Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 1 Sette 325 D§. Blvch's WvchrnfchriN. Stiaßny, Architekten Fleischer, Dr. Marcus Spitzer; von der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union: den Bicepräsidenten Professor Dr. E h r m a n n und B. K a n i tz; ferner Redacteur Dr. B l o ch, Ortsschulrath S. Heit, kaiserl. Rath D». K o h n, Professor Richard Singer, Bezirksrath Wald stein rc. rc. Wien. Eine Unterredung mit Professor Dr. Masaryk hatte der Vertreter der Londoner „Jewish Chronicle“ gehabt. Wir erfahren aus derselben, daß Professor Masaryk von einem Wiener Freund, der ihn um seine Meinung darüber befragt hatte, rein zufällig auf den Hilsner-Proceß gekommen ist. Beim näheren Studium der Proceßacten erkannte er aber sofort, daß hier in Böhmen eine ebensolche clericale Jntrigue vorlag, wie sie von der katholischen Kirche vor einigen Jahren gegen Dreysus in Frankreich ausgeheckt worden war. Sein erstes öffentliches Auftreten zu Gunsten des unschuldigen Hilsner hat ihm und seiner Familie schwere Unannehmlichkeiten zugezogen: Die Studenten machten ihm im Auditorium einen Scandal und zwangen ihn, die Vorlesungen für einige Zeit einzustellen; seine Kinder in der Schule wurden mit „Hilsner!"-Rufen verfolgt und gezwungen, den Schulbesuch einzustellen; seine Tochter ward genöthigt, für einige Zeit auf den Besuch der geschichtlichen Vorlesungen auf der Prager Universität zu verzichten, während er selber viermal wegen Beleidigung des Gerichtshofes zu Geldstrafen verurtheilt wurde. „Endlich aber habe ich gefiegt. In Pisek war gegen Hilsner ein neues Verfahren angeordnet und der Gerichtshof war gezwungen, zu erklären, daß kein Ritualmord, sondern ein Lustmord vorliegt. Auch ist es mir gelungen, durch mein Blatt „Czas" bei allen intelligenten und gebildeten Männern Böhmens den Aberglauben des Ritualmordes zu zerstören. Dieses bezeugt mir u. A. das reuevolle Benehmen der Leute mir gegenüber, die mir vorher mit Verachtung entgegenkamen und die jetzt sich fast schämen, mir grade in die Augen zu sehen. Dagegen ist die von der Volksmaffe in Böhmen getragene antisemitische Bewegung noch beiweitem nicht gebrochen, vielmehr ist dieselbe jetzt leider stärker denn je, und ich fürchte sehr, daß diese Bewegung, welcher theils nationale, theils religiöse und theils auch ökonomische Motive zu Grunde liegen, sich nach der bekannt gewordenen Stellungnahme des Erzherzogs Ferdinand für den katholischen Schulverein über ganz Oesterreich ausbreiten wird." Auf die Frage, wie wohl nach seiner Meinung der Spruch des Cassationshofes lauten werde, erwiderte Masaryk ahnungsvoll, daß Ueberraschungen wohl nicht ausgeschlossen sind, daß aber, nach seiner Ansicht, kein Gerichtshof in Oesterreich, bei dem absoluten Mangel an Beweisen gegen Hilsner, diesen verurtheilen könnte. Wien, im Mai 1901. (Jüdischer Turnverein.) Der Antisemitismus hat seine zersetzende und zerstörende Kraft auch auf die Wiener Turnvereine ausgedehnt. Die Turnvereine, deren Satzungen nur die Pflege der körperlichen Uebungen und des geselligen Verkehrs zum Zwecke haben, sind in der antisemitischen Aera der Tummelplatz gehässiger confessioneller Anfeindungen geworden. Zur Zeit der Constituirung der Turnvereine war bei der Aufnahme der Mitglieder selbstverständlich das confessionelle Moment nicht maßgebend. Man hätte es sogar für widersinnig gehalten, von dem bewerbenden Bereinsmitgliede eine Manifestation seines Glaubensbekenntnisses zu verlangen. In vielen dieser Turnvereine haben die Juden deshalb tatsächlich auch numerisch und moralisch einen bedeutenden Factor gebildet. Dies sollte jedoch anders werden. Es wurde gegen die jüdischen Turner eine förmliche Razzia angestellt und dieselben aus sämmtlichen Turnvereinen hinausgeekelt, so daß sie es mit ihrer Würde und Ehre nicht vereinbarlich hielten, in Vereinen noch weiter zu bleiben, wo sie Gegenstand fortwährender Ancempelungen und Beleidigungen waren. All die jüdischen Turner, die aus den, der antisemitischen Seuche verfallenen arischen Turnvereinen boycottirt worden waren, begrüßten es daher mit hoher Befriedigung, daß in Wien ein jüdischer Turnverein gegründet wurde. Nun war es ihnen möglich geworden, die liebgewonnenen körperlichen Uebungen weiters systematisch zu Pflegen, ohne fürchten zu müssen, ihres Glaubens wegen beschimpft und angefeindet zu werden. Die Gründung dieses Turnvereines vollzog sich freilich unter ganz außerordentlichen Schwierigkeiten. Gar vielen bot schon der ungewohnte, fremd klingende Titel „Jüdischer Turnverein" Anlaß zur Opposition, andere wieder nahmen Stellung gegen die Exklusivität eines prononcirt jüdischen Vereines. Das Bedürfniß für einen jüdischen Turnverein war aber so mächtig, daß alle Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten überwunden werden konnten. Der jüdische Turnverein besteht nun über ein Jahr. Er hat