Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 312 Rr. 18 Dr. Llvch's WMhLNschris^ Berlin, 25. April. Eine öffentliche Belobung ist dem Droguisten Georg Cohn durch den Regierungspräsidenten in Potsdam zu Theil geworden. Herr Cohn hat mit eigener Lebensgefahr bei der Errettung des Schlossers Erichsen vom Tode des Ertrinkens in der Spree Hilfe geleistet. Verurtheilnug eines antisemitischen Redakteurs. Das Reichsgericht bestätigte das Urtheil des Posener Landgerichtes, wodurch der Redacleur des polnisch-antisemitischen „Postemp". Stanislaus Kaczmarek, wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu zwei Wochen Gesängniß verurtheilt worden ist. Sofia. (Eine Straßendemonstration vor dem Rabbinate.) Die Liebesaffaire der Linda Uziel, über die wir in unserer letzten Nummer berichtet haben, führte gestern zu einer Demonstration vor der an der Ecke der Straßen Beltschew und Alabinska gelegenen Kanzlei und Wohnung des Oberrabbiners Herrn Dr. M. Ehrenpreis, die einen überaus gefährlichen Charakter anzunehmen drohte und der nur durch das energische Eingreifen der Polizei, welche von einer acquirirten Cavallerieabtheilung unterstützt wurde, ein Ende gemacht wurde. Wie berichtet, wurde Linda Uziel vorigen Freitag infolge Intervention des Oberrabbiners Herrn Dr. Ehrenpreis auf Verfügung des Justizministers Herrn Dr. Radew von der Polizei aus der Wohnung ihres Geliebten, des Gemeindeschreibers Ehr. Michailow,- abgeholt und, nachdem sie die Nacht im IL Polizeicommissariate verbracht hatte, Samstag Früh dem Oberrabbiner übergeben, in dessen Wohnung sie verblieb. Herr Dr. Ehrenpreis hatte mit dem Mädchen noch Samstag eine Unterredung, in welcher er es auf das Ungehörige ihres Vorgehens aufmerksam machte und es zu überreden suchte, in das Elternhaus zurückzukehren. Das Resultat dieser Unterredung war. daß Linda erklärte, von ihrem Geliebten nichts mehr wissen zu wollen, doch weigerte sie sich gleichzeitig, in die elterliche Wohnung zurückzukehren. Der Herr Oberrabbiner beschloß deshalb, das Mädchen bis auf Weiteres in seiner Wohnung zu belassen, wo es wie zur Familie gehörig behandelt wurde, mit Herrn Dr. Ehrenpreis und dessen Gemalin an einem Tische aß, sich mit Zeitungslectüre befaßte und Besuche ihrer Verwandten empfing. Gestern gegen 9'/, Uhr Früh erschien der Geliebte Lindas vor der Rabbinatskanzlei und verlangte, daß ihm das Mädchen ausgefolgt werde. Michailow wurde vom Secretär Herrn Chaimow empfangen, der ihm erklärte, daß der Oberrabbiner nicht das Recht habe, ihm das Mädchen zu übergeben, und er möge sich diesbezüglich an die Gerichtsbehörden wenden. Erzürnt über diese Antwort verließ Michailow mit den Worten das Rabbinat: „Der Rabbiner hat mir meine Geliebte genommen, ich werde seiner Frau den Mann nehmen". Nachdem bereits den ganzen Vormittag über sich Leute vor dem Rabbinate angesammelt hatten, wuchs die Menge gegen 1 Uhr Nachmittag auf einige Hundert Personen an und verlangte die Herausgabe des Mädcbens. Herr Dr. Ehrenpreis, der das Gefährliche der Situation erkannte, theilte dies dem Polizeipräfecten Herrn Oberstlieutenant Kantschew telephonisch mit und bat ihn um polizeiliche Intervention. Der Polizeipräfect versprach, selbst zu kommen, und erschien auch gegen 2'/, Uhr mit dem Staatsanwalte Herrn Koschucharow und dessen Substituten Herrn Werbanow vor dem Rabbinate, wo er an die inzwischen auf 2 — 3000 Personen angewachsene Menge eine Ansprache hielt, in welcher er sie aufforderte, auseinanderzugehen, indem er versprach, daß er eine Verletzung des Gesetzes nicht