine Encyklopädie aller Wiffenschaften, so daß Derjenige, der sich mit ihm besaßt, vor einseitigem Specialistenthum bewahrt und zur Erkenntniß der Allgemeinheit und Einheitlichkeit der Wiffenschaft geleitet wird. Besonders hervorragend war Steinthal in der Sprachforschung und allgemein bekannt ist es, wie leicht sich der Jude Sprachkenntuisse aneignet und daß unser Stamm nickt nur bedeutsame Orientalisten gleich Goldzieher und H. D. Müller, sondern auch Meister der allgemeinen Sprachwissenschaft wie Ascoli, Bteal und Sanders hervorgebracht. Der Denker, der uns hier beschäftigt, war jedoch in Allem Philosoph, richtiger Theosoph. Er hat nicht nur über die Andacht geschrieben, sondern immer mit Andacht gearbeitet und gleich den Frommen alter Zeiten sein Studium zur Höhe eines religiösen Actes, inniger Frömmigkeit und göttlicher Offenbarung erhoben. Er hat über einen Religionsphilosophen unserer Zeit, Samuel Hirsch, Betrachtungen angestellt und in Wirklichkett war er selbst ein solcher. Wenn Rabbiner Dr. Maybaum in seiner Leichenrede es hervorhebt, daß der fortschrittliche Freidenker Steinthal an den hohen Festtagen das Gotteshaus besucht und sich in einen Gebetwa n t e l g e h ü l l t, so denkt man unwillkürlich an den kabbalistisch-poetischen „Gelehrtentales", der die Seele kleidet, und wird sich bewußt, daß aus den Werken unseres Philosophen religiöse Feierlichkeit und Tempelweihe strömt. Was war ihm doch wesentlich in der jüdischen Religion? Der moralische Theil und dieser bildete den Kern nicht nur der Ethik, sondern auch aller anderen Werke unseres Meisters. Wie Göthe jedes Ereigniß seines Lebens in ein Gedicht verwandelte, so hat Steinthal jeden Schicksalsschlag, jede Phase seines Daseins in eine ethisch-philosophische Idee umgesetzt, was er selbst in seiner Widmung an Lazarus hervorhebt. Fürwahr, wenn er es gern gehört, daß man ihn beim hebräischen Namen Chaim genannt, so dürfen wir betonen, daß Chajim, das heißt das Leben des Profeffors Steinthal vom jüdischen Geiste getragen wurde und im Bewußtsein des jüdischen Stammes fortbestehen wird! Correspondenzen. Aus -er öffentlichen Plenarsitzung -eS Wiener israelitischen Cnltusvorftan-es Dienstag, den 21. Mai 1901, unter -em Borfitze -es Priifi-ente» kais. Rathrs Klinger. Beginn -er Sitzung 0 Uhr Aben-s. Der Präsident eröffnet die Sitzung, eoustattrt die Beschlußfähigkeit und läßt den Einlauf zur Verlesung bringen.