Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. i8 Vr. BIvÄr's WochrnschrM Seite 30S fundamentalen Unterschied berührt? Ist es nicht seltsam, daß er einen Gegenstand unerwähnt läßt, der jedem Juden von so absolut wesentlicher Wichtigkeit war, daß er nie versuchte, einer Antwort vorzubeugen, welche die Juden unfehlbar aus seinen Angriff gegen ihren Glauben, wie auf die Notwendigkeit einer anderen und befferen Art der Versöhnung mit Gott geben würden. Die alte wie die neue Lehre ist der Kritik unterworfen; welche Religion, welche Theologie wäre es nicht? Man hätte einwenden können, daß die alte Methode einerseits zu leicht wäre, andererseits zu wirkungslos; daß der Proceß von Sünde und Vergebung immer wieder ohne dauernden und befriedigenden Erfolg wiederholt wurde; daß man nicht nur eine äußerliche Verzeihung für die Sünde, sondern eine Methode brauche, durch welche die Verzeihung notwendiger und geheimnißvollerweise eine Umwandlung des Herzens und ein erneutes Leben folgen müffe. Eine solche Kritik mußte — wenn sie auch einer Widerlegung gewärtig sein konnte — jedenfalls die Aufmerksamkeit erzwungen haben. Anstatt dessen erschüttert Paulus die Luft durch Worte, die, so herrlich sie sind, ganz außer Beziehung zur eigentlichen jüdischen Religion sind. Sie hinterlassen den Eindruck: entweder war dieser Mann nie ein rabbinischer Jude, oder er hat vergessen, was ein rabbinischerJude war und i st. Nach der starren Theorie der Theologie des Apostel Paulus sollte kein Jude etwas Anderes als ein Sünder, kein Christ etwas Anderes als ein Heiliger sein: „Im Uebergange von der Sphäre des Gesetzes zu derjenigen der Gnade hat die Herrschaft der Sünde ihr Ende erreicht. Der Gläubiger kann nicht länger sündigen/ „Dieses", sagt Holtzmann, „ist die Theorie". Aber die „schlimme Wirklichkeit entspricht nicht der Vortrefflichkeit der Auslegung. Als eine latente Kraft arbeitet die Sünde so lange als der Mensch im Geiste und Körper zusammenlebt"') Es ist nothwendig (obgleich es auf dem Papiere und in der Theorie überflüssig sein sollte), die Gläubigen aufmerksam zu machen, daß sie sich von der Versuchung in der Furcht Gottes zu reinigen haben. Die Erlösung muß noch mit Furcht und Zittern erwirkt werden. Es gab Menschen, die an Christus glaubten und doch, nach dem das neue Leben begonnen hatte, sich der Begierde des Trunkes, der Erpressung, der Unzucht und der Blutschande schuldig machten. Kein Mensch kann sagen: Jesus ist der Herr nur im heiligen Geiste, dennoch ist der alte Sauerteig noch nicht ganz entfernt. Niemand möchte diese Thatsachen zu genau nehmen. Das Christenthum ist nicht weniger groß, weil es vom Beginne seiner Geschichte schlechte Menschen gegeben hat, die sich Christen genannt haben oder weil es viele echte Christen gegeben hat, welche dennoch in diesem oder jenem Falle des Jrrthums oder der Sünde schuldig waren. Noch werden wir, am Vorabende des 20. Jahrhunderts n. Chr. stehend, die Vornehmheit der Paul'schen Episteln weniger schätzen, weil wir constatiren müffen, daß es schwache Stellen in seiner Rüstung gibt, oder daß seine Theorie, eher ein Ideal als eine Thatsache ist. Aber wenn wir anerkennen daß der Christ nicht notwendiger Weise ein Heiliger war, weil er an Christus glaubte, müffen wir dann nicht ehrlich sein und zugeben, daß der Jude, weil er nach dem Gesetze lebte, nicht notwendiger Weise ein Sünder war? Nach der Paulinischen Theorie muß er ein Sünder sein. Theoretisch konnte nie ein wirklich guter Mensch unter dem Gesetze gewesen sein und kann es nicht sein. Der Jude muß nicht nur ebenso schlecht, er sollte vielmehr noch viel ärger als die Heiden sein. Denn das Gesetz ist die Stärke der Sünde. Nicht nur, daß die Qualität der Sünde ärger ist — sondern, wie Holtzmann ganz richtig bemerkt, auch an Quantität der Sünde muß der Jude überlegen sein. Von Moses bis Paulus muß es nichts als Sünde gegeben haben; das beständige Bewußtsein, fehlen zu können, muß vollkommen mit der Wirklichkeit übereingestimmt haben. Stimmt diese Folgerung der paulinischen Theorie mit den Thatsachen überein? Oder ist das wieder ein Beweis meiner Behauptung, daß viel in Paulus ist, was, obgleich es vom Judenthume