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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-17 · 20 (17.5.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
20 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 338 Vr. Vlortz s Wortzrnsckrtst Nr. 20 zu schwachherzig sind. Es knirscht der innere Mensch, wenn das, was ihm lieb und werth ist. was er über Alles hoch hält, wie cs heißt, aus politischen Gründen in den Staub getreten wird/ Möchte doch Jeder von uns diese Worte auf sich selbst anwenden und beherzigen! Und zur Kampfesweise ihrer Gegner bietet ein weltliches, ein profanes Mitglied dieser Versammlung, ein Kaufmann aus Mainz, entsetzt über die Exhumirung der „Moral des heil. Liguori", die folgende lehrreiche Darstellung: „Jndeß nehmen wir einmal einen Augenblick an, der heil. Alfons sei wirklich nicht der sittenstrenge und heiligmäßige Mann gewesen, der er thatsächlich war, und er habe in dem von ihm vor 1'/, Jahrhunderten herausgegebenen lateinischen achtbändigen theologischen Fachwerke an einzelnen Stellen bei Besprechung der Sünden der Unzucht und Unsittlichkeit thatsächlich Wendungen gebraucht und Anschauungen zu Tage gefördert, welche eine Gefahr für die Sittlichkeit in sich bergen, wie viel von den 70 Millionen Deutschen in unserem Vaterlande und in Oesterreich, glauben Sie wohl, find überhaupt im Besitze dieses dickleibigen lateinischen Werkes, und wie viele mögen es wohl wirklich gelesen haben? Da kommt denn auf einmal ein Individuum und übersetzt nicht etwa das ganze Werk ins Deutsche, sondern stöbert zunächst mit der Findigkeit eines Mistkäfers aus den 4781 Seiten, die das Werk zählt, 133 Seiten auf, die nach seiner Ansicht anrüchige und unsittliche Stellen enthalten, excerpirt aus diesen 133 Seiten die saftigsten Brocken, übersetzt sie ins Deutsche, lädt diesen Mist auf Karren und läßt ihn durch eine entsprechende Anzahl verständnißinniger Mistbauern in Hunderttausenden Häusern abschleppen, damit Alt und Jung, Groß und Klein, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, die nie eine Ahnung auch nur von der Existenz solcher Dinge gehabt haben, sich möglichst gründlich besudeln/ Wer wird, wenn er diese Sätze liest, nicht unwillkürlich daran erinnert, wie die Antisemiten seit Jahr und Tag durch Entstellungen, durch Fälschungen und durch Herausreißen tendenziös zugestutzter Citate ein Zerrbild unseres religionsgesetzlichen Schristthums zusammenkitten und dasselbe dann unwissenden Mafien als Waffen gegen das Judenthum in die Hand geben? Wir speciell mögen als der ruhige Dritte abseits stehen von diesem charakteristischen Kampfe und uns etwa sagen, daß es kein Nachtheil für uns sei, wenn der blindwüthige nationale Streit abgelöst wird von dies.n clericalen und religiösen Kämpfen, welche die specifische antisemitische Hetze naturgemäß in den Hintergrund drängen. Rechnen wir zu dieser Erscheinung das Ergebniß der Reichsrathswahlen, an welchen im Anschlüsse an die vereinigten „Fortschritts^Parteien unser Verein intensiven Antheil genommen hat, ferner die bedeutsame Thatsache, daß es neuestens unserem Ministerpräsidenten kraft seiner klugen und zielbewußten Beharrlichkeit denn doch gelungen ist. die Arbeitsfähigkeit des Parlamentes herzustellen und mittelst großer, epochaler Wirthschaftsvorlagen das Jntereffe und den Sinn der Parteien friedlichen, positiven Zielen zuzuwenden, so dürfen wir gestehen, daß unsere politische Bilanz der Berichtsperiode 1899 und 1900 nicht zu den schlechtesten zählt, die wir in den Leidensbüchern unserer Geschichte zu verzeichnen haben. (Allseitige Zustimmung.) Allerdings lastet auf dieser Zeit zugleich die Schmach und der Druck des wahnsinnigen Blutmärchens, das mit fanatischer Bosheit wieder erweckt wurde und alsbald seine infectiöse Kraft auch jenseits unserer Reichsgrenzen bewährt hat. Das schauerliche Gerichtsdrama mit seinem zweimaligen Todesurtheile eilt gerade heute seinem Ende entgegen*), — möge es ein versöhnendes sein, erfüllt von erleuchteter Gerechtigkeit und geeignet, die giftigen Spuren grausamer Bosheit und verhängnißvoller Verblendung für immer zu verwischen. Wie dem auch immer sei, — auch in Frankreich drang erst jetzt trotz der Verschwörung aller Gewalten Licht in die unselige „Affaire" — nichts wird uns die lieberzeugung rauben, daß die unerbittliche Wahrheit endlich auch in dieser Frage den Sieg erringen wird über Aberglauben und Thorheit, Neid und Bosheit, Haß und Habsucht (Lebhafter Beifall.) *) An dem Tage der Generalversammlung