Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 33V Bk. Bwch's Wochrnfchrist. Nr. 19 rühmte Künstler C. hat mir viel von dem geliebten Sohne der Gräfin R. erzählt . . . ." .Die Geschichte" beginnt ruchbar zu werden, dachte ich, und da mir dies nicht behagte, erwiderte ich mit ausgesuchter, aber sehr steifer Höflichkeit: .Ich bin überzeugt, gnädiges Fräulein, daß hier ein Mißverständniß obwaltet. Ich erinnere mich nicht, dem Sohn der Gräfin R. jemals begegnet zu sein, wäre dies jedoch der Fall, so hätte ich gar keine Ursache, die Bekanntschaft zu erneuern ..." Sie schien verwirrt und ein wenig beleidigt. .Verzeihen Sie, ich weiß, daß es ein Geheimniß ist, und werde zu schweigen verstehen," sagte sie leiser, als ich mich zum Abschied vor ihr verneigte. .Geheimniß!" das Wort ist wohl zu romantisch und zu abgenützt für unsere Zeit," erwiderte ich und entfernte mich nach einer tiefen Verbeugung. Im Gedanken fluchte ich einem Künstler, der, ein häufiger Gast im Hause meiner Mutter, mir vor mehreren Monaten — kurz nach dem Duell — in der so verhaßten Stadt begegnet war, und meine .Schwärmerei" und mein .Heldenthum" bewundert hatte. Er hatte binnen Kurzem Alles in Erfahrung gebracht, und quälte mich mit Rathscklägen, daß ich zu „meiner" Welt zurückkehren möchte. Ich bat ihn, zu schweigen, aber wie es schien, hatte er meine Bitte nicht berücksichtigt. Mittlerweile war der Sturm im fortwährenden Zunehmen begriffen. .Dieser Scylla und Charybdis, die jetzt auf.unserem Euxinus tanzen, würde wohl kein Odysseus entrinnen," bemerkte Plötzlich dicht neben mir die schöne Hüterin meines Geheimnisses. .Odysseus freilich würde für die alte, ihn zwanzig Jahre erwartende Penelope dies nicht thun wollen," erwiderte scherzend einer der jungen Herren, „aber dem in seine Hero verliebten Leander würde es wahrlich au Muth nicht mangeln, wenigstens von dem Ufer bis zum Leuchtthurm ..." .Nun, für einen modernen Leander wäre dies bei diesem leichten .Zephir" auch kein geringes Wagestück!" bemerkte einer der Anwesenden. .Und doch ist es möglich!" .Bei ruhigerem Wetter, vielleicht. Aber auch dann würde dies nur einem hervorragenden Spccialisten gelingen. Jedoch bei diesem Wellenschlag?" .Ein Engländer oder Amerikaner würde — wenn es eine Wette gätte — sich auch bei diesem Wellenschlag auf's Meer wagen." .Wir suchen die muthigen Sportsleute in der Ferne," bemertte einer der jungen Männer, die früher mit mir gekommen waren, .und haben doch in unserer Mitte einen vorzüglichen Specialisten." Aller Blicke hefteten sich auf mein Gesicht und ich sah, wie stufenweise ironische Blitze in ihnen aufflammten. Ein direct spöttisches Lächeln jedoch umspielte die Lippen eines Repräsentanten der „goldenen Jugend" und nach einer Weile drangen auch seine Worte an mein Ohr. .Vor Kurzem war ich in Paris Zeuge einer äußerst gewagten Wette zwischen zwei Mitgliedern unseres Oerele, die jedoch einen unerwartet komischen Ausgang nahm. Es geschah dies in Folge des traditionellen Muthes, den einer der Theilnehmer an den Tag legte. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, daß in den Adern jenes Herrn, obleich derselbe scheinbar ein Pariser pur saug war.... blaues .... biblisches Blut rollte. . ." Wie ein von einer kräftigen Hand plötzl'ch in Bewegung gesetzter Automat antwortete ich unmittelbar darauf, scheinbar mit Ruhe, aber innerlich bebend: -Ich zweifle nicht im Geringsten daran, daß Sie Ihre Lebenserfahrungen in Paris um ein Bedeutendes bereichert haben, nichtsdestoweniger jedoch möchte ich denselben noch' eine kleine Lehre beifügen . . . Obgleich in meinen Adern ebenfalls „blaues, biblisches Blut" fließt, bin ich bereit, entweder im Boot oder auch schwimmend mich auf's Meer zu begeben. Uebrigens wird mein Experiment Ihnen ein viel geringeres Interesse bieten, da ich dies weder thue, um eine große Summe Geldes zu gewinnen, noch mich die Aussicht lockt, eine Hero mit kupferfarbenem Haar zu umarmen." Eine böse Kraft zwang mich förmlich, diese Worte auszustoßen, denn während ich sprach, überlegte ich gleichzeitig, wie wenig Werth ich selber