Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021404--10823-3035325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 18 Dr. Blvch's Wvchrnfchrifi. Sette 307 werden nie müde, die Möglichkeit der Reue zu betonen. Und doch war es vielleicht eine falsche Logik, welche sie veranlaßte, zwar nicht gleiches, aber beträchtliches Gewicht auf die Ungewißheit des Guten zu legen. Sie vergegenwärtigen sich nicht zur Genüge, daß der Mensch mehr ist als seine Handlungen, und daß man, um sich über seinen Werth klar zu werden, nicht die Bilanz aus seinen guten und schlechten Thaten ziehen kann. Sie stellten sich vielleicht nicht hinreichend die Complicirtheit des Charakters oder das Martyrium der Persönlichkeit vor. Sie empfanden die ganze Freudenfülle, welche die Religion gewähren konnte, sie glaubten an einen Gott der Barmherzigkeit und Niemand liebte Gott tiefer und diente ihm freudiger. Aber sei es, daß sie nicht genug verschiedene, geistige Interessen hatten, oder daß eine unzulängliche Psychologie durch den Legalismus ihrer Religion ihnen nahe gelegt wurde, sie vergegenwärtigten sich nicht hinreichend, daß der Gerechte, welcher Gott liebt, nicht in Todsünde verfallen kann, daß, wenn er auch nicht sündenfrei ist, er doch ein ruhiges Vertrauen, einen Frieden der Seele, eine Sicherheit vor Versuchung erreichen mag, welche nichtsdestoweniger ganz verschieden von Achtlosigkeit oder Stolz ist. Pie vergegenwärtigen sich vielleicht nicht zur Genüge die Wahrheit, wie sie uns Goethe in den inhaltsreichen Worten gibt: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Wegewohl bewußt/ Wenn ich aber zufällig die seltsame Deutung lese, welche der Midrasch dem Verse in den Sprüchen gibt: „Sie (die biedere Frau) lacht der künftigen Zeit", überlege ich mir, wie weit das, was ich gesagt, correct und genau sein mag. „Gott", heißt es an der Stelle, aus welcher mein Auge zufällig haften blieb, „zeigt den Gerechten in der Stunde des Todes ihren Lohn und erfreut sie. Denn der Psalmist sagt: „Köstlich ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Frommen. Wann „enthüllt also Gott den Gerechten die köstliche Gabe, welche er ihnen bestimmt? In der Stunde ihres Todes. Dann sehen sie dieselbe und lachen. Deshalb lautet der Vers: „Sie lacht der künftigen Zeit." (Der Midrasch übersetzt: „Sie lacht in der letzten Stunde.") Nicht weniger interessant ist das Folgende: „Nach R. Chija bar Aba sagte R. Jochanan: Ist der größere Theil der Jahre eines Menschen dahingegangen, ohne daß er gesündigt hat, so wird er nicht mehr sündigen. Und R. Schila sagt: Wenn ein Mensch ein oder zwei Mal Gelegenheit gehabt hat, eine bestimmte Sünde zu begehen und er hat sie nicht begangen, so wird er sie nie begehen." Wahrlich, es ist nicht leicht, auf den Grund der rabbinischen Weisheit zu kommen/) Man mag sagen, daß ich mit allem Vorhergehenden weit über das Ziel hinausgeschossen habe. Das neue Vertrauen des Christen beruht nicht auf den Werken, sondern auf dem Glauben. Die Art seines Vertrauens schließt von vornherein die Möglichkeit des Stolzes aus. Wenn Ihr Vertrauen öder „Heilsgewißheit" nur durch Werke erlangen könnt, müßt Ihr entweder verzweifeln, wenn Ihr sie nicht erlangtet oder vor Stolz schwellen, wenn Ihr glaubt, daß Ihr sie erreicht habt. Hier setzt die unsystematische Natur der rabbinischen Religion wieder ein mit ihrem rettenden, gesunden Menschenverstand, ihren seltsamen Combinationen und dem kindlichen Glauben. Gott und Israel stehen auf intimen, freundschaftlichen Fuße. Auf eine oder die andere Art — das ist wirklich ein vorherrschendes Moment des rabbinischen Judenthums — müffen und werden Alle, außer den wirklich unbußfertigen Sündern und Ketzern, „erlöst" werden. Gott liebt Israel zu tief, als er zugeben könnte, daß es untergehe, ohne jeden möglichen Versuch zu seiner Erlösung gemacht zu haben. Er gab ihnen das Gesetz, damit sie, wo es möglich, durch freudigen Gehorsam gegen dessen Befehle das Leben im Jenseits, wenigstens zum Theile, durch eigenes Verdienst erwerben. Aber wo diese Methode feblschlägt, hat er eine andere, denn er kann immer umsonst geben: er freut sich, Gnade zu zeigen und zu vergeben. Da Gottes Ruhm und seine Verheißung untrennbar mit Israel verknüpft sind, so erlöst und befreit er „um seines Namens willen." Dieses göttliche Motiv, welches schon biblischen Verfassern geläufig ist, wird von den Rabbinen aufrecht erhalten und aecepürt, diegeschieht auch mit den „Verdiensten der Väter". Auch hier wird ein biblisches Motiv durchgeführt und ausge- ') 8ebsmot (Exodus) Babba III. I. II. Wünsche's lieber« setzungen pag. 346. Joma 38 b, Wünsche, Die haggadischen