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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 19 Dx. Bloch'- wwZrenschrM Seite 331 Mit diesen Gedanken beschäftigt, gab ich mir den Anschein, als ob ich weder die freundschaftlich ausgestreckten Hände der Männer, noch die wehenden, weißen Spitzentücher der Frauen bemerkte, als ob ich die Rufe: „Aus Wiedersehen!" gar nicht höre. Schon war ich rm Begriff, das Segel auszuspannen; kalter Meeresschaum spritzte an mir herauf, da fühlte ich plötzlich, daß mich zwei weiche Kinderarme umfaßten. Mein Schüler, ein zehnjähriger Knabe, war in das Boot gesprungen und umklammerte mich mit einem Schreck und einer Liebe, die ich bei diesem Kinde, das ich im Grunde wenig kannte, gar nicht vermnthet haben würde! „Fahren Sie nicht auf dieses fürchterliche, dunkle schreckliche Meer! Sie werden ertrinken, ertrinken!" „Lass' mein theures Kind!" erwiderte ich hoch erfreut, aber niit so leiser Stimme, daß Niemand außer ihm mich hören konnte, „ich muß aufs Meer, und wenn ich auch den Tod dort finden sollte! Ich danke Dir für Deine Liebe. Leb' wohl, leb' wohl, mein theures Kind!" Er aber umklammerte mich, wie man Menschen umklammert, die man unendlich liebt und für immer zu verlieren fürchtet, und rief mit thränenüberströmten Augen: „Ich lasse Sie nicht, ich will nicht sehen, wie Sie ertrinken!" Also hatte ich es doch gefunden, das Herz, nach dem ich mich vor einem Augenblicke so gesehnt . . . Liebevoll umfaßte ich das zitternde Geschöpf, drückte die kleine Hand, die meinen Hals umschlang, an meine Lippen und überreichte dann das weinende Kind den ausgestreckten Armen der Männer, die es mit Scherzen zu beruhigen suchten. Im nächsten Augenblick befand sich mein Boot auf offener See. Fast ohne Hoffnung, aber mit aufs Höchste gespannter Aufmerksamkeit beobachtete ich die Richtung des Windes und befolgte die Winke dieses Beherrschers des Meeres und meiner Person ebenso blindlings, wie ein geschickter, rasch sich orientirender Matrose die Befehle seines strengen Capitäns. Gott! Mit welch riesengroßen Sprüngen setzte mein Boot über die thurmhohen Wellen, die, vom Ufer aus gesehen, unmöglich zu überwindende Hindernisse schienen. Der Sturm spielte mit meinem Fahrzeug; bald warf er es zornig auf die Seite, bald trug er es über Wasserberge, wie einen sterbenden Schwan. Berzweifelnd ächzte und knirschte der Mast. Mit traurigem Aechzen flog meine beschwingte Nußschale auf den schwarzblauen Wellen ihrem Ziele entgegen, in die Richtung des unermeßlichen, uferlosen Meeres. Endlich hatte ich das Ziel erreicht. Der Sieg war davongetragen und ich lebte noch; jetzt durfte ich auf meine Rettung oenken. Zurück ans Ufer konnte ich keineswegs. Der Sturm, der mich vorwärts trieb, hätte das nicht gestattet. Wohin soll ich also steuern? Vielleicht auf eines der Schiffe, die sich so anstrengen, um in den Hafen zu gelangen? Jenes Schiff rechts scheint sogar verhältmßmäßig nicht weit zu sein. Es kriecht auf den Wellen wie eine alte, kraftlose Schildkröte, dann wieder springt es hin und her wie ein unfolgsamer Delphin. Wie auf Avlersschwingen fliegt mein Fahrzeug hin zu ihm. Meine ganze Kraft setze ich ein. Erst steuere ich rechts, dann links, dann vorwärts. Jetzt raffe ich das Segel; meiner Brust, die nicht minder stürmisch wogt, als das Meer, entringt sich ein Schrei nach dem anderen. Man hat mich bemerkt, mein Rufen vernommen, man wirft mir einen Strick zu. Ich bin auf dem Verdeck. Alles dreht sich mit mir im Kreise. Erst nach mehreren Stunden, fast um Mitternacht, erreichte ich mitsammt meinen Rettern den Hafen. Voller Verachtung für die Zuschauer meines Wagestückes, wollle ich, in den Mantel eines Matrosen gehüllt, mein Zimmer aufsuchen, ohne irgend Jemanden zu sehen. Zu meiner Verwunderung jedoch fand ich die Gesellschaft noch beisammen. Ich hatte nicht vermuthet, daß man auf mich warten würde. Und doch war dem so. Auf der Veranda standen mehrere Personen, die. wie mir schien, im Streit miteinander begriffen waren. Unschlüssig blieb ich stehen. „Aber, geehrtes Fräulein", sprach eine Männerstimme, „länger können wir doch nicht warten! Das wäre höchst unvernünftig! Wenn er hätte zurückkommen sollen, wäre er längst schon hier. Vielleicht hat er sich auf ein Schiff oder auf einer anderen Stelle ans Ufer gerettet, und im schlimmsten Falle.. nun . . . freilich . . ., es wäre schade um ihn, aber . . ." „Wie? So haben Sie