zugeben werde. Die Worte des Herrn Präfecten wurden mit Hurrahrufen ausgenommen, doch ging die Menge nicht auseinander. Herr Kantschew begab sich sodann in Begleitung der beiden Gerichtsfunctionäre in die Kanzlei des Oberrabbiners, mit dem die Herren conferirten. Herr Dr. Ehrenpreis war überrascht, aus dem Munde des Polizeipräfecten zu hören, daß unter der Menge das Gerücht verbreitet sei, Linda Uziel sei im Rabbinate mißhandelt worden und Samstag Nachts hätten mehrere Juden hei ihr geweilt, welche sie zwingen wollten, sich von ihrem Geliebten loszusagen. Die Herren hatten übrigens bald Gelegenheit, sich von der Grundlosigkeit dieser Gerüchte zu überzeugen, da ihnen Linda selbst erklärte, daß die ihr im Rabbinate zutheil gewordene Behandlung die beste war. Das Gerücht von den Juden, welche Samstag Nachts im Rabbinate geweilt haben sollen, dürste dadurch entstanden sein, daß Samstag Abends, wie allwöchentlich, in der im Parterre gelegenen Rabbinatskanzlei eine Sitzung des Consistorialräthes stattfand, welche bis spät am Abend dauerte. In dieser Sitzung wurde jedoch der Affaire der Linda Uziel mit keinem Worte Erwähnung gethan und auch das Protokoll dieser Sitzung enthält keine Silbe über diese Affaire. Uebrigens hat Linda, als die Mitglieder des Consistorialräthes das Rabbinat verließen, schon lange im ersten Stocke in Gesellschaft ihrer Tante geschlafen. Herr Dr. Ehrenpreis erklärte dem Polizeipräfecten, sowie den Gerichtsfunctionären, daß er seine Mission als geistliche Behörde für beendet betrachte und er es dem Mädchen freistelle, zu seinen Eltern oder zu seinem Geliebten zurückzukehren, worauf sich die Herren entfernten, indem sie erklärten, daß sie über die Sache berathen und später wiederkommen werden. Als sich der Polizeipräfect entfernt hatte, begann die Menge von Neuem zu demonstriren und unter den Rufen: „Nieder mit der Regierung! Nieder mit den Juden! Nieder mit dem Rabbinate!" wurde ein Steinbombardement auf das Rabbinat eröffnet. Die Polizei war trotz ihres energischen Einschreitens nicht im Stande, die Menge zu zerstreuen, es wäre denn, daß sie von der Waffe Gebrauch gemacht hätte, was jedoch unter jeder Bedingung vermieden werden sollte. Gegen '4 Uhr kehrte der Polizeipräfect Herr Oberstlieutenant Kantschew in Begleitung des Procurors beim Appellationsgerichte, Herrn Koschucharow, in das Rabbinat zurück, wo die Vereinbarung getroffen wurde, daß Linda Uziel von der Polizei übernommen wird und bis zur Beruhigung der Gemüther unter polizeilicher Aufsicht bleibt, während welcher Zeit sie keinen andern Besuch empfangen darf, als den des Oberrabbiners und ihrer mit einem Erlaubnisschein des Rabbiners versehenen Verwandten. Inzwischen nahmen die Demonstranten eine immer bedrohlichere Haltung ein und setzten das Steinbombardement fort. Es wurde auch der Versuch gemacht, das in der Rabbinatskanzlei befindliche Telephon durch das eingeschlagene Fenster aus zu zerstören, doch wurde dieser Versuch bon der Polizei vereitelt. Mit der Zerstörung des Telephons bezweckten die Demonstranten offenbar, dem Oberrabbiner un) dem Polizeipräfecten die Verbindung mit den Ministern Herren Dr. Danew, M. K. Sarafow und Dr. Radew, welche wiederholt telephonisch Erkundigungen eingezogen und Anordnungen trafen, abzuschneiden. Als Herr Kantschew sah, daß die Polizei der Menge, ohne von der Waffe Gebrauch zu machen, nicht'beikommen könne, er aber das Letztere vermeiden wollte, verlangte er militärische Assistenz. Bald darauf traf auch eine Abtheilung Cavallerie unter Commando eines