handelt, durch das Judenthum nicht zu erklären ist. Für uns kommen natürlich zunächst nur die Zeitgenoffen Paulus' in Betracht, aber nach der Theorie muß das Gesetz solange seine unausweichlichen Resultate Hervorbringen, so lange es Männer und Frauen gibt, die unter dem Gesetze lel en. Es ist kein Grund vorhanden, weshalb die Juden aus dem Jahre 500 n. Chr. eine Spur beffer gewesen sein sollten, als jene aus dem Jahre 50 n. Chr., noch ist irgend ein Grund vorhanden, weshalb diejenigen, welche im Jahre 1900 unter dem Gesetze leben, anders sein sollten, als diejenigen, welche um 190 darunter lebten. Die Angelegenheit ist aber ernst genug, um die sorgfältigste Betrachtung zu beanspruchen, selbst innerhalb der Grenzen von Paulus' eigenem Zeitalter. Ist diese Rücksicht beobachtet worden? Ist rabbinische Literatur entsprechend von denjenigen gelesen worden, die das Urtheil fällen? Ist es gerecht, das Neue Testament als einzige Autorität anzunehmen? Sind wir alle nicht genug Kritiker, um zu sehen, daß, so weit Paulus in Betracht kommt, es ungemein zu seinem Bortheil und deshalb parteiisch von ihm ist, die jüdische Moral so dunkel als möglich zu malen, daß ferner, so weit die Evangelien in Betracht kommen, eines Kanzelredners Predigten und eines religiöses Reformators Reden, von voreingenommenem Parteistandpunkt aus zweiter Hand wiedergegeben, nicht ohne die sorgfältigste Prüfung und Sichtung, als unbestreitbares Zeugniß des moralischen Lebens und der religiösen Ideale der großen Maffe seiner Zeitgenoffen angenommen werden können noch dürfen. Wie die Prüfung und Sichtung ohne eingehendes Studium der rabbinischen Literatur durchgesührt werden kann, ist mir unverständlich. Grade englische Theologen (und wahrlich englische Theologen sollten doch unparteiisch sein) scheinen mir wegen ihrer heftigen und unbedingten Berurtheilung der rabbinischen Religion tadelnswerth zu sein. Ist es nicht möglich, gehorsam gegen den Herrn zu sein, ohne sein Volk mit Schmutz zu bewerfen? So schreibt Dr. Sanday: „Die Juden hatten in ihren Privilegien den Vorrang vor dem gesammten Menschengeschlechte, aber moralisch waren sie nicht besser als die Heiden. Die Wahrheit muß zugestanden werden; als System hatte'das Gesetz, welcher Art es auch immer sein mochte, den Erfolg verfehlt. Der Zusammenbruch des jüdischen Gesetzes war am vollkommensten, gerade weil dieses Gesetz das beste war/ ‘) Wo ist der Beleg? Es wird keiner erbracht, außer dem ipse discit des Apostels Paulus. Aber wenn der Zusammenbruch so vollkommen wäre, wie könnte sowohl .die praktische als theoretische Ethik der Rabbinen so vornehm und zartfühlend sein, als sie es ist? Wenn das Gesetz zusammenbrach — und erinnern Sie sich, daß es einzig und allein das Gesetz war, welches das religiöse Motiv des jüdischen Lebens noch Jahrhunderte nach Paulus war — würden denn jene berühmten Worte von Zunz, welche George Eliot unsterblich gemacht hat, wahr sein: „Wenn es Rangordnungen im Leiden gibt, so hat Israel den Bortritt vor allen Völkern — wenn die Dauer des Kummers und der Geduld, mit welcher er ertragen wird, veredeln, dann befinden sich die Juden unter der Aristokratie jedes Landes — wenn eine Literatur reich genannt wird, weil sie wenige claffische Tragödien besitzt, was sollen wir denn zu einer nationalen Tragödie, welche 1500 Jahre dauert und in welcher die Dichter auch die Schauspieler und Helden waren, sagen?" Nein, wenn das Gesetz moralisch zusammengebrochen wäre, so würden diese Märtyrer und Edlen, diese Dichter, Schauspieler und Helden nie existirt haben. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. Wien. (Abermals Herr Meißner!) Der Wiener Correspondent der „Kölnischen Zeitung", Dr..Johannes Meißner, sendete unter dem 24. April seinem Blatte folgendes Telegramm: „Der im Polnaer Ritualmord proceß zum zweiten Male zum Tode verurtheilte jüdische Strolch Hilsner hatte bekanntlich zum zweiten Male die Nichtigkeitsbeschwerde eingereicht. Nach zweitägiger Verhandlung erkannte heute der Oberste Gerichtshof auf Verwerfung dieser Beschwerde/ Man beachte genau die famose Stylifirung dieser Depesche. Da wird vor ‘) Holtzmann II. pag. 152. fin. ') Sanday and Hedlam pag. 188.