nichts im Hafen erfahren?" fragte fast mit Zorn eine mir bekannte Frauenstimme. „Schrecklich! Das werden wir Alle auf dem Gewiffen haben! Wie durften wir diese wahnsinnige Handlung gestatten? Die ganze Nacht werde ich kein Auge schließen. Wie ein Gespenst wird er vor mir stehen", fuhr das schöne Fräulein, das mich vom „Hörensagen" kannte, zu sprechen fort. „Oh! welch ein zartes Gewiffen!" dachte ich, ohne indessen die geringste Rührung zu empfinden. Gleichzeitig jedoch glaubte ich ein leises Schluchzen zu hören. Ich sah mich um, und gewahrte meinen kleinen Schüler, der, in einer Ecke zusammengekauert, bitterlich weinte. Dieser Anblick machte meiner Unentschloffenheit ein Ende. Raschen Schrittes eilte ich die Steintreppen hinauf. „Da bin ich, mein Kleiner!" sagte ich leise, das Kind an mich drückend, und ohne die Anderen zu beachten, „aber warum schläfst Du noch nicht? Hat Dich das Schauspiel nicht amüsirt?" Die letzten Worte sprach ich etwas lauter, da ich von den Anwesenden bemerkt worden war und nun mit Ausrufungen und Glückwünschen umringt wurde. „Das war kein Vergnügen, sondern eine Qual!" erklang dicht neben mir eine von Thränen unterdrückte, leidenschaftliche Stimme. Ich wendete mich um und begegnete den flammenden, feuchtblickenden Augen der „Perle unserer Stadt", wie fi* in diesen Kreisen genannt wurde. „So?" fragte ich gleichgiltigen Tones. „Haben Sie vielleicht bedauert, daß ich im Segelboot hinausschiffte, anstatt die Meereswellen schwimmend zu zertheilen? Wäre Letzteres amüsanter?" „O bitte nicht diese Ironie! Ich weiß, wie sehr wir alle gefehlt haben; aber der schreckliche Anblick und die qualvollen Stunden des Wartens haben uns genügend gestraft!" Lächelnd neigte ich das Haupt, so mag wohl der Ritter in Schiller's „Handschuh" gelächelt haben, und trat eilig ins Haus. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. K. in Wien. Einer der ersten Justizfunctionäre in Wien hat dieser Tage einer hervorragenden Persönlichkeit gegenüber seinem Bedauern Ansdruck g geben, daß der ehemalige Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch derzeit nicht mehr einen Sitz im Reichsrathe inne hat. Man empfindet seine Abwesenheit als eine Lücke in der österreichischen Volksvertretung. P. Die Necension wird pnblicirt, doch bitten wir um Geduld. S. Wcrtheim, Wien. Ter 1. Juni 1899 war Donnerstag den 23. Siwan 5669. F. E. Jawohl. Berth. Schwarz in M.-Auffee. Wenden Sie sich an das Curatorium des jüdischen Museums. F. Jolles, Wien. „Der Kittel" ist in Hamburg zweifellos eiugetroffen, „Tischbi" liegt zur Verfügung. Nach Warschau wurde im vorigen Jahre geschrieben. Besten Gruß. N. N. L. in M. Herzlichen Dank und beste Wünsche für Gesundheit und Wohlergehen. „Leser." Mit den aus dem Zusammenhänge gerissenen Stellen aus Jean Pan l's Roman will das „Deutsche Volksblatt" den Beweis erbringen, daß dieser große Dichter ein Antisemit war. Aus der Correspondenz Jean Paul's mit dem Juden E m a n u e l — zu welchem der Dichter nebenbei bemerkt mit einer an Anbetung grenzenden Verehrung emporblickte — geht klar hervor, daß Jean Paul frei von jederVoreingenommenheitgegendieJudenwar. Z. M. Der verstorbene ungarische Obergespan V a d n a y hatte in der That auf das antisemitische Programm hm candidirt. Er veröffentlichte aber bald darauf eine Absage an die Antisemiten, in welcher er mit männlichem Freimuth seinen Jrrthum bekannte und die Ziele und Tendenzen des Antisemitismus einer vernichtenden Kritik unterwarf. H. B. Die Notiz, welche das „Vaterland" anläßlich des Todes Vadnay's veröffentlichte, war aus dem „P. L." geschnitten. Nur der Titel „Ein Antisemit", der zu dem Inhalte wie die Faust auf das Auge paßte, war Eigenbau des clericalen Blattes. „Anti." Cauonicus R o h l i n g hat die Vorwürfe, die ihm wegen feiner Flucht vor dem Gerichtssaale gemacht wurden, stets mit der Erklärung beantwortet, daß das Ministerium es ihm verboten, für die Beschuldigung, einen Meineid geleistet zu haben, eine gerichtliche Sühne zu fordern. Freilich war alle Welt darüber einig, daß es keinen zweiten Universitätsprofessor in der Welt gebe, der— falls ihm eine solche Zumuthung von der Vorgesetzten Behörde gestellt worden wäre — derselben im Bewußtsein seines Rechtes Folge geleistet batte. m. n. Unter den „Alldeutschen" soll es schon viele geben, deren geheime Losung lautet: „Los von — Schönerer!"

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