Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. .19 Vr. Blvch's Wochenschrift. Seite 327 unter den Juden Deutschlands" eingerichtet werden. Es ist der Ankauf eines kleineren Landgutes in Aussicht genommen, das nicht Parcellirt, sondern unter Leitung eines Fachmannes gestellt werden soll, unter dessen Aussicht jüdische Colonisten als Landarbeiter mit eventueller Gewinnbetheiligung beschäftigt werden, unr sie dergestalt an landwirthschaftliche Arbeit zu gewöhnen. London. (Der neue Bischof von London über die Juden East- Londons.) Die Juden Londons haben sich mit den Bischöfen der englischen Metropole stets sehr gut gestanden. So war es der verstorbene Bischof Creigthon, welcher die Wahl des Chies-Rabbi Dr. Adler zum Mitglied des Athenäums vorgeschlagen hat. Andererseits befanden sich unter den ersten Gratulanten, welche den neuen Bischof von London gelegentlich seines Amtsantrittes beglückwünscht haben, auch sehr viele Juden. Bischof Dr. Winuington-Jngran revanchirte sich nun für diesen Freundschaftsbeweis durch eine Rede, die er ani 29. April in einer Versammlung des „East-Londonfond für Juden" hielt und in welcher er sich in begeisterten Worten über die Juden äußerte. Er schätzt die Zahl der russischen Juden im Osten und. Nordosten Londons auf 100.000. Alle diese Fremden — so äußerte sich ungefähr der judenfreundlicke Bischof — dürften nicht sich selber überlassen bleiben, da ihr Stamm uns Christen mit der Bibel und dem Heiland beschenkt hat. Wir sind ihnen auch Genugthuung für die Mißhandlungen schuldig, die sie von Seiten der undankbaren christlichen Welt stets erfahren haben und noch jetzt erfahren. Zahlreiche Juden können durch ihren mustergiltigen Lebenswandel den Christen als leuchtendes Vorbild dienen. Es ist das ein sparsamer und wahrhaft nüchterner Menschenschlag. .,Jch habe noch niemals einen Juden trunken gesehen", sagte mir ein alter Policeman aus Whitechapel. Die Juden besitzen auch einen rührenden Familiensinn und eine geradezu bewunderungswerthe Liebe zu ihren Kindern. Merkwürdigerweise hielt aber Bischof Jngrau diese schöne Rede nicht etwa in einer großen öffentliche» Volksversammlung, sondern in dem „East-Londonfond für Juden", einer Gesellschaft, welche sich mit Bekehrungsversuchen abquält. Stehen die Anhänger des jüdischen Glaubens wirklich moralich so hoch, daß sie den Christen als Muster hingestellt werden können, so wäre es ein großes Unrecht, sie zu dem Glauben der moralisch mindrrwerthigen Christen bekehren zu wollen. Die Juden wären auch schön dumm, wenn sie ihre Religion, die sie zur Sparsamkeit, Nüchternheit und aufopfernden Elternliebe erzogen hat, aufgebeq wollten, um eine Religion anzunehmen und sich mit einer Race zu vermischen, deren Vertreter beiweitem nicht auf der gleichen moralischen Höhe wie sie selbst stehen. London. (Empfang einer jüdischen Deputation durch König Eduard VI!.) In der Monatssitzung des Board of Deputies theilte der Vorsitzende, Sir Sebag Montefiore vor Beginn der Tagesordnung mit, daß König Eduard VII. sich bereit erklärt habe, eine jüdische Deputation zu empfangen, welche ihn im Namen der englischen Judenheit zu seiner Thronbesteigung beglückwünschen soll. ES ist das seit dem Diamantenjubiläum der verstorbenen Königin Victoria das zweite Mal, daß den Juden Englands gestattet wird, sich huldigend dem Throne zu nahen. Die Zahl der Deputirten, welche damals eine Glückwunschadresse überreicht hatten, durfte aber 5 nicht übersteigen. Nach erfolgter Thronbesteigung des jetzt regierenden Königs begnügte sich das Board anfangs damit, daß es im Verein mit der Anglo-Jewish-Association an den König eine Glückwunschadresfe sandte. Als jedoch später bekannt wurde, daß die Katholiken an den König eine Deputation abgesandt haben, bewarben sich die Juden um die gleiche Gunstbezeugung, welche ihnen auch bereitwilligst zugesagt wurde. Die Deputation wird aus 25 Mitgliedern bestehen, wobei das Board 14 Mitglieder, darunter Sebag Montefiore, Samuel Montagu, Leopold de Rothschild sowie die Mitglieder des Unterhauses Walter Rothschild und B. L. Cohen entsenden wird. Die Anglo-Jewish- Association entsendet 8 Mitglieder, darunter die Herren Claude Montefiore, George Faudel Phillips, Edward Sassoon und D. Mocatta. Die Geistlichkeit wird durch Chies-Rabbi Dc. Adler für die Hauptgemeinde, Chacham Dr. Gaster für die Sephardische Gemeinde und Rev. Dr. Marks für die Londoner Reformgemeinde vertreten sein. Petersburg. (DerProceßwegenvergeblichen Ritualmordes gegen d e n I u d e n B l o n d e s.) Bekanntlich wirbelte eine Gerichtsverhandlung vor dem Landesgerichte in Wilna gegen den Juden Blondes viel unnützen Staub auf, indem die Nachricht Verbreitung fand. Blondes habe zu