und meine Aufgabe bei mir besaß, wenn ich auf diese Weise die jüdische Ehre , vertheidigen wollte. Aber eine wilde, elementare Gewalt trieb mich vorwärts. Der junge Mann verneigte sich und erwiderte mit großer Steifheit, er hätte nicht im Entferntesten daran gedacht, mit seiner Bemerkung einen der Anwesenden zu berühren. Kaum waren jedoch die unseligen Worte meinen Lippen entschlüpft, als rund umher ein allgemeines, wenn auch unterdrücktes Interesse bemerkbar wurde. Die Augen blitzten in plötzlicher Erregung, die Wangen der Frauen rötheten sich — so mochten sie wohl vor Zeiten das Auftreten eines neuen Gladiators in der Arena erwartet haben. ' Geht er .... welch' ein Schauspiel! Versagt ihm der Muth — welch' unangenehme Enttäuschung! Welch' ein Feld zu Späßen und Witzen über den eingebildeten feigen Juden! In meinem Hirn tauchte der Gedanke auf, daß ich einen falschen Schritt gethan hatte. Anstatt die Gesammtwürde meines Stammes zu heben, hatte ich meine persönliche Würde mit Füßen getreten . . . Warum, für wen sollte ich mein Leben auf's Spiel setzen, sollte ich es verlieren? Damit sich die Menge amüsire, die Menge, die allen Circenses Beifall klatscht! Oder um einige Narren zu überzeugen, die vielleicht mchtsdestoweniger mit dem Eigensinn von Mauleseln behaupten werden, ich sei eine Ausnahme oder ein Mischling! Und statt Gereiztheit und Zorn bemächtigte sich meiner zum erstenmale große Wehmüth . . . Es that mir leid um meine so namenlos gequälte und einst, ach! so strahlend glückliche Jugend! . . Doch wie? Sollte ich wirklich ein furchtsamer Jude sein? Hatte ich Angst vor dem frühzeitigen qualvollen Tode in den hochaufschäumenden Wellen? Mein Auge streifte die mich umringenden Fraueq, ob wenigstens eine gegen dieses „Schauspiel" protestiren, mit einem Worte, einem Blicke Einwand dagegen erheben, ob wohl einer Brust sich der Ruf entringen würde? „Ich kann, ich will keinen Selbstmord sehen!" Nein. Die Lippen schwiegen, die blitzenden Augen sprachen, befahlen . . . Ja, in diesem Augenblicke wagten sie es und durften mir befehlen. „So gehe doch in den Abgrund, den Tod zu suchen! Hast es versprochen! Wir schenken's Dir nicht!" Die Angst vor ihrem Urtheil überwand die Todesfurcht. Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen und fragte ironisch lächelnd: „Wünschen die Herrschaften, daß ich wie Odysseus in einem Segelboot eine längere Fahrt unternehme, oder gleich Leander, schwimmend, auf einen kürzeren Weg mich beschränke?" Die Gesellschaft war nicht einig. „Segel! Segel! Schwimmen! Schwimmen!" riefen die „Silberstimmen" durcheinander und hie und da vernahm man das Aufstampfen eines zierlichen Fußes. Die Männer entschieden sich für das Segelboot; sie wußten, daß sonst das Schauspiel zu kurz und nichtssagend wäre . . . Man würde ja den Wagehals sofort aus den Augen verlieren. Ungeduldig unterbrach ich den Streit, der mir zu lange dauerte. „Ich rathe den Herrschaften das Segelboot zu wählen. Ein Fahrzeug, das mit seinem Lenker zusammen untergeht, sieht man viel länger, als einen Menschen, der sofort in den Wellen verschwindet, wenn er auch nicht gleich ertrinkt." „O, ertrinken, sagen Sie?" protestirten scheinbar erstaunt klingende Stimmen. „Dann sieht der Plan freilich ganz anders aus! Wir dachten, Sie schwimmen und schiffen so vorzüglich, daß jede Gefahr ausgeschlossen ist! Freilich erfordert das Muth. Doch sollen Sie ja auch ein Meister in Ihrer Kunst sein. Würden wir auf Ihren Vorschlag eingehen, wenn wir nicht die Ueberzeugung hätten, daß Sie den Kampf siegreich bestehen werden?" „Danke für die Anerkennung und freundliche Fürsorge!" erwiderte ich, diesmal schon mit offenem Spotte und ging, um mich zu einem — wie mir damals schien — sicheren Tode umzukleiden und vorzubereiten. Ich hörte noch, wie in aller Eile Wetten eingegangen wurden, ob ich wohl zu meinem salto mortale wieder kommen würde. Nach einer Weile stand ich aufrecht im Boot. Ich hatte einen Tricotanzug an, um mir, wenn das Fahrzeug sinken sollte, den Kampf nnt den Wellen zu erleichtern, oder vielleicht das Sterben zu erschweren!