Oberlieutenants ein. Der Polizeipräfect mahnte die Menge abermals zur Ruhe und erklärte, daß es bereits früher beschlossen wurde, daß das Mädchen von der Polizei übernommen werde, doch könne es nicht fortgeschafft werden, solange die Menge nicht auseinandergehe. Die Cavallerie drängte die Menge sodann zurück und der Polizeipräfect begab sich in die Wohnung des Oberrabbiners, um Linda Uziel in Empfang zu nehmen. Linda wollte jedoch daS Haus des Oberrabbiners nicht verlassen. Sie fiel der Gemalin des Rabbiners um den Hals und bat, man möge sie im Rabbinate lassen, da sie von ihrem Geliebten nichts mehr wissen wolle. Erst auf das Zureden des Oberrabbiners, der ihr versprach, daß nach einigen Tagen, nachdem sich die Gemüther beruhigt haben werden, sie über ihr Schicksal allein werde entscheiden können, folgte Linda dem Polizeipräfecten, der sie, begleitet von dem Polizeicommissär Herrn W. Marinow, in einem inzwischen herbeigeschafften Wagen, gefolgt von einer Cavallerie- Escorte,zum IV. Polizeicommissariate brachte. Ein Theil der Menge folgte dorthin und versuchte auch vor dem Polizeicommissariate zu demonstriren, wurde aber zerstreut. Der übrige Theil der Menge verblieb vor dem Rabbinate und zerstreute sich erst gegen 8 Uhr Abends. Unparteiische Augenzeugen der Demonstration versichern, daß es nur dem energischen und dabei überlegten Vorgehen des Polizeipräfecten Herrn Oberstlieutenant Kantschew, sowie des Polizeicommissärs Herrn Marinow, der bis zum Eintreffen des Polizeipräfecten unter Gefährdung des eigenen Lebens, dem Steinhagel trotzend, die Menge daran hinderte, das Rabbinat zu stürmen, zu danken sei, daß die höchst bedauerliche Demonstration der sich wie rasend geberdenden Menge ohne Blutvergießen ablief Allgemein interessirt man sich dafür, was nun mit Linda Uziel geschehen wird. Diesbezüglich erfahren wir, daß es vor Allem nothwendig sein wird, das Alter des Mädchens amtlich genau festzustellen. Linda hat das 16. Lebensjahr, mit welchem sie majorenn wird und über sich selbst verfügen kann, noch nicht erreicht. Bis zur Erreichung dieses Alters hat über sie, da sie zu ihren Eltern nicht zurückkehren will, der Oberrabbiner als geistliche Behörde das Verfügungsrecht. Nach den Eintragungen beim Rabbinate wird Linda Uziel im Juni, nach einem Schulzeugnisse am 19. April und nach einem vom T.- Pazardjiker Gemeindeamte ausgestellten Geburtszeugnisse am 2. September l. I. 16 Jahre alt. Wie wir erfahren, hat der Oberrabbiner Herr Dr. Ehrenpreis bezüglich des weiteren Schicksals des Mädchens noch keine Entscheidung getroffen, doch glaubt man, daß er, nachdem sich die Gemüther beruhigt haben werden, es Linda selbst überlassen wird, entweder zu ihren Eltern oder aber zu ihrem Geliebten zurückzukehren. Soborten. Gemäß dem von der hohen k. k. Statthalterei genehmigten Statut des hiesigen israelitischen Frauenvereines „Noschim Zidkonios“ fand am Sonntag den 28. v. M., um 3 Uhr Nachmittags, die erste Vollversammlung statt, bei welcher der Cultusvorsteher Herr Carl Weinfeld den Vorsitz führte. Bei der vorgenommenen Vorstandswahl assistirte demselben Herr Vorsteher-Stellvertreter Fabriksbesitzer Adolf Bloch und als gewählt erschienen : die langjährige verdienstvolle Leiterin des Vereines Frau Minna K u s i n a als Präsidentin, Frau Klara S t e ck l e r als deren Stellvertreterin; Frau Rabbiner Galandauer, Schriftführerin; Frau Charlotte Bloch, Cassierin; in den Ausschuß wurden gewählt: Frau Julie T a u ß i g-Modlan, Frau Anna P i ck-Turn, Frau Hermine Brand und Frau Sophie P i ck-Soborten. -