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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 804 Vr. Bloch's Wochenschrift Nr. 18 und Wehmuth an den Ort zurückdenken, wo ihre Wiege stand. Sie sind Auswanderer wider Willen. Das Königspaar sieht jetzt diesen Auszug nicht. Wenn es aber wieder in seine Residenz zurückkehrt, wird es den Abgang Lausender junger, arbeitswilliger und fähiger Kräfte wahrnehmen und sich fragen müsien, war dies nicht zu verhindern? Hat diese Auswanderung dem Lande genützt? Die Antwort wird aber lauten: „Sie war zu verhindern, wenn wir das, was wir geschrieben und dachten, auch zur That hatten werden lassen; wenn wir nicht blos human in unseren Schriften gewesen wären, sondern auch unser Volk mit dieser Humanität erfüllt hätten. Die Unterlassung aber muß dem Lande, dem wir uns gewidmet haben, zum Nachtheil gereichen. Es vertragen reiche Länder nicht die Entvölkerung durch die tüchtigsten Elemente, um wie viel weniger ein Volks- und geistesarmes Land wie Rumänien." A. W i e n e r. Centralisirung der Armenpflege. Wien, im April 1901. Dem Wiener Gemeinderathe liegt schon seit längerer Zeit i in Bericht über die Centralisirung der Armenpflege vor. Es wird unter Anderem auch die Verbindung der öffentlichen mit der privaten Armenpflege in Wien geplant, die bisher an der ablehnenden Haltung der überwiegenden Mehrzahl der Privatwohlthätigkeitsvereine scheiterte. Ueber die Nothwendigkeit und Nützlichkeit der geplanten Maßregel, die ja übrigens noch controvers ist, wollen wir uns hier nicht verbreiten, aber es verdient, mit allem Nachdrucke hervorgehoben zu werden, daß unter den gegebenen Verhältnissen die geplante Maßregel durchaus nicht am Platze ist. In der Aera des Antisemitismus, wo man es dahin gebracht hat, in den Armen, Bedürftigen und Kranken einen Unterschied der Confession zu machen, wird man es gerechtfertigt finden, wenn man allen seitens des in seiner großen Mehrheit judenfeindlichen Wiener Gemeinderathes inscenirten Neuerungen mit einem scharfen Mißtrauen begegnet. Der Wiener Gemeinderath verwendet alljährlich 16 Millionen Kronen für öffentliche Wohlthätigkeitszwecke. Die jüdische Bevölkerung Wiens beträgt nahezu 10 Percent, es sollten daher zumindest 1,600.000 Kronen jährlich jüdischen Petenten, zugewendet werden. Bon gut informirter Seite aber wird behauptet, daß die Letzteren zugewiesenen Spenden nicht ganz 50.000 Kronen betragen, daher nur ca. 3/,0 des städtischen Wohlthätigkeits-Etats. Dieses Verhältniß gestaltet fich umso krasser, als die Juden, trotzdem fie nur den zehnten Theil der Bevölkerung bilden, über 25 Percent zu den communalen Steuern beitragen. Aber noch ein anderer Umstand ist es, der uns die Centralisirung der Armenpflege als nicht räthlich erscheinen läßt. Die jüdische Bevölkerung hat sich in letzter Zeit zumeist auf die Bezirke Innere Stadt, Leopoldstadt, Alsergrund, Landstraße und Brigittenau zurückziehen müssen, w'il sie außer Stande war, sich in den übrigen 17 Bezirken zu erhalten, da in den letzteren der antisemitische Mob in Frack und Blouse einen förmlichen Boycott gegen alle jüdischen Kausleute und Gewerbetreibende inscenirte. In den drei Bezirken Innere Stadt, Leopoldstadt und Alsergrund sind die Bezirksvertretungen noch nicht antisemitisch verseucht, die Bezirksvertretungen aber sind es, welche sich mit der Armenpflege befassen und über die Bedürftigkeit der Bittsteller zu recherchiren und ihr Votum abzugeben haben. Hat nun ein jüdischer Armer den Muth, an die antisemitisch noch nicht verseuchte Bezirksvertretung als Bittender heranzutreten, so ereignet es sich zuweilen, daß er mit einer bescheidenen Spende bedacht wird, groß kann diese Spende schon deshalb nicht ausfallen, weil die Armenväter sich nicht als philosemitisch verdächtigen lasten möchten. Es ist aber immerhin besser, daß die jüdischen Armen eine kleine als gar keine Spende erhalten, wobei wir den principiellen Standpunkt außer Acht lassen wollen, daß die jüdischen Armen dasselbe Recht, auf die Armenpflege geltend machen können, wie die arischen Leidensgenoffen. Man wird es daher begreifen, wenn wir . uns für die Aufrechterhaltung des statu» quo mit aller Entschiedenheit einsetzen. Es wäre gefehlt, wollte man in Allem und Jedem eine Nachgiebigkeit zeigen, die präjudicirend fortwährend Nachtheile zeugen muß. Die Armuth in der Wiener jüdischen Bevölkerung ist leider viel zu wenig bekannt. Jnsbesonders seit der antisemitischen Aera hat sie ungeheure Dimensionen angenommen. Der Pereentsatz der reichen und bemittelten Juden ist ein sehr geringfügiger. Die von der Vorsehung mit