begann die Cassationsverbandlung in dem Hilsner-Processe. (Anmerkung der Redaction.) Redner, Herr Dr. F i a l l a, übergeht nunmehr zur Besp.tchuug der eigentlichen Bereinsthätigkeit, welche zufälligerweise ankuüpft an den vorerwähnten Ritualmord-Prrceß, da es sich darum handelte, einen jüdischen Functionär, der durch böswillige fälschliche Verdächtigung einer fingirten Mitschuld aus seinem Polnaer Amt und Heim vertrieben wurde, vor diesen Nachstellungen zu bewahren und in der Oeffentlichkeit zu rehabilitiren, was denn auch im gerichtlichen Wege gelungen ist. Die politische Haltung unseres Vereines gegenüber der Regierung schließt sich an jene Resolution an, die unsere Plenarversammlung just vor zwei Jahren rücksichtlich des Regimes K ö r b e r gefaßt hat und welche mit richtigem Blicke in dem damaligen kritischen, stürmisch bewegten Zeitpunkte vor Mißtrauen und oppositioneller Haltung dieser Regierung gegenüber warnte. Auch seither ist nichts eingetreten, was diese Auffassung zu beeinträchtigen vermöchte einer Staatsverwaltung gegenüber, welche des Triumphes sich erfreut, die zur tödtlichen Regel gewordene, das politische und das wirthschastliche Leben erdrosselnde parlamentarische Obstruction überwunden und die regelmäßige Thätigkeit der Gesetzgebung wiederhergestellt zu haben. (Allgemeine Zustimmung.) Unablässig und mit regem Interesse folgen wir den Schicksalen und der Entwicklung der uns Wiener Glaubensgenossen umfassenden Wiener Cultusgemeinde. die in der Berichtsperiode eine theilweise Aenderung ihrer Verfassung, speciell der Wahlordnung vorgenommen hat und mit einer Reform ihrer Administration beschäftigt ist. Von den lebhaftesten Wünschen für das Erstarken und Aufblühen dieses unseres engeren Gemeinwesens erfüllt, fanden wir keinen Grund, einer Aenderung des Wahlsystems entgegenzutreten, welche bezweckt, maßgebende, bisher abseits gestandene Kreise der Bevölkerung der unmittelbaren Mitarbeit und Mit- Wirkung zuzuführen, das finanzielle Einkommen der Gemeinde, entsprechend ihren täglich sich steigernden Bedürfnissen, thunlichst zu erhöhen und deren officielle Repräsentanz der Zahl und Beschaffenheit nach auf ein höheres Niveau zu bringen. In diesem Sinne haben wir denn auch an den im Vorjahre stattgehabten Wahlen gemeinsam mit anderen gleichgesinnten Corporationen leitenden Antheil genommen und widmen der weiteren Entwicklung unsere intensive Aufmerksamkeit. Unsere Einzelthätigkeit war im Uebrigen eine mannigfaltige und reichliche. Wir erinnern an die Reihe der von uns veranstalteten öffentlichen, stets von dem ungetheilten Beifalle des großen Publicums begleiteten Vorträge, unter denen insbesondere unsere, unserem großen Gelehrten Professor Lazarus gewidmete Jubiläumsfeier und unsere Goethefeier hervorragen, und verweisen auf die zahlreichen Fälle, in denen wir österreichischen Glaubensgenossen, die durch plötzliche Ausweisungsbefehle aus dem Auslande, allwo sie ihre Existenz begründet hatten, schwer betroffen wurden, und mehreren Cultusgemeinden in der Provinz in ihrer Constituirung oder sonstigen Rechtsverhältnissen wirksame Hilfe zu leisten in der Lage waren. Jederzeit und in Allem haben wir jedoch an dem Principe festgehalten, daß wir Juden bestrebt sein müssen, in dem Reiche, dem wir als Staatsbürger angehören und innerhalb dessen Grenzen wir leben, unsere Wohlfahrt zu fördern, unsere Rechte zu schützen und gegen Unrecht oder Vergewaltigung zu v.'rtheidigen. Darum haben wir uns auch niemals der Ansicht zugewandt, die Verhältnisse unserer Heimat und unseres Vaterlandes zu ignoriren oder preiszugeben und in deren mit passiver Duldung hinzunehmenden Verschlechterung sogar etwa ein Motiv zu erblicken, Abhilfe und Besserung, ja die Erfüllung unserer Ideale in Zukunststräumen zu suchen, bis zu deren Erfüllung die gegenwärtige und noch kommende Generation zu Grunde gehen mögen. (Stürmischer Beifall.) Angesichts dieser grundsätzlichen Auffassung unserer Rechte und Pflichten mußte sich unser entschiedener Widerspruch regen gegen die Heilslehre, welche in jüngster Zeit ein in Paris lebender, dem Judenthume angehörender Schriftsteller mit dem ganzen G> wichte und Glanze seines literarischen Namens verkündete, daß die Juden, welche die ihnen nach den schwersten Kämpfen ertheilte Emancipation angeblich erschlichen und erbettelt hätten, derselben entsagen, auf deren Gerechtsame verzichten und sich hinter neue Ghettvmauern zurückziehen mögen. (Lebhafter Widerspruch.)

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