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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 322 Vr. Vlvch's Wochenschrift Nr. 19 als lockendes Ziel: das Studium auf der Universitätsbibliothek zu Parma. Eine Kette glücklichster Zufälle vereinigte sich, um dies Alles auf glatte ungezwungene Weise zu verwirklichen. Lazarus — damals Professor in Bern — reiste in den Ferien stets nach Leipzig, wo geschäftliche Angelegenheiten der Erledigung harrten, und fuhr dann natürlich immer nach Berlin herüber, und ebenso natürlich suchte er dann getreulich »seinen" alten Zunz auf. Bei einem solchen Besuch klagte Zunz einmal, vaß es fein Lebelang fein heißester Wunsch gewesen wäre, einmal die Bibliothek von Parma aufzusuchen, die im Besitz von beinahe tausend hebräischen Manuskripten aus dem Mittelalter (von de Roffi, dem größten jüdischen Historiker gesammelt) wäre; was gäbe er darum, wenn er sie sehen und prüfen könne! »Nun, so fahren Sie doch hin! — Sie sind ja, Gottlob, noch rüstig und munter! »Nein, Herr Professor! Vier Tage unterwegs, — so lange dauert die Reise, das habe ich schon ganz genau herausgerechnet — das halte ich nicht aus!" „Sie waren doch schon in Paris, in London?" Ja, ja, — indeß — das dauerte blos zwei Tage. — aber vier Tage" — er schüttelte seine langen gelbweißen Locken und wiederholte ärgerlich: »das halte ich nicht aus." Lazarus überlegte. „Ich will. Ihnen etwas sagen: machen Sie eine Reise nach der Schweiz. Kommen Sie zu uns nach Bern, dort können Sie in unserem großen bequemen Fremdenzimmer mit ihrer Frau so lange bei uns leben, bis Sie Ihre zweitägige Reise von Berlin nach Bern vollständig vergessen haben. Dann machen Sie nochmal eine Reise von 2 Tagen von Bern nach Parma, — dann sind Sie nicht vier, sondern blos zweimal 2 Tage gereist ..." Zunz blickte hellhörig auf. „Und retour ebenso." Sein ganzes Gesicht lachte: „Am Ende gehts?" Und so geschah es. Zunz überlegte nicht lange, sondern ehe noch Lazarus in Bern wieder anlangte, traf schon die Meldung ein, daß „Zunzens" kommen würden. Bald waren sie da und verlebten vierzehn Tage in ungenirtestem Zusammensein mit dem Lazarus'schen Ehepaar, das täglich — es war um Pfingsten herum — herrliche Spazierfahrten mit ihnen in die prachtvolle Umgebung unternahm. Wichtiger aber — (für Zunz, denn seine lebhaft empfindende Frau ging in ihrer Naturschwärmerei völlig - auf — so etwas wie das Lauterbrunner Thal hatten Beide, noch nicht gesehen! —) wichtiger war für den unermüdlichen Forscher die Vermittlung neuer Bekanntschaften auf wissenschaftlichem Gebiet. Er konnte Nachmittags in den Kaffeegesellschaften, welche Lazarus zu diesem Zwecke einlud, mit Professor Studer — dem feinsinnigen Nachdichter des Hiob —, mit Professor Sprenger, dem Autor des berühmten Werkes: „Leben Mohamed" (in drei Bänden), und Anderen im lebhaftesten Meinungsaustausch schwelgen. Nachdem Sprenger erfahren, daß und zu welchem Zweck Zunz nach Parma wollte, rief er gleich aus: „Das trifft sich gut! Mein Freund M a m i a n i (Orientalist, mit welchem Sprenger über Jahr und Tag in Syrien gelebt hatte) ist gerade jetzt Cultusminister in Italien, ich schreibe ihm und er wird Ihnen alle Wege ebnen, damit Sie Ihr Ziel auf das Leichteste und Sicherste erreichen!" So hat denn in der That Mamiani Zunz aufs Freundlichste ausgenommen und den betreffenden Behörden warm empfohlen. Alle Thüren standen dem deutschen Gelehrten nun offen und überall wetteiferte man. ihm mit echt italienischer Liebenswürdigkeit gefällig zu;ein. Das Ganze aber wurde durch den glücklichen Zufall gekrönt, daß der Oberbibliothekar von Parma der Schwager Mamiani's war, auf dessen Empfehlung hatte dann der Oberbibliolhekar Zunz nicht nur alle Erleichterungen auf oas Entgegenkommendste gewährt, sondern seine Fürsorge für den frenrden Gelehrten war geradezu eine exceptivnelle. Sv hatte er für Zunz in derselben Straße, vis-a-vis der Bibliothek, eine Wohnung gemiethet und so konnte er Zunz gestatten, die Bibliothek auch in nichtvfficiellen Stunden und selbst in feiner eigenen Wohnung zu benützen. Dadurch wurde es Zunz möglich, wie er selbst mit Befriedigung betonte, in acht—neun Wochen fertig zu bringen, wozu er unter gewöhnlichen Umständen acht—neun Monate gebraucht haben würde. Wäre aber nicht der echt freundschaftliche Ausweg mit den „zweimal zwei Tagereisen" gefunden worden, unser wunderlicher Alter hätte trotz seiner Sehnsucht nie die Schweiz und sicher nie Italiens blauen Himmel . gesehen und nie in Parmas Bibliotheksschätzen geschwelgt! Das rabbinische Iudrnthum