Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021405--10838-3035341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 19 Dr. Bloch's WvchrnfchriN. Seite 321 ist nun nicht etwa blos ein schlichter Leutpriester, wie man bei dieser Herzenseinfalt vermuthen dürfte, sondern voetor theologiae. Er nennt diese Art christlicher „Sammlung" deshalb die Obligationen des heiligen Antonius, „weil" — wir citiren den Prospect der Obligationen wörtlich — „wir diesen großen Wunderthäter zu unserem Cassierer bestellen, der es auch hundertfältig im anderen Leben und schon in diesem durch die himmlischen Segnungen vergelten wird. Diese übernatürliche Gewährleistung macht aus diesen Obligationen wahre Hypothekenobligationen, die sicherer sind als solche, die diesen Namen tragen. Kein finanzielles Ereigniß bedroht dieselben, selbst nicht die Zerstörung der Welt am Ende der Zeiten könnte sie beeinträchtigen, vielmehr würdet Ihr dadurch unmittelbar in den Genuß Eurer Ausgabe treten." Wir haben es da also mit einem regelrechten Geldgeschäfte zu thun, dessen Leiter der heilige Antonius ist, wir haben es sozusagen mit einer regelrechten Bankgenossenschaft — mit der denkbar unbeschränktesten Haftung — zu thun, an deren Spitze der heilige Antonius steht. Es liegt Methode darinnen, ist es auch nur der Erguß der reinsten Frömmigkeit. — Da einige katholische Schweizer Blätter vor den Obligationen des Herrn Barral warnten, erklärte Barral, daß seine Stiftung und die zu ihren Gunsten angewandten Mittel sich des Segens und der Ermuthigung des Heiligen Vaters und der kirchlichen Behörden erfreuten. — Das Alles ist, wie wir uns schließlich zu bemerken für verpflichtet halten, nicht etwa eine Anekdote, sondern eine Thatsache. Wir leben im XX. Jahrhundert der Blutritualprocesse. Kinderraub. Krakau, 7. Mai. Große Erregung ruft in Tarnow, wie man von dort berichtet, ein Vorfall hervor, welcher lebhaft an die Affaire Araten erinnert. Wieder handelt es sich um ein Mädchen, das gewaltsam in ein Kloster gebracht wurde und beim Einschreiten der Behörde im Kloster nicht mehr vorgefunden wurde. Der sensationelle Sachverhalt ist folgender: Am 2. Mai um 8 Uhr Abends kamen in die Dorfschänke des Salomon Schwimmer in Drwjenia im Bezirke Bochnia vier Bauern. Nachdem sie Schnaps getrunken hatten, traten sie in das der Schänke gegenüberliegende Wohnzimmer des Wirthes, rissen die siebzehnjährige Tochter desselben aus dem Bette und machten Anstalten, sie gewaltsam mit fich zu führen. Der Vater stürzte hinzu und wollte das Attentat auf seine Tochter verhindern. Da warf sich einer von den Bauern auf ihn, würgte ihn, drückte ihn an die Wand und hielt ihn dort so lange fest, bis die Anderen das Mädchen davongetragen hatten. Der Vater verlor das Bewußtsein, und als er zu fich kam, war seine Tochter mit den Bauern verschwunden. Erst am anderen Tage erfuhr er die näheren Umstände des Ueberfalles. Während die Bauern das Mädchen aus der Dorfschänke entführten, stand unweit des Wirthshauses ein b espannter Wagen, in welchem eine Nonne saß. Die Bauern trugen das Mädchen in den Wagen, welcher mit den Insassen bis zur Eisenbahnstation Bochnia fuhr. Während der Fahrt wurde das Mädchen in Nonnenkleider gesteckt. Bon Bochnia fuhren die beiden Frauen mit der Bahn nach Tarnow und von hier aus ging die Fahrt in einem Fiaker nach dem nicht weit entfernten Kloster in der Ortschaft Szynw a l d. Der Vater des Mädchens fuhr nach Tarnow und sprach mit seinem Vertreter Dr. Gold Hammer beim Staatsanwalt vor. Ein Commissär der Bezirkshauptmannschaft fuhr in d a s K l o st e r, um dort eine Revision vorzunehmen; e r sandjedoch das jungeMädchen nicht mehr im Kloster vor. Es wurden, um den Thatbestand festzustellen, bereits mehrere Zeugen verhört. Der Portier des Bahnhofes in Bochnia gibt an, daß in der kritischen Nacht zwei Nonnen, eine alte und eine junge, auf dem Bahnhofe gesehen wurden, die den Zug nach Tarnow benützten, und ein Tarnower Fiukerbefitzer bestätigt, daß er damals die zwei Nonnen ins Kloster gefahren habe. Von da ab fehlt von der jüngeren Nonne jede Spur. Dr. Goldhammer hat bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige erstattet. Erinnerungsblättitzen an Leopold Zun;. Von Rahida Ruth