Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Dx. Vloch's Wochrnschrrfk. Seite 305 sondern daß weit darüber hinaus um die höchsten und allgemeinsten Güter der Gesittung und der bürgerlichen Freiheit gekämpft werde. Als Moritz Lewy am letzten Tage der Verhandlung in schlichten und ergreifenden Worten Gott zum Zeugen seiner Unschuld anrief, hat ihm in Könitz nur das herzlose Lachen seiner Zuhörerschaft geantwortet, die zu seiner Ueberführung keines weiteren Grundes bedurfte, als daß er einen anderen Glauben als sie bekannte. Dieses Gelächter, womit der Pöbel der gebildete wie der ungebildete, an diesem Orte und zu dieser Stunde einen Angeklagten zu verhöhnen wagte, der, wenn er wirklich falsch geschworen hatte, es doch nur gethan haben konnte, um sich und die Seinen vor dem blinden Verfolgungswahne dieses selben Pöbels zu retten, hat jedem menschlich Fühlenden die Schamröthe in die Wangen getrieben; schlimm für uns, wenn die Nachwelt einst die Gesittung unserer Zeit nach diesem Gelächter schätzen sollte. Außerhalb des Gerichtssaales aber haben Lewy's Worte einen anderen Widerhall gefunden. Viele Tausende, die der Verhandlung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt sind, haben sich nicht von seiner Schuld überzeugen können und hoffen mit ihm, daß das Urtheil des Konitzer Gerichtes nicht das letzte Wort sein wird, das in dieser Sache gesprochen worden ist; die folgenden Blätter werden dieser Sache neue Freunde werben. Sie enthalten eine genaue stenographische Wiedergabe der Vertheidigungsrede des einen der beiden Vertheidiger, die, wie sie bisher treu und mannhaft für Lewy's Unschuld eingetreten sind, auch ferner den Muth und die Hoffnung nicht sinken lassen werden. Die sachliche und einleuchtende Kritik, die der Vertheidiger in dieser Rede an dem Ergebnisse der Beweisaufnahme geübt hat, stellt, wie ich glaube, nicht nur für diesen einzelnen Fall den zweifelhaften Werth des Belastungsbeweises in das hellste Licht, sondern bietet auch einen allgemein und dauernd werthvollen Beitrag zu der bisher so arg vernachlässigten Lehre von der Psychologie des Zeugenbeweises. Möge die Schrift jeden ihrer Leser lehren, daß unsere Strafrechtspflege auch heute noch auf schwachen Säulen ruht und daß der Freiheit und der Ehre eines Jeden von uns die äußerste Gefahr droht, wenn sich religiöser und politischer Hader in den Gerichtssaal drängen und die Gemüther der Zeugen oder gar der Richter mit der verhängnißvollsten aller Täuschungen, dem unbewußten Selbstbetruge, umspinnen darf." Die Juden in Rumänien. Von Saniel Marcus. (Fortsetzung aus Nr. 17.) VIII. Eine diplomatische Sendung. Wenige Tage nach dieser Unterredung trat Herr Boörescu seine Reise nach Europa an, um seine Aufgabe zu erfüllen, und besuchte St. Petersburg, Wien, Paris, R o m. In Frankreich hatte er auch Gelegenheit, Lord Salisbury zu sehen. Wie ich es vorhergesehen hatte, fand er überall eine freundliche Aufnahme. und sympathische Gesinnungen für Rumänien — aber die Sophismen, die er zu verschleißen hatte, fanden kein Gehör. In Rom erfuhr Boörescu die stärkste Enttäuschung. Der damalige Ministerpräsident Cairoli, auf dessen Unterstützung Boörescu wegen der angeblichen Racenverwandtschaft sehr gerechnet hatte, wandte sich mit aller Kraft gegen den unsinnigen Vorschlag (den fremdeinheimischen) und erklärte rundweg, daß er als Mitglied des Berliner Congresses niemals zugeben könne, daß die im Lande geborenen Juden, die von Eltern abstammen, die selbst im Lande geboren und nicht Bürger eines anderen Staates sind, nicht rumänische Staatsbürger seien; nach allen modernen Gesetzgebungen sei der Geburtsort das Vaterland. Vergebens bemühte sich Boörescu*) darzulegen, daß der Berliner Vertrag nur einen Grundsatz aufgestellt habe, ohne auf der Art der Ausführung zu bestehen — kein auswärtiger Staatsmann wollte ihm auf dieses unlogische Deuteln eingehen, wonach die Aufstellung einer verpflichtenden und unausweichlichen Bedingung, als Ausführung betrachtet werden könnte, ohne daß eine tatsächliche Ausführung zu folgen brauchte. Boörescu hatte auch in Paris eine Denkschrift ausgearbeitet, welche die Gründe