Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rr. 19 Vr. Bwch's Wochenschrift Seite 333 genug, daß viele der schwarzen Schafe sich am meisten in der Verachtung und dem Hasse gegen die Heiden hervorthateu — jener vorherrschenden, jüdischen Sünde, die so bald eine Parallele in der Verachtung und dem Haß der Kirche den Ketzern gegenüber finden sollte. Sehr richtig sagt Paulus zu ihnen: „Der Du ein?» Anderen lehrest, weshalb belehrst Du nicht Dich selbst?" Aber anzunehmen, daß die religiösen Juden jener Zeit eine Menge von Heuchlern, Ehebrechern und Räubern waren, scheint mir ganz wunderlich. Canonicus Gore stimmt, wie wir gesehen haben, mit mir nicht überein. Da sein Buch über die Römer wahrscheinlich viel gelesen werden wird, wollen wir hören, was er zu sagen hat. „Paulus hatte", wie er erklärt, „entschieden Recht in seiner Schätzung der jüdischen Religion." Es ist kein klarer Beweis dafür da, daß Canonicus Gore den Talmud und Midrasch gelesen hat oder selbst die 5000 Seiten von Wünsche. Das Neue Testament scheint genug für ihn gewesen zu sein. Die Religion der Juden war, wie er sagt „eine Angelegenheit der öffentlichen Meinung — mit all' dem Stillstand der öffentlichen Meinung einer festgefügten Gesellschaft — nicht eine Angelegenheit, welche lebte mit immer frischem Leben in der inneren Beziehung des Gewissens zu Gott." Dies ist eine ganz außerordentliche Behauptung über ein Volk, welches Gott vor Augen und im Herzen behielt, und zwar mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit und Ausdauer. Aber noch viel stärkere Darlegungen stehen bevor. Canonicus Gore fährt fort, die Evangelien zu citiren, um zu zeigen, daß das, was Paulus den r e l ig i ö s e n Juden zuschreibt (beachten Sie das Wort und den Stachel, obgleich der gesperrte Druck von mir herrührt), vollkommen bestätigt wird. „Der Geiz", sagt er „war eine offenkundige Sünde der Juden." Wollen Sie vielleicht behaupten, daß, wenn ein großer Prediger den Geiz heute angreifen sollte, es deshalb recht wäre, zu sagen, der Geiz sei eine berüchtigte Sünde der Christen, und der religiösen Christen noch obendrein. Wenn Canonicus Gore nur das eine Buch von Wünsche lesen würde, in welchem er die Parallelen der rabbinischen Literatur mit den Evangelien gesammelt hat, würde er wissen, daß die Rabbinen genau dieselben Sünden verdammen wie Jesus. Wohlthun und Einfachheit waren zwei jüdische Eigenschaften, Sprößlinge und Erzeugnisse des Gesetzes. Dann werden die Juden — trotz Allem, was Dr. Schechter und andere Gelehrte in leicht zugänglichen Werken gezeigt haben — beschuldigt, mit Hilfe von religiöser List zu versuchen, „den gerechten Ansprüchen der Eltern zu entkommen." Als wenn die Ehre und Liebe, welche man Eltern schuldig ist, nicht ein fast übertriebener Zug der rabbinischen Religion und des jüdischen Charakters wäre. Ferner wird mit schwächstem Beweise die Beschuldigung des Ehebruches vorgebracht. Und dann wird ohne Anrufung ihrer eigenen Geschichte und Literatur uns bündig gesagt, daß „die „religiösen" Schriftgelehrten und Pharisäer (obgleich natürlich nicht die Besten unter ihnen) in der That als Gesammtheit wirklich Heuchler waren, so wie unser Herr gesagt hat, daß sie es sammt und sonders gewesen sind." Ich für meinen Theil glaube nicht, daß Jesus je etwas derartiges gesagt hat, aber wenn er es gethan hat, so hat er übertrieben. Aber beachten Sie die Bezeichnung: „wenn auch nicht die Besten von ihnen." Aber warum nicht die Besten von ihnen? Waren sie irgendwelchen anderen und höheren Einflüssen unterworfen? Liebten sie das Gesetz nicht? Würden sie nicht eher ihr Leben gelassen haben, denu als Zeichen der Abtrünnigkeit die geringste Vorschrift zu verletzen? Will Canonicus Gore so weit gehen, zu sagen, daß „die Besten von ihnen" gut lvaren nicht wegen, sondern trotz ihrer Religion? Bei einer späteren SteÜe kehrt Can.onicus Gore zu der Anschuldigung zurück. Er versucht zu erklären, was Paulus eigentlich mit dem „Suchen durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt zu werden" meint. „Es war" sagt er „die Haltung der Juden, besonders wie sie im Evangelium Johannes erscheint." Beachten Sie die Worte „besonders wie sie im Evangelium Johannes erscheint." Wäre es nicht ehrlicher, sich zu erinnern, daß fast alle kritischen Gelehrten das Evangelium nicht nur als lange nach Jesu Tod, sondern auch mit einem intensiven Haffe gegen die Juden geschrieben finden, und zwar mit merkwürdiger dramatischer Kraft. In diesem Evangelium sind die Juden die Menschen der Finsterniß, die Gläubigen die Menschen des Lichts. Aber es sei. Die Juden waren, wie unser Verfasser fortfährt, „stolz auf ihr göttliches Gesetz und daß sie