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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-17 · 20 (17.5.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
20 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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l£~ Mag M ■■-TOiMyy.., Nr. 20 Vr. .äuuiV*. iL>owrnlriMr. beite 347 Vater ist Witwer) um Sie . . . zu unseren Empfangstagen einzuladen/ Erstaunt und auf's Unangenehmste berührt von dieser plötzlichen Schwäche für den „muthigen Gladiator" und „interessanten Mann", der allen irdischen Gütern und Genüssen entsagt hatte, um eine „originelle Laune" zu befriedigen, lehnte ich Bewunderung und Verehrung höflich ab. Nachdem ich für die Einladung gedankt hatte, fügte ich hinzu: „Wenn Fräulein den wirklichen Sachverhalt kennen lernen wollen, so war mein heutiges Wagestück, das ich aufrichtig bereue, der Uebermutb eines . . . Juden, der sich durch die Ansichten der ihm gegenüberstehenden, mehr als zweifelhaften Catos gedemüthigt fühlte. Die Strahlenkrone, mit der sie meine Stirn gütigst zu umgeben geruhen, ist daher eine vollkommen unverdiente. Ebenso unverdient und viel zu groß wäre die Belohnung, im Hauses Ihres geehrten Herrn Vaters verkehren zu dürfen. . Nach einer tiefen Verbeugung entfernte ich mich, ohne den Blick emporzuheben. Indessen sollte die Sympathie meiner Hero, wie man sie boshafter Weise benannte, einen viel ernsteren Charakter annehmen. Das schöne, ihre Umgebung und auch den Vater zu beherrschen gewohnte Fräulein wollte nicht so leichten Kaufes auf ihre Eroberung verzichten. Meinen Widerstand schrieb sie dem Fanatismus der Idee . . . fast einer physischen Krankheit zu, und beschloß, mich mit Hilfe der Mutter meines Schülers zu curiren. Auf welche Weise es ihr gelang, diese Dame für ihre Pläne zu gewinnen, weiß ich bis nun nicht, und ist mir dies auch ziemlich gleichgiltig. Als Letztere mir jedoch Andeutungen zu machen und von dem großen Glücke zu sprechen begann, welches gewöhnlich denjenigen zu Theil wird, die es nicht zu würdigen verstehen, erwiderte ich: „Ich danke Ihnen vielmals für die interessante Geschichte von einem gewissen Jemand ... der Glück und Gold verschenken möchte . . ., und von dem anderen Jemand . . ., der diese Gaben nicht verdient. Was mich anbetrifft, so würde mir wahrscheinlich die Handlungsweise des Letzteren besser gefallen, und dies um so mehr, als ich auch kein Freund von „jüdischen Geschäften bin . . Meine Entgegnung war um so berechtigter, als die Hausfrau in dem Tone einer Königin sprach, welche die Pforte zu einer fremden Schatzkammer öffnet, und den Umstand, daß sie diese Rolle nur gezwungen übernommen habe, nicht mal zu verbergen suchte. In Folge dieser Lage der Dinge begann ich immer häufiger an meine bevorstehende Reise ins Ausland zu denken, als ich eines Tages folgendes anonyme Schreiben erhielt. „Wenn man an der Sucht leidet, sein eigenes Leben zu zerstören, so braucht man darum noch nicht mit Bestimmtheit zu behaupten, daß alle Leute zu einer Kategorie gehören. Ein boshafter Mensch könnte vielleicht sagen: „und doch ist es charakteristisch — er sieht ein „Geschäft" selbst dort, wo davon gar nicht die Rede sein kann." Die Person würdigte er keiner Beachtung, und doch, wer weiß? hätte er sie näher kennen gelernt, vielleicht würden alle sogenannten „Geschäftsskrupeln" zu existiren aufhören. Ein unverdienter Schmerz und unverdiente Worte." Der Schluß dieser schönen, romantischen Geschichte bildete selbst für mich eine Ueberraschung, obgleich ich doch in letzter Zeit so manches Unerwartete kennen gelernt hatte. An dem Tage, der auf den Empfang obigen Briefes folgte, wurde ich ausgesordert, in das Cabinet des Hausherrn zu kommen. Als ich mich der Thüre näherte, vernahm ich eine laute Männerstimme. „O! ich werde mit ihm schon fertig werden!" Es war der Vater des „Opfers meiner Grausamkeit." Ohne weitere Einleitung fuhr er mich heftig an: man nenne den Namen seiner Tochter in Verbindung mit dem meinigen, ich hätte sicherlich Ursache dazu gegeben und er gestatte nicht, daß dies noch länger währe. „Ursache? welche Ursache?" fragte ich, ohne meine Selbstbeherrschung zu verlieren. „Ja, weiß ich denn welche? Etwas habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, den theatralischen Ausflug aufs Meer, der unseren überspannten und . . . reichen Mädchen die Köpfe verdrehte." Da in seinen Worten neben der Impertinenz des Emporkömmlings