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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 808 Dr. Bloch's WochrnschrisL« Nr. 18 Straße und Gott spricht: „Bereue im Stillen und ich will Dich ausnehmend Die Engel versuchen die Fenster des Himmels zu verschließen, so daß Manafse's Gebet nicht gehört werde, denn sie sagten zu Gott: Kann ein Mensch, der im Tempel ein Götzenbild aufgestellt hat, bereuen? Aber Gott sprach: Wenn ich chn in seiner Reue nicht aufnehme, schließe ich die Thür vor allen Reumüthigen. So bohrte Gott ein Loch in den Thron der Herrlichkeit und hörte sein Flehen. Die Reue ist wie das Meer, denn wie das Meer immer offen ist, so auch die Thore der Reue. Welches soll die Strafe der Sünder sein? Die Weisheit antwortete: Das Hebel verfolgt die Sünder; die Prophetie antwortete: „Die Seele, welche sündigt, soll sterben/ Das Gesetz antwortete: „Lastet ihn ein Sühnopfer bringen und Verzeihung soll ihm gewährt werden/ „Woraus lernen wir, daß Gott es dem Reuigen anrechnet, als wenn er nach Jerusalem gezogen wäre, den Altar wieder aufgebaut und darauf alle Opfer dargebracht hätte?" Aus dem Verse: Ein gebeugtes und reuiges Herz, o Gott, wirst Du nicht verwerfen! Denn darauf folgt: „Thue Zion Gutes, erbaue die Mauern Jerusalems, dann wirst Du dich der Opfer der Gerechtigkeit erfreuen/ „Wo der Bußfertige steht, so hoch kann der Gerechte nicht stehen/ Es wäre thöricht, die Citate zu vermehren. Der Bequemlichkeit halber, habe ich alle außer den letzten einer einzigen Abtheilung, eines einzigen Bandes des Midrasch, entnommen?) Aber es kann keine Frage sein, daß sie die Lehre der Rabbinen repräsentiren. Ein Opfer oder stellvertretende Buße ist schließlich nicht nöthig, ebenso wenig persönliches Verdienst oder Verdienste Anderer. Das Alles ist gut, aber Reue ist bester. Es ist der vorttefflichere Weg. Aber was deutet Reue an? Weber braucht eine phrasenhafte Sprache, ohne religiöse oder moralische Bedeutung, um zu beweisen, daß rabbinische Reue keinen ethischen Werth hat. Ich muß hinzufügen, daß seine Herausgeber selbst die Aufmerksamkeit auf seinen Jrrthum gelenkt haben, ihn aber doch im Texte ließen. Weber sagt, daß die Wendung „bereuen" nämlich „Reue iiben" zeigt, daß es eine „Leistung" ist. eine nur äußerliche That, kein Wandel des Herzens, keine peravto* * 2 *. Aber Weber selbst gesteht zu, daß die rabbinische Reue Scham, Zerknirschung und Aufrichtigkeit einschließt. Er ist sich bewußt, daß sie eine Umkehr von bösen Thaten ausdrückt, und daß die Rabbinen, während fie die Reue priesen, chre Verachtung über Jene ausgießen, welche es versuchen, Gott zu täuschen durch eine erfolglose, nur von den Lippen kommende Buße. Weber citirt zwei Midrasch-Legenden über Adam und Kain. Nach dieser Geschichte drängte Gott den Adam, daß er seine Sünde bereuen solle. Aber Adam weigerte sich. Zweimal wiederholte Gott die Aufforderung zur Buße und zweimal weigerte sich Adam. Dann erst wurde die Strafe über ihn ausgesprochen. In Kain's Fall ergibt sich die Schwierigkeit: ' Weshalb kam der Mörder so leichten Kaufes ftei? Der Midrasch kann das nur mit der Annahme erklären, daß er seine Sünde bereute, obwohl man auch vermuthet, daß seine Reue nur äußerlich und trügerisch war. Aber weshalb diese Legenden die Werthlosigkett der rabbinischen Reue beweisen, verstehe ich nicht. Die wahre Gefahr der rabbinischen Lehre lag anderswo. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß die Reue, um irgendwelchen religiösen Werth zu haben, auftichtig und echt sein muß, aber das beständige Loben ihrer Kraft, und die unaufhörlichen Wiederholungen von der bereitwilligen Vergebung Gottes waren nicht ohne Gefahren. Gott spricht: „Oeffne mir ein Thor, das so groß wie ein Nadelöhr ist, und ich will Dir ein Thor öffnen, durch welches Pferde und Wagen gehen können/ Eine solche Lehre, wie schön und wahr sie auch sein mag, hat augenfällige Gefahren, wenn fie verknüpft und in Verbindung gebracht wurde mit einer Einrichtung wie der Versöhnungstag. Die Rabbinen waren vorfichtig genug, zu lehren, daß der Bersöhnungstag Gottes Vergebung nur unter der Bedingung der Reue gewähre, und auch dann nur für Sünden, die gegen Gott begangen wurden. Für Sünden gegen den Nächsten konnte Vergebung nur erlangt werden, wenn man seinem Nächsten gegenüber das Unrecht gut gemacht hatte, welches man chm gethan. Und wenn ein Mensch im Herzen sagt: »Ich will sündigen, und der Tag der Versöhnung wird mir Vergebung bringen", für einen Solchen, sagen die Rabbinen, bringt