Lazarus. Seit Jahren sammeln wir Aufzeichnungen, Notizblätter, Brief- und Tagebuchmittheilungen und dergleichen mehr zur späteren literarischen und culturhistorischen Erinnerung an bedeutsame Menschen, die irgendwie und irgendwo mit meinem Lazarus in freundschaftliche Beziehungen getreten sind. Nur sehr wenige Mußeminuten unserer reicherfüllten Tage können wir diesem fesselnden Liebes- und Freundschaftsdienst widmen, — und doch ist meine Schreibtischschublade schon zu eng für die Fülle! Und so viel Blätter, so viel Erfreuliches! Denn die Zeiten sind zu herb, als daß wir nicht das Milde, die Menschen erfahren, als daß wir nicht das Harmonische gesucht, und da wir es gesucht, auch gefunden hätten. Auch die „Oesterreichische Wochenschrift" spiegelt fort und fort die Schattenseiten wieder und unser von dieser redactionellen Nothwendigkeit gewiß hart bedrückte Doctor Bloch wird sicher nichts dagegen haben, wenn in diese Schatten einmal ein kleiner Lichtstrahl fällt, — freilich der Vergangenheit nur, aber doch — ein Lichtstrahl! Ein Lapitel dieser unserer Gedenkhalle in spe betitelt sich: „Meine vier Alten". Diese vier Alten waren Leopold v. Ranke. General v. B a e y e r, Friedrich v. Raumer und Leopold Z u n z, — alle vier bis ins hohe Alter von einer seltenen Lebensfrische und geistigen Regsamkeit nach einem schaffensfreudigen und arbeitsvollen Dasein. „Warum „dein e" vier Alten?", fragte ich meinen Mann, als er mir von ihnen zu erzählen anfing. „Du hast doch so viele andere alte Männer gekannt und geschätzt, warst doch so manchen Greisen freundschaftlich ergeben und durftest dich ihrer Gunst erfreuen, warum nennst Du gerade diese „dein e" vier Alten?" Weil, wenn die Zeit des Sommerausflugs kam, der zwei bis drei Monate zu dauern pflegte, ich Jedem meinen Abschiedsbesuch machte, immer in der stillen Furcht, daß dieser Abschied ein letzter sei.... Ebenso galt ihnen zuerst mein Besuch bei der Heimkehr, und so trieb ich es über 10 Jahre, da alle vier das Glück hatten, in die Neunziger zu kommen; dadurch und weil sie alle vier Berliner waren, sind sie eben „meine" Alten geworden." Lazarus hatte Zunz schon als Gymnasiast in Braunschweig kennen gelernt, weil dieser alle Jahre mit seiner Frau einige Zeit in Wolfenbüttel bei seinem alten Lehrer Ehrenberg zubrachte. (Zunz hatte bekanntlich in Wolfenbüttel im Samson'schen Institut unter Ehrenberg seine Erziehung, besonders seine Einführung in die Wissenschaft des Judenthums genossen.) In Wolfenbüttel trafen sich nun Beide und es ergaben sich natürlich schnell die mannigfachsten geistigen Berührungspunkte. Als Lazarus dann nach Berlin kam, suchte er Zunz auf und vom Jahre 1846 bis zum Tode des Altmeisters blieben sie in ungetrübtem freundschaftlichem Verkehr. Lazarus gehörte zu denen, welche die Zunz'schen Schriften in nichtjüdischen Blättern zuerst zur öffentlichen Kenntniß und allgemeineren Anerkennung brachten. So hat er in Brockhaus' „Blätter für literarische Unterhaltung" und auch im „Literaturblatt zum Deutschen Kunstblatt" von Friedrich Eggers ausführliche Recenfionen über Zunz' „Synagogale Poesie" u. s: w. veröffentlicht. Er erinnert sich, mit welchem Eifer und mit welcher Wärme Franz K u g l e r zu ihm sagte: „Sie eröffnen uns ja da eine ganz neue Welt! Wir haben ja keine Ahnung davon gehabt, daß die Juden der nachbiblischen Zeiten auch in der Poesie schöpferisch gewesen!" Höchstens wußten einige Theologen davon, aber auch deren Kenntnisse waren sehr dürftige; Historiker hatten absolut keine Ahnung von dergleichen. „Nachdem ich mich nun verheiratet hatte", erzählt Lazarus, „haben wir auch gesellig von Haus zu Haus fleißig und fröhlich miteinander verkehrt. Denn wenn ich auch den Werken Zunz' gegenüber alle Zeit nur ein Laie gewesen bin, so war doch mein Interesse für dieselben immer das lebhafteste, und ich wußte ihre Bedeutung innig zu schätzen." Ein sehr erfteuliches Moment war es nun, daß es Lazarus beschieden war, dem Siebzigjährigen durch Vermittlung einer Reihe neuer Bekanntschaften, durch eigene Gastfteundschaft und persönlichen Einfluß eine — bis dahin vergebens ersehnte, nie ausgeführte — Reise nach der Schweiz und Italien zu ermöglichen, und zwar unter den denkbar angenehmsten Umständen und