Glücksgütern gesegneten Juden werden reichlich in Anspruch genommen und ermangeln nicht, ihren Pflichten entsprechend nachzukommen. Es gibt wahrlich der Fälle nicht wenige, wo sich das wahre goldene jüdische Herz bethätigt, all dies aber ist nicht hinreichend, um das unter den Juden furchtbar grassirende Elend auch nur zum kleinen Theile zu mildern. Wir behalten uns vor, dieses Thema demnächst ausführlicher zu behandeln, möchten aber schon heute die Aufmerksamkeit der maßgebenden Personen darauf lenken, daß die derzeitigen Zustände gänzlich unhaltbar sind und daß eine Abhilfe dringend geboten erscheint. Eduard Beer. „Der Bluthund von Polna." Wir lesen in der „Arbeiter Zeitung": Am Donnerstag hielt die Ortsgruppe „Mariahilf" des Christlichen Wiener Frauenbundes beim Wimberger ihre Generalversammlung ab. Die Vorsitzende Frau Ustyanowicz hob in ihrer Begrüßungsansprache besonders die unentgeltliche Ueberlassung des Saales hervor und erzählte, daß zwei andere Wirthe für ihre Locale eine Bezahlung mit der Begründung gefordert hätten, daß die Damen des Frauenbundes zumeist Abstinentinnen seien. „Ich weiß nicht," bemerkte die Vorsitzende, „ob das auf Wahrheit beruht, wenn dem aber so ist, so bitte ich Sie, meine Damen, heute recht viel zu trinken und Herrn Gemeinderath Wimberger unsere Anerkennung zu beweisen." Die Versammlung nahm einen ungemein feierlichen Verlauf. Die ersten Größen der christlich-socialen Partei trafen nach und nach ein. Den besten Eindruck machte der Prior Graf Mels-Colloredo. Als der junge, schöne geistliche Herr erschien, entstand eine lebhafte Bewegung, ja Aufregung unter den Damen, und die Lorgnons setzten sich in Bewegung. Natürlich entsprang dieses Wohlgefallen nur der Begeisterung für die Sache. Herrn Lueger dagegen, der zuletzt erschien, fand man alt und schäbig. Er wird sein Rollenfach der jüngeren Kraft abtreten müssen. Sonderbar mußte den socialdemokratischen Besucher die ceremonielle Leitung der „Begeisterungsausbrüche" anmuthen. Am Eingänge des Saales stand ein gräflicher Lakai postirt, der jede erscheinende „Persönlichkeit" zugleich mit einem lauten „Hoch!" den Versammelten anmeldete. Auf dieses Signal wurde die jeweilige Rede unterbrochen und die Vorsitzende erhob sich zu einer „Begrüßung". Am merkwürdigsten war jene, die dem Gemeinderath Schwer zutheil wurde. Frau Ustyanowicz begann damit, daß dieser Tag ein Ehrentag für Herrn Schwer sei, da der Oberste Gerichtshof die Nichtigkeitsbeschwerde Hilsner's zurückgewiesen habe und sagte dann wörtlich: „Ich glaube, Herrn Gemeinderath Schwer mit Rücksicht darauf, daß er die Spuren des Mörders und des verschwundenen Blutes aufgedeckt hat, den Bluthund von Polna nennen zu dürfen." Die Versammlung zollte diesen Worten enthusiastischen Beifall und Herr Schwer erhob sich, für den Ehrentitel „Bluthund" mit ernster Miene dankend. Zum Schächtverbot in Sachsen. Die Leipziger Fleischerinnung hat, wie von mehreren Seiten berichtet wird, einstimmig beschlossen, an zuständiger Stelle dahin vorstellig zu werden, daß das Schächtverbot im Königreich Sachsen wieder aufgehoben werde. Die Jnterconfessionalität der Verbrechen und der Verbrecher muß schweren Herzens auch die antisemitische „Sachsenschau" (21. 4.) zugestehen, der die Scandalgeschichten der letzten Zeit folgenden Schmerzenschrei abringen: „Kein Tag vergeht jetzt in Deutschland, an dem nicht die Blätter von niedlichen Scandalgeschichten und Sittenscandalen aus der „feinen" Gesellschaft zu berichten wissen. Eine Sternbergiade löst die andere ab, und es wäre Heuchelei, wollte man das jüdische Volk allein als den Träger dieses Sumpfes hinstellen. Nein, hier schickt der Officiersstand, dort der Juristen-, dort der Kaufmannsstand Angehörige als Opfer der laxen Moral vor das Forum der Oeffentlichkeit und untergräbt selbst die Autorität, die man sonst ängstlich bewahren möchte." Zum Meineidsprocefi gegen Moritz Lewy in Könitz hat der bekannte Vertheidiger Justizrath Dr. Sello in einem Vorwort zu der im Verlage von H. S. Hermann erschienenen Vertheidigungsrede des Rechtsanwalts Hugo Sonnenfeld folgende beherzigenswerthe Ausführungen gemacht: „Die schwurgerichtliche Verhandlung gegen den Fleischergesellen Moritz Lewy wegen Meineids hat überall, und nicht blos innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes, die Theilnahme der gebildeten Welt erregt. Man empfand allgemein, daß es sich hier nicht blos um das beklagenswerthe Schicksal eines Einzelnen handle, der, wie viele meinten, mit Unrecht eines schweren Verbrechens geziehen wurde,

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