der Tag keine Vergebung. Mit besonderem Tact wählen fie für die prophetischen Lehren des Tages das 58. Capitel aus Jesaias, um dem moralischen Charatter des wahren Fastens zu zeigen, und dann das Büch Jona, bezüglich deffen sie. sich *) Pesikta Bab Kahana XXV. Wünsche's Übersetzung p. p. 384—239. Mühe geben, zu beweisen, daß Gott Sack und Asche nicht beachtete, aber als die Niniviter ihre bösen Wege verließen, und Gott chre Werke sah, vergab er ihnen?) Nichtsdestoweniger trug der Versöhnungstag, mit seiner Lehre von der großen, nationalen Vergebung, Jahr um Jahr unvermeidlich zu gewissen, laxen, abergläubischen Ansichten bei; gegen diese hatten die jüdischen Lehrer in jedem Zeitalter zu kämpfen. Aber dieser. Aberglaube und die zu behagliche Annahme der Lehre von der Reue tragen dazu bei, die Sünde zu leicht und Gott zu nachsichtig erscheinen zu lassen. Weit davon entfernt in zu großer Strenge, zu irren, geschieht es vielmehr in einem Uebermaß an Mitleid. Die Juden neigten vielleicht ein wenig zu sehr dem Glauben zu, Gott müsse unvermeidlich ihre Uebertretungen verzeihen. Wie Heine sagt: C'est son mutier. Er versteht kein anderes. Es ist sicherlich eine ganz außerordentliche Sache, daß Paulus von diesem ganzen jüdischen Plan der Rechtfertigung kein Wort sagt. Nach der jüdischen Auffaffung war der ganze Plan der Paulinischen Theologie absolut unnöthig. Gott hat schon eine Versöhnung vorbereitet, und er hat die Natur des Menschen so gebildet, daß er, wenn er wollte, im Stande war, Nutzen daraus zu ziehen. So weit als es dem Menschen nicht gelang, die göttlichen Geböte zu erfüllen, konnte er doch Aussöhnung mit Gott durch Reue und den Bersöhnungstag finden. Statt daß das Gesetz Zorn bewirkte, bewirkte es vielmehr Versöhnung, Frieden und Vergebung. Die Befreiung von der Sünde wird durch menschliche Reue und göttliche Verzeihung herbeigeführt. Die Theologie des Paulus setzt dafür eine Art der Rechtfertigung oder der Versöhnung, von der man sehr wohl beweisen kann, daß sie höher, befriedigender und dauernder ist. Franz D e l i tz s ch, der ein großer Gelehrter, scharfer Dialectiker und ein vornehmer Mann war, vergegenwärtigte sich und erkannte den Unterschied zwischen jüdischem und christlichem Gesichtspunkte an. Er führt den Abschnitt der Pesikta an, aus welcher mein» Citate über die Reue hauptsächlich gewählt wurden, und sagt: „Nach der jüdischen Lehre läßt Gott sich durch die Reue versöhnen; nach der christlichen Lehre wird er versöhnt durch das Mittlerwerk Christi, und das Individuum wird mit Gott versöhnt, wenn es in Gläubigkeit und Reue das Mittlerwerk annimmt, welches für die ganze Menschheit gemeinsam ist. Die Heilsordnung des Neuen Testamentes lautet wie jer. Macoth I. 6. & ->s2wi nawri fw (laßt ihn bereuen und Vergebung erlangen), aber die Reue ist nicht das Sühnende selbst, sondern nur der Weg zur Versöhnung?) Mit anderen Worten: der rabbinische Judeismus fordert und bedarf keines Mittlers zwischen Gott und dem Menschen. Dr. Cone sagt richtig von der Paulinischen Theologie: Sie ist die Rechtfertigung, bei welcher Gott die von den Menschen begangenen Sünden denselben nicht anrechnet, was der Vergebung gleichkommt. Da Genugthunng für die Sünde am Kreuze gegeben wurde, so herrscht die Vergebung im Gedankengange des Apostels nicht vor?) Das Wort perÄco« (welches nach Weber's Urtheil dem hebräischen rDiwn so weit überlegen ist) mit den davon abgeleiteten Worten findet man ungefähr vier Mal in den Episteln, und selbst da hat es geringe oder gar keine doetrinäre Bedeutung. So sagt auch Msnegaz sehr treffend: „ J6sus-Christ n’a pas et6 pardonn6: il a expie les p6ch<§s et il a ete justifiö. Le cropant qui s'identifie avec Christ est de meme consid6r6 comme apant expi6 ses p6ch6s par la wert, et comme apant satisfait ainsi ä la justice divine, il n’ est pas pardonnä, mais justifi^/ „La justification n’est pas an pardon c’est une justice nouvelle.“4) Es mag also sein, daß die neue Rechtfertigung etwas viel höheres ist, als die alte Reue und Vergebung; aber ist es nicht eigenthümlich, daß Paulus, indem er das Gesetz kritisirt oder mit den Juden oder Judenchristen polemisirt, niemals diesen ') Mischna Taanikh H., I. Wünsche: Die haggadischen Bestandtheile I. pg. 436. 2) Delitzsch, Uebersetzung der Episteln an die Römer ins Hebräische. ') Cone pag. 360. 4) M6n6gaz: Le pecbö et la redemption apres St. Paul pag. 271 et 274. Die Stellen find bei Holtzmann pag. 127 u. 2 citirt«

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