auch wahrer Schmerz über das vermeintliche Unrecht, das sein einziges Kind erlitten, d.utlich hörbar war, suchte ich anfänglich den Ausbruch meiner Empörung zu unterdrücken. Nicht ohne Ironie jedoch bemerkte ich: „Also glauben Sie vielleicht, daß ich den Ausflug auf das Meer aus Berechnung unternahm?" „Aber freilich, natürlich!" rief er mit blitzenden Augen und mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend. Jetzt war es vorbei mit meiner Selbstbeherrschung. Einem alten, schwachen Manne konnte ich keinen Schlag ins Gesicht versetzen, aber ich warf ihm den Brief seiner Tochter hin. „Fragen Sie ihre Tochter, warum dieser Brief geschrieben wurde?!" Mit diesen Worten verließ ich das Zimmer. An demselben Abend noch reiste ich ins Ausland, krank an Seele und Leib. IX. Gewaffnet und gerüstet wie Don Quixote auf seiner Rosinante, stürzte ich mich Kopf über Hals in den antisemitischparlamentarischen Kampf Mittel-Europas und wurde durch diesen Sturm in einer der Hauptstädte festgehalten. Man forderte mich zur Mitarbeiterschaft in einem Blatte auf, welches das einzige war, das gegen den Strom zu schwimmen sich erkühnte. Ich kämpfte mit dem Feuer eines Neulings, — war mir doch diese öffentliche Angelegenheit gleichzeitig eine persönliche, — aber in diesem Feuer brannten meine Nerven, mein Hirn und mein Herz. Ich theilte meine Thätigkeit mit einer kleinen Anzahl Juden, nur weiß ich nicht, welchen Namen ich dieser Kämpfergruppe beilegen soll; waren sie assimilirte. . . oder Fortschrittler . . . oder Renegaten. . . . Auch mehrere Christen schlossen sich uns an, um ihren Widerwillen gegen das rasende Element des Racenhasses, der in seinem siegreichen Borwärtsschreiten die Saat des Verbrechens in bie finsteren Massen streute, laut und öffentlich zu äußern. Ich gab mir Mühe, die Augen offen zu behalten, um die Fehler, dle uns thatsächlich anhaften, nicht verkennen, aber Zorn und hoffnungslose Verzweiflung erfaßten mich, wenn ich sah, wie man uns forwährend Fehler andichtete, von denen keine Spur in unserem Wesen vorhanden war. Unsere kleine Gruppe führte ein qualvolles Dasein. Zwischen mir und meinen Gefährten bestand jedoch auch hier ein Unterschied, und zwar, wie ich bald einsah, zu meinen Ungunsten. Die Einen ertrugen diese Ausnahmsverhältnisse, wie die meisten Richtsätzen ihr tägliches Leben mit seinen unzertrennlichen Lasten ertragen. Sie hatten sich daran gewöhnt, wie z. B. Kamtschavalen an ihre übelriechenden Felle, das Pferd an seine Bürde und Peitsche ... Ich aber war von der Höhe eines Palastes in einen unterirdischen Gang gerathen, wo ich jeden Augenblick auf einen Hinterhalt stieß, wo tödtliche Dämpfe mein Blut vergifteten. Auch sie litten infolge dieses modernen auto dafes, das ihnen die Civilisation bereitete, Keinen jedoch quälte dasselbe in dem Maße, wie mich. Darum verband mich auch mit Niemandem persönliche Freundschaft. Unsere Ansichten gingen zu sehr auseinander. In mir hatte meine einstige Lebensweise tiefe Spuren zurückgelaffen, — ihnen wiederum hatte der Kampf ums Dasein ein anderes Gepräge aufgedrückt. Die Einen wollten anfgehen in dem Volke, das sie von sich stieß, damit zugleich nnt ihnen der auf ihnen lastende Fluch von der Erde verschwände. Die Anderen sehnten sich nach Macht und Reichthum, um vermittelst ihrer sich und ihre im Elend lebenden Brüder emporzuheben. Eine dritte, am wenigsten zahlreiche Gruppe träumte von einem entfernten, eigenen Baterlande, wo keine bösen Nachbarn ihnen Böses sinnen und thun würden — sie wußten jedoch, daß dies nur hoffnungslose Träume waren. Mit diesen Idealisten konnte ich mich schon am ehesten verständigen, obgleich mir der Verkehr mit ihnen nicht viel Hilfe brachte. Es waren unser zu wenig, um etwas thun und das ersehnte Ziel erreichen zu können, genug jedoch, um uns gegenseitig anzueisern und zu entnerven. Wie eine Krankheit, die sich von Einem auf den Anderen überträgt, so wuchs ein Funken Leides zu einem Bulcan, ein Tropfen Bitterniß schwoll zu einem ganzen Meere an. Unser Blatt mußte — kaum entstanden — aus Mangel an Mitteln zu erscheinen aufhören. Die reichen, vorsichtigen und praktischen Leute wollten — selbstverständlich nichts von uns wiffen. Uebrigens strebten wir danach, daß es sich aus eigener Kraft, ohne Unterstützung erhalten solle, aber . . . nach Karzer Zeit mußten wir den Versuch als mißlungen aufgeben. (Fortsetzung folgt.)

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