seines Projectes darlegen sollte. Boörescu bediente sich auch, um sein Vorgehen zu rechtfertigen, des alten Vorwandes der „jüdischen Gefahr", die allen Judenfressern gemeinsam ist und die Herr Djuvara auch in einem Briefe an den „Temps" vorgebracht hatte. *) Grünbuch, Seite 138. Gegen die falschen Angaben Djuvara's, die der Meister der Lüge, Drumont, noch vermehrt hatte, der alle rumänischen Juden als Diebe, Kuppler, Giftmischer u. s. w. bezeichnet?, darf man sich wohl auf den rumänischen Staatsmann Peter C arp berufen, der in mehreren Parlamentsreden die gegen die Juden erhobenen Lügen und Beschuldigungen widerlegt hat. In der am 29. Juni 1875 gehaltenen Rede sagt er: „Was haben Sie in den acht Jahren der Abwehrkümpfe erreicht? Nichts, gar nichts. Wissen Sie, wie diese Frage zu lösen ist? Ich will es Ihnen sagen. Eines Abends haben wir Junimisten in Jassy die Judenftage in Berathung gezogen. Wir saßen bis 3 Uhr Morgens beisammen und keiner konnte den Andern überzeugen, wie es immer geschieht, wenn sich die Leidenschaft einmengt. Als wir nun nach Hause gingen,^begegneten wir einem armen Juden — fast unmittelbar vor dem Hause, das wir verließen — der sein Handwerk verrichtete, meine Herren, um 3 Uhr Morgens. Das war ein Blld, eines Rembrandt würdig. Aus einem nahen Wirthshause traten zur selben Stunde drei berauschte Arbeiter heraus, die patriotische Lieder sangen. Ich zeigte damals meinen Gegnern diesen Contrast und sagte ihnen: Da habt Ihr die Lösung der Judenfrage! Wollt Ihr mit Erfolg gegen die Juden aufkommen, so arbeitet, wie sie, seid nüchtern und sparsam, wie sie, dann habt Ihr nichts zu fürchten." Auch in späterer Zeit hat Carp diese Gesinnungen an den Tag gelegt. Bei Berathung des neuen Gesetzes über den öffentlichen Unterricht, das die Ausschließung der Juden bedingt, erhob Carp seine Stimme gegen diese Ungerechtigkeit und sagte: „Heutzutage, da sich die Leidenschaften beruhigt haben, kann ich die Wahrheiten, die ich muthvoll seit zwanzig Jahren als solche erkannt und bekannt habe, trotzdem ich mich damals in einer Atmosphäre glühenden Hasses und feindseliger Angriffe befunden habe und bedroht wurde, daß man mein Haus anzünden, mich ermorden werde — freimüthig wieder vertreten. Sie wollen die jüdische Concurrenz bekämpfen und überwinden! Wohlan! Aber nicht mit Verfolgungen werden Sie das Ziel erreichen; wenn Sie das christliche Element auf dem Boden von Handel und Industrie befestigen wollen, so bemühen Sie sich doch, den Juden es gleich zu thun, die sich durch Nüchternheit, durch ihren Familiensinn, durch ihre Sparsamkeit und ihre geistigen Eigenschaften auszeichnen. Lehren Sie den Christen, die Arbeit zu lieben wie alll die Juden, und Sie werden von der jüdischen Gefahr nichts zu befürchten haben. Was haben Sie mit Ihrem Verfolgungssystem erreicht? Jahrzehnte lang wenden Sie Ihre peinigenden Gesetze an, Sie machen mit den Juden was Sie wollen, Sie sind so weit gegangen, sie in der Donau zu ertränken — und haben doch den erstrebten Erfolg nicht erreicht. Lernen Sie denn gar nichts aus den Erfahrungen der Vergangenheit? Jetzt wollen Sie die Juden von den Schulen ausschließen, damrt sie unwissend bleiben. Allein Sie werden auch damit nichts erreichen, denn Sie können sie nicht hindern, eigene Schulen zu errichten. Statt den Bildungsgrad der Juden herabzusetzen, bemühen Sie sich doch vielmehr, jenen der rumänischen Christen zu heben!" Djuvara berief sich in diesem Briefe auf die große Zahl der Juden, ihre mangelhafte Cultur, die eine Gefahr für das Volksthum der Rumänen berge u. dergl., aber diese Schmähungen verfingen nicht. Die europäischen Staatsmänner waren hierüber besser unterrichtet und wußten diese Behauptungen nach ihrem richtigen Werthe zu schätzen. Sie kannten aus authentischen Berichten die Thatsache, daß die Juden den arbeitsamsten Theil der rumänischen Bevölkerung bilden, daß 75 Percent derselben — Eingeborene — Handwerker sind, welche die schwersten Gewerbe betreiben, daß ihr geistiges Niveau viel höher steht, als das ihrer christlichen Mitbürger, und daß, was ihre Zahl betrifft, die Angaben der rumänischen Politiker ebenso^unge-