und die Briefe des Apostel Paulus. Rede vor der 8t. Paul'S Association am 21. November 180V, gehalten von C. G. M o n t e f i o r e. (Aus „lös Jewish Quarterly Review“, Jänner 1^01.) Aus dem Englischen übersetzt von Frau Dr. Rosa Wagner. (Schluß.) Der Hauptangriff des Apostel Paulus auf die jüdische Moral concentrirt sich in dem zweiten Capitel des Römerbriefes. Anderwärts finden wir wenig, außer gelegentlichen Ausdrücken über seine jüdischen Gegner, auf welche kein vernünftiger Mensch irgend welchen Werth legen würde (denn wer würde sich auf einen aufgeregten Mann verlassen, wenn er von seinen Feinden spricht) oder theoretische Darlegungen über jüdischen Stolz und die Verwerfung Christi. Die ersten zwei Capitel der Epistel an die Römer zeigen viele Eigenthümlichkeiten. Die besonderen Dogmen des Paulus fallen durch ihre Abwesenheit auf, die Lehre welche gepredigt wird, ist eine verfeinerte Rechtfertigung durch Werke und gipfelt in dem herrlichen Schluß. In der That führt Paulus seinen dogmatischen Brief mit einer Art Predigt oder kleinen Abhandlung ein, und so schön die Predigt ist, so hat sie doch alle einer solchen eigenen Uebertreibungen. Sie enthält eine furchtbare Züchtigung der bestehenden Gesellschaft, sei dieselbe nun jüdisch oder heidnisch. Die heidnische Welt wird ganz ähnlich, wie in der Weisheit Salomonis, oder wie in vielen anderen Stellen der rabbinischen Literatur beschrieben. Götzendienst wird nicht als Unglück, sondern vielmehr als Verbrechen betrachtet, und jede Art moralischen Vergehens läßt man daraus entspringen. Das ist bekannt genug; denselben Darlegungen begegnen wir in jüdischen Quellen. Aber dann wendet sich Paulus gegen die Juden und beweist den für sein künftiges Dogma so wesentlichen Punkt, daß die ganze Welt ohne Ausnahme unter der Gewalt der Sünde steht, indem er gerade heraus versichert, daß die Juden nicht besieg als. ihre heidnischen Nachbarn sind. Selbst abgesehen von den neuen, dogmatischen Nothwendigkeiten, welche ihre Schatten vorauswerfen, war die Predigt — cum. grano salis genommen — eine gute und nützliche Predigt, nicht ohne gelegentlichen Stachel u> d nicht ohne Rechtfertigung, denn die Juden waren, wie ich schon bewiesen habe, demüthig vor Gott und unter einander, aber stolz gegen die Heiden. Sie brüsteten sich mit ihren Privilegien, mit der besonderen Liebe, welche Gott ihnen als seinen Kindern und Erwählten bekundete. Die Theologen haben hierin ganz recht. Aber während sie gern den jüdischen Stolz auf eingebildete Privilegien scharf hervorheben, wollen sie nicht zugeben, daß diese Privilegien, vom jüdischen Gesichtspunkte aus die Liebe Gottes einschließen, weil dann alle anderen der Anklage nützlichen Aufstellungen ipso facto verschwinden würden. Wenn die Juden stolz waren, so waren sie aber auch sklavisch und scheu, denn es kann nach diesen particularistischen Theologen nicht zwei Religionen der Liebe geben. So wird auch der jüdische Stolz den Heiden gegenüber richtig beurtheilt. Die Juden sprechen von sich als von den Gerechten, Heiligen, Auserwählten genau wie Paulus sich feinen Feinden gegenüber brüstet und demüthig gegen Gott ist. Oder gerade wie Paulus die Christen Heilige gegenüber der übrigen Welt nennt, während er gezwungen ist, zuzugestehen, daß die Heiligen nicht immer ganz heilig waren, genau so war es mit den Juden. Es waren unter ihnen wie unter jedem Volke und in jeder Gemeinschaft schwarze Schafe; es gab Formenmenschen und Heuchler; es gab auch zweifellos Räuber und Ehebrecher. Wer leugnet das? Die Rabbinen gewiß nicht, denn Niemand greift die Heuchler oder Unzüchtigen schärfer und offener an als sie. Aber es würde nicht weniger absurd sein, den rabbinischen Judeismus für die schwarzen Schafe in seiner Gemeinschaft verantwortlich zu machen, als Paulus für die lasterhaften Elemente in der seinigen. Alles, was wir mit Recht sagen könnten, ist, daß, so wie des Paulus Lehre in Antinominismus ausarten konnte, so die rabbinischen Doctrinen in Heuchelei und Formenwesen. Keine Religion kann den Fehlern ihrer Vorzüge entgehen. Aber' die Vorzüge zu ignoriren und das Ganze zu einer Masse von Fehlern zu machen, ist der Logik eben so wie den Thatsachen nach falsch. So ist das, was Paulus im zweiten Capitel an die Römer (17—29) von den Inden sagt, als Predigt nicht unvernünftig. Seine große und vornehme Belehrung über das, was ein wahrer Jude und die wahre Beschneidung sei, ruft die besten Aussprüche von Amos und Jesaias in's Gedächtniß. Es ist wahrscheinlich

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