Ritualzwecken einen Mordanschlag gegen eine gewisse G r u d s i n s k i ausgeführt. Die Untersuchung stellte jedoch fest, daß es sich um einen Mordversuch handle, der jeder Ritualgrundlage entbehrte. Der Proceß, der am 15. December in Wilna bei verschlossenen Thüren zur Verhandlung kam, wurde auch nur im letzten Sinne behandelt. Die Vertheidigung des 31 Jahre zählenden Blondes hatten die St. Petersburger vereidigten Rechtsanwälte Spa ssowitsch, Mironow und Grusenberg übernommen. Am 21. December kam der Proceß zum Abschluß und, dem veröffentlichten Urtheil nach, wurde Blondes für schuldig befunden, der Grudsinski mit Vorbedacht und nach vorhergegangener Verabredung mit einer dritten Person leichte Verletzungen, ohne die Absicht der Tödtung, beigebracht zu haben. Er wurde zum Verlust aller besonderen Standesrechte und zu Gefängnißhaft für die Dauer von einem Jahr und vier Monaten verurtheilr. Gegen dieses Erkenntniß reichten die Bertheidiger des Verurtheilten eine Cassationsklage beim Senat ein. Am 26. April fand die Revision der Sache vor dem zweiten Criminaldepartement des dirigenden Senats statt. Der Senat fällte das Urtheil, daß dar Erkenntniß des Landesgerichtes in Wilna infolge einer Reihe von Verstößen und Formfehlern zu caffiren sei. wodurch der Fall vor einem anderen Landesgerichte unter Zusammentritt eines anderen Gerichtsbestandes zur neuen nochmaligen Verhandlung kommt. Petersburg. (Bedeutungsvolle Senatsentscheidung.) Im Kampfe mit dem Tschinownikrhum haben die russischen Juden mit Hilfe des russischen Senats eine» bedeutungsvollen Sieg errungen. Als nämlich im Jahre 1882 die berüchtigten „provisorischen" Maigesetze erlösten wurden, war die jüdische Bevölkerung über dem Ansiedelungsrayou derart vertheilt, daß 20 Percent der Juden in den Dörfern. 40 Perceut in den Städtchen und 40 Perceut in den großen Städten lebten. Diese für die Juden ziemlich günstige Bertheilung der Bevölkerung hat sich in den letzten 18 Jahren sehr wesentlich zu llngunsten derselben verschoben, da die unteren und mittlere» rufstschen Behörden inzwischen Alles aufgeboten haben, um die Jude» durch List, sowohl wie durch brutale, rücksichtslose Gewalt aus den Dörfern zu verdrängen. Dieser 18 Jahre hindurch hartnäckig verfolgte Plan ist ihnen leider nur zu gut gelungen, und nun, da von der Million Juden, welche bisher das platte Land bevölkert haben, in den Dörfern nur noch ein kläglicher Rest übrig geblieben ist, suchen die verrückten Tschinowuiks seil einigen Jahren aus dem eingeschlagenen Wege einen Schritt weiter zu gehen und die Juden nunmehr auch aus den kleinen Städtchen zu vertreiben. Gelingt ihnen auch dieses, so werden die 6 Millionen Juden Rußlands bald womöglich in einem Dutzend großer Städte zusammengepfercht sein, wo sie aus Mangel an Licht und Luft elendiglich verkommen müßten. Die Aufgabe, die sich die Tschinowniks da gestellt haben, war freilich keine leichte. Das Gesetz garantirt den Juden ausdrücklich den unbeschränkten Aufenthalt in den Städtchen. Allein.... was ist denn eigentlich ein Städtchen? Wodurch können die Juden beweisen, daß der von ihnen bewohnte Ort wirklich ein Städtchen und nicht etwa ein größeres Dorf ist? Bei einigem guten Willen von unten und bei günstigem Wind von oben, wo der Wettermacher Pobiedonoszew schon für gutes Wetter sorgen wird, läßt sich dann schon viel machen. So wurde der erste kühne Versuch auf dem Gebiete der gewaltsamen Gesetzverdrehung und des praktischen Antisemitismus in den Gouvernements Cherson und Taurien gemacht, deren jüdische Bevölkerung besonders migebitdet und daher sehr unbeholfen ist. Hier wurde eine Anzahl mehrerer Städtchen für Dörfer erklärt und die Juden aus denselben massenhaft ausgewiesen, ohne daß die Vertriebenen auch nur gemuckst haben. Durch den ersten Erfolg kühn gemacht, wollte man es jetzt im Gouvernement Kiew versuchen, worauf dann die übrigen Gouvernements des Rayons nacheinander an die Reihe kommen würden. Zu diesem Zwecke wurde erklärt, daß Häuser, die Bauern gehören, selbst wenn dieselben mitten in einem Städtchen liegen, als Theil eines Dorfes anzuseheu sind, wo die Juden in Folge der Maigesetze nicht wohnen dürfen. Würde dieses Princip in der Praxis durchgesührt, so könnte dasselbe die beste Handhabe abgeben, sämmtliche Juden eines Städtchens, die bei einem Christen zu Miethe wohnen, bequem auszuweisen. Der Gouverneur von Kiew that schon den ersten praktischen Schritt in dieser Richtung, indem er den Juden Saul Kraffni, der im Städtchen Progrebistschi, Kreis Berditschew. im Hause eines Bauern wohnte, ausweisen ließ. Auf die Beschwerde, des Ausgewiesenen hin hat jedoch der Senat dem antisemitischen Gouverneur von Kiew rasch das Handwerk gelegt.