zum auserwählten Volke gehörten. Sie verstanden es sehr wohl, ihre Stellung Gott gegenüber zu sichern. Indem sie das Gesetz hielten, wie es nunmehr von ihnen verstanden wurde, konnten sie Verdienste ansammeln, welche ganz außer jedem Berhältniß zu ihren Vergehungen oder Verschuldungen standen. Es konnte ihnen sogar durch das Verdienst der alten Heiligen geholfen werden. So konnten sie vor Gott als das Fundament eines gewiffen Abkommens oder Bündniffes stehen, in welches Gott mit seinem Volke eingetreten, und den ihnen gebührenden Lohn beanspruchen. Diese ganz demoralisirende Haltung — die zum Formalismus, zur Heuchelei oder im günstigsten Falle zum rückschrittlichen Stillstand führte — diese Haltung, welche alle höheren und ewigen Elemente des Alten Testamentes außer Acht ließ, war die thatsächliche Haltung zeitgenössischer, pharisäischer Juden." Nun habe ich schon erklärt, daß die Juden stolz auf ihr Gesetz, überdies stolz auf ihre moralische und religiöse Ueberlegenheit den Heiden gegenüber wären, daß, als Fehler ihrer Vorzüge, ihre Religion wie der Calvinismus und Katholizismus zur Heuchelei und zum Formalismus füdren konnte und führte — aber mit diesen Einschränkungen sind Canonicus Gore's Darlegungen ungenau. Er hat nicht versucht, seine Versicherungen zu beweisen; ich will nicht versuchen, die meinigen zu beweisen. Ich ersuche nur jeden ehrlichen Menschen, Wünsche durchzulesen und zwischen uns zu entscheiden. Canonicus Gore möchte die Ueberzeugung beibringen, das Gesetz, „wie das Gesetz von ihnen verstanden wurde", bedeute nichts Anderes, als das Rituelle. So war es leicht, „Verdienste zu häufen", indem man es beobachtete. Selbst Weber würde es nicht wagen, so weit zu gehen. Nichts als das Rituelle! Wenn uns immer wieder gesagt wird, daß seine größten Elemente Demuth und Wohlthun, Gerechtigkeit. Keuschheit und Liebe find. „Den ihm gebührenden Lohn beanspruchen"! Wenn selbst so weit als der Jude das Gesetz zu beobachten vermag, er dennoch anerkennt, daß Gott allein es ist, welcher in seiner Liebe für Israel ihm die glorreiche Kraft und das Privilegium, es zu beobachten, gegeben; wenn der Talmud seine Hörer und Leser immer wieder vor Stolz und Selbstgerechtigkeit warnt, wenn jeden Tag demüthige Gebete zu Gott emporsteigen, um die Kraft, seinen Willen zu thun und um Vergebung der Sünde. Wahrlich, wir sollten genug Geschichte und Exegese kennen, um uns zu vergegenwärtigen, daß nicht „selbstgenügsamer Stillstand. Knechtschaft dem Herkommen gegenüber, moralische Hohlheit und Fäulniß" nothwendiger Weise die pharisäischen Juden „das neue Licht des Evangeliums übel aufuehmen und Cyristus verwerfen ließen." Wenn es damals diese Dinge waren, werden Sie von uns sagen, daß es auch jetzt diese Dinge sind? Denn was Christus betrifft, so verwerfen wir ihn noch immer. Aber die sonderbarste von allen Anmerkungen, die Canonicus Gore zu jenem „Suchen, durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt zu werden", macht, dessen die Zeitgenossen Paulus und alle folgenden Generationen der Juden schuldig waren, kommt erst nach. Unter „Werken" oder „Werken des Gesetzes" versteht Paulus eine Haltung Gott gegenüber, die den Menschen sehr unabhängig von ihm ließ. In dem göttlichen Bunde hat der Mensch, der ihm angehört, eine gewisse Aufgabe zu erfüllen, ein gewisses Gesetz zu halten; wird es gehalten, besonders in seinen äußeren Anforderungen, wie es die zeitgenösfische Antoriät erzwingt, so ist er im Uebrigen sein eigener Herr. Er ist berechtigt, weitere an ihn gestellte Ansprüche übel aufzunehmen. Dieses religiöse Ideal bedeutet, wie wir gesehen haben, Stolz, Stillstand, Convention alismus und Heuchelei. Und je mehr man es betrachtet, desto unnatürlicher erscheint es, denn 1. Es ignorirt die fundamentalen Beziehungen des Menschen zu Gott. Der Mensch als Geschöpf verläßt fich absolut und m jedem Falle auf Gott. Er hat keine Initiative. So ist das der Wirklichkeit entsprechende Berhältniß zu Gott derartig, daß Gott als beständig gebend, versprechend, anbietend oder verlangend anerkannt wird, während der Mensch beständig annimmt, glaubt, entspricht oder gehorcht. 2. Es ignorirt das unaustilgbare Mal der Sündhaftigkeit am Menschen und die gehäufte Schuld der einzelnen Sünden. Ein Mensch mag seine innere Sündhaftigkeit vertuschen und seine geheimen Sünden bemänteln und ignoriren, er mag äußerlich in hoher Achtung leben, aber wenn er fich selbst kennt, weiß er, daß er ein Sünder ist, der von Anbeginn vollkommen von Gott abhängt, betreffs der Vergebung und „Befreiung vom künftigen Zorn". 3. Ist es ganz damit zufriedengestellt, dagesammte Menschengeschlecht — außer einer kleinen auserwählten Schaar