erfreulicherweise die Kinderkrankheit überstanden, ist aber in der Gefahr, mangels an materiellen Mitteln in seinen Grundfesten erschüttert zu werden. Der Verein zählt über hundert ausübende Mitglieder, darunter zumeist arme Hochschulstudenten, denen die Leistung eines Bereinsbeitrages erlaffen werden muß. Der jüdische Turnverein ist daher zumeist auf die Mumficenz von Gönnern und Freunden angewiesen. Die ihm auf solche Weise zufließenden Mittel sind aber lange nicht ausreichend, die verhältnißmäßig großen Auslagen auch nur zum Theile zu bestreiten. Mit Rücksicht auf die eminenten Leistungen hat sich die Wiener israelitisch« Cultusgemeinde veranlaßt gefunden, dem jüdischen Turnvereine eine jährliche Subvention von 150 Kronen zu gewähren. Auch Herr Baron Rothschild hat aus gleichem Anlasse 200 Kronen als Jahresbeitrag in großherziger Weise zugesagt. — Der frühere Obmann, Herr Hermann König, hat die Miethe des Vereinslocales für das erste Jahr per 2400 Kronen aus Eigenem bestritten, außerdem noch die 600 Kronen betragende Rechnung für die Turngeräthe aus eigener Tasche bezahlt. Diese großherzige That verdient zur Nachahmung empfohlen zu werden und läßt den Entschluß des Herrn König, die Obmannstelle zurückzulegen, doppelt empfindlich machen. — Diese dankenswerthen Zuflüffe sind leider vereinzelt geblieben, und die Leitung des jüdischen Turnvereines befindet sich in einer drängenden Nothlage, aus der fie zu befreien, Aufgabe Aller sein muß, denen die Pflege körperlicher Uebungen seitens unserer Jugend am Herzen liegt. Der Bestand eines jüdischen Turnvereines ist ein Gebot der Nothwendigkeit, und bestände er nicht, so müßte seine Gründung allseits angestrebt werden. Die Leistungen des verhältnißmäßig kurze Zeit bestehenden jüdischen Turnvereines find leider noch viel zu wenig bekannt. Es verdient insbesonders hervorgehoben zu werde», daß sich derselbe nicht nur die Bethätigung der Körperkraft seiner Mitglieder zur Aufgabe gemacht hat, sondern auch ein lobenswerthes Bestreben nach Einigung aller jüdischen Kreise an den Tag legt, daß er den Sinn für Mannhaftigkeit und Selbstbewußtsein weckt und in weitere Kreise schönes Beispiel für gute Sitte und festen Charakter trägt. Der jüdische Turnverein wird demnächst mit einem Schauturnen in die Oeffentlichkeit treten. Ohne dessen Leistungen zu überheben, kann schon heute gesagt werden, daß dieselben denen der anderen Vereine nicht nachstehen dürften. Besonders vortheilhaft hat sich die Eintheilung erwiesen, bestehend in einer Männer-, Alte Herren- und Damenriege. Der Verein erfreut sich einer bewährten Leitung und verfügt über ein glänzendes Material. Er besitzt eine Musterriege, die in ihren Leistungen sich mit den besten und ältesten Vereinen messen kann. Erhebend ist die Begeisterung der Mitglieder für den Verein, und bewundernswerth ist die Ausdauer, mit welcher sie ihren Uebungen obliegen. Desto betrübender ist der Contrast der jüdischen Kreise gegenüber dem jungen jüdischen Turnvereine. Der Mangel an Theilnahme und Unterstützung ist möglicherweise auf den Umstand zurückzuführen, daß der jüdische Turnverein noch zu wenig bekannt ist. Hoffentlich genügt der Appell, der hiemit an alle Glaubensgenossen ergeht, dem jüdischen Turnvereine diejenigen materiellen Mittel zuzuführen, die er zu seiner Kräftigung und seiner Existenz bedarf. Unseren Widersachern in Blouse und Frack, die durch ihr rüdes Benehmen die Juden aus den Turnvereinen verdrängten, darf die Schadenfreude aber nicht bereitet werden, daß die 150.000 Juden zählende Bevölkerung Wiens nicht im Stande gewesen ist, den neugegründeten jüdischen Turnverein aus materieller Noth zu befreien und ihn vor dem Schicksale des Verfalles zu bewahren.*) Eduard Beer. Stanislau, 3. Mai. (Synagogale Trauerfeier für einen Kirchen fürsten.) Anläßlich des Ablebens des Erzbischofs Jsakowicz in Lemberg, der hier in den früheren Jahren als Seelenhirt der hiesigen armenischen Diöcese wirkte, veranstaltete der israelitische Cultusvorstand am 2. d. M. in der hiesigen großen Synagoge eine Trauerfeier, welcher auch der Bürgermeister und andere Notabilitäten beiwohnten. Nach Absingung des Psalmencapitels 16 und eines LI mole rachmim für das Seelenheil des dahingeschiedenen edlen Kirchensürsten ergriff der hiesige Rabbinervertreter H. Aschkenasch das Wort und schilderte das edeln Wirken des Verblichenen. Nach ihm bestieg die Kanzel Herr Alexander Wittels und hielt eine begeisterte Trauerrede, die durch ihre schwunghafte Sprache und Formvollendung einen mächtigen Eindruck hervorrief. Pilsen, 3. Mai. Bor mehreren Tagen kam eine vierköpfige Gesellschaft von Künstlern unter Leitung des jgjfa'**) Das Uebungslocal des jüdischen Turnvereines befindet sich: I., Mölkerbastei 5: Turnabende finden statt: für Herren: Montan. Dienstag, Donnerstag, Freitag von 7'/,—9; für Damen: Mittwoch, Samstag von 6*/,—8Va-