Bestandtheile I. pag. 367.? spönnen. Die schlichte Art, in welcher diese beiden Methoden der göttlichen Barmherzigkeit zumeist gebraucht werden, kann leicht durch folgendes rabbinische Gebet illustrirt werden, welches frühzeitig einen Platz in der Liturgie fand und noch beibehalten wird: „Mit überströmender Liebe hast Du uns geliebt, o Herr ■ unser Gott, mit großem und überreichen Erbarmen hast Du dich unser erbarmt. Unser Vater, unser König, um Deines Namens willen und um unserer Väter willen, welche Dir vertrauten und welche Du die Satzungen des Lebens lehrtest, sei auch gnädig gegen uns und lehre sie uns. O unser Vater, habe Erbarmen mit uns; lege in uns den Trieb, alle Worte Deines Gesetzes zu lernen und sie in Liebe zu erfüllen. Gesegnet seiest Du, o Herr, der Du Dein Volk Israel in Liebe erwählt hast."') Ich verlasse jetzt die Betrachtung über das Verdienst der Väter und auch diejenige von dem Verdienste, welcher den Durchschnittsmenschen oder der sündigen Menschheit durch die besondere Frömmigkeit ungewöhnlicher Helden und Heiligen gewidmet wurde (Weber, p. 298) und gehe zu dem grundlegenden und unendlich wichtigen Gegenstände der Reue über. In keiner anderen Hinsicht zeigen die Episteln des Apostels Paulus deutlicher den seltsamen Mangel an Beziehungen zur wirklichen Religion seiner Zeitgenossen. Und doch befindet sich gerade hier der Angelpunkt seiner ganzen Theologie. Ich bin in Verlegenheit, wie ich dieses Räthsel erklären soll. Aber Alles, was ich thun kann, ist, zu zeigen, daß dieses Räthsel vorhanden ist. Die Theologen machen sich die Sache leicht, indem fie die Schwierigkeiten ignoriren, und zwar, ich bedauere es, hinzufügen zu müssen — durch eine seltsame Ungenauigkeit. Ich will Holtzmann als Beispiel anführen. In seinem ausgezeichneten Berichte über die Paulinischen Lehren sagt er: „Es war im Allgemeinen eine alte Anschauung, im Besonderen das religiöse Bewußtsein des späteren Judenthums, wonach das Berhältniß zwischen der Gottheit regulirt wurde. Man ging nämlich von dem Axiom aus, daß einerseits der vergeltenden Gerechtigkeit Ersatz für begangenes Unrecht geboten werden und ein Opfer fallen, oder andererseits eine unschuldige Person sich wegen der Sübne des Unrechts einmengen und so die Buße auf sich nehmen müsse." Dr. Cone scheint durch diese unerschrockene Erklärung getäuscht worden zu sein, er citirt Holtzmann's deutliche Darlegung in einer Notiz und sagt selbst: „Es darf nicht vergeffen werden, daß Paulus Gottes Beziehung zum Menschen sich in Uebereinstimmung mit der richterlichen Auffassung des Judaismus, nach welcher das Gesetz unerbittlich war, dachte. Es war der Ausdruck von Gottes Verhalten gegen die Sünde, und danach muß die Wiedervergeltung ihren unvermeidlichen Verlauf nehmen, wenn nicht für Sühne gesorgt ist. Der Gedanke scheint Paulus niemals aufgestiegen zu sein, daß Gott die strafende Handlung des Gesetzes unter den verschiedensten anderen Bedingungen aufhalten könne, sondern gestatten müsse, daß sie in ihrer unerbittlichen Verhängung von Tod und Zerstörung fortschreite?) Dr. Cone hat Recht: „der Gedanke scheint Paulus me aufgestiegen zu sein", aber das ist gerade das Seltsame an der Sache. Vor Allem lassen Sie uns nun zu den Rabbinen zurückkehren. Stellvertretende Sühne ist ihnen nicht unbekannt. Die von Weber citirten Stellen find ganz genau, (p. 328.) „Es liegt sühnende Kraft im Tode des Gerechten." „Wenn Gerechte in einer Generation sind, läßt Gott sie sterben (oder leiden?) der Anderen wegen, und wenn keine Gerechten da find, dann werden die unschuldigen Schulkinder dahingerafft." 3) Aber alle derartige Citate und überhaupt alle sich auf die „Verdienste der Väter" oder Gerechten beziehenden Citate sind nur wie ein Tropfen im Meer im Vergleiche zu der überwältigenden Masse von Stellen über Reue und Vergebung. Gott hat in die Hand des Menschen den Schlüssel gelegt, mit welchem er immer die Thür öffnen kann, welche durch die Sünde zeitweilig zwischen ihm und seinem Schöpfer geschlossen wird. „Groß ist die Kraft der Reue, denn fie erreicht den Thron der Herrlichkeit." Wenn ein Mann seinen Nächsten öffentlich verleumdet hat und sich mit ihm aussöhnen möchte, so sagt dieser: „Erst rufe Jene, vor welchen Du mich verleumdet hast, und dann werde ich mich mit Dir versöhnen." Aber Gott handelt nicht so: Der Mensch schmäht und lästert ihn auf der ') Tägliche Gebete: Spanischer, portugiesischer, italienischer Ritus, der deutsche laßt zufällig das um Deines Namens wrllen aus. Babyloniaa Talmud Berachot H. b. Die Zeit ist svätestens das zwette Jahrhundert n. Ehr. 2) Cone, p. 238. *) Weber, p. 328. —Ul .J iwnfiroanimi» —